Umwege: Erzählungen

Part 9

Chapter 93,663 wordsPublic domain

Auf einem Spaziergang im Fichtenwalde wurde er von Herrn Trefz eingeladen, diesen Herbst ihn zu besuchen und seinen Betrieb anzuschauen. Es war noch mit keinem Wort von geschäftlichen Beziehungen die Rede gewesen, doch wußten beide, wie es stand und daß der Besuch sehr wohl zu einer Teilhaberschaft und Vergrößerung des Geschäfts führen könnte. Schlotterbeck nahm dankend an und nannte dem Freunde die Bank, bei der er sich über ihn erkundigen könne.

»Danke, es ist gut,« sagte Trefz, »das Weitere besprechen wir dann, falls Sie Lust haben, an Ort und Stelle.«

Damit fühlte sich August Schlotterbeck dem Leben wiedergewonnen, dem er nun eine unfrohe Weile nur unbeteiligt zugesehen hatte. Er sah Arbeit und Sorge, Gewinn und Erregung des Handels in naher Zukunft winken, und mehr als einst auf die Heimkehr in die alte Heimat freute er sich jetzt auf die Rückkehr zum gewohnten Leben eines Arbeiters und Unternehmers, auf Einrichtungen und Reisen, Korrespondenzen und Berechnungen, auf Telegramme, Verwicklungen und Kämpfe. Es war weniger des Geldes wegen, dessen er für den Bedarf seines Alters genug besaß, als aus Freude an Umtrieb und Wagnis, aus einer gewissen Lust am Verkehr mit dem Welthandel und den Abenteuern des kühnen Kaufmanns. Fröhlich stieg er an jenem Tag in sein Bett und schlief ein, ohne heut ein einziges Mal an seine Witwe gedacht zu haben.

Er ahnte nicht, daß diese eben jetzt recht üble Zeit habe und seinen Beistand wohl hätte brauchen können. Die Schwägerin war unter der Beobachtung des Oberamtsarztes noch scheuer und unheimlicher geworden und machte das kleine Häuschen zu einem Orte des Jammers, indem sie bald schrie wie am Spieß, bald rastlos und schwer seufzend die Treppen auf und ab stieg und durch die Stuben wanderte, bald auch sich in ihrer Kammer einschloß und eingebildete Belagerungen unter Gebet und Winseln bestand. Das arme Geschöpf mußte immerfort bewacht werden, wenn auch ruhige Tage dazwischen kamen, und der geängstigte Doktor, der in solchen Dingen keine Erfahrung hatte, drängte zur Fortschaffung und Versorgung in einer Anstalt. Frau Entriß widersetzte sich dem, so lange sie konnte. Sie hatte sich an die Nähe der schwermütigen Jungfer in langen Jahren gewöhnt und zog ihre Gesellschaft der völligen Einsamkeit immerhin vor, auch hoffte sie, es werde dieser schlimme Zustand nicht lange dauern, und schließlich fürchtete sie die bedenklichen Kosten, die möglicherweise nach Abgang der Kranken in eine Irrenanstalt ihr entstehen könnten. Sie wollte gern der Unglücklichen ihr Lebenlang kochen, waschen und aufwarten, ihre Launen ertragen und sich um sie sorgen; aber die Aussicht, es möchte für dies zerstörte Leben vielleicht jahrelang ihr Erspartes dahingehen und in einen Sack ohne Boden rinnen, war ihr furchtbar. So hatte sie außer der täglichen Sorge um die Gemütskranke auch noch diese Angst und Last zu tragen, und sie fing trotz ihrer Zähigkeit an, etwas vom Fleisch zu fallen und im Gesicht ein wenig zu altern.

Von dem allem wußte Schlotterbeck kein Wort. Er war der sicheren Meinung, die muntere Witwe sitze vergnügt in ihrem hübschen kleinen Hause und sei womöglich froh, den lästigen Nachbarn und Bewerber für eine Weile los zu sein.

Dies stimmte aber nun schon nicht mehr. Zwar hatte die Abreise des Herrn Schlotterbeck nicht die Folge gehabt, ihr nach dem Entfernten Sehnsucht zu wecken und ihr sein Bild zärtlich zu verklären, doch wäre sie jetzt in ihrer Not ganz froh gewesen, einen Freund und Berater zu haben, und war mit ihrer Selbstherrlichkeit durchaus nicht mehr so stolz zufrieden wie bisher. Ja sie hätte, falls es mit der Schwägerin schlimm gehen sollte, sich wohl auch die Bewerbung des reichen Mannes noch einmal näher und freundlicher angesehen.

In Gerbersau war unterdessen das Gespräch über die Abreise Schlotterbecks und ihre vermutliche Bedeutung und Dauer verstummt, da man jetzt an der Witwe Entriß wieder für eine Weile die Mäuler voll hatte. Und während unter den schönen Tannenbäumen von Freudenstadt die beiden Geschäftsleute und Freunde sich immer besser verstanden und schon deutlicher von künftigen gemeinsamen Unternehmungen miteinander plauderten, saß daheim in der Spitalgasse der Buchbinder Pfrommer zwei lange Abende an einem Schreiben an seinen Vetter, dessen Wohl und Zukunft ihm gar sehr am Herzen lag. Einige Tage später hielt August Schlotterbeck diesen Brief, der auf das beste Papier mit einem goldenen Rande geschrieben war, verwundert in den Händen und las ihn langsam zweimal durch. Er lautete:

Lieber und werter Vetter Schlotterbeck!

Der Herr Aktuar Schwarzmantel, der neulich eine Schwarzwaldtour gemacht hat, hat uns berichtet, daß er Dich in Freudenstadt gesehen und daß Du wohl bist und in der Linde logierst. Das hat uns gefreut, und möchte ich Dir an diesem schönen Ort eine gute Erholung wünschen. Wenn man es vermag, ist ja eine solche Sommerkur immer sehr gut, ich war auch einmal ein paar Tage in Herrenalb, weil ich krank gewesen war, und hat mir vorzügliche Dienste getan. Wünsche also nochmals besten Erfolg, und wird unser heimatlicher Schwarzwald mit seinem Tannenrauschen auch Dir gewiß nur gut gefallen.

Lieber Vetter, wir haben alle lange Zeit nach Dir, und wenn du nach guter Erholung wieder heimkommst, wird es Dir gewiß in Gerbersau wieder recht gut gefallen. Der Mensch hat doch nur eine Heimat, und wenn es auch draußen in der Welt viel Schönes geben mag, kann man doch bloß in der Heimat wirklich glücklich sein. Du hast Dich auch in der Stadt sehr beliebt gemacht, alle freuen sich bis Du wiederkommst.

Es ist nur gut, daß Du gerade jetzt verreist bist, wo es in Deiner Nachbarschaft wieder so arg zugeht. Ich weiß es nicht, ob es Dir schon bekannt ist. Die Frau Entriß hat jetzt also doch ihre kranke Schwägerin hergeben müssen. Sie war so mit ihr umgegangen, daß das unglückliche Geschöpf es nimmer hat aushalten können und hat Tag und Nacht um Hilfe gerufen, bis man den Oberamtsarzt geholt hat. Da hat sich gezeigt, daß es mit der kranken Jungfer furchtbar stand, und trotzdem hat die Entriß drauf bestehen und sie um jeden Preis dabehalten wollen, man kann sich denken warum. Aber jetzt ist ihr das Handwerk gelegt, man hat ihr die Schwägerin weggenommen und vielleicht muß sie sich noch anderswo verantworten. Dieselbe ist im Narrenhaus in Zwiefalten untergebracht worden, und die Entriß muß tüchtig für sie zahlen. Warum hat sie früher so an der Kranken gespart!

Wie man das arme Ding fortgebracht hat, das hättest Du sehen sollen, es war ein Jammer. Sie hatten einen Wagen genommen, da saß die Entriß, der Oberamtsarzt, ein Wärter aus Zwiefalten drin und die Patientin. Da fing sie an und hat den ganzen Weg geschrien wie verrückt, daß alles nachgelaufen ist, bis auf den Bahnhof. Auf dem Heimweg hat die Entriß dann allerlei zu hören gekriegt, ein Bub hat ihr sogar einen Stein nachgeworfen.

Lieber Vetter, falls ich Dir hier irgend etwas besorgen kann, tue ich es sehr gern. Du bist ja dreißig Jahre lang von der Heimat fortgewesen, aber das macht nichts und für meine Verwandten ist mir, wie Du weißt, nichts zuviel. Meine Frau läßt Dich auch grüßen.

Ich wünsche Dir gutes Wetter für Deine Sommerfrische. In dem Freudenstadt droben wird es schon kühler sein als hier in dem engen Loch, wir haben sehr heiß und viel Gewitter. Im Bayrischen Hof hat es vorgestern eingeschlagen, aber kalt.

Wenn Du etwas brauchst, stehe ich ganz zur Verfügung. In alter Treue Dein Vetter und Freund

Lukas Pfrommer.

Herr Schlotterbeck las diesen Brief aufmerksam durch, steckte ihn in die Tasche, zog ihn wieder heraus und las ihn nochmals, dann sagte er: »O du Simpel,« was seinem Vetter galt. Doch hielt er sich nicht lange mit Gedanken an den Briefschreiber auf, sondern bedachte sich den Brief selber recht genau, übersetzte ihn aus dem Gerbersauerischen ins Deutsche und suchte sich die geschilderten Begebenheiten vor Augen zu denken. Dabei ergriff ihn Scham und Zorn, er sah das arme Frauelein verhöhnt und preisgegeben, mit Tränen kämpfen und ohne Trost allein sitzen. Je mehr er es überlegte und je deutlicher er alles sah und begriff, desto mehr schwand sein stilles Schmunzeln über den briefschreibenden Vetter dahin. Er war über ihn und über ganz Gerbersau herzlich empört und wollte schon Rache beschließen, da fiel ihm allmählich ein, wie wenig er selber in dieser letzten Zeit an die Frau Entriß gedacht hatte. Er hatte Pläne geschmiedet und sich ohne viel Heimweh gute Tage gegönnt, und währenddessen war es der lieben Frau übel gegangen, sie hatte es schwer gehabt und vielleicht auf seinen Beistand gehofft.

Indem er das bedachte, begann er sich sehr zu schämen. Das Bildnis der kleinen Witwe stand ihm nun wieder so klar und nett vor Augen, daß er nicht begriff, wie er sie tagelang fast ganz habe vergessen können. Was war jetzt zu tun? Jedenfalls wollte er sofort heimreisen. Ohne Verzug rief er den Wirt, ordnete für morgen früh seine Abreise an und teilte dies auch dem Herrn Trefz mit, der sich darüber sehr betrübt zeigte. Doch ward verabredet, daß Schlotterbeck ihn bald besuchen und seine Fabrik ansehen solle. Dann packte dieser seinen Koffer, worin er viel Übung und Geschick hatte, und während er dies tat und die Dämmerung hereinbrach, vergaß er die Scham und den Zorn und alle Bedenken und verfiel in eine muntere, tröstliche Heiterkeit, die ihn den ganzen Abend nimmer verließ. Es war ihm klar geworden, daß alle diese Geschichten nur Wasser auf seine Mühle seien. Die Schwägerin war fort, Gott sei Dank, die Frau Entriß saß vereinsamt und traurig und hatte wohl auch Geldsorgen, da war es Zeit, daß er nochmals vor sie trat und in dem abendsonnigen Stüblein ihr sein Angebot wiederholte. Vergnügt pfiff er ein Freudenlied, das stark mißglückte und ihn doch noch froher und mutiger machte, und den Abend verbrachte er mit Herrn Trefz bei einem guten Markgräflerwein. Die Männer stießen auf ein gutes Wiedersehen und eine weiterdauernde Freundschaft an, der Wirt trank ein Glas mit und hoffte beide gute Gäste im nächsten Jahr wiederzusehen.

Am andern Morgen stand Schlotterbeck zeitig an der Eisenbahn und erwartete den Zug. Der Wirt hatte ihn begleitet und drückte ihm nochmals die Hand, der Hausknecht hob den Koffer in den Wagen und bekam sein Trinkgeld, der Zug fuhr dahin, und nach einigen ungeduldigen Stunden war die Reise getan und Schlotterbeck wandelte an dem grüßenden Stationsvorstande vorbei in die Stadt hinein.

Er nahm nur ein kurzes Frühstück im Adler, der am Wege lag, ließ sich dort den Rock abbürsten und ging alsdann geraden Weges zur Frau Entriß hinauf, deren Garten ihn in der alten Sauberkeit begrüßte. Das Tor war verschlossen und er mußte ein paar Augenblicke warten, bis die Hausfrau daherkam und mit einem fragenden Gesicht -- denn sie hatte ihn nicht kommen sehen -- die Tür auftat. Da sie ihn erkannte, wurde sie rot und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, er trat aber mit freundlichem Gruß herein und sie führte ihn in die Stube.

Sein Kommen hatte sie überrascht. Sie hatte in der vergangenen Zeit wenig an ihn denken können, doch war seine Wiederkunft ihr immerhin kein Schrecken mehr, sondern eher ein Trost. Er sah das auch, trotz ihrer Stille und künstlichen Kühle, sehr wohl, und machte ihr und sich selber die Sache leicht, indem er sie herzhaft an beiden Schultern faßte, ihr halb lachend ins rote Gesicht schaute und fragte: »Es ist jetzt recht, nicht wahr?«

Da wollte sie lächeln und noch ein wenig sprödeln und Worte machen; aber unversehens übernahm sie die Bewegung, die Erinnerung an so viel Sorge und Bitterkeit dieser Wochen, die sie bis zum Augenblick tapfer und trocken durchgemacht hatte, und sie brach zu seinem und ihrem eigenen Schrecken plötzlich in helle Tränen aus. Bald hernach aber erschien auf ihren Wangen wieder der schüchterne Glücksschein, den Herr Schlotterbeck vom letztenmal her kannte, sie lehnte sich an ihn, ließ sich von ihm umfangen, und als nach einem sanften Kusse der Bräutigam sie auf einen Stuhl niedersetzte, sagte er wohlgemut: »Gott sei Dank, das stimmt also. Aber auf den Herbst wird das Häusel verkauft, oder willst du um jeden Preis in dem Nest hier bleiben?«

Sie schüttelte den Kopf, und er sagte fröhlich: »Da bin ich froh! Und das Privatisieren hört auch bald auf. Was meinst du zum Beispiel zu einer Lederwarenfabrik?«

Der Weltverbesserer

1

Berthold Reichardt war vierundzwanzig Jahre alt. Aus einem guten bürgerlichen Hause stammend, besaß er einen angeborenen Sinn für das Schickliche und Angenehme, den aber ein begehrlicher, auf eigene Wege und Erlebnisse erpichter Verstand vor den Gefahren der Bequemlichkeit des Philistertums bewahrte. Zum Unglück hatte er die Eltern früh verloren und von seinen mehrmals wechselnden Erziehern hatte nur ein einziger Einfluß auf ihn bekommen, ein edler doch fanatischer Mensch und frommer Freigeist, welcher dem Jüngling früh die Gewohnheit eines Denkens beibrachte, das bei scheinbarer Gerechtigkeit doch eben nicht ohne Hochmut den Dingen seine Form aufzwang.

Nun wäre es für den jungen Menschen Zeit gewesen, unbefangen seine Kräfte im Spiel der Welt zu versuchen und im Anschluß an irgendeinen Kreis tätigen Lebens sich unter die Menschen zu begeben, um ohne Hast sich nach dem ihm zukömmlichen und erreichbaren Lebensglück umzusehen, auf das er als ein gescheiter und gutartiger, dabei hübscher und wohlhabender Mann gewiß nicht lange hätte zu warten brauchen.

Von diesem natürlichen und einfachen Wege hielten jedoch zwei Umstände ihn ab, beide mehr in seinem Erziehungsgang als seiner Natur begründet, beide unschuldig und edel von Ansehen. Zunächst war da, von jenem wohlmeinenden Erzieher geweckt und befestigt, in dem Jüngling eine Neigung nach dem Abstrakten, die ihn zwang, allen Dingen auf den Grund zu gehen, auch wo kein solcher abzusehen war, und aus Zuständen, für die er nicht verantwortlich war, persönliche Gedanken- und Gewissensprobleme zu ziehen wie Schalen von der Zwiebel, wobei denn jeder natürliche Leichtsinn und jede schöne Unschuld des Denkens erkrankt und verkümmert war.

Daraus hatte sich auch der zweite Übelstand ergeben: Berthold Reichardt hatte keinen bestimmten Beruf gewählt. Gewissenhaft und eifrig hatte er seine Neigungen und Gaben immer wieder geprüft und war dabei geblieben, sich erst recht gründlich im Allgemeinen zu bilden und zu festigen, ehe er den folgenschweren Schritt in eine begrenzte und verantwortliche Tätigkeit wage. Seinen Neigungen gemäß hatte er bei guten Lehrern, auf Reisen und aus Büchern Philosophie und Geschichte studiert mit einer Tendenz nach den ästhetischen Fächern. Sein ursprünglicher Wunsch, Baumeister zu werden, war dabei in den Studienjahren abwechselnd erkaltet und wieder aufgeflammt; schließlich war er, um doch ein festes Ergebnis zu erreichen, bei der Kunstgeschichte stehen geblieben und hatte vorläufig seine Lehrjahre durch eine Doktorarbeit über die Ornamentik in der Architektur der süddeutschen Renaissance abgeschlossen. Als junger Doktor traf er nun in München ein, wo er im Zusammenströmen so vieler junger Talente, Kräfte und Bedürfnisse am ehesten die Menschen und die Tätigkeit zu finden hoffte, zu denen seine Natur auf noch verdunkelten Wegen doch immer stärker hinstrebte. Er dürstete danach, Verkehr mit dem Leben und Einfluß auf Menschen zu üben, am Entstehen neuer Zeiten und Werke mitzuraten und mitzubauen und im Werden und Emporkommen seiner Generation mitzuwachsen.

Des Vorteiles, den jeder Friseurgehilfe hat: durch Beruf und Stellung von allem Anfang an ein festes, klares Verhältnis zum Leben und eine berechtigte Stelle im Gefüge der menschlichen Tätigkeiten zu haben, dieses Vorteils also mußte Berthold bei seinem Eintritt in die Welt und ins männliche Alter entraten. Sein Doktorname bezeichnete keine Arbeit und Stellung, kein Amt und keine Richtung, er war nur ein Titel und Schmuck, am Sonntag zu tragen. Freilich empfand Berthold selbst diesen Mangel an äußerer Bestimmung lediglich als goldene Freiheit, welche er hochzuhalten und durchaus nur um den allerhöchsten Preis, um die Krone des Lebens selber, daranzugeben gewillt war.

In München, wo er schon früher ein Jahr als Student gelebt hatte, war der junge Herr Doktor Reichardt in mehreren Häusern eingeführt, hatte es aber mit den Begrüßungen und den Besuchen nicht eilig, da er seinen Umgang in aller Freiheit suchen und unabhängig von früheren Verpflichtungen sein Leben einrichten wollte. Vor allem war er auf die Künstlerwelt begierig, welche zurzeit eben wieder voll neuer Ideen gärte und beinahe täglich Zustände, Gesetze und Sitten entdeckte, welchen der Krieg zu erklären war.

Da Verwandtes dem Verwandten zustrebt, geriet Reichardt, ohne sich darum Mühe gegeben zu haben, bald in näheren Umgang mit einem kleinen Kreise moderner junger Künstler dieser Art. Man traf sich bei Tische und im Kaffeehaus, bei öffentlichen Vorträgen und bald auch freundschaftlich in den Wohnungen und Ateliers, meistens in dem des Malers Hans Konegen, der eine Art geistiger Führerschaft in dieser Künstlergruppe ausübte.

Das Wohlwollen dieser meist noch sehr jungen Leute hatte sich Berthold vor allem durch die Bescheidenheit erworben, mit welcher er ihren oft verblüffend kühnen Reden zuhörte und auch die gegen seine Person und seinen Stand gerichtete freimütige Kritik hinnahm. Als Hans Konegen ihn einstmals nach seinem Beruf gefragt und Reichardt sich als eine Art von Privatgelehrten vorstellte, der sich durch kunstgeschichtliche Studien den Doktorgrad erworben habe, da hatte ihm der Maler geradezu ins Gesicht gelacht und gesagt: »Ach, Sie sind Kunsthistoriker!« und hatte dieses Wort mit einer so erstaunten Verächtlichkeit betont, als wäre es mit Idiot oder Raubmörder gleichbedeutend. Reichardt aber hatte nur verwundert mitgelacht und ohne Empfindlichkeit zugegeben, daß allerdings das gelehrte Kunststudium viel Äußerliches an sich habe, wie es denn auch für ihn nur eine methodische Bildung bedeute, welche er nun womöglich in einer mehr auf das Leben selbst gerichteten Tätigkeit anzuwenden hoffe.

Im weiteren Umgang mit den jungen Künstlern fand er nun noch manchen Anlaß zur Verwunderung, ohne darüber den guten Willen zum Lernen zu verlieren. Es fiel ihm vor allem auf, daß die paar berühmten Maler und Bildhauer, deren Namen er stets in enger Verbindung mit den jungen künstlerischen Revolutionen nennen gehört oder gelesen hatte, offenbar diesem reformierenden Denken und Treiben der Jungen weit ferner standen, als er gedacht hätte, daß sie vielmehr in einer gewissen Einsamkeit und Unsichtbarkeit nur ihrer persönlichen Arbeit zu leben schienen. Ja, diese Weitberühmten wurden, worüber er anfänglich geradezu erschrak, von den jungen Kollegen keineswegs als Vorbilder bewundert, sondern mit Schärfe, ja mit Lieblosigkeit kritisiert und zum Teil sogar beinahe verachtet. Es schien, als begehe jeder Künstler, der unbekümmert seine Werke schuf, damit einen Verrat an der Sache der revolutionierenden Jugend, ja, als sei trotz Goethe es eines rechten Künstlers Art und Pflicht nicht so sehr zu malen und zu bilden als zu denken und zu reden.

Leider entsprach dieser Verirrung ein gewisser jugendlich-pedantischer, ideologischer Zug in Reichardts Wesen selbst, so daß er trotz gelegentlichen Bedenken dieser ganzen Art sehr bald zustimmte. Es fiel ihm nicht auf, wie wenig und mit wie geringer Leidenschaft in den Ateliers seiner Freunde gearbeitet wurde. Da er selbst ohne Beruf und ohne Nötigung zu positiver Arbeit war, gefiel es ihm wohl, daß auch seine Malerfreunde fast immer Zeit und Lust zum reden und theoretisieren hatten. Namentlich schloß er sich an Hans Konegen an, dessen kaltblütige Kritiklust ihm ebensosehr imponierte wie sein unverhohlenes Selbstbewußtsein. Mit ihm durchstreifte er häufig die vielen Kunstausstellungen und hatte die Überzeugung, dabei erstaunlich viel zu lernen, denn es gab kaum ein Kunstwerk, an dem Konegen nicht klar und schön darzulegen wußte, wo seine Fehler lagen. Anfangs hatte es Berthold oft weh getan, wenn der andere über ein Bild, das ihm gefiel und in das er sich eben mit Freude hineingesehen hatte, gröblich und schonungslos hergefallen war; mit der Zeit gefiel ihm jedoch dieser Ton und färbte sogar auf seinen eigenen ab.

Da hing eine zarte grüne Landschaft, ein Flußtal mit bewaldeten Hügeln, von Frühsommerwolken überflogen, treu und zart gemalt, das Werk eines noch jungen, doch schon rühmlich bekannten bayerischen Malers. »Das schätzen und kaufen nun die Leute,« sagte Hans Konegen dazu, »und es ist ja ganz nett, die Wolkenspiegel im Wasser sind sogar direkt gut. Aber wo ist da Größe, Wucht, Linie, kurz -- Rhythmus? Eine nette kleine Arbeit, sauber und lieb, gewiß, aber das soll nun ein Berühmter sein! Ich bitte Sie: wir sind ein Volk, das den größten Krieg der modernen Geschichte gewonnen hat, das Handel und Industrie im größten Maßstab treibt, das reich geworden ist und Machtbewußtsein hat, das eben noch zu den Füßen Bismarcks und Nietzsches saß -- und das soll nun unsere Kunst sein!«

Ob ein hübsches waldiges Flußtal geeignet sei, mit monumentaler Wucht gemalt zu werden, oder ob das Gefühl für einfache Schönheiten der ländlichen Natur unseres Volkes unwürdig sei, davon sprach er nicht, und tat man einen derartigen Einwurf, so hieß es unverweilt: »Nun ja, wir können ja auch über das Ding an sich oder über den Kaukasus reden, warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalität? Ist hier Größe? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt?« und so weiter.

Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Führung, sich still und bescheiden in irgendein schönes Werk zu vertiefen, und wenn er schließlich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: »Was sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle kalt!« so hatte er damit mehr Recht als er selber wußte, denn wirklich mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien.

Doktor Reichardt wußte nicht, daß seine Bekannten keineswegs die Blüte der heutigen Künstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden, ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie das entschieden. Er wußte nicht, daß sie höchstens einen mäßigen Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform bedeuteten, und wußte nicht, daß neben dieser lärmenden und überklugen Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er wußte auch nicht, wie wenig gründlich und gewissenhaft die Urteile Konegens waren, der von schlichten Landschaften den großen Stil, von Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblättern Bildwirkung und von Staffeleibildern größere Naturnähe verlangte, so daß freilich seine Ansprüche stets weit größer blieben als die Kunst aller Könner. Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mächtig seien, daß sie ihm das Recht zu solchen Ansprüchen und Urteilen gäben. Wie es Art und schönes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in lebhafter Unterredung gegenüberstand, genoß er das Gefühl, als Freund neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glücklichen Repräsentanten der zeitgenössischen Jugend.