Part 19
Unter den Gefangenen war auch der ehemalige Pater Matthias, der zuweilen den gesenkten Kopf aufrichtete und in die sonnige Weite des Tales und zum stillen Kloster hinunter sah. Er hatte keine guten Tage, aber seine Hoffnung stand immer wieder, von allen Zweifeln unzerstört, auf das Bild der hübschen blassen Frau gerichtet, deren Hand er vor dem bitteren Gang in die Schande gehalten und geküßt hatte. Und indem er unwillkürlich jenes Tages vor seiner Schicksalsreise gedachte, da er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und Mißmut hier herübergeblickt hatte, da ging ein feines Lächeln über sein mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals keineswegs besser und wünschenswerter als das hoffnungsvolle Heute.
Ende
Werke von Hermann Hesse
Peter Camenzind
Roman. 60. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark.
Wenn du aber zu den Menschen gehörst, die weinen können, weil der Himmel kornblumenblau über einem goldenen Weizenfeld steht, wenn du einer von denen bist, die jauchzen können, wenn der Wind durch blühende Lindenbäume rauscht, dann schnür dein Bündel und pack die Geschichte des Peter Camenzind obenauf. Und dann wandre und wandre, bis du zu einem dunklen See kommst, der zu Füßen einiger hoher Bergschroffen liegt. Dort sitz nieder und lies, was dir Peter Camenzind von den Bergen und vom Walde, von den Strömen und von der Liebe zu erzählen hat. Und glaub mir: Du wirst größer, reiner, freier wieder heimkehren in die Stadtwirrnis.
(Die Woche)
Unterm Rad
Roman. 19. Auflage. Geheftet 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.
Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher leiser Klage und ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft und stilistischen Adels ist.
(Münchener Zeitung)
Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.
(Münchener Neueste Nachrichten)
Diesseits
Erzählungen. 18. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.
Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband »Diesseits« lesen.
(Neue Zürcher Zeitung)
Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Es ist ein stilles, vornehmes und unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig in die Hand nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, still, ergriffen, nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzählerkunst.
(Münchener Zeitung)
Nachbarn
Erzählungen. 12. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.
Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.
(Württemberger Zeitung, Stuttgart)
Hesse arbeitet aus der Stimmung, aus der Landschaft, und darum fließen seine Erzählungen ineinander über. Sie lesen sich entzückend. Natürlicheres, Traulicheres, Feineres wird heute kaum geschrieben.
(Vossische Zeitung, Berlin)
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.
Anmerkungen zur Transkription:
In "er war in dem großen Atelier heftig hin und wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervösen Händen gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein flimmerndes Gehäuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmärchen glich, unter welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestand als dem rasenden Kreisschwung seines Degens." stand "bestund" statt des zweiten "bestand".
In "Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen anderen Verkündern in anderen Tönungen zu hören bekam, und er hätte ein Riese sein müssen, wenn nicht allmählich jedes dieser Bekenntnisse ihm, der außerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrücke gemacht und sein eigenes Denken gefärbt hätte." stand "Welte" statt "Welt"
In "Denn er sah gar wohl, daß die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu machen, Macht zu üben und über Unverständige Vorteile zu erlangen." stand "entlernt" statt "entfernt".