Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 6

Chapter 63,822 wordsPublic domain

Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: füge dich! Aber die junge Willens- und Lebenskraft reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh hervorstoßen: »Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der Schule bleiben. Ich möchte das Maturitätsexamen machen.«

»So!« erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. »So -- -- mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf gesetzt?«

Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben hinüber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus.

Erst auf seines Vaters ungeduldiges »wird's bald!« antwortete er in gequältem, beinahe flehendem Ton: »Schon lange!... Ich wollte es dir immer sagen, aber -- --«

»Was aber?«

»Ich dachte, du werdest es nicht gerne hören.«

»Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was glaubst du eigentlich?... Jahr um Jahr schufte ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest einmal das Geschäft übernehmen, und nun kommst du mir mit solchen Geschichten ... Maturität!...

Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl wollen? Auf was hat sich denn die Neigung des gnädigen Herrn gerichtet? Weiß er das vielleicht?«

Peter zuckte zusammen und tat plötzlich einen Schritt vorwärts. Frau Elisabeth faltete erschrocken die Hände. Mein Gott, was würde nun losbrechen! Sie sah ihres Mannes höhnisches Gesicht und ihres Sohnes lodernde Augen.

»Peter!« mahnte sie eindringlich. Sie wußten beide, welcher gemeint war, und der Junge antwortete ihrem Ruf mit einem spöttischen Lächeln. Dann richtete er den Blick auf den Vater und sagte: »O ja, der gnädige Herr weiß auch dies. Er möchte Naturwissenschaften studieren.«

»Naturwissenschaften!« Peter Niemeyer sprach das Wort aus, als habe sich sein Sohn zu einer unehrlichen Hantierung bekannt. »Das gibt's nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin der Vater und du der Sohn, und du hast zu gehorchen. Verstanden?«

Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf den Jungen zugetreten. »Sei still, Peter! Sei still! Versündige dich nicht! Denke dran, es ist dein Vater!« flehte sie.

Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges junges Gesicht glühte im Zorn.

»Nein, jetzt rede ich einmal!« schrie er. »Mein Vater bist du -- -- ja! Aber was für einer? Wann hast du dich um mich gekümmert, um mich selbst?... Gehorchen, gehorchen ... den Mund halten zu allem, was der Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht ... Keine eigene Meinung haben dürfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen ... Ist das ein Vater!«

Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem Sohn die geballte Faust vor die Brust gestoßen haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend entgegengeworfen. »Er ist außer sich, er weiß nicht, was er sagt,« schluchzte sie. »Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!«

»Ja, fort aus meinen Augen!«

Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, daß ihm Frau Elisabeth wie gewöhnlich beistimme.

Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brütete er über finsteren Gedanken oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über seine zertretene kleine Welt ... Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm drangen?... Also studieren wollte er. Naturwissenschaften ... Ach, und dann wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener Sven Hedin, von dem er so oft gesprochen ... Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche Gedanken kommen!

»Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!« grollte Peter Niemeyer. »Du sagst wohl, er sei außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn so außer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben faßt einen hart an.«

O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wäre es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhände zu bewahren ... Eine Kinderhand ... Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand ... Und ist doch so stark und mächtig, eben weil sie weich und linde ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in Gottes Vaterhand ruht.

Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. Man hört seine Schritte auf der Treppe, im Hausflur, dann das Öffnen und Schließen der Haustüre. Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der elften Stunde.

Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen Augenblick im Gehen inne, als er sagte: »Ach, laß ihn laufen! Die frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam besorgt um ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?«

Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, ein Wachrütteln aller Sinne ... Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann gegenüber; sie fürchtet sich, ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und muß es doch sagen!

»Peter!« beginnt sie leise. »Ich will den Bub gewiß nicht rechtfertigen. Er hat sich zu schlimmen Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht hat er recht. Vielleicht hast du -- -- ach, ich meine uns beide ... vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekümmert. Ach, und nun rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß ... Und wie er weinen konnte! Peter, ich muß ihm nach. Ich kann nicht anders.«

Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe auf und stand schon unten an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hörte: »Elisabeth! Betty! Ich bitte dich! Dieser Skandal ...«

Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. Skandal! Mochten die Leute denken, was sie wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer.

Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien, blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und blickte nach allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein konnte. Ach, wie war er schon so weit!

Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen verlieren. Wenn er bei einer Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam näher. Peter schritt mächtig aus.

Nun bog er in die Straße ein, die in gerader Linie auf die Brücke führt. Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie zitterte am ganzen Körper, aber die Angst riß sie vorwärts. Gottlob, nun war sie um die Ecke! Die Straße war menschenleer, aber dort -- auf der Brücke bewegten sich ein paar Gestalten. Die würden doch helfen, wenn -- -- --

Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brüstung und seinen fiebernden Kopf darauf.

Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als trügen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die Bogenlampen der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen in das schwarze Wasser ihr bißchen silbernes Licht, das zitternd ertrinkt.

So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen ... Aber man würde ihnen ihr Geheimnis zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. -- --

Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf, hinauf zu allen Sternen und Sonnen ... Leben will er -- -- Leben ...

Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am Vorabend der Konfirmation erhalten? »Du willst große Reisen machen, Peter. Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die große Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Täler des Leids und Jammers und Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all die andern. Kennst du den alten Vers?

Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers in der Nacht; jeder hat in seinem Gleise etwas, das ihm Kummer macht.

Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?«

Ruth, Ruth ... liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude ... holde Freude ...

Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas Tapferes, beinahe Frohmütiges. Das Wort seiner kleinen Weggefährtin kommt ihm in den Sinn. »Es kann auch _so_ schön werden.« Schön beim Büchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in uns tragen. Und das hast du ja ... Wer weiß, Peter, vielleicht kriegst du noch in anderer Weise mit Büchern zu tun ...

Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage und Reue zu versinken. Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut, ohne Selbstüberwindung ... sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun muß sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken zu ihm schicken ... Wird er denn ewig da stehen bleiben?

Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mächtig und wendete sich und stand seiner Mutter gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in des andern Gesicht zu lesen.

Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war, und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe und ernste Ruhe lag.

Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. »Peter,« flüsterte sie, und es war ein Schluchzen in ihrer Stimme, »laß uns neu anfangen. Ich will zu dir stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn -- -- auch wenn es mir schwer fällt ... Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir -- zu uns haben könntest, Peter!«

Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte sich und küßte die Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt.

Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fühlten nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte. Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.

»Ich habe ihn noch nicht gewonnen,« dachte die Mutter. »Und es wird mir auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht gelingt es mir auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind ... Vielleicht auch kommen die beiden nie zusammen ... Aber diese Stunde kann er nie vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz verlieren.«

Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der kleinen Mutter an seiner Seite emporhelfen, sie tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer Versicherung, mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht immer zu ihm stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele wieder und wieder versinken wird im Alltag, aber er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt und ausbreitet ...

Es kann auch _so_ schön werden ...

Das rote Buch.

Ich hatte es längst vergessen gehabt.

Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.

Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich, daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale, zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten ein Strickzeug -- ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: »Sie sind wohl müde?«

Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu, in deren Mitte mich dieser Abend geführt.

Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf, um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem roten Buch entstiegen.

Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes Leben.

Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal, hundertmal, unzählige Male ... Und siehe da! das rote Buch war lebendig geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick gesehen.

Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen, hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet. Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal, als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen, den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.

Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich geklopft hatte und, das »Herein« erwartend, die Klinke ergriff, war mir schon ganz froh zumute.

Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und Tante Ursulas Stimme sagte: »Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon heruntergeholt.«

Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.

Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen, hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß herrühre. Der »Ofentapper« drohte als große schwarze Hand hinter dem Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht. Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.

Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern -- dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit Tante Ursula verloren.

Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben -- all dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name »rotes Buch« rührte von der leuchtend roten Einbanddecke her.

Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt, denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein. Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege, auf denen die Freude blühe.

Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden, während sie sich auf dem breiten Weg drängten. »Weißt du, Herzkind,« sagte Tante Ursula, »man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen. Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.« --

Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.

So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu sein.

Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen. Königskerzen ... die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn ... der muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen.

Schwertlilie ... sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr selbst oder aus dem roten Buch gehört.

... Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg. Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes. Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres Herzens.

Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der kleinen Kapelle liebten.

Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen, rings von den Feinden umzingelt. »Mein die herrliche Beute!« rief einer der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf.

Immer näher rückten die Verfolger. Da -- mit einem Male blieben sie stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun, wo waren sie hingeraten?

Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.

Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen Blätter ...

Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?

Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat zurück.

»Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert -- Lilie du! Hat nicht ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?« --

Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder, von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die grüne, die silberne und die goldene Hochzeit.

Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden Zug festlicher Menschen.

Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes Paar.

Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie silbern aufleuchten.