... und hätte der Liebe nicht: Weihnächtliche Geschichten

Part 1

Chapter 13,884 wordsPublic domain

Anna Schieber

... und hätte der Liebe nicht

Weihnächtliche Geschichten

Verlag Eugen Salzer · Heilbronn

=Copyright 1912 by _Eugen Salzer_, Heilbronn=

Einband und Innentitel zeichneten _Max Körner_ und _Wilhelm Bühler_ in Stuttgart

Druck: Christliches Verlagshaus, G.m.b.H., Stuttgart

Hundertundelftes bis Hundertundzwanzigstes Tausend

Inhalt

Seite

... und hätte der Liebe nicht 5

Der Mitsünder 38

Wie Frau Heilemann auf ihre Kosten kam 56

Kein Raum in der Herberge 68

Fräulein Marie 81

... und hätte der Liebe nicht

Es ist etwas Sonderbares um die Erinnerung. Sie kommt und ist da und stellt alte Zeiten vor Deine Seele; längst vergangene, liebe Gestalten treten vor Dein Auge, und Du siehst Orte, die fern, fern liegen und hörst Töne, die lange verklungen sind, noch einmal. Und es wird Dir warm ums Herz, und Du wunderst Dich, wie es Dir gerade heute kam.

Und Du merkst: es ist ein Rüchlein von Goldlack und von Reseda an Dir vorbeigestrichen, das hat Dir den sonnigen Garten heraufgerufen, in dem Du als Kind gespielt hast. Es hat die liebe alte Frau, die Dein Geplauder so herzlich anhörte, auf den buchsbaumgefaßten Steigen zu Dir herkommen lassen, und Du hast ihre Hand auf Deinem Kinderhaupt gefühlt und bist ein Weilchen zu Hause gewesen.

Oder Du hast in der großen Stadt, in allem Lärm des Marktes, ein Obstweib Stachelbeeren verkaufen sehen, und nun redet Dein Begleiter umsonst auf Dich ein, denn Du siehst Dich mit den Geschwistern, fast unter Lebensgefahr, an den alten Stadtmauern in Deiner Heimat herumklettern, um die kleinen, grüngelben Beeren, die dort wild wachsen, zu holen. Du siehst Dich wieder das Kleid dabei zerreißen, es war schwarz und weiß karriert, und siehst alle die erschreckten Gesichter um Dich herum, auch das der alten Nähkarline, die gerade des Weges kam, und hörst ihr altes Sprüchlein, daß die Jugend zu ihrer Zeit anders gewesen sei. Aus einem Flöckchen rosa Seide, aus einem brodelnden Linsengericht, an dem Du in der Küche vorbeigehst, aus dem Seifenschaum in der Waschküche, aus Pfeifengeruch und aus den Tönen einer Mundharmonika, die ein Büblein im Vorbeigehen bläst, kann Dir die Erinnerung, wenn Du sie nur zu Wort kommen lässest, Wintertage und Sommernächte, Ferienfreuden, vergoldeten, verklärten Schuljammer, Gespielen der Kindertage und alte, getreue Wächter, die über Deine Jugend gesetzt waren, vor die Augen weben. Und sie steht daneben, wenn das Bild fertig ist, und lacht Dich an: War es nicht so, ganz so? -- Sie lacht nicht immer.

Heute, das war nichts zum Lachen, was sie mir erzählte. Aber schön war es doch. Ich will versuchen, ob man es wiedersagen kann.

Es ist mir aus einer großen, hornenen Schnupftabaksdose aufgestiegen, die in der Eisenbahn ein breitschultriger Bauer in schneeweißen Haaren aus der Tasche zog und benutzte. Er bot sie auch mir an, und als ich lächelnd dankte, sagte er gutmütig: »Na, na, das putzt den Kopf aus, das schadet niemand nichts.«

Nachher sah ich zum Fenster hinaus. Es war Nacht draußen, aber ich sah in eine dämmerige Christtagsstube hinein. Es brannte nur ein einziges Lichtlein am Baum; man konnte gerade genug sehen, um einen Gabentisch, der schon von Kinderhänden beschlagnahmt war, ein aufgeschlagenes Klavier und ein großes, altes Sofa, auf dem zwei alte Leute saßen, zu unterscheiden. Ich sah auch ein Kind, das ich wohl kannte; ein halbwüchsiges Mädchen. Es saß in einem Winkel, in dem auf einem Tischlein allerlei Mappen und Hefte lagen, und hatte seitdem, bis das Tageslicht völlig verlöscht war, eifrig in einem der Hefte gelesen. Nun, in der Dämmerung, drangen die Stimmen der alten Leute an das Kindesohr und ließen es still aufhorchen. Die Alten dachten, wie es schien, nicht an ihre jugendliche Zuhörerin; sie gingen ihre eigenen Pfade, die führten in eine ferne Zeit zurück.

Der hohe, schmale Mann mit dem feinen Fältchengesicht und der Brille vor den Augen bot der aufrechten, zierlichen Frau, die des Kindes Großmutter war und der unter dem silberig glänzenden Scheitel die Augen so gütevoll und lebendig in die Welt hinein sahen, die Dose. Es war eine schildkrötene Dose, viel zierlicher, als die meines Bauern, aber sie machte auch einen leisen Knack beim Öffnen und Schließen, wie diese.

Die Großmutter nahm mit spitzen Fingern, dann sagte sie, offenbar ein vorhin angefangenes Gespräch neu aufnehmend: »Aber wir können nichts tun, als liebhaben. Alles andere versagt nach und nach. Und wenn wir, die wir uns gen Sonnenuntergang neigen, zurückschauen, es reut uns nichts, als die Stunden, in denen uns die Liebe gefehlt hat.« Dann schwiegen wieder die beiden alten Leute, bis ein tiefer Seufzer die freundliche Frau rasch aufblicken ließ. »Nun, nun,« sagte sie fast heiter, »Sie, mein lieber Freund, ich dächte, Sie hätten sich nicht viel vorzuwerfen. Ich, wenn mich mein rasches Temperament allzu häufig fortriß, dachte oft mit Sehnsucht an Ihre Sanftheit und Milde; aber ich mußte mich verbrauchen, wie ich mich hatte: mit dem Alter ist's auch wohl besser geworden.«

Ihr Gegenüber schwieg noch immer; da, wohl im Bestreben, ihn zum Reden zu bringen, fuhr sie fort: »Ich denke, wenn Sie so allein an stillen Abenden in Ihrer einsamen Behausung sitzen, müssen die vielen Kindergesichter zu Ihnen auf Besuch kommen, denen Sie die Schuljahre hell und freudig gemacht haben. Wenn man die Kinder lieb hat, das spüren sie aus allem heraus.«

Der alte Herr neigte still den Kopf. »Es kommen auch wohl andere,« sagte er. »Es sind nicht lauter frohe Augen, die mich ansehen. Ich hätte wohl Lust, Ihnen etwas zu erzählen, das noch jetzt hier und da Macht hätte, mich zu bedrücken, wenn ich nicht wüßte, daß unsere Fehler mehr als alles andere die Sprossen sein sollen, an denen wir emporsteigen dem Bilde nach, das wir erreichen wollen.«

Seine alte Freundin reichte ihm nur herzlich die Hand hin. Dann begann er in einer etwas zögernden Sprechweise, die ich heute noch wohl vernehme, so, als müsse er Wort für Wort aus dem tiefen Schacht seines Gemütes heraufholen: »Das war in meinen sogenannten besten Jahren. Sie wissen es ja, ich bin immer allein gewesen, seit zuerst meine Mutter und dann die liebe Gestalt, die mit mir zu zweit hatte sein wollen, aus dem Leben gegangen war. Von da an gehörte all meine Kraft und auch das, was ich Liebe nannte, meinem Amt. Ich wollte ein guter Schulmeister sein, und vielleicht bin ich es in mancher Hinsicht auch gewesen; ich weiß es wohl, einige hielten mich dafür. Denn ich hatte eine Gabe mitbekommen, die Kinder frisch und kräftig anzufassen und sie, auch die langsameren unter ihnen, so es irgend möglich war, mitzureißen. Ich selber war damals nicht so übel mit mir zufrieden.« Er lächelte still. »Das ist für uns Menschen immer ein etwas gefährliches Stadium, aber solange es währt, fühlt es sich sehr behaglich an. Ich hatte, solange es etwas Grünes und Buntes draußen gab, täglich die Hände voll Blumen nach Hause zu tragen, und ich mußte auch selten allein gehen, es drängte sich immer eine kleine Gesellschaft von Buben und Mädchen um mich. Das tat mir wohl, es war mir ein Ersatz für eigenes Familienglück. Allerdings, nach denen, die dabei nicht mitgingen, sah ich mich nicht besonders um; sie mochten es halten, wie sie wollten. In der Schule, so schien es mir selber, da war ich unparteiisch und gerecht -- ach ja, gerecht. --

Ich war damals an der Schule einer halb ländlichen Vorstadt und hatte Kinder von zehn bis zwölf Jahren vor mir in den Bänken sitzen. Es waren sehr verschiedene Elemente unter ihnen: kräftige, gut genährte und sauber gekleidete Bürgerkinder, Kinder von niederen Beamten, Briefträgern, Straßenbahnschaffnern und viele Fabrikarbeiterskinder. Man konnte an ihnen allen etwas von dem Elternhaus sehen, aus dem sie herkamen, konnte sehen, ob sorgliche Mutterhände ihnen das Haar glatt gestrichen und die Kleider geflickt hatten. Man sah auch mehr; es waren taghelle, frische Kindergesichter dabei, die kamen wohl aus freundlichen, fröhlichen Heimstätten, und es gab gleichgültige, scheue, gedrückte Kinder, denen es ersichtlich an Sonne und Liebe fehlte. Ich weiß wohl noch, ich dachte damals oft, in meiner Schule sollte es sonnig sein, und ich wollte dazu tun, was ich könnte. Aber das echte Liebhaben ist eine feine und eine schwere Kunst, und mancher lernt es nur unter Schmerzen, Schmerzen, die er zufügt, und Schmerzen, die er trägt.

Es kam einmal ein Kind zu mir in die Schule, ein Mädchen, ein mageres, bleiches Dinglein, lang aufgeschossen für seine elf Jahre. Es hatte auf den ersten Blick gar nichts Anziehendes, auch die Augen lagen ihm für gewöhnlich in etwas tiefen Höhlen.

›Schlecht gepflegt und matten Blutes und Geistes,‹ dachte ich. Doch mußte es mir hier und da auffallen, daß das Kind irgendeine sonderbare Antwort gab, die vielleicht vom Pfad des rechten Schulwissens abwich, aber dafür von etwas wie eigenen Wegen redete, auf denen der junge Geist ins Leben dringen wollte. Dann war allemal das graue Gesichtlein auf Augenblicke von einem dunklen Rot überflammt, aber es ging immer schnell vorüber. Rechnen, das war ja freilich ein Hauptfach in der Schule, aber rechnen konnte Elisabeth gar nicht; es half alles nichts. Ich meinte langmütig zu sein, ich kam mir selber fast übermäßig geduldig vor, aber manchmal, wenn sie mich so gar unerhellt aus den hilflosen Augen anschaute, drehte ich mich doch verzweifelt auf dem Absatz herum und sagte zu den andern: weitermachen; dies hier ist hoffnungslos. Dann sahen wohl die andern mit schlecht verhehlter Verachtung auf ihre Genossin hin, von der sich allmählich die Sage bildete, daß sie rettungslos dumm sei.

Das ging fast ein halbes Jahr lang so hin. Von den häuslichen Verhältnissen des Kindes wußte ich nichts, fragte auch nicht danach. Es waren vierzig Augenpaare, die aus den Bänken heraus auf mich schauten, und dies hier, ich muß es gestehen, war keins von denen, die mich besonders interessierten. In dieser Zeit lag hier und da irgendeine Rarität auf meinem Pult, ein merkwürdig gezeichnetes Schneckenhäuschen, ein weißgebleichtes Vogelknöchelchen, ein Stück Baumrinde mit silberig schimmernden Flechten daran.

Ich fragte wohl danach, wer mir das hingelegt habe, ich ließ meine Augen, als ich keine Antwort bekam, über die Kindergesichter hingehen, um dort eins zu finden, das schelmisch oder verlegen sich niederbeuge. Aber sie sahen mich so kecklich an, manche mit Lachen, und versicherten, daß sie es nicht gewesen seien und daß sie ›solches Zeugs‹ auch nicht aufheben würden. Nach Elisabeth sah ich nicht besonders hin; nur einmal bemerkte ich, daß sie stark mit den Augen blinzelte, wie sie das hier und da tat, wenn sie in großer Verlegenheit wegen irgendeines Nichtkönnens war. Aber es fiel mir nicht ein, daß sie es gewesen sein könnte, die mir die schüchternen Gaben in Heimlichkeit gebracht habe.«

Der Erzähler strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Ich muß blind gewesen sein,« sagte er. »Sonst hätte ich sehen müssen, was ich nachher mit Leid vernehmen mußte, daß dieses Kindes Herz nach meinem Herzen stand. Da, einmal -- es war im Dezember, der erste Schnee war in der Nacht gefallen und lag weißglänzend auf den Dächern und auf den Hecken und Bäumen des Parks, an den unser Schulhaus anstieß -- geschah es, daß ich den Kindern über den freien Tag, der morgen sein sollte, ein Aufsatzthema mit nach Hause gab, das mir der sonnige Wintertag eingegeben hatte. Ich hatte mich sonst so ziemlich an die vorgeschriebenen Stoffe gehalten, die allerlei sachliche Beschreibungen von Pflanzen, Tieren, Gegenden, kleine Erzählungen aus Geschichte und Menschenleben und dergleichen verlangten; wir hatten diese Dinge auch immer gründlich zuvor durchgesprochen. Heute aber kam es mich an, sie selber die Augen auftun zu lassen.

»Ihr sollt mir irgend etwas über den Winter erzählen, was Ihr wollt. Es ist nur das eine: Ihr müßt es selber gesehen haben, was Ihr schreibt, sei es dies Jahr, sei es ein andermal. Und jetzt geht und macht es heute noch, so seid Ihr morgen frei.« Damit entließ ich meine Schar, mir für heute die gewohnte Begleitung verbittend, da ich nach der Bahn wollte und Eile hatte. Sie stürmten nicht hinaus wie sonst. Die ungewohnte Aufgabe mochte ihnen in die Knochen gefahren sein, ich sah sie die Köpfe zusammenstecken und flüstern und sah in sorgliche Gesichter.

›Das ist Euch ganz gesund,‹ dachte ich, ›das will ich nun noch öfter tun,‹ und ich nahm mir vor, beim Korrigieren nicht allzustreng zu verfahren. Wenn es nur etwas Eigenes war, sollte es schon gut sein, sie sollten nur lernen, selber zu sehen und sich selbständig auszudrücken; wenn es auch unbeholfen war, das schadete nichts. Ich war ein wenig gespannt auf den Inhalt der Hefte, die ich am Morgen nach dem Feiertag wieder einsammelte. Wenn ich auf die Gesichter mich einigermaßen verstand, -- und ich meinte, es zu tun -- so waren keine Glanzleistungen zusammengekommen. Eine meiner besten Schülerinnen, ein blondes Wirtstöchterlein, dem unter dem krausen Haar ein Paar übermütige Augen immer lachend in die Welt hineinsahen, hatte das Ende des langen Zopfes im Mund. »Mir ist fast gar nichts eingefallen,« sagte sie, »nur, daß der Christtag im Winter ist und daß es Schnee gibt.« »Nun, Gretel,« sagte ich lachend, »das ist immer schon etwas; wir wollen dann sehen, wie Du das erzählt hast,« und sie, als sie sah, daß ich so grimmig nicht darauf hineinstürze, setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung an ihren Platz. »Wo ist Elisabeth Hornberg?« fragte ich, meine Reihen musternd. Niemand wußte, warum sie fehle, und wir begannen den Unterricht. Da, als wir schon tief in den Bruchrechnungen steckten, kam sie an, hastig, mit fliegendem Atem, eine ungewöhnte Röte auf den Wangen. »Ich hatte meinen Aufsatz noch nicht ganz fertig,« sagte sie, und mir fiel der Blick auf, mit dem sie mich dabei ansah; es war, als ob die Augen aus den Höhlen heraus wollten und dem blauen Heft nachgehen, das sie in meine Hand legte, und dann wieder in mein Gesicht hineinfragen: Wirst Du es auch gut aufnehmen? Ich gäbe vieles, wenn ich diesen Blick verstanden hätte. Aber ich, als ich während einer Schönschreibstunde, in der die Kinder eine Zeitlang still beschäftigt waren, mich über die Hefte hermachte, fühlte nur einen flammenden Zorn, eine ehrliche Entrüstung, als ich Elisabeths Aufsatz überflog. Ich sah nach ihr hin. Da saß sie und malte ihre Buchstaben -- sie war ungeschickt im Schönschreiben -- und sah hier und da auf, zu mir hinüber, wie von einer leisen Unruhe getrieben.

›Du hast's nötig,‹ dachte ich, und deutete alle Zeichen einer inneren Erregung, die ich heute wahrgenommen hatte, als Ausflüsse eines bösen Gewissens.

Denn was da in dem Heft stand, sieben Seiten lang, das war kein Aufsatz einer zwölfjährigen Schülerin -- und welch einer mittelmäßigen -- das mußten diktierte oder abgeschriebene Gedanken sein, fehlerhaft abgeschrieben freilich. Das war das Leiden eines Menschen, darüber, daß die Sonne so spät und so kurz kommt, und daß sie keine Kraft zu scheinen und zu wärmen hat, und war die Sorge um all das Leben, das der Schnee zudeckt und das Eis im Bann hält und die Sehnsucht nach dem Frühling, da alles wieder aufsteht, was jetzt zu schlafen geht. -- Nein, gerade abgeschrieben konnte es nicht sein. Dazu waren die Sätze zu ungeschickt; es mußte jemand diktiert haben. Ich bezwang mich mühsam. Aber das konnte ich nicht hindern, daß ich dem Blick der Kinderaugen, die, wie ich jetzt weiß, mich sehnlich suchten, mit einem vernichtenden, kalten Strahl begegnete.

Am andern Morgen kam es. Ich sprach zuerst alle andern Hefte durch. Ich war mild dabei und schonend, -- ich weiß es jetzt, ich war grausam ohne Maß. Zuletzt nahm ich Elisabeths Aufsatz. Das Kind saß in sich zusammengedrückt da, es hatte wohl meinen kalten Blick gesehen und gedacht, daß seine Arbeit verworfen sei. »Wer hat diesen Aufsatz oder wie man's nennen soll, gemacht, Elisabeth Hornberg?« Alle Augen richten sich dorthin, wo das bleiche Kind saß. Es kam keine Antwort, nur ein Blick schoß zu mir her, wie eine Bitte um Erbarmen: lies es nicht den andern vor. Ich verstand ihn nicht. »Antwort!« Da kam es leise: »Ich.« Mir stieg der Zorn bis in die Augen. »Du lügst.« Ich sagte es kurz und kalt. Das Kind zuckte zusammen, wie unter einem Hieb. »Sieh mich an,« sagte ich mühsam beherrscht. Das Gesichtlein hob sich, es war grauweiß, die Augenlider blinzelten heftig, kaum daß eines Augenblicks Länge die wasserblauen Sterne unter ihnen hervorsahen. »Siehst Du, Du kannst es nicht. Ich bin nicht so dumm, wie Du zu meinen scheinst.« Dann suchte ich, mich zu fassen. Vielleicht log sie aus Angst, ich wollte nicht so heftig sein. Ich ging einmal den Mittelgang zwischen den Bänken auf und ab. Dann blieb ich vor Elisabeth stehen. »Nun sag' mir, Kind, woher hast Du dies? Hast Du es gelesen oder hat es Dir jemand vorgesagt?« Ich sagte es so ruhig als möglich. Schweigen, -- dann die leise Antwort: »Ich habe es selber getan, es hat mir's niemand gesagt.« Nun war das Gesicht von dunkler Röte übergossen. Bis jetzt waren die Kinder als stumme Zuhörer dabei gewesen, nun rief ein Mädchen, das in Elisabeths Nachbarschaft wohnte: »Sie haben einen Kostgänger, der ist ein Schreiber und hat viele Bücher, bei dem sitzt sie immer. Der wird ihr's gesagt haben.« »Still.« Aber ich sah sie doch fragend an: »Ist der's?« Elisabeth hatte, nachdem das schnelle Rot auf ihren Wangen verflogen war, nun einen Ausdruck, wie ich ihn sonst so oft an ihr gesehen hatte, und der mich immer an ein unbewohntes Haus erinnerte, so, als ob alles Leben verschwunden, ausgezogen sei, und als ob alles ringsum sie gar nichts angehe.

Sie antwortete nicht mehr, sie saß nur da und sah vor sich hin. »Wir wollen weitermachen,« sagte ich. »Wenn Du dich besonnen hast, Elisabeth, kannst Du es mir sagen.«

Damit wandte ich mich ab und ließ sie sitzen. Es schien mir unmöglich, daß ich mich getäuscht habe; dann aber war sie verschlagen, halsstarrig und offenbar auch nicht in guten Händen. Dabei dumm, mir so etwas vortäuschen zu wollen.«

»Ja, ja,« unterbrach sich der Erzähler, »das ist das selbstzufriedene Stadium, von dem ich vorhin sagte. ›Wer kann einen täuschen, wie mich?‹ denkt man. Man muß es teuer zahlen, wenn man davon aufwacht.

Am Nachmittag fehlte Elisabeth. Als sie am nächsten Morgen wieder kam, ging sie ohne ein Wort der Entschuldigung an ihren Platz und saß dort wie eine, die damit, daß sie da sitze, alles getan hat, was möglicherweise von ihr verlangt werden kann.

»Wo warst Du gestern?« Ich fragte es schroffer als ich wollte. Da hob sie die Augen. Aber ich war blind, ich sah es nicht, ich sah es erst viel später wie in einem Spiegel, daß sie sagten: ›Ach, was hat es für einen Zweck, Dir Antwort zu geben? Du glaubst es doch nicht.‹ »Antwort!« »Ich war krank,« sagte sie wie mechanisch. So sah sie auch aus, elend zum Erschrecken. Es kam mich ein Mitleid an; vielleicht, nein sicher, litt sie daran, daß sie den Weg zum Geständnis nicht fand. Dann war sie nicht verdorben.

Aber als ich in der Freiviertelstunde, als die andern hinausgingen, sie zurückbehielt und sagte: »Willst Du mir's nun sagen, wer den Aufsatz gemacht hat, Kind? Wir wollen dann wieder gut Freund sein; ich will es Dir verzeihen,« da stieg aus den tiefen Augenhöhlen etwas empor, vor dem all meine Sicherheit und meine mitleidige Würde erschrak und sich empörte. Das war kein Kind, was mich da ansah, das war ein reifer, bitterer Mensch, und der Mensch verachtete mich.

Da ließ ich die kleine, schmale Hand los und sagte: »Geh.« Und sie ging hinaus ohne ein Wort.

Nun kam sie noch eine Woche lang. Es war ein ungutes Beieinandersein. Das Kind, das sonst nicht viel für mich bedeutet hatte, war nun eine Macht geworden, die mich zwang, mich in Gedanken mit ihm abzugeben, und die mich bedrückte, so oft ich -- und es geschah unzählige Male -- dorthin sehen mußte, wo das schmale Gesicht so gleichgültig vor sich hinsah und nur antwortete, wenn es gar nicht anders mehr ging.

Da eines Tages fehlte Elisabeth. Es geschah mir schier wie ein Aufatmen, als ich den leeren Platz sah, aber es währte nicht lang. Ein anderes Kind brachte einen Zettel mit einer Entschuldigung. »Emil Pfänder« war die kurze Anzeige, daß Elisabeth Hornberg krank sei, unterzeichnet. »Wer ist das?« »Das ist der Schneider, bei dem sie in der Kost ist,« wußten einige der Kinder. »Wißt Ihr, was ihr fehlt?« Sie wußten es nicht, sie hatte keine Freunde, und das letzte Ereignis hatte noch viel dazu beigetragen, daß sie ganz einsam geworden war. »Hat sie denn keine Eltern?« Nein, sie glaubten es nicht, sicher wußte es niemand. Da beschloß ich in mir selbst, sie bald einmal zu besuchen. Vielleicht war das Kind in schlechten Händen, vielleicht bedurfte es nur besseren Einflusses. Ich wollte versuchen, ihm den zu geben. Ach ja, ich. --

Aber es verging eine Woche, und ich kam nicht dazu, den Besuch zu machen. Wir sangen in der Schule Weihnachtslieder und lebten in fröhlicher Stimmung. Wir bereiteten uns zu der alljährlichen Schülerweihnachtsfeier in der Kirche vor, lernten Gedichte auswendig, und ich half den Kindern sogar in den freien Stunden beim Schmücken der großen, steinernen Kirchenhallen. Einmal hatten zwei Mädchen heftige Händel miteinander und gingen mit vertrutzten Köpfen umeinander herum. Da redete ich schön davon, daß man in dieser Zeit noch besonders lieb und friedlich sein müsse, sonst störe man den Engelgesang: Friede auf Erden. Und sie gaben sich die Hände, und wir waren glücklich. Es war alles so fromm und so weihnachtlich und so warm. Vorher, das sah ich, reichte es nun nicht mehr. Aber gleich in den Feiertagen, da wollte ich das Kind besuchen, mit dem noch nicht Friede war. Das würde leicht zu machen sein, denn ich wollte sehr liebreich sein und so das Eis schmelzen. Ach ja. Dann kam die Weihnachtsfeier; sie war schön, so kindlich und so ohne alle Reflexion selig und froh. Ich spürte, ich war doch ein reicher Mann, auch wenn ich keine Familie hatte, denn ich hatte teil an all diesen Kindern und an der großen Freude, die aller Welt widerfahren ist.

Als ich aus der Kirche kam, ging ich auf einem Umweg meiner Wohnung zu. Ich wußte: die Kinder schmückten nun mir ein Bäumchen; wenn ich heimkam, dann empfing mich Lichterglanz und Gesang und helle Augen und auch Gaben. Ich wollte mir so gern etwas schenken lassen.

Ach ja, nun bekam ich etwas geschenkt. Als ich zwischen den Gärten der äußeren Vorstadt hinging, leise vor mich hinsummend, begegnete mir ein Mensch, der mir auffiel. Er hatte ein kleines, vertrocknetes Gesicht und hatte anständige, aber abgetragene Kleider an. Er sah mich immer wieder von der Seite an, und mir war, als grinse er höhnisch nach mir herüber. Das störte mich in meiner festlichen Stimmung; die wollte ich aber jetzt festhalten. Er trug ein blühendes Primelstöckchen in der Hand; das konnte man an jenem Tage -- es war nicht kalt -- ohne Gefahr des Erfrierens für die zarten rosa Blüten.

»Sie haben da ein hübsches Pflänzlein,« redete ich ihn, da mir das stumme Anschauen peinlich wurde, an. »Sie bringen das wohl einem Kranken?« Denn er ging in der Richtung nach dem städtischen Krankenhause zu. Er sah mir spöttisch in die Augen. »Und Sie, Sie kommen wohl aus der Kirche? Sie haben da wohl all die frommen Lieder mitgesungen?« »Ja, das habe ich,« sagte ich nicht ohne Würde, denn nun schien mir, als ob ich einen von denen vor mir hätte, denen der bloße Anblick eines Kirchgängers schon das Blut in Wallung bringt. »Ja, dann gratuliere ich dazu,« sagte er. »Sie, Sie sind keck, daß Sie unserm Herrgott so unter die Augen treten mögen. Ich an Ihrer Stelle, ich hätte das Herz nicht dazu.«

War das ein Narr, oder was war es denn?