... und hätte der Liebe nicht: Weihnächtliche Geschichten

Part 3

Chapter 33,931 wordsPublic domain

Aber als das Essen vorüber war und das Bäumchen brannte und der Punsch seine duftende Dampfwolke aus der Schüssel steigen ließ, so oft man den Deckel abhob, und Frau Stängelin sich auf die Aufforderung ihrer Herren zu ihnen an den Tisch setzte, da konnte sie doch nicht anders, sie mußte den Herrn Amtmann fragen: »Jetzt Ihnen muß doch heute etwas Gutes passiert sein, das sieht man ja auf hundert Schritt. Dem Herrn Lerchenreuter seinen Spaß (der Buchhalter hieß nämlich Lerchenreuter), den muß man ja nehmen, wie den ganzen Mann, auf die leichte Achsel, aber alles was recht ist, etwas steckt doch dahinter, das könnten Sie einem doch erzählen. Also nämlich die Rosel --.«

»Also nämlich die Rosel,« tat zu aller Erstaunen der Herr Amtmann den Mund auf, »ist heute morgen bei mir vor Amt gewesen. Der Köbele« -- der Polizeidiener des Städtleins, ein junger und scharfer und diensteifriger Mann, hieß Köbele -- »der Köbele hat herausgebracht, daß sie heiße Holzasche in einem Weidenkorb auf ihre Bühne gestellt hat und daß der Korb angefangen hat, zu glosten. Wie es der Köbele herausgebracht hat, weiß ich nicht, er hat eine Spürnase für alles, was gegen die polizeilichen Vorschriften ist. Genug, er hat es gemeldet und die Rosel, wie Sie sie heißen, oder die Marie Rosine Lederer, hat eine Vorladung vor das Oberamt bekommen wegen Fahrlässigkeit mit brennbaren Stoffen.

Heute Vormittag haben wir nun aufgeräumt mit den Bagatellsachen. Da war zuerst der Bretzelbäck da mit seinem Lehrling, der in der letzten Samstagnacht seinen Kameraden heiße Laugenbretzeln an einer Schnur zum Fenster hinuntergelassen hat. Die Kameraden standen auf dem Staffelaufgang, der vom Schwörbach zu der Hollengasse heraufführt und fingen die Bretzeln auf. Der Bretzelbäck hätte selber nichts gemerkt, denn er war am Backofen beschäftigt, aber die Frau hörte im Bett das Gewisper der Buben, und sah, als sie aufstand um nachzusehen, wie ihr Strick von Lehrling eben eine neue Tracht an die Schnur gebunden hatte und wie sich die Hände der Buben darnach streckten.«

»Ja, sie hat überall Augen und Ohren,« sagte Frau Stängelin, »sie ist eine Neunmalgescheite.«

»Ja, also mit diesem Lehrling war der Bretzelbäck heute früh vor Amt,« fuhr der Amtmann fort. »Dann war der Fuhrmann Ringöhrle da, der sich wegen Tierquälerei zu verantworten hatte.«

»Das stimmt, er haut seinen armen klapperdürren Gaul so, daß man ihm die Peitsche aus der Hand nehmen und selber hinten überziehen möchte.« Frau Stängelin hatte die vollen Arme auf den Tisch gelegt und nahm im Eifer des Zuhörens dem Amtmann das Wort vom Mund weg.

»Es waren dann sonst noch ein paar Leute da, ein Hausierer aus dem Bayrischen, der keinen Hausierschein hatte. Den haben wir über die Feiertage eingesponnen, das hatte er ja wohl gewollt, als er den Hausierschein in den linken Stiefel steckte und tat, als ob er ihn verloren habe. Der Köbele sah das Papier oben herausgucken, aber nun mußte ich ihn strafen, weil er die Obrigkeit hintergangen hatte.«

Der Amtmann lächelte vor sich hin.

»Ja, ja, man kennt die Schliche,« sagte der Assistenzarzt. »Wir haben auch solche Feiertagskunden im Krankenhaus. Was will man machen? Irgendwo müssen sie doch sein über solche Tage.«

»Er hat heute abend eine warme Stube und Bier und eine Pfeife Tabak,« fuhr der Amtmann fort, »und es hat ihm jemand ein paar warme Schlappschuhe geschenkt. Er sagt, so ließe er sich den ganzen Winter einsperren.« »Ich sag's ja, er ist ein Gemütsmensch,« sagte Frau Stängelin befriedigt, weil ihr Argument wieder stimmte, und sah sich Zustimmung suchend im Kreise um.

»Ja, also,« erzählte der Amtmann weiter, »und die ganze Zeit her, solang die andern abgehandelt wurden, saß die Marie Rosine Lederer wie ein Häuflein Unglück auf der Bank beim Ofen. Sie hatte ein rotes Kopftuch auf und hatte es tief ins Gesicht gezogen, daß man kaum noch die Nase darunter hervorgucken sah. Die Hände hatte sie im Schoß gefaltet und sah darauf hinunter und wackelte beständig mit dem Kopf.«

»Das tut sie immer, das ist vom Alter,« schob der Buchhalter ein, der seine Uzerei von vorhin ganz vergessen hatte.

»Als ich dann sagte: ›Köbele, führen Sie die Marie Rosine Lederer vor,‹ da zog sie ein karriertes Taschentuch heraus und wimmerte hinein: ›Ach du lieber Heiland, ach du lieber Heiland,‹ und kam mit schlürfenden, zitternden Schritten zu mir heran. Sie sah aus, wie das leibhaftige Elend, so daß es mich halb lächerte, und halb erbarmte, und der Köbele stand in militärischer Haltung neben ihr und machte ein grimmiges Gesicht. ›Es ist gut, Köbele, Sie können abtreten,‹ sagte ich, denn es war mir, sie fürchte sich vor ihm noch mehr, als vor mir, aber vorher mußte er noch einen Stuhl holen, denn sie konnte nicht stehen vor Angst.«

Jetzt sah der Amtmann auf einmal, daß der ganze Tisch ihm gespannt zuhörte und sah auch, daß sich seine Zuhörer einen Hauptspaß von dem Verlauf der Verhandlung versprachen.

Und vor ihm stand noch einmal das verstörte, flehende Gesicht der Greisin, wie es am Vormittag vor ihm gestanden war, und er hörte ihre Stimme, die aus einem faltigen Kröpflein heraus gurgelte: »O send se doch barmherzig ond strofet se me net, Herr Amtmann. Älles no dees net, no daß e ehrlich stirb ond net ens Buach komm.«

»In was für ein Buch?« hatte er gefragt.

»O en dees Buach, wo de vorbestrofte Leut neikommet. Sie häbet a groß' schwarz' Buach, do standet älle dren, wo gstroft worde seiet, hot mei Vatter ällamol gsait. Ond gucket se, von ons is no kois en dem Buach gstanda, bloß i alloi komm jetzt nei. Jetzt ben e sechsasiebezg ond emmer ehrlich ond redlich gwä, wenn e au no ledich ben. Wie ka-n-i en d' Ewigkeit nüber zu meine Leut, wenn e jetzt vorbestroft werd? O send se doch barmherzich, Herr Amtmann, ond strofet se me net.«

Es waren große und schwere Tränen in den tiefen Furchen der Wangen und an der spitzen Nase entlang gelaufen und immer wieder mit dem karrierten Tüchlein abgetrocknet worden und dem jungen Mann war es eingefallen, daß er auch einmal in ohnmächtiger Furcht vor einem Mächtigen gestanden war und um Abwendung der Strafe gefleht hatte. Das war der Metzger Eitel in seinem Heimatstädtlein gewesen, der dem Siebenjährigen gedroht hatte, ihm »den Kopf zwischen die Ohren zu setzen«. Er mußte schier ein wenig lachen dem herzbrechenden Jammer des alten Weibleins gegenüber und sagte, sich zusammennehmend: »Sie kommen in kein Buch, Frau Lederer, seien Sie doch nicht so außer sich. Sondern Sie zahlen eine Mark Strafe und tun ein anderes Mal ihre Holzasche in ein Blechgefäß mit einem Deckel, dann ist alles vorbei und Sie sind unbescholten wie vorher.«

Aber es nützte nichts, auch nicht der Vorschlag des Herrn Amtmanns, in den sicher der vierundzwanzigste Dezember hereinredete, daß er selber die Mark für sie zahlen wolle.

»Sischt mer net om dui Mark, s'scht mer om d' Schand',« jammerte das Weiblein weiter. »O gibt dees en Christtag, gibt dees en Christtag! so han e no nia koin verlebt.«

Das alles zog in rascher Folge an dem Gemüt des jungen Mannes vorüber, als er in die gespannten, zum Lachen bereiten Gesichter seiner Zuhörer sah, und er konnte nicht fortfahren, sein Erlebnis des Vormittags ausführlich wiederzugeben, wenigstens erst von da an, wo die tröstliche Lösung einsetzte, die ihm im rechten Augenblick sein menschenfreundliches Herz eingegeben hatte.

Er sagte nur: »Es war ein rechtes Stück Arbeit, dem verstörten Weiblein klarzumachen, daß es sich nicht um eine Degradierung in der öffentlichen Meinung handle, es wollte mir lang nicht gelingen, bis mir auf einmal etwas einfiel.

»Sehen Sie,« sagte ich, »man kann einmal bestraft sein und es doch noch zu etwas Rechtem und einem guten Ansehen bringen. Ich, wie Sie mich hier sehen, ich bin auch vorbestraft und bin jetzt doch Amtmann hier, kein Mensch sieht mirs mehr an.« Da riß sie in ungläubigem Staunen ihre trüben und eingesunkenen Äuglein auf und schluchzte noch ein paarmal trocken auf. ›Wa -- was, Sia send vorbestroft?‹ stotterte sie. ›Dees, dees kâ doch schier et sei, so a Herr, so a nobler ond rechter.‹ Aber ich blieb dabei, daß ich in Beziehung auf Polizeistrafen gleich stehe wie sie, ja, daß die meinige sogar seiner Zeit drei Mark gekostet habe, nicht bloß eine. Da fing ein sachtes Glänzen an, sich über ihre Runzeln zu verbreiten und sie hob ihre blaue Schürze, da das Tüchlein keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen konnte, an ihr Gesicht, um es endgültig abzutrocknen und sagte aus der Schürze hervor: ›Jetzt wenn i nüber komm zu meine Leut ond mei Vatter will mer wüescht komme, weil i aufgschriebe be, no sag i oifach, der Herr Amtmann seiet der nemlich Sender wia i.‹

Und sie zog getröstet ab in solcher Gemeinschaft.«

Es hatte nun doch noch ein großes Gelächter gegeben am Stammtisch der ledigen Herren. Der Amtmann aber saß nach vollbrachter Erzählung still da und lächelte in sich hinein. Sie wollten wissen, auf was für eine Studentenübeltat, denn das sei es doch wohl gewesen, die besagte Strafe gefolgt sei, und er sagte, es sei wegen späten Singens durch die Tübinger Straßen in einer unerlaubt schönen Maiennacht gewesen. Da wollte ein jeder auch etwas erzählen, was er an seligen Jugendeseleien verübt habe und wie es ihm bekommen sei und der Amtmann saß still dabei und hatte noch etwas in sich, von dem er nichts gesagt hatte und auch nichts sagen wollte.

Als er nämlich bei seinem Weg auf die alte Burg an dem schwarzen Eck stillgestanden war, um an seinem Stein herumzuspüren, da hatte sich das Schiebfensterchen des windschiefen Häusleins aufgetan und eine dürre Hand, deren Besitzerin er erst seit heute kannte, hatte herausgelangt. »Denket Se no, i han no a Hefelaible bacha, so freut mi mei Leba wieder,« hatte die alte Stimme der Rosel am schwarzen Eck, wie man sie im Städtlein nannte, gesagt und ihm ein Stücklein ihres Gebäcks, in ein Zeitungspapier eingeschlagen, herausgeboten. »I wär jo net so keck, aber i han heut älls scho denkt, Sie häbet gwiß au koi Frau Mutter meh, sonst wäret Se doch hoimgfahre. Ond der Mensch mueß doch au ebbes Guats han en de Feiertäg.« Er hatte die Gabe eines dankbaren Herzens angenommen und den liebenden Blick gespürt, den ihm das alte Weiblein nachsandte. Nun lag das Stücklein Hefenbrot in seiner Brusttasche und wärmte etwas in ihm, das heute der Wärme bedürftig war. Als er aber still in dem lebhaften Kreise saß und bei sich erwog, wie er es mache, daß er den Heimweg unter dem Sternenhimmel allein gehen könne, ohne eine andere Gesellschaft als die seiner Gedanken, spürte er plötzlich, daß ihn jemand ansah. Und als er die Augen aufhob, begegneten sie denen der Frau Stängelin, die in überwallender Mütterlichkeit und alle ihre Gefühle darin zusammenfassend zu ihm sagte: »O Herr Amtmann, Sie sehen auf und nieder meinem Konrad gleich.«

Der Konrad war derjenige ihrer Söhne, der in Amerika auf einer Farm bei Verwandten arbeitete, weil er in der Heimat »etwas angestellt« hatte, und der Buchhalter schüttelte den Kopf über den Vergleich. Aber er war ihr Lieblingssohn und es war das Beste und Liebste, was sie zu sagen wußte.

Er aber nahm das Wort still und erfreut in sich hinein und bewegte es in erwärmtem Herzen, als er gleich darauf und zuerst von allen unter dem großen brennenden Christbaum des nächtlichen Himmels dem schlafenden Städtlein zuschritt.

Wie Frau Heilemann auf ihre Kosten kam

Es war eine schöne Stube, schöner als Laura in ihrem Leben noch eine gesehen hatte. Lauras Leben war noch nicht sehr lang, fünf Jahre dauerte es nun, dies hier war das sechste, das hatte aber kaum begonnen. Indessen hatte sie doch schon verschiedene Stuben gesehen. Sie saß auf einem hölzernen Kinderstühlchen und war eben daran, sich zu verwundern, wie das alles zugehe. Zuerst war etwas gewesen, schon lange -- schon sehr lange, dachte Laura, etwas Helles, grüne Bäume waren dabei gewesen und ein Bach, über den Bach ging ein Brücklein, und Laura meinte, es sei etwas mit Enten vor sich gegangen, mit Enten, die unter der Brücke durchschwammen und schnatterten. Aber genau wußte sie das nicht mehr. Dann kam etwas, das war deutlicher, aber nicht so hübsch. Eine Giebelstunde mit einer schrägen Wand, und an dem einen Fenster die rasselnde Nähmaschine. Allerdings, an der Nähmaschine war immer die Mutter gesessen. Doch, es war auch schön gewesen, wenn man es recht bedachte. Von dem zweiten Fenster aus hatte man ein großes Stück von der Welt gesehen, bis hinten hin, wo sie mit dem Himmel zusammenstößt, und dann die Wolken. Nein, wie die dahinflogen! Die Mutter hatte einem das immer so schön erzählen können. Später hatten sie dann irgendwo hinten hinaus gewohnt, mit Aussicht auf einen Hof und eine Brauerei. Nun saß sie hier in Frau Heilemanns schöner Stube, in der alles glänzte und summte vor Behaglichkeit. Was nun wohl käme? Die Mutter war verreist, sie hatte einen bösen Husten und war im Schwarzwald, irgendwo, wo man wieder gesund wurde. Sie hatte ganz bestimmt versprochen, wiederzukommen, und Laura hatte dagegen versprechen müssen, »ein liebes Kind und nicht weinerlich« zu sein. Das hatte sie bis jetzt auch gehalten, es war aber auch erst drei Tage her. Hier in Frau Heilemanns Stube gab es viel zu sehen. Das war geschickt, denn umhergehen und gar spielen konnte man nicht so gut darin. Der Boden war ganz glatt und glänzend, und Frau Heilemann hatte sofort Filzschuhe für die kleinen Füße gekauft. Sie selbst trug auch solche, nur natürlich viel größer. Frau Heilemann war groß, breit und dick, so dick, daß Laura sich immer aufs neue wundern mußte, wie es solche Leute geben könnte. Sie selbst war so winzig dagegen, -- wie ein Grashälmchen gegen einen Fliederbusch (obgleich sie natürlich den Vergleich nicht machte). Aber auch die Mutter war so dünn und schmal, daneben gesehen, Frau Heilemann hatte selbst gesagt, als sie abreiste: »Aus mir könnte man drei solche Mütter machen wie deine, Laura, obgleich es nicht nach meinem Wunsche geht, daß es so ist.«

Aber Laura hatte doch ihre Zweifel, ob es dann wirklich solche Mütter gäbe wie die ihrige, wenn man Frau Heilemann dritteilte. Sie dachte im stillen, sie wollte doch lieber, daß ihre eigene, einzige wieder käme. Im Vertrauen, und nur sich selber gestanden, Laura mochte eigentlich Herrn Heilemann lieber. Der hing in einem breiten Goldrahmen an der Wand, und war nur gemalt, aber das tat nicht soviel. Er blickte immer gleich freundlich auf das kleine Mädchen herunter, ja wenn man genau hinsah, so schien er mit den Augen zu zwinkern, als wollte er sagen: »Sei du nur ganz fröhlich, Kleines. Denn das ist ebensogut meine Stube wie ihre, ja, ich habe hier auch ein Wort mitzureden.« Laura verstand sich sehr gut mit ihm. Er hatte ein rundes, rötliches Gesicht und sehr blaue Augen und hatte eine geblümte Samtweste an, über die sich eine dicke Goldkette spannte. Aber er sah nicht aus, als ob er es schwer nähme, daß nun Laura für einige Zeit hier im Hause sei und Essen, Filzschuhe und schöne neue Schürzchen brauche. Frau Heilemann nahm es schwerer. Sie war eine entfernte Base von der Mutter und hatte sich bereit erklärt, das Kind aufzunehmen, solang diese fern sei. »Hoffentlich ist es nicht für ganz, denn das könnte ich natürlich nicht, ich bin nicht auf Kinder eingerichtet,« sagte sie, und Lauras Mutter versprach auch ihr das Wiederkommen, »soviel an mir liegt.« Natürlich, mehr konnte sie nicht versprechen. Aber Frau Heilemann baute fest darauf. Sie hatte nie selbst Kinder gehabt, und nun war sie alternd und kränklich (so dick sie auch war, ja, gerade darum). Nun konnte sie nicht noch anfangen. Auch war sie gerührt über sich selbst, daß sie »es ganz umsonst tue«. Das Geld war ja alles schwer erworben, leichter ausgegeben als verdient, und niemand fiel es ein, etwas umsonst zu geben. Aber so war sie nun, sie tat es ganz umsonst. Da mußte sie es doch hier und da wenigstens sagen dürfen. Laura wußte es nun allmählich gut, sie hatte es öfters gehört. Die Filzschuhe, das neue Schürzchen, und dann, heute abend, am Heiligen Abend, da kam das Christkindchen, Frau Heilemann hatte es gesagt. Es brachte etwas, das hatte sie auch gesagt, so war sie nicht, daß sie ein Kind im Hause hatte, ohne ihm etwas zu bescheren. Aber es kostete Geld, und wer gab es her? Wer? Es war sonderbar, Laura wußte es noch gut, sie hatte immer ein Bäumchen gehabt und Lebkuchen und eine Puppe, die jedes Jahr ein neues Kleid bekam. Aber gewiß hatte das Christkindchen dies alles umsonst gebracht, direkt vom Himmel her, von Frau Heilemann ließ es sich aber bezahlen. Eigentlich tat sie ihr ein bißchen leid, es mußte hier alles schrecklich viel Geld kosten. Frau Heilemann hatte denn auch immer ein etwas sorgenvolles Gesicht und eine etwas klagende Stimme, Herr Heilemann sah viel fröhlicher aus, so, als ob er nicht wüßte, daß das Leben eine so teure Sache sei.

Links und rechts von ihm hingen die Bilder von zwei alten Frauen. Sie hatten hohe, weiße Hauben auf und schöngemalte Spitzentücher über der Brust und machten gleichfalls freundliche Gesichter. Und unter ihnen kniete ein schwarzer Negerknabe in weißem Hemdchen auf der Kommode, der hütete eine Sparbüchse mit einem breiten Schlitz und bedankte sich jedesmal kopfnickend, wenn ein Geldstück in den Schlitz fiel; er sah unsäglich freundlich aus. Laura hatte eine große Sehnsucht danach, daß einmal jemand etwas in den Schlitz stecke, denn bis jetzt wußte sie das mit dem Kopfnicken nur vom Hörensagen. Sie war bisher ruhig auf dem hölzernen Stühlchen gesessen, -- das hatte Frau Heilemann auch eigens ihretwegen angeschafft -- nun stand sie auf und wagte sich auf ihren weichen Filzsohlen bis an die Kommode hin. Draußen fiel Schnee herunter in dichten, weißen Flocken, hier drinnen war es warm, still und fast feierlich, es war so unaussprechlich sauber. Ob sie es wagte? Frau Heilemann war in der Küche, da tippte Laura mit spitzen Fingerchen an den Kopf des Negers. Sogleich neigte der sich vor und -- schwapp, wieder zurück. Nun hatte er sich bedankt und doch nichts bekommen. Das war wohl nicht ganz recht, und in eben diesem Augenblick kam Frau Heilemann herein und sah forschend herüber: ob Laura etwas verderbte? Kinder verderbten ja immer etwas. Ja, nun mußte es heraus; die Mutter hatte immer alles erfahren, was Laura tat, auch wenn es einmal etwas Ungeschicktes war. Hier ging es aber nicht so leicht wie bei der Mutter. »Ich habe ihm nichts geschenkt, ich habe ihn nur einmal nicken lassen.« Es war scheints nichts Böses gewesen, Frau Heilemann setzte sich in ihren mächtigen Armlehnstuhl und sagte nur etwas grämlich: »Das will ich glauben, daß du ihm nichts geschenkt hast. Mir schenkt auch niemand etwas, fällt keinem ein, und wenn zehnmal Heiliger Abend ist.«

Laura mußte sie aufmerksam betrachten. Sie war so blaß, obgleich ihr Gesicht so rund und voll war, und sie sah so aus, als ob sie gar nicht vergnügt wäre. Die Mutter hatte eigentlich viel fröhlicher ausgesehen, so um die Augen und den Mund herum, aber allerdings, das war auch die Mutter. Vielleicht war sie betrübt, daß ihr niemand etwas schenkte? Wenn Laura doch nur etwas gehabt hätte!

Frau Heilemann lehnte ein wenig im Stuhl zurück und atmete laut und stark. Und Laura fühlte, daß sie ihr noch ein wenig leider tat als vorher schon, -- gleich hatte sie sie auch ein wenig lieber. »Bist du krank?« sagte sie. Eigentlich schüchtern war sie nicht, aber bei Frau Heilemann hatte sie bisher nicht soviel gewagt. »Krank?« sagte diese. »Das will ich meinen. Es glaubt's nur niemand. Es fehlt mir überall, aber das verstehst du nicht.« Sie sagte es ein wenig patzig, aber als sie das aufmerksame Gesichtchen sah, das einen mitleidigen Ausdruck trug, wurde sie weicher. »Ich habe zu wenig Blut, viel zu wenig, fast gar keins!« fügte sie hinzu. »Aber was weißt du davon?« Doch, von Blut wußte Laura etwas. Sie hatte sich einmal mit einem Glasstückchen geschnitten, da war rotes, warmes Blut aus dem Fingerchen gelaufen. Und die Mutter hatte sich dann mit ihr darüber unterhalten, daß noch viel davon in dem festen, kleinen Körper sei. »Ich habe viel,« sagte Laura. Sie machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ja, du, mit deinen runden, roten Backen, das will ich glauben. Aber das kann mir nichts helfen, du gibst mir doch nichts davon.« Frau Heilemann machte wieder ein strenges Gesicht und sah so still vor sich hin. Nein, fröhlich war sie nicht, das konnte ihr aber auch niemand zumuten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang viel zu sorgen und zu schaffen gehabt und nicht sehr viel Freude dabei. Es war aber auch jedermann einerlei, ob sie sich freute oder nicht; Ansprüche machen, das konnte jedermann, mehr nicht. Nun mußte sie ja wohl hinausgehen und das Bäumchen richten; es war am Dunkelwerden. Es läutete eine Glocke von der nahen Kirche, und, merkwürdig, sofort regte sich etwas in ihr, das wie eine Sehnsucht oder Rührung sich anfühlte. Aber sie verstand es nur so, daß sie aufs neue dachte: ›Mir schenkt niemand etwas -- nun, ich kann mir ja kaufen, was ich brauche.‹ Es war aber ein Verlangen nach Liebe und Freude, das wußte sie nur nicht. Laura war leise ans Fenster gegangen. Sie sah aufmerksam hinaus, wenigstens sah es so aus. ›Da kann ich auch die Lichter hier drinnen aufstecken,‹ dachte Frau Heilemann und ging hinaus, um das leere Bäumchen hereinzubringen. Aber dann brachte sie es doch übers Herz, die Überraschung war dann weg, und die Kinder waren nun einmal so. Also blieb sie eine Zeitlang draußen und schmückte es dort. Nun war Laura allein. Sie sah sehr ernsthaft darein. Wenn Frau Heilemann mehr Blut hatte, dann war sie sicher froher, und Laura hätte sie gern froh gemacht. So froh wie die Leute an den Wänden ringsumher und wie sie selbst und die Mutter. Sie hätte gern etwas von ihrem eignen hergegeben, aber das war da innen, das konnte man nicht nur so herausholen. Oder? damals mit den Glasscherben? Aber das hatte weh getan. Auch war kein Glasscherben da. Draußen schneite es nicht mehr, am Himmel tauchten Sternlein auf. Wenn jetzt die Mutter gekommen wäre! Es gingen allerlei Leute vorüber, sie trugen Pakete, und manche trugen Christbäume. Nachher kam wohl das Christkindchen und brachte Laura auch einen. Vielleicht noch mehreres, ach ja, vielleicht. Sie freute sich nun doch ein bißchen. Allerdings die Mutter! Aber Laura sollte nicht weinen, und das wollte sie auch nicht. Wenn nur Frau Heilemann -- ja, das Blut. Da ging sie entschlossen an das große Nähkissen, das auf dem Tischchen stand, und nahm eine Stecknadel heraus. Zuerst sah sie sie zaghaft an. Dann streifte sie den weiten Ärmel ihres Kleidchens hinauf. Da hinein? aber es mußte doch sein. Sie war ein tapferes, kleines Ding. Au, es hatte doch gestochen, als sie die Nadel in das Ärmchen bohrte. Aber dafür quoll auch ein schönes, helles Tröpfchen Blut heraus, es sickerte noch ein wenig nach. Nun stand es groß und voll auf dem Ärmchen. Wenn es nur nicht hinunterfiel! Da, in diesem Augenblick ging die Tür auf. Hell brannten die Lichter an dem Bäumchen, das Frau Heilemann trug, und silbern und golden schimmerten die Kugeln daran. Und was trug sie im Arm? Etwas Blaues, es war sicher eine Jacke oder so etwas. Laura konnte sich aber nicht regen, sie mußte stillstehen, sonst fiel das kostbare Tröpfchen hinunter. »Nun?« Frau Heilemann hatte das Bäumchen auf den Tisch gestellt und das Blaue -- es war ein Kinderkleid -- daneben gelegt, jetzt wunderte sie sich, daß das Kind nicht herankam. Kinder pflegten doch sonst zu jubeln oder so etwas, wenn der Baum brannte. »Was ist?« Da machte Laura ein paar vorsichtige Schrittlein näher und bot ihr -- und ihr Gesichtlein leuchtete von einer großen Schenkfreude -- das Ärmchen. Das Blutströpflein glänzte im hellen Licht wie ein Rubin. »Da, kann man das brauchen?« fragte das Kind.