... und hätte der Liebe nicht: Weihnächtliche Geschichten
Part 2
»Ich weiß nicht, was Sie meinen, und nicht, was Sie von mir wollen,« sagte ich steif und sah mein Gegenüber hochmütig an. Da wurde bei dem aus dem grimmigen Hohn ein ebenso grimmiger Jammer. »O nichts, nur daß das Kind stirbt, und daß Sie es vorher noch ins Elend hineingedrückt haben. Aber wenn es dann drüben ist, in dem andern Land, dann soll unserm Herrgott einmal reiner Wein eingeschenkt werden darüber, was Sie für ein Kinderhüter sind, Sie.«
Mir stand das Herz still. Dies hier war kein Narr. Der hatte eine Schuld bei mir einzufordern, es geziemte sich nicht für mich, groß und würdig zu sein. »Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen,« sagte ich. »Wenn ich etwas verfehlt habe« -- ich wußte nichts weiter zu sagen, denn auf einmal sahen mich wieder die Kinderaugen aus ihren tiefen Höhlen heraus an mit dem Blick, den sie hatten, als Elisabeth mir das Heft in die Hände legte. Das war noch Vertrauen gewesen, und eine Bitte: Nimm es auf. Ich aber hatte es zertreten.
Der kleine, vertrocknete Mann wuchs vor meinen Augen und wurde mir ein Richter.
»Etwas verfehlt? O ja. Wenn ein Kind überhaupt etwas gilt. Sie hatte eine Liebe zu Ihnen, immer nur: ›Er, er.‹ Das waren Sie. ›Er ist so gut, er ist so fein.‹ Wenn wir unterwegs etwas gefunden haben auf unseren Spaziergängen -- und sie hatte ein Aug' für alles Kleine, Feine, -- dann hob sie es sorgsam auf: ›Das bring' ich ihm.‹ Wenn ich dann fragte: ›Hat's ihn gefreut?‹ dann nickte sie nur so halb und sagte: ›Ich glaub's schon.‹ Und wenn ich sagte: ›Gelt, Du hast's ihm nicht selber gegeben,‹ dann wurde sie rot: ›Ich trau' mich ja nicht hin. Ich hab's nur so hingelegt; aber das tut nichts.‹ Sie hätte den Weg schon noch gefunden, Herr, aber Sie haben ihr ja nicht geholfen. Aber das ist nicht das Ärgste. Das Letzte, das.« -- Ich wußte, was nun komme. Ich glaubte, es aufhalten zu können, so fragte ich: »Wer sind Sie denn? Ist Elisabeth Hornberg bei Ihnen untergebracht?«
»Ich?« Es ging aus allem Groll und aller Betrübnis heraus ein kindliches Lächeln über die verknitterten Züge. »Ich habe nur eine schräge Dachkammer, bei mir kann man niemand unterbringen. Unten bei den Schneidersleuten hat sie gewohnt; sie hat nur eine Mutter und die ist weit fort als Köchin im Dienst. Aber ich bin ihr ganz guter Freund, ja das bin ich. Und sie hat mir immer alles gesagt und mich lieb gehabt und ich sie auch.«
Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck zum Gehen.
»Was steh' ich da und red'? Ich muß zu dem Kind. Sie, Sie haben ja doch kein Herz für meine Lisabeth. Und sie verlangt nach mir jede Minut', die ich nicht da bin.«
Aber ich konnte ihn so nicht gehen lassen. Mein Heil und meine Ruhe und mein Recht zum Leben hing davon ab, daß mir der kleine Mann so nicht ging. Daß er mir das noch sagte, das, was ich seit ein paar Minuten wußte, wenn ich es auch nicht begriff. Ich hielt ihn am Ärmel fest.
»Nein, nein, Sie wissen es nicht recht. Ich bin -- ich meine es nicht so schlimm, wie Sie es ansehen.« Ach, wie klein war mein Wissen um mich selber und um die andern gewesen und war es noch.
Mein Gesichtsausdruck mochte dem kleinen Mann gefallen. So hatte er mich zu sehen gewünscht, so hatte er mich vor sich haben wollen: aufgeweckt aus aller Selbstherrlichkeit, in Angst und Schrecken eines bösen Gewissens.
Da wurde er milder.
»Ja, was soll ich sagen? Sie glauben's ja nicht. Sie sagen mir vielleicht auch: Du lügst. Sie kennen das Kind ja nicht. Was das für Gedanken hatte, sonderbare, ernsthafte. Wie ein Altes. Ich mußte nur staunen, immer wieder. ›Was Du Dir zusammendenkst,‹ sagte ich oft. Da sah sie mich an wie aus einem tiefen Brunnen heraus: ›Ja, denkst Du denn das nicht auch?‹
Ja, und neulich, als sie den Aufsatz machen sollte, da kam sie an, als ob nun ein Fest hereinbräche. ›Das ist schön, das tu' ich gern.‹ Ich mußte staunen, denn sie hat sonst oft bis tief in die Nacht über den Aufgaben sitzen müssen, das Lernen ist ihr schwer geworden.
Den Vormittag über hatte sie der Schneidersfrau bei der Wäsche geholfen. Aber am Nachmittag, da lief sie hinaus ins Wäldchen dort hinten und kam erst gegen Dunkelwerden hin nach Hause.
›Na, na,‹ sagte ich, ›nennst Du das Aufsatzmachen?‹ Da guckt mich das Kind mit Augen an, ganz glänzig und ernst dabei: ›Er hat ja gesagt, man müsse es selber gesehen haben; da hab' ich doch hinaus müssen.‹ Und dann saß sie, bis zu später Stunde die Schneidersfrau sie ins Bett jagte. Aber sie kam in Strümpfen noch zu mir heraufgeschlichen: ›Fertig; ich muß es aber noch ins reine schreiben. Wenn's ihm aber nur auch recht ist. Was meinst Du?‹ -- Denn sie hatte mir das Konzept mit heraufgebracht.
›Was wird's ihm denn nicht recht sein?‹ sagte ich, aber ich mußte ja dennoch den Kopf schütteln: ›Kind, Kind, wo will das mit Dir hinaus? Hast Du denn nichts Fröhlicheres gewußt, so mit dem Schlittenfahren und derlei Dingen?‹ Da schüttelte sie den Kopf, und als ich ihr die Schreibfehler, die reichlich darin waren, zeigen wollte, sagte sie ängstlich: »Laß, laß, ich muß das selber.«
Und dann -- das übrige wissen Sie ja besser als ich, Herr Lehrer.
Ich weiß nur, daß an jenem Tag das Kind nicht heraufkam, und als ich's endlich nicht mehr aushielt und hinunterging, da fand ich es in einem Winkelchen sitzen, ganz eng an die Wand gedrückt mit einem Gesicht, als ob alles Leben darin gestorben sei. Die Schneidersleute waren beide ausgegangen, wohin, weiß ich nicht mehr. Da nahm ich das Kind mit zu mir hinauf. Aber es klapperte vor Frost mit den Zähnen und hatte Kopfweh. ›Laß nur, ich will ins Bett gehen, es wird bis morgen besser,‹ sagte es. Und ich erfuhr an jenem Tag nichts von der bösen Geschichte.
Am andern Tag schlich sie wieder in die Schule. Die Schneidersfrau ist so unrecht nicht. Sie kam sorgenvoll zu mir herauf. ›Es muß etwas nicht recht sein mit dem Mädchen,‹ sagte sie. Aber wir bekamen nichts heraus. Ich sah es schon, ich mußte warten; aber es tat mir weh, das Kind hatte sonst ein liebes Vertrauen zu mir.
Jetzt weiß ich's freilich wohl: es schämte sich so bitterlich vor mir, daß ihm das von Ihnen widerfahren war. Es wollte es allein tragen. Erst als die Krankheit, die wohl schon lange in ihm gesteckt ist, zum Ausbruch kam -- es ist eine böse Darmentzündung, Herr Lehrer, und sie stirbt daran -- da, im Krankenhaus hat sie es mir gesagt. Ich wollte in der Nacht noch zu Ihnen ins Haus dringen, ich war so grimmig, daß ich es nicht aussagen kann, so jammerte mich das Kind. Aber es hielt mich mit seiner heißen Hand fest und sagte erregt: ›Laß, laß, er glaubt es doch nicht. Du darfst nicht hingehen.‹ Sie kam in eine solche Aufregung, daß ich es ihr versprechen mußte, daß ich nicht zu Ihnen gehe. Aber in meinem Herzen, da hab' ich's mir gelobt, daß Sie es doch noch glauben sollen.«
Und nun wandte sich der kleine Mann, als sei die Sache abgetan, zum Gehen. Der Abend war vollends hereingebrochen, und er hatte keine Zeit und keine Ruhe mehr zum Reden.
Aber ich ließ ihn nicht. »Nehmen Sie mich mit,« sagte ich flehentlich. »Sie sehen es doch, daß ich das Kind sehen muß. Es darf nicht so aus dem Leben gehen, so nicht.«
Er sah mich zuerst feindselig an; dann, als besänne er sich, nickte er ein paarmal mit dem Kopf.
»Es mag Ihnen nicht wohl sein dabei, ich seh's schon,« sagte er.
»Versprechen kann ich nichts; aber kommen Sie einmal mit.«
Bei mir zu Hause, das wußte ich, warteten die Kinder mit dem Baum und mit ihren fröhlichen Herzen. Aber was konnte das helfen? Ich konnte nie wieder mit ruhigem Herzen vor ihnen stehen, wenn das eine, das ich verwundet hatte, hinging, um mich vor Gott zu verklagen, daß ich der Liebe und des Vertrauens unwert gewesen sei, die zu mir gewollt hatten.
Das Bett des kranken Kindes stand allein in einem kleinen Zimmer neben dem großen Saal. »Wir haben es vor einer Stunde hier hereingestellt,« sagte die Schwester, »es ist besser so.«
Ja, ja, ich wußte schon, warum. Ich blieb an der Tür stehen, ein großer Wandschirm verbarg mich vor Elisabeths Augen. Ich sah sie durch einen Spalt. Sie lag mit offenen Augen und sah glücklich aus, wie ich sie nie gesehen hatte. Ihr Freund setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. »Siehst Du die Blumen?« sagte er. »Sie gehören Dir, Du darfst sie dann mit heimnehmen und pflegen.«
Sie nickte leise. »Du mußt nicht mehr fortgehen,« sagte sie.
»Die Schwester bringt mir ein Bäumlein mit Lichtern, das mußt Du auch sehen. Sie ist so lieb.«
Er wollte es freilich auch sehen. »Ich gehe nicht mehr fort,« sagte er. »Solange Du mich da haben willst, bleibe ich.« Wie zärtlich konnte er reden. Er hatte eine Stimme wie eine Mutter, wenn er mit dem Kinde sprach. Dann aber schien er sich meiner zu erinnern. Er wurde unruhig. »Du, Liesekind,« sagte er, »es möchte Dich jemand sehen. Jemand --« Er zögerte, es wurde ihm nicht leicht, es auszusprechen, aber um des Kindes willen sagte er es dennoch: »Jemand, der Dich lieb hat.«
Wie dankte ich ihm das Wort, heute noch tue ich es.
Das Kind machte große Augen. »So jemand weiß ich nicht. -- Oder -- die Mutter?«
»Nein, Liesekind, die Mutter kann erst nach dem Feste kommen; es ist jemand anderes.«
Es war ein schweres Stück, ich begriff es wohl. Sollte ich leise hinausgehen und mein Elend mitnehmen? Aber ich konnte es nicht. Sie starb noch heute, die Schwester hatte es gesagt, und ich sah es auch wohl. Sie durfte nicht so fortgehen, nicht so.
Da faßte der kleine Mann beide Hände des kranken Kindes und sagte: »Sei lieb, Kind, es ist einer -- ich, ich bin ihm so bös gewesen, aber er dauert mich jetzt so.«
Da ging ein angstvolles Erschrecken über das Kindergesicht: »Er?«
Das war eine harte Strafe, daß ich das sehen mußte.
»Ja, Kind, aber er glaubt es Dir jetzt, es tut ihm --«
Ich wartete nicht länger, ich konnte es nicht mehr, ich trat an das Bett, um aus dem Munde dieses Kindes einen Trost oder eine schwere, schwere Last zu empfangen.
»Verzeih mir, Elisabeth.« Ich wußte sonst nichts zu sagen.
Der Sonnenschein von vorhin war aus dem Gesichtchen weggewischt, es sah zum Erschrecken ernst und elend aus. Die Augen, die mich eine Sekunde lang voll angesehen hatten, gingen zu ihrem Freunde hin, als wollten sie sagen: Hilf mir. Der drückte ihr nur still die Hände. »Sei gut, Kind, sei lieb,« flüsterte er. Es brach eine Schönheit, die nur die haben, die lieben, aus seinem Runzelgesicht heraus.
»Verzeih mir,« sagte ich noch einmal. Hier war nichts zu erklären, hier hatte ich keine Würde und kein Amt, es war nur das eine zu sagen: Verzeih mir.
Da nickte Elisabeth, ernst und schwer, und sah mich voll an; wie ein reifer Mensch einen andern Menschen ansieht, dessen Schuld und dessen Kummer er sieht und begreift -- und dem er helfen kann.
»Ja,« sagte sie leise, wie aus tiefen Gedanken heraus, dann noch einmal: »Ja.« Sonst nichts. Aber sie zog die eine ihrer heißen Hände aus denen ihres Freundes und gab sie mir.
Dann kam eine große Bangigkeit und Atemnot, und ich mußte gehen. Als ich durch die nächtlichen Gassen schritt, sah ich hinter den Fenstern da und dort die Christbaumlichter brennen, und ich dachte daran, wie ich vor einer Stunde noch, denn viel länger war es nicht her, so froh in den heiligen Abend hineingegangen war, und was ich nun mit mir herumtrage. Zu Hause fand ich das Bäumchen und allerlei Geschenke, und die Haushälterin fragte vorwurfsvoll, wo ich denn gesteckt habe, die Kinder seien dagewesen, und ob ich denn das nicht wisse? Als sie mich wieder allein ließ, zündete ich ein einziges Lichtlein an und saß bei seinem kleinen Schein, lange saß ich so. Ich merkte nicht, wie es verlöschte, ich hatte mit mir selber zu tun.
Ich wußte wohl, es geschah kein Wunder, das mir das Kind zurückgab, damit ich es aufs neue gewinne durch geduldige Liebe und durch neues Vertrauen. Ich durfte seine Augen nicht aufleuchten machen, ich mußte sie immer wieder vor mir sehen in Bitterkeit, in suchendem Flehen und zuletzt in dem tiefen, schweren Ernst, mit dem sie mir das Geschenk der Verzeihung gaben.
Aber ich selber lebte noch. Das Amt war noch nicht von mir genommen, so unwert ich mich dessen fühlte zu dieser Stunde und von da an noch oft. Es saßen noch Kinder vor mir, und ich konnte noch lernen -- und ich wollte es --, sie zu lieben und mich von ihnen lieben zu lassen. Ich konnte das köstlichste Gut, ihr Vertrauen, suchen und ihnen das meinige geben, und wenn ich ein scheues, hilfloses Gesichtlein vor mir sah, dann sollte der Schmerz, den mir die Erinnerung machte, eine warme, helle Flamme der Liebe in mir anzünden, die bis auf den Grund ging und die helfen konnte. Ich konnte noch einmal Teil an der großen Freude bekommen, die allem Volke widerfahren ist. Sie ist Liebe, und ich hatte sie nötig, denn ich war in mir selber arm geworden.«
* * * * *
Der Erzähler schwieg, und das Kind, das mit klopfendem Herzen zuhörte, sah, wie seine alte Freundin still nach seiner Hand griff und sie drückte.
Das Lichtchen am Christbaum war herabgebrannt, nun flammte ein Tannenzweiglein auf. »Der Baum brennt!« rief das Kind unwillkürlich. Da stand der alte Herr auf und drückte die Funken aus.
»Bist Du immer dagewesen, Kind?« fragte die Großmutter.
»Ja,« sagte das Kind und kam heran, denn es wollte dem lieben Mann nahe sein, der zu dieser Stunde sein Herz dargelegt hatte, wie es im Fehlen und Bluten und Lieben gewachsen war.
Es mußte ihm etwas Liebes tun, aber es wußte nicht, was; das tat ihm weh, und der alte Herr sah ihm die Not auf dem Gesicht an beim flackernden Lichte der Straßenlaterne, die gerade unter dem Fenster brannte.
»Was ist Dir, Kind?« fragte er gütig.
Da konnte es das Kind nicht mehr bezwingen.
»Ich möchte Dich liebhaben,« sagte es.
»Das tu Du, das darfst Du wohl,« sagte die Großmutter.
Da legte das Kind seine Hand in die große, feine Hand des alten Herrn und schmiegte sich dicht an ihn, und er küßte es zart und lieb auf die Stirn; dann ging es hinaus und hatte ein Glück und eine Freude im Herzen. --
Solche Dinge kann die Erinnerung erzählen, solange der Zug klappernd durch die Nacht fährt, und im Wagen Geschrei und Geschwätz und Qualm ist und draußen leise die Flocken fallen.
Der Mitsünder
Er ging, als es am Dunkelwerden war, aus dem Hause, das er hinter sich abschloß. Es gab einen sonderbar hallenden Ton, als er die schwere alte Eichentür zufallen ließ. »Nun ist das Haus leer,« schien er zu sagen. »Du kannst ruhig ausgehen, es ist niemand, der dich vermißt und allerdings auch niemand, der auf dich wartet, wenn du nachher heimkommst.« Er hatte den Ton schon oft gehört, aber heute fiel er ihm ganz besonders auf. Das machte die Stimmung, in der er sich schon den ganzen Tag befand. Heute vormittag hatte er noch seine Amtsgeschäfte erledigt. Er war stellvertretender Amtmann an dem Oberamt der kleinen Stadt und noch nicht lange hier. Es war ein schönes, altes Städtchen mit Giebelhäusern und allerlei merkwürdigen Höfen, Treppenaufgängen und Erkern. Das war so recht etwas für ihn, das wollte er alles ausstöbern; es war ihm gar nicht angst, daß er sich nicht einleben würde. Aber heute, am vierundzwanzigsten Dezember, ging doch allerlei in ihm um, das über die Berge hinüber verlangte, mit denen Beerbach eingeschlossen war. Um es geradeheraus zu sagen, er spürte etwas wie Heimweh, obgleich er selbst das gefühlvolle Wort nie gebraucht hätte. Er hatte kein Elternhaus mehr, aber er hatte eine mütterliche Freundin, die ihm bis jetzt jedes Jahr einen Christbaum angezündet hatte und die eigentlich auch heute auf ihn wartete. Das heißt, jetzt mußte sie den Brief haben, in dem er ihr für diesmal abgeschrieben hatte. Er hatte es für besser gehalten, heuer nicht hinzufahren. Da war noch ein anderes Haus, dicht daneben, das durfte er jetzt nicht sehen, weil -- kurzum weil er mit sich ausgemacht hatte, daß es noch nicht an der Zeit sei, zu reden, und weil er sich nicht traute, ob er schweigen könne. Aber darum zog es ihn nun doch dorthin, mächtig zog es ihn. Darum, als die Haustür so sonderbar zufiel, zog er noch einmal die Uhr aus der Tasche, um nachzusehen, ob es im Notfall doch noch auf den letzten Zug reiche. Es reichte aber nicht, er war schon abgefahren, das hatte er ja eigentlich auch gewußt. Da schlug er den Weg nach der alten Burg ein, die auf einer Anhöhe über dem Städtlein lag. Alle Beerbacher wußten, daß in der alten Burg, das heißt im Erdgeschoß, in der Weinwirtschaft der Frau Stängelin, der Stammtisch der jüngeren ledigen Herren war. Es lag da, neben dem großen Saal, in dem die vielen Tische und Bänke waren und in dem die Wahlversammlungen und andere große Gelegenheiten abgehalten wurden, ein hübsches, achteckiges Stüblein, mit dunklem Holz getäfelt, mit Butzenscheiben und Schiebfensterchen, mit alten Holzschnitten an den Wänden und mit hochlehnigen Stühlen um einen schweren Eichentisch her. Der Eichentisch hatte eine Fußleiste unten herum, und seine Platte war vielfach zerschnitten durch Namen und Daten längst vergangener und gegenwärtiger Geschlechter. Ein Kachelofen stand darin, der wie sein Bruder im Cleversulzbacher Pfarrhaus »halt so hinwärmelte«. Alles in allem war das »Nebenzimmer« in der alten Burg ein heimliches Eckchen und die Frau Stängelin war auch dazu angetan, es ihren Herren gemütlich zu machen. Ihr Markolsheimer und Kaiserstühler und Klingelberger war gut, und was sie kochte und briet, war auch gut. Also fühlten sich die jungen Männer, die noch kein eigenes Hauswesen hatten und denen am Abend die Einsamkeit aus den Ecken ihrer möblierten Zimmer entgegenkroch wie ein böses Tier, wohl in ihrer Atmosphäre. Sie hatte auch das Herz, daß sie hie und da dem einen oder andern eine mütterliche Wahrheit sagte, ohne Angst, ihr Klingelberger könnte es büßen müssen, und außerdem hatte sie eine wohlgefüllte Nähschachtel mit Knöpfen und Fäden, schwarzen und weißen, mit denen sie nicht geizig war und mit denen sie hie und da einen betreute, dem in seiner Stube niemand nach seinen Kleidern sah.
Heute abend hatte sie ein Bäumlein geschmückt mit weißen Lichtern und silbernen Fäden und ein Körblein mit Lebkuchen darunter gestellt. »Daß sie auch wissen, daß Christtag ist,« sagte sie vor sich hin, als sie den Berg hinunter schaute nach den Ersten, und dabei ihrer eigenen fernen Söhne gedachte, deren einer in einem Kurhotel an der Riviera die feinere Restaurationskunst erlernte und ein anderer in Amerika einen Jugendstreich verheilen ließ. Als der Abend dunkler wurde, kam zuerst der Ingenieur von der Gießerei, bei dem sich das Heimgehen nicht verlohnte, weil der Betrieb nur zwei Tage stillstand und sein Elternhaus im hohen Norden war, dann der Assistenzarzt vom Krankenhaus, dann der Buchhalter von der Falzziegelei, der eine Braut hatte und auf Silvester zu ihr fahren konnte, früher nicht.
Er kam lachend an. »Der Amtmann kommt auch,« sagte er. »Er hat noch eine Unterhaltung mit seiner Liebsten, der Rosel am schwarzen Eck. Wenn er sich dann trennen kann, dann kommt er.« Alle lachten, aber die Frau Stängelin sagte unters Lachen hinein: »Der Amtmann ist ein guter Herr, er ist ein Gemütsmensch. Was ich weiß, das weiß ich. Er hat vor acht Tagen die Buben, die das Rathausfenster mit den farbigen Scheiben eingeschmissen haben, laufen lassen, weil sie gar so erbärmlich gebettelt haben. Sie habens nicht mit Fleiß getan, es ist ihnen unversehens ein Stein zu niedrig geflogen. Einem hat er eine Ohrfeige heruntergehauen. ›Gib sie weiter,‹ hat er gesagt und hat die Bande hinausgejagt. ›Das Bild war ohnehin ein Greuel,‹ hat er nachher zu mir gesagt. ›Ich wüßte noch mehr Fenster in hiesiger Stadt, die eingeworfen gehören.‹«
»Ja, aber was hat er mit der Rosel am schwarzen Eck?« fragte der Ingenieur, dem ein verhutzeltes Weiblein mit tiefen Runzeln im Gesicht vor Augen stand. Es wohnte in einem Häuslein, das aussah, als ob man es umblasen könnte, drunten in der Leimgrubengasse gegen Zunzelbach zu. Ein mächtig großer, dunkler Steinblock war gegen das freistehende Eck des Häusleins gewälzt und lag so klotzig da, als ob es sein Amt wäre, das alte Gebäu vor dem Umfallen zu schützen. Er lag wohl schon seit unvordenklichen Zeiten da, so was die Beerbacher unvordenkliche Zeiten hießen. Aber daß er unter der Rauch- und Schmutzschicht, die die enge Gasse auf ihn gelegt hatte, ein großes eingehauenes Auge in einem Dreieck, von dem ringsherum Strahlen ausgingen, auf der wenigst rauhen Seite seiner Flächen trug, das hatte erst der junge Amtmann entdeckt, dem der Stein gleich aufgefallen war und der auf seinen Wegen, die ihn ins Freie oder auf die alte Burg führten, schon manchmal suchend vor ihm stillgestanden war.
Er hatte sich seine Gedanken darüber gemacht, woher der Stein komme und was das eingehauene Zeichen darauf bedeute und hatte auch mit dem Messer daran herumgekratzt, ob nirgends eine Inschrift, die Aufschluß gebe, zu finden sei. Aber er hatte nicht gesehen, daß dann hinter den grünlich angelaufenen Fensterscheiben des Häusleins ein altes Gesicht nach ihm sah und ein grauer Kopf verwundert wackelte, was wohl der Herr mit dem Stein wolle.
Der Buchhalter, der ein Spaßmacher war und gern uzte, hatte es aber gesehen und am Stammtisch erzählt, der Amtmann gehe fensterln bei der Rosel, und es hatte des ruhigen Respekts bedurft, den der Amtmann, ohne es zu wissen, seiner Umgebung einflößte, daß man ihn selber seither damit verschont hatte.
Aber heute wurde es ihm nicht so gut. Der Buchhalter war schon mehr als eine Viertelstunde da und nach ihm war noch der Ehrengast des Stammtischs, der alte asthmatische Revisor Lautenschlag angeschnauft gekommen, und noch immer mußte allem nach der Amtmann da unten stehen am schwarzen Eck, wo die Rosel ihren dürren Hals zu dem Schiebfensterchen herausstreckte. Das wurde ihm diesmal nicht geschenkt, das mußte er zu hören kriegen. Der Buchhalter war ganz in der Stimmung, irgend jemand »steigen zu lassen«, das war ihm jetzt ganz einerlei, wer es war.
»Jetzt kommt er,« sagte er profitlich, als er endlich draußen Schritte hörte und gleich darauf der Erwartete eintrat. Er hob sein Glas und brachte ihm einen Willkommensschluck, und dann fiel er an zu trällern: »Von allen den Mädchen so blink und so blank, gefällt mir am besten die -- he, he, he --« er hustete ein wenig, dann fuhr er fort, »die Rosel. Prost, Herr Amtmann.« Frau Stängelin kam an den Tisch her, denn sie wollte jetzt nichts mißliebiges aufkommen lassen und sagte etwas über das Wetter, das sich heute nacht noch zum Schneien zu schicken scheine und über die Karpfen, die bald vollends fertig seien. »Sie sind der Letzte, Herr Amtmann,« fügte sie dann aber doch hinzu, denn sie war auch ein bißchen neugierig, was der junge Mann mit der alten Jungfer zu verhandeln gehabt habe.
»Das kann ich Ihnen sagen, warum er so spät kommt,« sagte ein bißchen geziert der Buchhalter. »Er hat nämlich, ich hab's nämlich gesehen, daß er ein Rendezvous hatte mit einem schönen Fräulein. Ich bin nämlich vorbei gegangen, aber er ist zu vertieft gewesen, er hat mich nicht gesehen.« Jetzt lachten alle, nur der Letztangekommene nicht. Sein Gesicht trug einen ruhig-heiteren Ausdruck, mit dem war er aber schon hereingekommen. Er hängte seinen Hut und Mantel auf und sagte: »Schneien wird's kaum, es ist zu kalt dazu. Der Himmel hat sich aufgehellt, man sieht schon da und dort einen Stern.« Dann rieb er sich die Hände, die ein wenig frostrot waren und setzte sich an seinen Platz.
Die Wirtin lachte in sich hinein und ging in die Küche.
»Der sagt bloß was er will, und was er nicht will, das sagt er nicht.«
Sie hatte Respekt davor, wenn es einer so machte.