Part 8
»Das geht nicht«, sagte sie lächelnd. »Wir sind ja beide keine jungen Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und es wäre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin übel angeschrieben, und Sie gelten auch für eine Art Sonderling, wissen Sie.«
Ja, das wußte er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend nachgelassen. Er begann zu merken, daß er hier doch fremd sei und daß Höflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbürger, sondern eben seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, daß man sein Vermögen weit überschätzte, und die ängstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer und anderer Angelkünstler machte ihm einen gewissen Spaß, aber für die beginnende Enttäuschung konnte ihn das nicht entschädigen, und er hatte den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder zurückgenommen. Vielleicht wäre er einfach wieder abgereist und hätte nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurück, so daß er spürte, er werde nicht gehen können, ohne sich zu verletzen und ein Stücklein von sich hängen zu lassen.
Darum blieb er wo er war, und ging häufig an dem kleinen, weiß und braunen Nachbarhaus vorüber. Das Schicksal der Frau Entriß war ihm jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch manches erzählt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein Windbeutel gewesen sein mußte, daß er es nicht verstanden hatte, unter der Herbe und Strenge dieser Frau den köstlichen Kern aufzuspüren und ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war überzeugt, daß sie neben einem verständigen Manne, vollends in reichlichen Verhältnissen, eine Perle abgeben müßte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttäuschung zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besaß, um ihn auch ohne eigenen Vorteil möglichst zu retten und zu bewahren.
Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser begriff er, daß sie in Gerbersau unmöglich verstanden werden konnte. Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verständlicher geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er, daß er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier ebensowenig gedeihen und sich entfalten könne wie die Frau Entriß. Diese Gedanken waren, ihm unbewußt, lauter spielende Paraphrasen zu seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch, sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu machen.
Der Sommer hatte seine Höhe erreicht und der Garten der Witwe duftete mitten in der sandigen und glühenden Umgebung triumphierend weit über seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom nahen Waldrande die Vögel aufatmend den schönen Tag lobten und aus dem Tale in der Stille nach dem Schluß der Fabriken der Fluß leise herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu Frau Entriß und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch in die Haustüre, wo eine dünne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er erklärte aber, heute durchaus hereinkommen zu müssen, und ward denn von ihr in die Stube geführt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte schnell ihre Schürze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und hieß auch ihn sich setzen.
Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hübsche Rede an. Er erzählte sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wärmer seine Heimkehr nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an manche Gespräche, in denen sie einander so gut verstanden hätten. Und nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu sehr überrascht.
»Über mein Vermögen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionär, wie die Leute hier herumreden, aber so ungefähr eine viertel Million oder etwas drüber wird schon da sein. Im übrigen meine ich, wir seien beide noch zu jung und kräftig, als daß es schon Zeit wäre, Verzicht zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon allein sitzen und sich mit dem Gärtlein bescheiden, statt noch einmal anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was früher am rechten Glück gefehlt hat?«
Die Frau Entriß hatte beide Hände still auf ihren Knien liegen und hörte aufmerksam dem Freier zu, der allmählich warm und lebhaft wurde und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf, sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie saß ganz still und genoß es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu erfassen, daß hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saßen einander nahe gegenüber, er von seinem Willen und Verlangen erwärmt und verjüngt, sie aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung leise erregt wie eine Jubilarin, und über beide Gesichter glühte mit feiner Abschiedsröte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster. Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefühle aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gütig und hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden könnte, wenn sie einverstanden wäre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleißiges Leben führen ließe, bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem größeren Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jährlich zurückgelegt würde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besänftigt und von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet, recht milde mit halber Stimme und zufrieden, daß sie wenigstens zuhörte und ihn da sein und gelten und werben ließ. Und sie hörte und schwieg, von einer angenehmen Müdigkeit in der Seele leicht gelähmt. Es ward ihr nicht völlig bewußt, daß das eine Werbung und eine Entscheidung für ihr Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual, denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das für Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht und wie von einer Musik getragen, daß sie benommen lauschte und keines Entschlusses fähig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schütteln oder aufzustehen.
Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und sah sie unverändert mit niedergeschlagenen Augen und fein geröteten Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgefälliges Spiel oder lausche einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, gläubig wie ein Träumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht, denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fühlte doch denselben hingenommenen und traumhaften Zustand und hörte gleich ihr die merkwürdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flügeln durch das abendhelle Stüblein und durch sein Gemüt reisen.
Beiden schien es später, sie seien eine gar lange Zeit so halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie aus dieser Stille jäh erweckt wurden.
Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwägerin aufgehalten und war, schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst geraten, bei dem langen, leisen Gespräch und Beisammensein der Beiden von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien ihr Ungewöhnliches und Gefährliches vorzugehen und allmählich ergriff sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht, der fremde Mann möchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine stille, argwöhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes im Hause vorfallen, ohne daß die arme Jungfer mit Entsetzen an eine gewaltsame Hinwegführung und Einsperrung an einem unbekannten fernen Orte denken mußte.
Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden Kräften gegen das Grauen gekämpft hatte, gewaltsam schluchzend und in Verzweiflung aufgelöst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer Schwägerin nieder und umfaßte ihre Knie unter Stöhnen und zuckendem Weinen, so daß Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entriß plötzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nüchternem Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schämte.
Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit tröstender Hand übers Haar und redete halblaut und eintönig auf sie ein wie auf ein heulendes Kind.
»Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr? Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergnügt und kriegen was Gutes zum Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen!«
August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rührung zu, die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genuß, wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Tränen unversehens zu einem blöden, hilflosen Kleinkinderlächeln. Doch kam sich der Besucher bei dem allen unnütz und mehr als entbehrlich vor, er hustete darum ein wenig und sagte: »Das tut mir leid, Frau Entriß, hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen wiederkommen, wenn ich darf.«
Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie geworben und sie ihm zugehört und es geduldet habe, ohne daß sie doch willens war, ihn zu erhören. Sie erstaunte über sich selber, es konnte ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht fortgehen und die Täuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie sagte: »Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorüber. Wir müssen noch reden.« Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Röte der Sonne und die Röte der lieblichen Erregung war verglüht und ihre Augen schauten klug und kühl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Händen wieder niedersaß und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wärme gekommen sei.
Sie setzte indessen die Schwägerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren vorigen Platz zurück. »Wir müssen sie im Zimmer lassen,« sagte sie leise, »sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. -- Ich habe Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich weiß selber nicht warum, ich bin ein wenig müd gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch gedeutet. Es ist nämlich schon lange mein fester Entschluß, mich nicht mehr zu verändern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewiß reichlich fünfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute nimmer. Daß ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, können wir es weiter so haben. Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir könnten sonst den Schaden haben.«
Herr Schlotterbeck sah sie betrübt, doch freundlich an. Unter Umständen, dachte er, würde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schöner Spätsommerflor im Gedächtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wäre der Glanz nicht gewesen, er wäre betrübt, doch ohne Stachel im Herzen seiner Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glück schon wie einen zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick des Zugreifens verpaßt. Und Vögel, die man schon so nahe gehabt, läßt man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang entrinnen. Außerdem, und trotz des Ärgers über ihr Entwischen, nachdem sie schon so fromm über seine Freiersrede erglüht war, hatte er sie jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine Meinung gewesen, eine angenehme und ersprießliche Vernunftheirat zu betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn vollends wahrhaft verliebt gemacht, so daß jetzt an ein einfaches, freundlich kühles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war.
»Frau Entriß,« sagte er deshalb entschlossen, »Sie sind jetzt erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr überrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu sehr an das Praktische und Geschäftliche der Sache gehalten, wenn es auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, daß mein Herz es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch Gründe dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrücken, es steht mir nicht an, aber es ist mein Entschluß, davon nimmer zu lassen. Ich habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten, kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg weiterzuführen und Sie nach meinen Kräften zu belagern, damit es sich zeigt, wer der Stärkere ist.«
Auf diesen Ton war sie nicht gefaßt gewesen, er klang, wenn auch nicht überzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemüt und tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln Regungen Macht zu gönnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten.
Sie sagte: »Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Männer bleiben eben länger jung als unsereine, und es tut mir leid, daß Sie mit meinem Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und verliebt tun, es käme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwägerin, die mich braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen und will dabei bleiben. -- Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit Belagerungen und dergleichen, ich müßte Ihnen sonst zürnen und würde kein Wort mehr von Ihnen anhören. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer sehen.«
Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern ging in erregten Gedanken, als wäre er im eigenen Hause, heftig auf und ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu, ein wenig belustigt, ein wenig gerührt und ein wenig beleidigt, bis es ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: »Seien Sie nicht töricht, Herr Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und für Sie wird es auch Zeit sein.«
Aber er hatte eben jetzt seinen Entschluß gefunden. Er nahm seinen Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas mißlungenen Lächeln: »Gut, ich gehe jetzt, Frau Entriß. Sie müssen heut ein bißchen Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine Zeitlang nimmer belästigen. Sie sollen mich nicht für gewalttätig halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fünf Wochen, und ich bitte um nichts, als daß Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben, ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was mich noch in Gerbersau halten könnte. Also leben Sie recht wohl, und auf Wiedersehen!«
Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in freundlichem Ton Antwort: »Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen, sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise!«
»Ja, adieu,« sagte Schlotterbeck wehmütig, nahm den Türgriff in die Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurück, den nur die Schwägerin erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte Dämmerung. Er schüttelte eine Faust gegen die schwach herauftönende Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entrißens Verstocktheit zuschrieb, und beschloß im Herzen, sie so bald wie möglich für immer zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschluß tat ihm in seinem übrigen schwebenden und abhängigen Zustande wohl, als ein Ausblick auf selbständigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn sehnlich verlangte.
Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinüber, nicht ohne mehrmals nach dem Nachbarhäuschen zurückzuschauen, das mit geschlossener Tür und Gartenpforte gleichmütig und kühl die späte Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglühten Himmel noch eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blühte hinsterbend in einem sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick fühlte der Mann noch einmal die feine, innig glühende Erregung der vergangenen Stunde vorüberziehen und schüttelte lächelnd den alten Kopf zu den töricht süßen Wünschen seines Herzens. Dann betrat er sein einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, aß nur ein halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am selben Abend an, sich für die Reise zu rüsten.
Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, übergab die Schlüssel seiner Aufwärterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entriß zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Kofferträger begleitet, elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wünschte ihm von Herzen gute Erholung.
Für Frau Entriß begannen nun stille Tage. Ihr bescheidenes Leben glitt wieder in die vorige Einsamkeit zurück, es kam niemand zu ihr und es schaute niemand mehr über ihren Gartenzaun herein. In der Stadt wußte man genau, daß sie mit allen Künsten nach dem reichen Rußländer geangelt habe, und gönnte ihr seine Abreise, die natürlich keinen Tag verborgen blieb. Sie kümmerte sich nach ihrer Art um das alles nicht, sondern ging ruhig ihren Pflichten und Gewohnheiten nach. Es tat ihr leid, daß es mit Herrn Schlotterbeck so gegangen war, denn sie hatte ihn gern gesehen und sah die freundliche Nachbarlichkeit mit Bedauern gestört. Doch war sie sich keiner Schuld bewußt und in langen Jahren an das Alleinleben so gewöhnt, daß sein Fortgehen ihr keinen ernstlichen Kummer machte. Sie sammelte Blumensamen von den verblühenden Beeten, goß am Morgen und Abend, erntete das Beerenobst, machte ein und tat mit zufriedener Emsigkeit die vielen Sommerarbeiten. Und dann machte ihr die Schwägerin unverhofft zu schaffen.
Diese hatte sich seit jenem Abend still verhalten, schien aber seither noch mehr als früher mit einer heimlichen Angst zu kämpfen, welche eine Art von Verfolgungswahnsinn war und in einem mißtrauischen Träumen von Entführung und Gewalttaten bestand. Der heiße Sommer, der ungewöhnlich viele Gewitter brachte, tat ihr auch nicht gut, und schließlich konnte Frau Entriß kaum mehr auf eine halbe Stunde zu Einkäufen ausgehen, da die Kranke das Alleinbleiben nimmer ertrug. Das elende Wesen fühlte sich nur in der nächsten Nähe der gewohnten Pflegerin sicher und umgab die geplagte Frau mit Seufzen, Händeringen und scheuen Blicken einer grundlosen Furcht. Am Ende mußte sie den Arzt holen, vor dem die Kranke in neues Entsetzen geriet und der nun alle paar Tage zur Beobachtung wiederkam. Für die Gerbersauer war das wieder ein Grund, von erneuter Mißhandlung und behördlicher Kontrolle zu erzählen; die Sache ward nun in Verbindung mit ihren Absichten auf Schlotterbeck gebracht und zu einem skandalösen Fall von arglistiger Habsucht gestaltet.
Unterdessen war August Schlotterbeck nach Wildbad gefahren, wo es ihm jedoch zu heiß und zu lebhaft wurde, so daß er, auch von einiger innerer Unrast geplagt, bald wieder aufpackte und weiterfuhr, diesmal nach Freudenstadt, das ihm von jungen Zeiten her bekannt war. Dort gefiel es ihm recht wohl, er fand die Gesellschaft eines schwäbischen Fabrikanten, mit dem er gut Freund wurde und über technische und kaufmännische Dinge seiner Erfahrung reden konnte. Mit diesem Manne, der Viktor Trefz hieß und gleich ihm selber weit in der Welt herumgekommen war, machte er täglich lange Spaziergänge in den kühlen Wäldern, zum Kniebis hinauf und nach Rippoldsau, oder das schöne Murgtal hinunter, wo man überall in schöner Landschaft und Waldnähe marschieren und in hübschen Ortschaften und guten Gasthäusern sich ausruhen kann. Herr Trefz besaß im Osten des Landes eine Lederwarenfabrik von altem und bekanntem Ruf, sein neuer Freund fragte ihn nach allem aus und ihm war es wohl dabei, seine Erholungstage in so angenehmen und vertrauten Gesprächen hinbringen zu können. Es entstand zwischen den beiden alten Herren eine höfliche Vertraulichkeit und gegenseitige Hochschätzung, denn Schlotterbeck zeigte in der Lederbranche vortreffliche Kenntnisse und außerdem eine Bekanntschaft mit dem Weltmarkt, die für einen Privatier erstaunlich war. So währte es nicht lange, bis er dem Fabrikanten seine Geschichte und Lage genauer mitteilte, und es wollte beiden scheinen, sie könnten unter Umständen einmal auch in Geschäften recht gute Kameraden werden.
Die erhoffte Erholung fand Schlotterbeck also reichlich, er vergaß sogar für halbe Tage seinen schwebenden Handel mit der Witwe in Gerbersau, von dem er Herrn Trefz keine Mitteilung hatte machen mögen. Den alten Geschäftsmann belebte und erregte die Unterhaltung mit einem gewiegten Kollegen und die Aussicht auf etwaige neue Unternehmungen nicht wenig, und die Bedürfnisse seines Herzens zogen sich, da er ihnen nie allzuvielen Raum gegönnt hatte, bescheidentlich zurück. Nur wenn er allein war, etwa abends vor dem Einschlafen, suchte ihn das Bild der Frau Entriß heim und machte ihn wieder warm. Doch auch dann schien ihm die Angelegenheit nicht mehr gar so verzweifelt und gewichtig. Er dachte an jenen Abend im Häuschen der Nachbarin und fand schließlich, sie habe nicht völlig unrecht gehabt. Er sah ein, daß der Mangel an Arbeit und das Alleinhausen zu einem großen Teil an seinen Heiratsgedanken schuld gewesen seien. Nicht daß er nun kalt und untreu geworden wäre, das lag nicht in seiner Art, aber wenn nun, wie zu vermuten war, es bei jener ersten Antwort der Frau bleiben würde, schien ihm das Unglück immerhin unter den jetzigen Umständen nicht unerträglich.