Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 5

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Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen Linien ... Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht ... Und sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten ... Peterlein, Peterlein -- -- wo ist all das Glück geblieben, das mir deine ersten Jahre geschenkt?

Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich, richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter, drehte sich zur Seite und murmelte: »Durch, durch! Man muß -- --«

Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe.

* * * * *

»Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.«

Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: »Das kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch -- probier's einmal!«

Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder, Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart, daß man sah, wie das Blut kam und ging ... bei einer schnellen Erregung dunkelrote Wangen ... bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl, als sähe er sie zum erstenmal.

Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu verwandeln schien ... in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen steigen.

Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen wäre, den Namen zu erfahren. »Wir können ja morgen wieder zusammen heim; vielleicht bist du da gescheiter,« sagte Ruth mit einer hoheitsvollen Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.

»Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter raten,« schlug Peter vor.

»Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.«

»Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das Üben nicht abkürzen?«

»Ich kann schon, aber -- -- ich mag nicht,« kam es etwas zögernd von Ruths Lippen.

»Spielst du so gerne? Was spielst du denn?«

»Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?... Also ... ich will eine Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen ... Mutter sagt, es kann auch _so_ noch schön werden, und das glaube ich auch.«

»Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.«

Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war, als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu stürmen. Nur gut, daß _er_ breite, starke Schultern hatte.

»Wie alt bist du eigentlich, Ruth?« fragte er, in die Türe tretend.

»Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?«

»Ich bin eben sechzehn geworden.« --

Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte ihn. »Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre so gute Kameraden gewesen. Aber freilich -- jetzt hast du eben genug an deinen Freunden.«

»Ich habe keinen Freund,« sagte Peter nachdenklich, »und ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe ... Wir hatten so viele Aufgaben, und -- -- ich lese viel.«

Ruths Mutter lachte. »Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.«

Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war. Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt.

Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-, zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges »So paß' doch mal auf!«

»Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,« dachte Peter und lächelte.

Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein befriedigtes »So«. Und nun begann ein anderes Spiel.

Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte ... und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.

Peter lauschte atemlos. _So_ also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen ... Warum nur stimmte ihn das so traurig?

Horch, nun begann wieder das Spiel.

Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren ... Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle, Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im Sonnenschein! Wie es stieg -- -- höher und höher und endlich verklang in einem letzten, unendlich zarten Triller.

Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe, und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen strömten daher ... Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht gebücket dienen ... Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.

Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht legte.

»Hast du schon lange hier gesessen?« fragte Ruth. Nun mußte Peter sie ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.

»Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.«

»Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag, spiel' ich nichts vor.«

»O Ruth! Wie wird es dir ergehen!« lachte Peter. »Eine Künstlerin muß allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.«

»Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.«

Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die Necklust aus den Augen sprühte.

Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort, ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.

»Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast du sie gesehen ... Wie du einmal in den Bergen warst ... So -- jetzt ist's aber leicht.«

Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so weit zurück -- -- und wie lag es so schön und grüßte herüber ... »Die Tante! Ist es die fremde Tante?«

»Ja, die ist's!« jubelte Ruth. »Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird. Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja, und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen. Kannst du dich noch an sie erinnern?«

»Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht -- -- nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.«

»Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere, immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen. Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel ... Peter!«

»Ruth?« Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens sind.

»Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen. Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht ... Ja, und wie wir so gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter, gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben -- -- ich konnte einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand ... Ach, und da war ich so froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer: nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so geführt ... Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen konnte -- -- und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll Sonntagssonne und die Glocken läuteten ... War das nicht ein schöner Traum, Peter?«

»Ja,« sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, »das war ein schöner Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?«

»O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht, vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte er doch gut sagen können, nicht, Peter?«

»Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?«

»O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus. Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber nun solltest du gewiß gehen, Peter.«

»Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?«

»O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine großen Leute. Die fragen sich solche Sachen.«

»Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. Übrigens -- kommt die Tante Trude eigentlich?«

»Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und sie hat geschrieben, sie hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bißchen. Aber die andern wollen nicht. Nur Rudolf natürlich. Der muß sich doch auch bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und Hans sagt, da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben, da sagten sie: Ja tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. Aber nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein. Oder -- -- Peter, könntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns. Willst du nicht?«

»Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.«

»Gute Nacht, Peter.«

* * * * *

»... Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich vorstellen zu müssen. Da muß ich dir denn doch verraten, daß der Peter, der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth zusammen haben mir einen sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.«

Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war, als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm' zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, daß er Ruths Drängen nachgegeben und geschrieben hatte.

Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die häufigen Besuche im Nachbarhaus hatten Anlaß zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem magern kleinen Ding Schönes finden könne. Peter, der Ältere, hatte gelacht und gemeint: »Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über den sich ewig streiten läßt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern gefällt so ein schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein ganz nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, daß Peter nicht auf irgend ein albernes, kokettes Mädchen verfallen ist.«

Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann keine Unterstützung finden werde. »Er wird eben auch so gewesen sein,« dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich an Peters Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verständnisvolles Wort dafür fand, so unterdrückte sie wenigstens die schlimmen.

Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet.

Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.

»Mein lieber Bub,« sagte sie und legte den Arm um ihn, »nun laß dir noch einmal in aller Liebe etwas sagen.«

Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten klagen: »Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar nichts sagen ...«

Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und Absonderlichkeit. »Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte bedeuten?«

Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem Wort »Person« einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: »Warum ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern wirklich eine Mutter ist.«

Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines Gesicht häßlich verzerrten.

Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.

Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten.

Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung -- -- und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn ... eine Gestalt ... sie wendet sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen ... Vorbei. Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein.

* * * * *

Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner, aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.

»Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele Verse -- ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt:

Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n in euren Rosengarten? Da, wo die roten Röslein steh'n, die feinen und die zarten, und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt, und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt.

In meinen Garten kannst du nicht an diesem Morgen früh; den Gartenschlüssel find'st du nicht, er ist verborgen hie. Er liegt so wohl verschlossen, er liegt in guter Hut -- Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir den Gart'n auftut.

Dort hoch auf jenem Berge, da steht ein Mühlenrad. Das mahlet nichts als Liebe, die Nacht bis an den Tag. Die Mühle ist zerbrochen, die Liebe hat ein End' -- So segn' dich Gott, mein feines Lieb, jetzt fahr' ich ins Elend.

Gefällt es dir nicht, Peter? Du bist so still.«

»Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun muß er wandern, immer weiter weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt es doch?... und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt ...«

»Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt,« summte Ruth. Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. »Vielleicht hat sie ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie er wieder gekommen ist.«

»Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?«

»O ja, ganz gewiß. Und dann gingen sie hinein und da war noch immer der kühle Brunnen ...«

»Und dann, Ruth?«

»Und dann setzten sie sich und horchten auf das Rauschen, und vielleicht schien auch die Sonne ins Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen glitzern.«

»Und dann, Ruth?«

»Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt weiß ich nichts mehr. Sag doch du weiter.«

»Nein. Wenn du nichts weißt, weiß ich auch nichts. Aber nun sing' mir das Lied noch einmal.«

Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und hatte Kopf und Herz voll schwermütiger Klänge und Worte. »Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir den Gart'n auftut ...«

An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. Und während er schrieb, war es ihm, als hätte er den Schlüssel gefunden zu jenem Rosengarten, war es ihm, als ginge das Jungfräulein neben ihm auf leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und Ruths strahlende Augen. Aber als er die Verse später durchlas, erschrak er.

War es möglich, daß das, was ihm eine helle Lohe geschienen, ein paar armselig glimmende Funken waren?

Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und Größtes, das in unendlich seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild ... ein verlorener Nachklang ...

Und doch können wir dem geheimnisvollen, drängenden Rieseln nicht wehren und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der Schönheit hervorbrechen.

* * * * *

Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun fehlten nur noch drei Wochen bis zum Abschluß des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen entschließen, denn die Eltern schienen es als eine ganz selbstverständliche Sache anzusehen, daß er der Schule Lebewohl sagen und ins Geschäft eintreten werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele über sich selbst hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der Kirche voll guter Vorsätze. Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu stehen. Auch seinem Vater gegenüber? Dieser Gedanke war peinlich und unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. »In der letzten Zeit ging es ja so gut,« redete sie sich tröstlich zu. »Wer weiß, wenn sie einmal im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser verstehen.«

Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, denn wenn er sich auch zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig, im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem Besitz. --

»Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen?« fragte Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck in des Jungen Gesicht.

Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort einen Sturm entfesseln werde.