Part 15
Von da an hatte die Portokasse des Hauses Dreiß ein unsichtbares Loch, durch welches in aller Stille immerzu ein kleiner dünner Geldfluß entwich und dem Lehrling Kolb gute Tage machte. Das Theater freilich zog hinweg in andere Städte, und ähnliches kam sobald nicht wieder. Aber da war bald eine Kirchweih in Hängstett, bald auf dem Brühel ein Karussell, und außer dem Fahrgeld und Bier oder Kuchen war meistens dazu auch ein neuer Hemdkragen oder Schlips unentbehrlich, oder beides. Ganz allmählich wurde der arme junge Mensch zu einem verwöhnten Manne, der sich überlegt, wo er am kommenden Sonntag vergnügt sein will, und der aufs Geld nicht zu sehen braucht. Er hatte bald gelernt, daß es beim Vergnügen auf anderes ankommt als aufs Notwendige, und tat mit Genuß Dinge, die er früher für Sünde und Dummheit gehalten hätte. Beim Bier schrieb er an die jungen Herren in Lächstetten Ansichtskarten, und nicht die billigsten, sondern stets von den lackierten farbigen mit den tiefblauen Himmeln und brandroten Dächern, auf denen jede Gegend schöner aussah, als am schönsten Sommertage. Und wo er sonst ein trockenes Brot verzehrt hatte, fragte er nun nach Wurst oder Käse dazu, er lernte in Wirtschaften herrisch nach Senf und Zündhölzern verlangen und den Zigarettenrauch durch die Nase blasen.
Immerhin mußte er in solchem Verbrauch seines Wohlstandes vorsichtig sein und durfte nicht immer auftreten, wie es ihm gerade Spaß gemacht hätte. Die paar ersten Male spürte er auch vor dem Monatsende und der Kontrolle seiner Kasse ziemliches Bangen. Aber stets ging alles gut, und nirgends fand sich eine Nötigung, den begonnenen Unfug einzustellen. So wurde Kolb, wie jeder Gewohnheitsdieb, trotz aller Vorsicht am Ende sicher und blind.
Und eines Tages, da er wieder das Portogeld für sieben Briefe statt für vier aufgeschrieben hatte und da sein Herr ihm den falschen Eintrag vorhielt, blieb er frech dabei, es müßten sieben Briefe gewesen sein. Und da der Herr Dreiß sich dabei zu beruhigen schien, ging Emil friedlich seiner Wege. Am Abend aber setzte sich der Herr, ohne daß der Schelm davon wußte, hinter sein Büchlein und studierte es sorgsam durch. Denn es war ihm nicht nur der größere Portoverbrauch in letzter Zeit aufgefallen, sondern es hatte ihm heute ein Gastwirt aus der Vorstadt erzählt, der junge Kolb komme neuerdings am Sonntag öfter zu ihm und scheine mehr für Bier auszugeben, als der Vater ihm dafür geben könne. Und nun hatte der Kaufherr geringe Mühe, das Übel zu übersehen und die Ursache mancher Veränderung im Wesen und Treiben seines jungen Kassiers zu erkennen.
Da der ältere Bruder Dreiß gerade auf Reisen war, ließ der jüngere der Sache zunächst ihren Lauf, indem er nur täglich in der Stille die kleinen Unterschlagungen betrachtete und notierte. Er sah, daß sein Verdacht dem jungen Manne nicht Unrecht getan hatte, und wunderte sich ärgerlich über die Ruhe und geschickte Sachlichkeit, mit der ihn der Bursche eine so lange Zeit hintergangen und bestohlen hatte.
Der Bruder kehrte zurück, und am folgenden Morgen beriefen die beiden Herren den Sünder in ihr Privatkontor. Da versagte denn doch die erworbene Sicherheit des Gewissens; kaum hatte Emil Kolb die beiden ernsten Gesichter der Prinzipale und in des einen Händen sein schmales Kassenbüchlein erblickt, so wurde er weiß im Gesicht und verlor den Atem.
Hier begannen Emils schlimme Tage. Als würde ein schmucker Marktplatz durchsichtig, oder eine nette helle Gasse, und man sähe unterm Boden Kanäle, Kloaken und trübe Wasser rinnen, von Gewürm bevölkert und übel riechend, so lag der unreine Grund dieses scheinbar harmlosen jungen Lebens häßlich aufgedeckt vor seinen und seiner Herren Augen da. Das Schlimmste, was er je gefürchtet, war hereingebrochen, und es war übler, als er gedacht hätte. Alles Saubere, Ehrliche, das bisher in seinem Leben gewesen war, versank und war weg, sein Fleiß und Gehorsam war nicht gewesen, es blieb von einem fleißigen Leben zweier Jahre nichts übrig als die Schmach seines Vergehens.
Emil Kolb, der bis dahin einfach ein kleiner Schelm und bescheidener Hausdieb gewesen war, wurde nun zu dem, was die Zeitungen ein Opfer der Gesellschaft nennen.
Denn die beiden Brüder Dreiß waren nicht darauf eingerichtet, in ihren vielen Lehrbuben junge Menschen mit jungen wartenden Schicksalen zu sehen, sondern nur eben Arbeiter, deren Unterhalt wenig kostete und die für Jahre eines nicht leichten Dienstes noch dankbar sein mußten. Sie konnten nicht sehen, daß hier ein verwahrlostes junges Leben an der Wende stand, wo es ins Dunkel hinabgeht, wenn nicht ein guter und williger Mensch zu helfen bereit ist. Einem jungen Diebe zu helfen wäre ihnen im Gegenteil als Sünde und Torheit erschienen. Sie hatten einem Buben aus armem Hause Vertrauen geschenkt und ihr Haus geöffnet, nun hatte dieser Mensch sie hintergangen und ihr Vertrauen mißbraucht -- das war eine klare Sache. Die Herren Dreiß waren sogar edel und kamen überein, den armen Kerl nicht der Polizei zu übergeben, und doch wäre dies das Beste gewesen, wenn sie doch einmal selbst die Hand von dem Entgleisten abziehen wollten. Sie entließen ihn vielmehr, ausgescholten und zerschmettert, und trugen ihm auf, er möge zu seinem Vater gehen und ihm selber sagen, weshalb man ihn in einem anständigen Handelshause nicht mehr brauchen könne.
Daraus darf jedoch den Brüdern Dreiß kein Vorwurf gemacht werden. Sie waren ehrenwerte Männer und auf ihre Art wohlmeinend, sie waren nur gewohnt, in allem Geschehenden »Fälle« zu sehen, auf welche sie je nachdem eine der Regeln bürgerlichen Tuns anwenden mußten. So war auch Emil Kolb für sie nicht ein gefährdeter und untersinkender Mensch, sondern ein bedauerlicher Fall, welchen sie nach allen Regeln ohne Härte erledigten.
Sie waren sogar über das notwendige Maß pflichtbewußt und gingen am folgenden Tage selber zu Emils Vater, um mit ihm zu reden, die Sache zu erzählen und etwa mit einem Rate zu dienen. Aber der Vater Kolb wußte noch gar nichts von dem Unglück. Sein Sohn war gestern nicht nach Hause gekommen, er war davongelaufen und hatte die Nacht im Freien hingebracht. Zur Stunde, da seine Prinzipale ihn beim Vater suchten, stand er frierend und hungrig überm Tale am Waldrand und hatte sich, im Selbsterhaltungsdrang gegen die Versuchung freiwilligen Untergangs, so hart und trotzig gemacht, wie es dem schwachen Jungen sonst in Jahren nicht möglich gewesen wäre.
Sein erster Wunsch und Gedanke war gewesen, sich nur zu flüchten, sich zu verbergen und die Augen zu schließen, da er die Schande wie einen großen giftigen Schatten über sich fühlte. Erst allmählich, da er einsah, er müsse zurückkehren und irgendwie das Leben weiter führen, hatte sein Lebenswille sich zu Trotz verhärtet und er hatte sich vorgenommen, den Brüdern Dreiß das Haus anzuzünden. Indessen war auch diese Rachelust vergangen. Emil sah ein, wie sehr er sich den weiteren Weg zu jedem Glück erschwert habe, und kam am Ende mit seinen Gedanken zu dem Schlusse, es sei ihm nun doch jeder lichte Pfad verbaut und er müsse nun erst recht und mit verdoppelten Kräften den Weg des Bösen gehen, um doch noch auf seine Weise Recht zu behalten und das Schicksal zu zwingen.
Der entsetzte kleine Flüchtling von gestern kehrte nach einer verwachten und durchfrornen Nacht als ein junger Bösewicht nach der Heimat zurück, auf Schmach und üble Behandlung gefaßt und zu Krieg und Widerstand gegen die Gesetze dieser schnöden Welt gewillt.
Nun wieder wäre es an seinem Vater gewesen, ihn ohne Umgehung der Prügelstrafe in eine ernsthafte Kur zu nehmen und den geschwächten Willen nicht vollends zu brechen, sondern langsam wieder zu erheben und zum Guten zu wenden. Das war indessen mehr, als der Schuster Kolb vermochte. So wenig wie sein Sohn vermochte dieser Mann das Gesetz des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung zu erkennen oder doch zu fühlen. Statt die Entgleisung seines Sprößlings als eine Folge seiner schlechten Erziehung zu nehmen und den Versuch einer Besserung an sich und dem Kinde zu beginnen, tat Herr Kolb so, als sei von seiner Seite her alles in Ordnung und als habe er allen Grund gehabt, von seinem Söhnlein nur Gutes zu erwarten. Freilich, Vater Kolb hatte nie gestohlen, doch war in seinem Hause der Geist nie gewesen, der allein in den Seelen der Kinder das Gewissen wecken und der Lust zur Entartung trotzen kann.
Der zornige, gekränkte Mann empfing den heimkehrenden Sünder wie ein Höllenwächter bellend und fauchend, er rühmte ohne Grund den guten Ruf seines Hauses, ja er rühmte seine redliche Armut, die er sonst hundertmal verwünscht hatte, und lud alles Elend, alle Last und Enttäuschung seines Lebens auf den halbwüchsigen Sohn, der sein Haus in Schande gebracht und seinen Namen in den Schmutz gezogen habe. Alle diese Ausdrücke kamen nicht aus seinem erschrockenen und völlig ratlosen Herzen, sondern aus Erinnerung, er befolgte damit eine Regel und erledigte einen Fall, ähnlich und trauriger, als es die Dreiß getan hatten.
Emil stand ruhig und ließ den Strom verrinnen, er hielt den Kopf gesenkt und schwieg, er fühlte sich elend, aber beinahe doch dem ohnmächtig wetternden Alten überlegen. Alles was der Vater von der ehrlichen Armut vom besudelten Namen und vom Zuchthause schrie, kam ihm nichtig vor; wenn er irgendeine andere Unterkunft in der Welt gewußt hätte, wäre er ohne Antwort hinweggegangen. Er war in der überlegenen Lage dessen, dem alles einerlei ist, weil er soeben von dem bitteren Wasser der Verzweiflung und des Grauens getrunken hat. Dagegen verstand er die Mutter wohl, die hinten am Tische saß und stille weinte. Er fühlte, daß sie in dieser Stunde etwas von dem kosten mußte, woran er selber diese Nacht gewürgt hatte, aber er fand keinen Weg zu ihr, der er am wehesten getan hatte und von der er doch am ehesten Mitleid erwartete.
Das Haus Kolb war nicht in der Lage oder nicht willens, einen nahezu erwachsenen Sohn unbeschäftigt herumsitzen zu haben.
Der Meister Kolb, als er sich vom ersten Schrecken aufgerafft hatte, hatte zwar noch alles versucht, dem Schlingel trotz allem eine feinere Zukunft zu ermöglichen. Aber ein Lehrling, den die Brüder Dreiß, wenn auch aus unbekannten Ursachen, plötzlich weggejagt hatten, fand in Gerbersau keinen Boden mehr. Nicht einmal der Schreinermeister Kiderle, der doch im Blatt einen Lehrbuben bei freier Kost gesucht hatte, konnte sich entschließen, den Emil aufzunehmen. Ein Schneider freilich war noch da, der hätte ihn genommen, aber dagegen sträubte sich Emil selbst so wild und verzweifelt, daß man ihn gewähren lassen mußte.
Schließlich, als eine Woche nutzlos verstrichen war, sagte der Vater: »Ja, wenn alles nicht hilft, mußt du halt in die Fabrik!«
Er war auf Klagen und Widerstand gefaßt, aber Emil sagte ganz zufrieden: »Mir ist's recht. Aber den Hiesigen mach' ich die Freude nicht, daß sie mich in die Fabrik gehen sehen.«
Daraufhin fuhr Herr Kolb mit seinem Sohne nach Lächstetten hinüber. Da sprach er beim Fabrikanten Erler vor, der tannene Faßspunden herstellte, fand aber kein Gehör, und dann beim Walkmüller, der ebenfalls eilig dankte, und ging schließlich verzweifelnd, nur weil vor dem Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde Zeit übrig war, auch noch in die Spindlersche Maschinenstrickerei, wo er im Werkführer zu seiner Überraschung einen Bekannten fand, der sich für ihn verwendete. So ließ man den Zug fahren und wartete auf den Fabrikanten, der nach wenig Worten den jungen Menschen auf Probe zu nehmen einwilligte.
Nach der Art gedankenloser Leute war Vater Kolb froh, als am folgenden Montag sein mißratener Sohn das Haus verließ, um sein Fabriklerleben in Lächstetten zu beginnen. Auch dem Sohne war es wohl, daß er aus den Augen der Eltern kam. Er nahm Abschied, als wäre es für wenige Tage, und hatte doch fest im Sinne, sich daheim nimmer oder doch lange Zeit nicht mehr zu zeigen.
Der Eintritt in die Fabrik fiel ihm trotz aller desperaten Vorsätze doch nicht leicht. Wer einmal gewohnt war, wenn auch nur als geringstes Glied, zu den geachteten Ständen zu gehören und über den Pöbel die Nase zu rümpfen, dem ist es ein saurer Bissen, wenn er einmal selber den guten Rock ausziehen und zu den Verachteten zählen soll.
Dazu kam, daß Emil bei dem Wegzug nach Lächstetten sich darauf verlassen hatte, daß er dort an seinem Freunde Remppis einen guten Halt finden werde. Darin hatte der schlaue Jüngling sich indessen verrechnet. Er hatte nicht gewagt, seinen Freund im stolzen Hause des Prinzipals aufzusuchen, begegnete ihm aber gleich am zweiten Abend auf der Gasse. Erfreut trat er auf ihn zu und rief ihn bei Namen.
»Grüß Gott, Franz, das freut mich aber! Denk, ich bin jetzt auch in Lächstetten!«
Der Freund aber machte gar kein frohes Gesicht. »Ich weiß schon,« sagte er sehr kühl, »man hat es mir geschrieben.«
Sie gingen miteinander die Gasse hinab. Emil suchte einen leichten Ton anzustimmen, aber die Mißachtung, die der Freund ihm so deutlich zeigte, drückte ihn nieder. Er versuchte zu erzählen, zu fragen, ein Zusammentreffen am Sonntag zu verabreden; aber auf alles antwortete Franz Remppis kühl und vorsichtig. Er habe jetzt so wenig Zeit, sei auch nicht recht wohl, und gerade heut erwarte ihn ein Kamerad in einer wichtigen Angelegenheit, und auf einmal war er weg und Emil ging allein durch den Abend zu seiner ärmlichen Schlafstelle, erzürnt und traurig. Er nahm sich vor, dem Freunde bald seine Untreue in einem beweglichen Briefe vorzuhalten, und fand in diesem Vorsatz einigen Trost.
Allein auch hierin kam ihm Franz zuvor. Schon am folgenden Tage erhielt der junge Fabrikler beim abendlichen Nachhausekommen einen Brief, den er mit Sorgen öffnete und mit Schrecken las:
Geehrter Emil!
Unter Bezugnahme auf unser Mündliches von gestern, möchte Dir nahelegen, künftighin auf unsere bisherigen angenehmen Beziehungen zu verzichten. Ohne Dir im geringsten zu nahe treten zu wollen, dürfte es doch angezeigt sein, daß jeder von uns seinen Umgang im Kreise seiner Standesgenossen sucht. Ebendaher erlaube mir auch vorzuschlagen, uns künftig gegebenenfalls lieber mit dem höflichen Sie anzureden.
Ergebenst grüßend Ihr ehemaliger
Franz Remppis.
Auf dem Wege des jungen Kolb, der von da an stetig abwärts führte, war hier der Punkt des letzten Zurückschauens, der letzten Besinnung, ob es nicht auch anders hätte gehen können, ja ob nicht jetzt noch eine Wandlung möglich wäre. Nach einigen Tagen lag dies alles abgetan dahinten, und der junge Mensch lief vollends blindlings in der engen Sackgasse seines Schicksals weiter.
Die Arbeit in der Fabrik war nicht so schlimm, wie sie ihm geschildert worden war. Er hatte zu Anfang nur Handlangerdienste zu tun, Kisten zu öffnen oder zu vernageln, Körbe mit Wolle in die Säle zu tragen, Gänge zum Magazin und zur Reparaturwerkstätte zu besorgen. Es dauerte jedoch nicht lange, so bekam er probeweise einen Strickstuhl zu besorgen, und da er sich anstellig zeigte, saß er in Bälde an seinem eigenen Stuhl und arbeitete im Akkord, so daß es ganz von seinem Fleiß und Willen abhing, wieviel Geld er in der Woche verdienen wollte. Dieses Verhältnis, das sich in keinem anderen Berufe so findet, gefiel dem jungen Burschen sehr wohl, und er genoß seine Freiheit mit grimmigem Behagen, indem er am Feierabend und Sonntag mit den wildesten Kameraden aus der Fabrik bummeln ging. Da gab es keinen Prinzipal mehr, der in häßlicher Nähe kontrollierend saß, und keine Hausordnung eines alten strengen Handelshauses, keine Eltern und nicht einmal ein Standesbewußtsein, das störende Forderungen machen konnte. Geld verdienen und Geld verbrauchen war des Lebens Sinn, und das Vergnügen bestand neben Bier und Tanzen und Zigarren vor allem im Gefühl frecher Unabhängigkeit, womit man am Sonntag den schwarzgekleideten Kaufleuten und anderen Philistern ins Gesicht grinsen konnte, ohne daß es jemand gab, der einem verbieten oder befehlen durfte.
Dafür, daß es ihm mißlungen war, aus seinem geringen Vaterhause in die höheren Stände empor zu gelangen, rächte sich Emil Kolb nun an diesen höheren Ständen. Er fing, wie billig, oben an und ließ den lieben Gott seine Verachtung fühlen, indem er weder Predigt noch Katechese je besuchte und dem Pfarrer, den er zu grüßen gewohnt gewesen war, beim Begegnen auf der Straße vergnügt den Rauch seiner langen Zigarre ins Gesicht blies. Schön war es auch, am Abend sich vor das beleuchtete Schaufenster zu stellen, hinter welchem der Lehrling Remppis noch saure Abendstunden an der Arbeit war, oder in den Laden selbst hinein zu gehen und mit dem baren Gelde in der Hosentasche eine gute Zigarre zu verlangen.
Das Schönste aber waren ohne Zweifel die Mädchen. In der ersten Zeit hielt sich Emil den Frauensälen der Fabrik fern, bis er eines Tages in der Mittagspause aus dem Saal der Sortiererinnen eine junge Mädchengestalt hervortreten sah, die er trotz mancher Veränderungen alsbald wieder erkannte. Er lief hinüber und rief sie an.
»Fräulein Emma! Kennen Sie mich noch?«
Erst in diesem Augenblicke fiel ihm ein, unter welch anderen Umständen er das Mädchen im vorigen Jahre kennen gelernt hatte und wie wenig sein jetziger Zustand dem entsprach, was er ihr damals von sich erzählt hatte.
Auch sie schien sich jener Unterhaltungen noch wohl zu erinnern, denn sie grüßte ihn ziemlich kalt und meinte: »So, Sie sind's? Ja, was tun denn Sie hier?«
Doch gewann er für den Augenblick das Spiel, indem er mit lebhafter Galanterie antwortete: »Es versteht sich doch von selbst, daß ich nur Ihretwegen hier bin!«
Das Fräulein Emma hatte seit dem Sonntagsausflug mit dem Verein jüngerer Angehöriger des Handelsstandes ein wenig an Anmut und Mädchenzierlichkeit verloren, hingegen sehr an Lebenserfahrung und Kühnheit gewonnen. Nach einer kurzen Prüfungszeit bemächtigte sie sich des jungen Liebhabers entschieden, der nun seine Sonntage stolz und herrisch am Arm der Schönen verbummelte und an Tanzplätzen und Ausflugsorten seine junge Mannheit sehen ließ.
Es kam da auch zu einem Wiedersehen mit jenem Häuflein junger Ladenschwengel, dessen Gäste Emma und ihr Schatz damals gewesen waren. Da mochten nun die Herren Lehrlinge noch so sehr die Nasen hochziehen und fremd tun, Emil lachte sie geradezu an und hatte sein Mädchen so frech und herausfordernd im Arme, und sie lachte auch so laut und hing ihm so hingegeben an, daß freilich die Handelsständler an ihrem Glücke nicht zweifeln konnten.
Genug Geld zu haben und ohne lästige Kontrolle nach seinem Belieben ausgeben zu dürfen, war für Kolb ein lang ersehntes Vergnügen, dessen er jetzt schwelgerisch genoß. Trotzdem aber und trotz seines blühenden Liebesfrühlings war es dem Manne nicht völlig wohl. Was ihm fehlte, war die Lust des unrechtmäßigen Besitzes und der Kitzel des schlechten Gewissens. Zum Stehlen gab es in seinem jetzigen Leben kaum eine Gelegenheit. Nichts ist dem Menschen schwerer zu entbehren als ein Laster, und wenige Laster sind so zäh wie das der Diebe. Außerdem hatte der junge Mensch in seiner Verwahrlosung einen Haß gegen die Reichen und Angesehenen in sich ausgebildet, aus deren Reihen er für immer ausgestoßen war, und mit dem Hasse ein Verlangen, diese Leute nach Möglichkeit zu überlisten und zu schädigen. Das Gefühl, am Samstag Abend mit einigen wohlverdienten Talern im Beutel aus der Fabrik zu gehen, war ganz angenehm. Aber jenes Gefühl, heimlich über fremde Gelder zu verfügen und einen dummen Kerl von Prinzipal beliebig prellen zu können, war doch weit köstlicher gewesen.
Darum sann Emil Kolb mitten in seinem Glücke immer gieriger auf neue Möglichkeiten zu unehrlichem Erwerb. Eine neue Leidenschaft, die soeben Gewalt über ihn zu üben anfing, tat diesen Plänen Vorschub. Es kam neuerdings manchmal vor, daß er ohne Geld war, obwohl er über seinen Bedarf verdiente. Er hatte nämlich, durch einen Zeitungsartikel angeregt, sich in den Gedanken verliebt, einmal durch einen Lotteriegewinn reich zu werden. Das war schon seinem Vater im Blut gelegen, der in früheren Zeiten manchen Taler an Lose vergeudet, seit langem aber das Geld dafür nimmer aufgebracht hatte. Emil kaufte sich mehrere Lose, und da sie alle nicht gewannen, die Spannung aber im Erwarten und Lesen der Ziehungslisten ihn immer heftiger kitzelte, wurde es ihm zur Gewohnheit, immer wieder sein Geld an diese wilden Hoffnungen zu wagen.
Die Energie eines planmäßigen Denkens, welche er im täglichen Leben und zu redlichen Zwecken kaum aufbrachte, fand er in seinen Diebesplänen wieder. Geduldig suchte er Gelegenheit und Ort eines größeren Unternehmens ausfindig zu machen, und da er durch die heimatlichen Erfahrungen gewitzigt war, schien es ihm richtig, diesmal das eigene Geschäft zu schonen und etwas Entlegneres zu suchen. Da stach ihm der Laden ins Auge, wo Franz Remppis als Lehrling diente, das größte Geschäft des Städtchens.
Das Haus Johann Löhle in Lächstetten entsprach etwa dem der Brüder Dreiß in Gerbersau. Es führte außer Kolonialwaren und landwirtschaftlichen Geräten alle Artikel des täglichen Gebrauches, vom Briefpapier und Siegellack bis zu Kleiderstoffen und eisernen Öfen, und hielt nebenher eine kleine Bank. Den Laden kannte Emil Kolb genau, er war oft genug darin gewesen und über die Standorte mancher Kiste und Lade sowie über Ort und Beschaffenheit der Kasse wohl unterrichtet. Über die sonstigen Räume des Hauses wußte er durch frühere Erzählungen seines Freundes einigermaßen Bescheid, und was ihm zu wissen noch unentbehrlich schien, erfragte er bei gelegentlichen Besuchen des Ladens. Er sagte etwa, wenn er abends gegen sieben Uhr den Laden betrat, zum Hausknecht oder jüngsten Lehrling: »Na, jetzt ist bald Feierabend!« Sagte der dann: »Noch lange nicht, es kann halb neune werden«, so fragte Emil weiter: »So so; aber dann kannst du wenigstens gleich weglaufen, das Ladenschließen wird nicht deine Sache sein.« Und dann erfuhr er, daß der Prokurist Menzel oder zu andern Zeiten der Sohn des Prinzipals immer als Letzter das Geschäft verlasse, und richtete nach alle dem seine Pläne ein.
Darüber verging die Zeit, und es war seit seinem Eintritt in die Fabrik schon ein Jahr vergangen. Diese lange Zeit war auch an dem Fräulein Emma nicht spurlos vorübergegangen. Sie begann etwas gealtert und unfrisch auszusehen; was aber ihren Liebhaber am meisten erschreckte, war der nicht mehr zu verbergende Umstand, daß sie ein Kind erwartete. Das verdarb ihm die Lächstettener Luft, und je näher die gefürchtete Niederkunft heranrückte, desto fester wurde in Kolb der Vorsatz, noch vor diesem Ereignis den Ort zu verlassen. Er erkundigte sich daher fleißig nach auswärtigen Arbeitsgelegenheiten und stellte fest, daß er nichts zu verlieren habe, wenn er sich der Schweiz zuwendete.
Auf den schönen Plan einer Erleichterung des Johann Löhleschen Ladens jedoch dachte er deswegen nicht zu verzichten. Ja es schien ihm sehr gut und schlau, seinen Abgang aus der Stadt mit der Tat zu verbinden. Darum hielt er eine letzte Übersicht über alle seine Mittel und Aussichten, schloß die Rechnung befriedigt ab und vermißte zur Ausführung seines Unternehmens nichts als ein wenig Mut. Der kam ihm jedoch während einer sehr untröstlichen Unterredung mit der Emma, so daß er im Ärger der Stunde ungesäumt den Weg des Schicksals betrat und beim Aufseher für die nächste Woche kündigte. Es wurde ihm ohne Erfolg zum Dableiben geraten, und da er vom Wandern nicht abzubringen war, versprach ihm der Aufseher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung an mehrere Schweizer Fabriken mitzugeben.