Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 7

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Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar ein goldenschimmerndes Kleid -- das mochte den Namen goldene Hochzeit tragen.

Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: »Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.«

Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. »Tante Ursula, warum sagt man grün und silbern und golden?«

»Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken ... Am ersten Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein Blättlein verloren geht.«

»Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt du, im Winter --«

»Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am silbernen Hochzeitstag -- ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das Paar in den Händen hält.«

»Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?«

»Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben Blicken, die drüber gingen und -- ja, auch von den Tränen, die drauf fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.«

»Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?«

»Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden ... Ach, eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.«

»Ich auch, Tante Ursula, ich auch?«

»Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.« --

Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte. Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken -- genau um das, was er all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.

Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und höhnte: »Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum aushält!«

»Wer redet denn vom Himmel?« sagte der heilige Petrus. »Guter Freund, du bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.«

Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts. Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und unten -- überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen, tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge.

Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines Fenster.

»Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,« seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand. Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen war zu groß.

Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig vergrößerte ... der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den Himmel blicke. --

Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal, als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula lächelte nur und sagte: »Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende, Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es dir morgen sagen.«

Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen und sagte: »Ja ... vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brücke geworden, und dann hat er darauf hinübergehen können. Aber das kleine Fenster -- da war er wohl zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?«

»Ich sage dir's morgen,« tröstete Tante Ursula. »Es kommt alles zu einem guten Ende, ganz gewiß.«

So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, daß man nicht ob des sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern sich des verborgenen guten Endes getrösten darf, das von einem »morgen« enthüllt werden wird.