Und die ihr alle meine Brüder seid

Chapter 2

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Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau Schäufele und ich. Ich weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell erleuchtetes Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des Grauens und der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos scherzend als >Ausreißerin< empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab ihm den an Frau Schäufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und Hirn marterte: ist es Barbara?

Es war Barbara. -- -- --

Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht über Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen könnten, aber sie fragte jeden Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen hungrig flehenden Ausdruck trugen ...

Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem Mann hinauftrug, wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand -- wie hätte ich es sonst wohl ertragen können! -- lasen wir das Schreiben des Arztes. O über die Verruchten, die das junge Leben in Schmach und Schande gezerrt! -- Barbara war krank. Unheilbar krank an Körper und Geist. --

Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht bei uns empfange. Ich meinte, es müsse ihr Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen.

So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank. Ich weiß nicht, wie ich es sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb.

Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. -- Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an jenem Abend?

Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich auf. >Frau Pfarrer,< sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den ich nie vergessen werde, >Frau Pfarrer, Sie müssen mir helfen, daß ich hinüber komme. Ich muß die Barbara heimholen.< -- --

Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche erreicht: das Herz der Mutter war erwacht.

Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch nicht zurück vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer Tochter. Für mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte ich über einen Menschen das Urteil fällen: so und so ist er und so und so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, weil sie ihre Kinder vernachlässigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus diesem Herzen eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte.

Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das Zusammenleben mit Barbara war eine Hölle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die Kinder fürchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. Ach, und das Entsetzlichste war, daß das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß auch die Mutter ein Grauen anwandelte. Aber immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, aber sie hätte Barbara trotzdem nicht fortgegeben.

Und allmählich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine Besserung im Zustand der Tochter herbeizuführen. Das wilde Umherschweifen hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Tätigkeit, die ich nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages, machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick murmelte sie dabei: >Nicht sauber, wird nie mehr sauber ...<

Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten zu lassen, denn man war nie ganz klar über Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie plötzlich wieder vernünftig fragen und antworten.

Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern Gästen gehört oder sie gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, so daß mir beinahe ein wenig vor dem langen Heimweg graute. Da -- eben im letzten Augenblick, als der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam Barbara dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen buntfarbigen Blumenstrauß, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter Tränen dieses Aufleuchtens aus einem früheren besseren Sein. -- --

Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine Erkältung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie ein, fast plötzlich, ohne Kampf.

Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das Antlitz der armen Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie in den Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein tröstlich und verheißend Gleichnis, aber Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob ihr Kind wohl von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. >Ich hab' mir das selber eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir müssen für alles zahlen, Frau Pfarrer.<

>Ja,< sagte ich, >für vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schäufele.< -- --

Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In ihren letzten Wochen sind wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an Gerhardts schönem Heimwehlied: >Ich bin ein Gast auf Erden<. Aus diesem Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. -- -- Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen können.«

Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinüber. Mit stillen Augen lasen sie die Worte:

Ich wandre meine Straßen, die nach der Heimat führt, da mich ohn' alle Maßen mein Vater trösten wird.

Der Sohn.

Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten Anstrengung feuerrot gefärbt war.

Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens ins sichtbare, denn für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all sein Denken, so weit es nicht von geschäftlichen Dingen in Anspruch genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte geschehen können, daß er die kleine Frau rauh angelassen.

Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der seines Sohnes und sagte halblaut: »Du wirst sehen, Peter, ich werde jetzt immer gut zu ihr sein.«

Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die Vergangenheit zurückführte.

... War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß -- -- hei! so holt man sie eben herunter! -- -- Es war doch nicht so leicht gegangen ... Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter ... Elisabeth. Man nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty »Peter« sagen lernte, und der Arbeiter ward zum jungen Meister.

Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht. Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die ersten Gefühle der Enttäuschung.

Elisabeth ... Elisabeth ... Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft. Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt, daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später verletzte ihn dieser Mangel an Würde.

Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine Türe, und die Pflegerin trat herein. »So, so, hat er dich schreien lassen!« sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater. Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.

Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind ... ja -- und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre ... konnte man sich danach wieder zusammenfinden?

Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe, durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.

Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. »Elisabeth!« sagte er leise und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. »Elisabeth! Nun haben wir ja endlich das Kind.«

Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre, den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde brachte.

Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben, so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.

* * * * *

Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: »Der ist aber blaß! Sieh nur die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.« Und dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.

Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben wollte. Der Vater aber lachte. »Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am Fenster?« -- »Ja, wenn ich groß bin,« sagte Peterchen, »aber --« fügte er zögernd hinzu: »Mutter soll auch mit dabei sein.«

Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie, sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen. Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der Vater nicht daran erwachte.

Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das Herzchen so rasch, so rasch ... Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten und schauten nahezu schwarz.

Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam, schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein, auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes Augen nun stand sie groß und unantastbar.

Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches Schuldgefühl mischte.

Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes, und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern reizbar und wortkarg. »Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein Verstehen möglich,« dachte er mißmutig.

Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen hätte ... Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.

* * * * *

Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium schicken. Studieren ... nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt -- früher wurde viel besser und gründlicher unterrichtet ... Merk' er sich das, mein Herr Sohn!

Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank zurückgekehrt und sie nach Hause.

Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.

Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster. Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu schwelgen. »Alle Mütter sind Märtyrerinnen,« ja, das hatte sie einmal gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt verstand sie ...

Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-, zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: »So 'ne Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat ...«

Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der Mehlkiste.

Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. »Mutter, die Schule ist fein!« schrie er schon von weitem.

Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.

»Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?« fragte sie, das Kind zärtlich umfangend.

»Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und -- gerecht. Ja, gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, -- --«

»Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,« sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam ... war Mutter böse? Er war so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum zweitenmal in den Rüssel! --

Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute atemlos zu ihm auf: »O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und denke dir, so klug ist der und soo -- gerecht. Ich will dir mal was von einem Schneider erzählen. Willst du's hören?«

»Aber gewiß!« rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.

Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter -- Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber -- kniff die Lippen zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?

Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht dabei gewesen. -- »Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?« mahnte eine Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.

Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. »Du hast mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb haben?« Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. »Immer, immer! Aber --« fügte er zögernd hinzu, »warum darf ich dir nicht erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule machen?«

Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar, daß er alles zu ihr trug?

»Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der Schule.«

Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in Schlummer.

* * * * *

In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen sprudelnden Berichten zu lauschen.