Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 3

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Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders geworden.

Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und Händen entgegengenommen und betastet und befragt.

So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken, und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt.

Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken, wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.

Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen.

Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.

Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter, denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin und wieder einen Streifen bunten Papiers.

Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines, samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange.

Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes, gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden, den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger, die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt, das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen, vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und blitzend wie zuvor.

»Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,« dachte Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen. Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause ... turnend, schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? -- -- An Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer wieder und wieder beobachten.

Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen.

Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn ... aus dem einfachen Grund, weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den Jungen für _sich_ heranwachsen sehen. _Sein_ Kamerad, _seine_ Stütze und Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben werden.

So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten. Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf, der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll. Vater Niemeyer strahlte.

Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge, der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.

»Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!« dachte Vater Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. »Du bist ja ein Feigling!« sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.

»Was bin ich!« schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen Vater zurückzuziehen.

Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.

Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. »Läßt du dir so etwas gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du nicht mit ihm gerungen?«

»Weil er feig ist,« sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick. Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte keine Entgegnung.

Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.

Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber. Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen.

Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte ängstlich auf. »Es ist unser Peterchen, der weint,« flüsterte sie.

Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten Arme. »Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?« fragte sie wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen, und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.

Vater Niemeyer war ernstlich böse. »Deswegen weint man doch nicht. Schäme dich, Peter!«

Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte sich ein wenig herab und flüsterte: »Sei nun wieder still, Peterlein! Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein so betrübt?«

Peterchen hob sein verweintes Gesicht. »Ach Mutter, es war ein kleiner Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!«

»Wirklich!« sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre und war ihr schon halb entglitten.

Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.

* * * * *

Der Sommer brachte für Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und tätschelte seines Buben blasse Wangen.

»Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und, Peterlein -- -- -- fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!«

»Wie ist es da?«

»O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.«

»Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?«

»Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer gestanden bin ich mehr als einmal!«

»Wie sieht das aus, Vater?« drängte das Kind. »Ist es ein tiefes, schwarzes Loch?«

»Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz ... Es glänzt so schönes Eis herauf. Ganz blankes, grünes Eis, Peterchen. Und unten rieselt und gluckst etwas -- -- ein Gletscherbächlein ... aber es klingt oft eigentümlich -- -- wie -- wie --«

»... wie wenn etwas weint,« vollendete ein leises Stimmlein.

»Warum meinst du das?« fragte der große Peter lächelnd.

»Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, weißt du, bei dem kleinen schwarzen See. Da muß das Bächlein hinein und deshalb weint es.«

»Na, hör' mal, Peterchen!« begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm.

Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als höre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik ... War er nicht auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen geblieben, um etwas von den Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus geklungen. Und das Peterchen hörte ein Weinen ... Also doch nicht ganz dasselbe, nein, nicht ganz.

Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er zwang sie nieder.

»Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das Gletscherbächlein mache Musik. Ganz feine, silberne Töne hört man.«

»Ja ... da singt jemand,« nickte das Kind. Es saß und schlenkerte mit den Beinen und schaute aus weichen, verträumten Augen.

Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drängte. Er mußte eiligen Abschied nehmen. Dann setzten sich die Räder in Bewegung, und das Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bächlein unter schimmerndem Eis kleine Lieder singt.

Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die Telegraphendrähte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur in der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen nicht. Hinauf, hinauf! schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen -- -- rascher -- rascher! Wohin! wohin? Da -- -- eine böse lange Stange stand in ihrem Weg und riß sie alle herunter -- o so tief! Konnten sie nun nicht mehr fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und jede böse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an tapfern Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Höhe, immer wieder, immer wieder -- -- bis -- -- Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, daß man glauben konnte, die Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und weiches, bewegliches Gras, und da -- ja, da war ein Fisch, ein wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen durchfuhr.

Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hübsch. Aber nachher ...

Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan.

Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner stillen, wartenden Seele.

* * * * *

Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den nächstgelegenen Häuschen untergebracht.

Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.

Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte. Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: »Mein Gott, wenn ich nur wüßte, von was er spricht.«

Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries! Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit Bestimmtheit zu erinnern. Aber -- eine andere Sache hatte ihm immer so am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert, die Gemälde im Museum anzusehen. »Denn, wirklich, Betty, es ist eine Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?«

Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! »Na ja, als junges Mädchen war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da waren so merkwürdige Wesen ... Frauen mit Fischschwänzen und Männer, halb Mensch, halb Pferd. -- -- Ach, und so ein schreckliches Bild war da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. -- -- Und die Frau mit den Kindern -- das soll doch so ein schönes Bild sein -- gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.«

Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun. allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und »nun macht es so, sieh, Mutter, so!«

Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit abgewandtem Gesicht gesagt: »Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum, Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer auf das Wasser?«

»Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.«

»Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's nicht gewiß, Mutter?... Ich glaube doch, aber er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem großen Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.«

Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem Bild gesprochen? Gewiß! Wenn sie nicht aufgestanden wäre, hätte er sie darüber ausgefragt. »... denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs genaueste kennen.« Ach, wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen!

Frau Elisabeth war während dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der zu einer einsamen kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der leerstehenden Ruhebänke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und sie schlang den Arm um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom Springen erregte Herzchen pochen.

»Mein Peterchen,« flüsterte sie, und drückte die Lippen in sein Haar.

Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine Elster in der Nähe ihr häßliches Krächzen hören, und Peterlein riß sich los.

»Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz und weiß ... Mutter, wie heißt der Vogel?«

»Na, wie heißt er denn!« Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig. Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete mit dem Jungen zusammen auf eine Antwort ... Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels nicht! Was sollte sie nur machen?

Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lächeln.

»Peterchen!« rief Frau Elisabeth, »komm mal flink her!«

Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: »Es fällt mir jetzt gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.«

»Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!«

Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete sie vorwurfsvoll. Plötzlich sagte er: »Hast du den Namen wirklich mal gewußt? Oder, oder ... weißt du, Mutter, heute -- -- am Essen -- -- das hast du auch nicht gewußt ... weißt du, das weiße Haus, von dem der alte Mann erzählte. Da hast du bloß so getan -- --«

Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. Einen Augenblick war ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spöttische Verbeugung machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört haben. Peterleins Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen.

Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte ärgerlich: »Du bist ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht recht.«

»Ja -- aber ... Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?«

Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick, nicht trotzig, nur harmlos erstaunt.

Was sollte sie nur antworten?

Da -- mitten in das Schweigen hinein -- klang ein Lachen, ein herzliches, befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und näherte sich den beiden.

»Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen alle sind auch manchmal unartig. Aber -- -- das kannst du mir glauben -- wir strengen uns tüchtig an, es nicht zu sein ... Darf ich?«

Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite rückte. Die Fremde setzte sich.

»Wie heißt du denn, kleiner Mann?« wandte sie sich an Peter, und dann begann sie mit ihm zu plaudern.

»Weißt du, Mutter,« meinte Peter später, »sie fragte so hübsche Sachen. Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon viele Tatzen gekriegt.«

»Ja, was fragte sie denn?«

»O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest doch dabei. Sie fragte, ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt. Und -- Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht langweilig wie du. Sie hat gestern abend den großen Bären auch gesehen. Hast du denn gar nicht zugehört?«

Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck verschönt wurden.

Ein Gesicht, das keine Maske trug.

Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien.

Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese Frau denkt immer in erster Linie: wie kann ich dir helfen?... wie kann ich dir wohl tun?

Und deshalb war sie auch herübergekommen und hatte Peters Frage beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen.

Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?

Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt, das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten -- mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? -- -- Freilich, die Fehler waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?... »Nicht nur klüger, auch tapferer und ehrlicher,« flüsterte eine heimliche Stimme in Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld. Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein ... Frau Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war, als in einem solchen Augenblick.

Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach gesagt, sie wisse nichts von diesem -- diesem Ding?

Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen trieb. »Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß man etwas wissen sollte -- na, da muß man eben die kleine Beschämung tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!«

Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte.

Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?