Und die ihr alle meine Brüder seid
Chapter 4
»Peterchen,« sagte sie leise und ein wenig stockend, »es ist wahr, ich habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr. Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt ... Und es ist auch wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß -- daß wir Großen auch unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön haben, während er immer arbeiten muß ... Und Vater weiß so viel, alle sagen, wie klug er sei --«
Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an ihrem Hals und küßte sie, küßte sie ... o, diese durstigen Lippen! -- Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die Mutter sich keinen Rat wußte.
»Kind, Kind, was ist dir nur!« flüsterte sie halb erschrocken, halb beseligt.
Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr Herz.
»Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!« schluchzte das Peterlein. »Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!«
»Aber gewiß, Kind, gewiß! So -- so ... Nun will ich dir ein bißchen singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.«
Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und sich müde schlossen.
* * * * *
Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich. Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.
Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.
Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie antworten müssen. Es war nicht anders gegangen.
Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl ertragen.
Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit ... so, wie man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners Hand walten sollte ... »Armer, kleiner Peter!« dachte sie, wenn in diese Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.
* * * * *
Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter freute sich nach Kinderart der Veränderung. Er freute sich besonders darauf, dem Vater die schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen gesammelt. Aber als er von der »Tante« Abschied nehmen sollte, riß er die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach.
Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes fröhliches Wort auf den Lippen ... Und konnte es nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie diese entsetzten Augen vergessen können.
Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch lange Monate hindurch wie ein köstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehütet wurde. -- --
Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages entdeckte, daß Peterlein wieder seine »sonderbaren Sachen« damit treibe. An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein säuberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen, und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt.
Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glückseligen, zärtlichen Gemurmel begleitete, daß er des Vaters Schritte nicht hörte. Erst als die barsche Frage: »Was treibst du da?« an sein Ohr drang, fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah, aber es schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: »Es sind so liebe Steine ... ich mache ihnen allen Bettchen.«
»Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort -- -- auf den Kehrichthaufen hinunter.«
All die lieben Steine wegwerfen?... Der kleine Peter betrachtete den großen fragend, immer noch halb verträumt. Dann kam der Befehl zum zweitenmal, und er begriff.
Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die Augen, aber er bückte sich und sammelte die Steine in seine Schürze. Dann ging er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual möglichst lange auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stück Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der glatten Bruchfläche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine Bemerkung darüber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern, und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah.
»So ... nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.«
Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war ja kein Wüterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh wissen, aber auf eine vernünftige Weise. Für derartige Dinge war er nun einfach zu groß.
Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er hielt die Augen eigensinnig gesenkt und benützte die erste Gelegenheit, aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurück, kletterte über den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen. Wo war nur der zersprungene Stein? Da -- Peterlein bückte sich und unterdrückte einen Jubelruf. »Ein Schmetterling! Ein ganz schöner Schmetterling!« murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen Linien der Versteinerung nach. »O, das soll er nicht sehen, der Böse!«
Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein Versteck wollte ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein.
Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben. Frau Elisabeth entdeckte natürlich den verborgenen Schatz, als sie Peterleins Kissen zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den »bösen« Vater, der ihm seine Steine genommen.
Die Mutter schalt. »Was fällt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen, du unartiger Bub! Die großen Leute wissen viel besser, was für die kleinen paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da hat Vater dir verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du dich geschnitten. Na, nun siehst du's.«
Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam: »Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer -- -- ja, da hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt ... und -- und ich bin unartig gewesen ... Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich doch nicht schneiden ... Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich hatte ihnen so schöne Bettchen gemacht.«
»Nun höre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!«
Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres Mannes auch unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind die Freude nicht? Aber ihn darüber befragen -- -- nein, das wagte sie nicht. Und der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken und sich seinem Vater anzupassen.
Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief sie nicht zurück. Er saß noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das nicht alles schon oft so geschehen?... Was denn?... Das mit den Steinen? -- -- Das war ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar weh ... das -- -- ja, nun wußte er's ... Die Mutter liebte ihren kleinen Peter lange nicht so, lange nicht so -- wie sie den Vater liebte.
Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die Wange gedrückt, starrte er in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehört hätte?
Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Tröstlichem, und da fanden sie den Stein. Der wunderschöne Schmetterling ... Wer hatte ihn da hineingezeichnet?... Natürlich der liebe Gott. Der hatte ja alles gemacht, die Berge und das Moos und die Bäume und die Steine. Aber daß er so geschickt wäre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen könnte -- nein, das hätte Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch, was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte er weit fort wandern, immer weiter, und schöne Steine finden und schöne Vögel und schöne Blumen ...
Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger hielten ihn krampfhaft umschlossen.
* * * * *
Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache, auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein paar sausende Hiebe versetzte.
Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein, schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen.
Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden »Peter, sei doch still!« ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit hervorgerufen, nun und nimmer »heiliger Vaterzorn« genannt werden kann. Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr erschien.
Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt, sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen, wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.
Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken.
Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg, kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging. Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten Schritt.
Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn sie auf getrennten Wegen wandern?... Es muß sie nur ein jeder mit warmen Gedanken an den Nachbar gehen.
In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte, deren einst stolze Namen verklungen sind ... in Peters Gedanken erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser, die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen Stuben?... Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm und sang, so schön, so schön ... Überall öffneten sich die Fenster, und da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei ... Und wer fuhr in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen bekränzt war?... Immer neue Gesichter drängen heran, edle und abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte ... Was wollen sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude trinken ...
»Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle geschrieben,« sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. »Ist das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?«
»Ja!« antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht.
Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge, Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen Maria mit dem Kind ... Wessen Hände haben dies alles erschaffen in langen, einsamen Stunden?... Und wer hat das dorngekrönte Haupt gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt? Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein, aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt, daß »in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu Christi geschrieben«.
Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek. Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder in jubelnden Tönen ... Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und Barthaar des Antlitzes. Es geschieht »von freyer hand mit bloser feder und dinten«, und die Augen werden müde und brennend dabei ... Ach, was bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!
Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen, wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete Fensterläden. --
Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen Pfad?
Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu sich her und sagte: »Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht gelassen, Niemeyer. Aber -- im übrigen gefällt mir die Sache ... Lesen Sie viel?«
Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken, wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz gekommen waren.
»Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?«
»Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.«
Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein frohes Lachen aus.
»Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May! Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen Indianergeschichten?«
Peter dachte nach und erwiderte zögernd: »Ich glaube das, daß die Kerle so tapfer sind, und daß sie so viel Neues entdecken ... Das möchte ich auch einmal -- -- reisen -- weit weg, in Länder, in denen noch nie jemand gewesen ist ...«
»Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt! Übrigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. Da finden Sie Tapferkeit und finden Neuland, und ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand dürfen Sie behalten.«
Als Peter den ersten Band von »Transhimalaya« nach Hause trug, begegnete ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, und, wie immer, wenn ihn etwas Frohes bewegte, drängte es ihn zur Aussprache.
»Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder hat es mir geliehen ... Kennst du es? >Transhimalaya< von Sven Hedin.«
»Den Titel kenne ich.«
»Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr fein sein. Herr Röder ist ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?«
»Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich weiß auch nicht, ob es mich sehr interessieren würde. Freue dich nur allein daran -- das verstehst du ja ausgezeichnet.«
Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer.
Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?
Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein ... Für dich haben wolltest du ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. ... Dein Kind -- -- jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen ... Aber du warst zu bequem, zu eigensinnig, zu -- arm dazu ...
Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten. Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht die Freude rauben. Nein, -- -- meinetwegen konnte man sich ja für das Buch interessieren.
Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg Peter dasaß. »Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?«
Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland ... Neuland ... Herr Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt, in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug.
Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand, nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich.
In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte er kaum rechnen. Überhaupt der Vater ... Würde er zugeben, daß sein Sohn studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein, nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können.
Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt. Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art geschlagen, innerlich und äußerlich.