Umwege: Erzählungen

Part 14

Chapter 143,496 wordsPublic domain

Mit dieser Halsbinde angetan tat der junge Herr seinen ersten Schritt in die Welt der Erwachsenen und feierte sein erstes Fest. Bisher hatte er sich wohl des Sonntags manchmal den Kameraden angeschlossen, wenn sie langsam und unentschlossen durch die sonnigen Gassen bummelten, vorübergehenden Kollegen ein Witzwort nachriefen und recht heimatlos und verstoßen sich umhertrieben, aus der farbigen Kinderwelt ohne Gnade entlassen und in die würdige Welt der Männer noch nicht aufgenommen. Da hatte Emil sehr wohl gefühlt, daß sie alle noch weit bis zu Glück und Ehre hätten, und hatte nicht ohne bitteren Neid den jungen Fabriklern nachgeschaut, die mit langen Zigarren im Munde und Mädchen am Arm der Musik einer Ziehharmonika folgten.

Nun aber sollte auch er zum erstenmal seit der Schulzeit einen festlichen Sonntag mitfeiern. Sein Freund Remppis hatte in Lächstetten, wie es schien, mehr Glück gehabt als Emil daheim. Und neulich hatte er einen Brief geschrieben, der den Freund Kolb zum Kauf der feinen Halsbinde veranlaßt hatte.

Lieber, sehr geehrter Freund!

Im Besitz Deines Werten vom 12. _hujus_ bin in der angenehmen Lage, Dich für kommenden Sonntag, 23. _hj._, zu kleiner Fidelität einzuladen. Unser Verein jüngerer Angehöriger des Handelsstandes macht am Sonntag seinen Jahresausflug und möchte nicht verfehlen, Dich dazu herzlich einzuladen. Erwarte Dich bald nach Mittag, da erst noch bei meinem Chef essen muß. Werde Sorge tragen, daß alles Deine Anerkennung findet, und bitte, Dich sodann ganz als meinen Gast betrachten zu dürfen. Selbstverständlich sind auch Damen eingeladen! Zusagendenfalls erbitte Antwort wie sonst _poste restante_ Merkur 01137. Deinem Werten mit Vergnügen entgegensehend empfiehlt sich mit Gruß Dein

Franz Remppis, Mitglied des V. j. A. d. H.

Sofort hatte Emil Kolb geantwortet:

Lieber, sehr geehrter Freund!

In umgehender Beantwortung Deines Geschätzten von gestern sage für Deine gütige Einladung besten Dank und wird es mir ein Vergnügen sein, derselben Folge zu leisten. Die Aussicht auf die Bekanntschaft mit den werten Herren und Damen eures löblichen Vereins ist mir so wertvoll wie schmeichelhaft und kann ich nicht umhin, Dich zu dem regen gesellschaftlichen Leben von Lächstetten zu beglückwünschen. Alles Weitere auf unser demnächstiges mündliches Zusammentreffen verschiebend, verbleibe mit besten Grüßen Dein ergebener Freund

Emil Kolb.

_P. S._ In Eile erlaube mir noch speziellen Dank für die geschäftliche Seite Deiner Einladung, von welcher dankbar Gebrauch machen werde, da zurzeit leider meine Kasse größeren Ansprüchen nicht gewachsen sein dürfte.

Dein treuer Obiger.

Nun war dieser Sonntag gekommen. Es war gegen Ende Juni und da seit wenigen Tagen nach langem Regen heißes Sommerwetter eingetreten war, sah man überall die Heuernte in vollem Gange. Emil hatte für den ganzen Tag ohne Schwierigkeit Urlaub, jedoch kein Geld für die kleine Eisenbahnfahrt nach Lächstetten erhalten. Darum machte er sich zeitig am Vormittag auf den Weg und war bis zur verabredeten Stunde lange genug unterwegs, um sich die bevorstehenden Freuden und Ehren in reichlicher Fülle und Schönheit ausdenken zu können. Daneben tat er an günstigen Orten auch den eben reifenden Kirschen Ehre an und kam bequemlich zur rechten Zeit in Lächstetten an, das er noch nie gesehen hatte. Nach den Schilderungen seines Freundes Remppis hatte er sich diese Stadt in vollem Gegensatze zu dem schlechten, spießigen Gerbersau als einen glänzenden, reichen Ort herrlichster Lebenslust vorgestellt und war nun etwas enttäuscht, die Gassen, Plätze, Häuser und Brunnen eher geringer und schmuckloser zu finden als in der Vaterstadt. Auch das Geschäftshaus Johann Löhle, in welchem sein Freund die Geheimnisse des Handels erlernen sollte, konnte sich mit dem stattlichen Hause der Brüder Dreiß in Gerbersau nicht messen. Dies alles stimmte Emils Erwartungen und Freudebereitschaft einigermaßen herab, doch stärkten diese kritischen Wahrnehmungen seinen Mut und seine Hoffnung, er würde neben der weltgewandteren und lebensfroheren Jugend dieser Stadt bestehen können.

Eine Weile umstrich der Ankömmling das Handelshaus, ohne daß er den Mut gefunden hätte, einzutreten und nach seinem Landsmann zu fragen. Er ging hin und wieder, atmete den Duft der Fremde und Wanderschaft und wagte nur hie und da schüchtern einen Liedanfang zu pfeifen, der in früheren Zeiten als Signal zwischen Franz Remppis und ihm gegolten hatte. Nach einiger Zeit erschien der Gesuchte denn auch in einem hohen Mansardenfensterchen, winkte hinab und wies den Freund durch Zeichen an, ihn nicht vor dem Hause, sondern unten am Marktplatz zu erwarten. Leicht enttäuscht begab sich Emil hinweg und brachte seine Wartezeit vor dem Schaufenster eines Eisenhändlers zu, wo er von neuem feststellte, daß es hier am Orte weniger fein und modern aussehe und zugehe als daheim in Gerbersau.

Nun aber kam Franz daher, und sogleich sank Emils Kritiklust zusammen, da er den Schulfreund in einem ganz neuen Anzug mit einem steifen, unmäßig hohen Hemdkragen und sogar mit Manschetten geschmückt sah.

»Servus!« rief der junge Remppis fröhlich. »Jetzt kann es also losgehen. Hast du Zigarren?«

Und da Emil keine hatte, schob er ihm eine kleine Handvoll in die Brusttasche.

»Schon recht, du bist ja mein Gast. Ums Haar hätte ich heut nicht frei gekriegt, der Alte war verflucht scharf. Aber jetzt wollen wir marschieren.«

So sehr das flotte Wesen Emil gefiel, so konnte er eine Enttäuschung doch nicht verbergen. Er war zu einem Vereinsausfluge eingeladen, er hatte Fahnen und vielleicht sogar Musik erwartet.

»Ja, wo ist denn euer Verein jüngerer Angehöriger des Handelsstandes?« fragte er mißtrauisch.

»Der wird schon kommen. Wir können doch nicht unter den Fenstern der Prinzipale ausrücken! Die gönnen einem so wie so kein Vergnügen. Nein, wir treffen uns vor der Stadt beim alten Galgen.«

»So so. Beim Galgen?«

»Ja, so heißt es dort. Es ist ein Wirtshaus. Da sind wir ganz sicher, daß keiner von den Alten hinkommt.«

Bald hatten sie den alten Galgen erreicht, ein kleines Gehölz und ein altes schäbiges Wirtshäuschen, wo sie rasch eintraten, nachdem Franz sich scharf umgesehen hatte, ob niemand ihn beobachte. Drinnen wurden sie von sechs oder sieben anderen Lehrlingen empfangen, die alle vor hohen Biergläsern saßen und Zigarren rauchten. Remppis stellte seinen Landsmann den Kameraden vor, und Emil ward feierlich willkommen geheißen.

»Sie gehören wohl alle zum Verein?« fragte er.

»Gewiß,« wurde ihm geantwortet. »Wir haben diesen Verein ins Leben gerufen, um die Interessen unseres Standes zu fördern, vor allem aber um unter uns die Geselligkeit zu pflegen. Wenn Sie einverstanden sind, Herr Kolb, so wollen wir jetzt aufbrechen.«

Schüchtern fragte Emil seinen Freund nach den Damen, die doch eingeladen seien, und erfuhr, daß man diese später im Walde zu treffen hoffe.

Munter wanderten die jungen Leute in den glänzenden Sommertag hinein. Es fiel Emil auf, mit welchem Eifer Franz sich seiner Vaterstadt rühmte, die er in seinen Briefen beinahe verleugnet hatte.

»Ja, unser Gerbersau!« pries der Freund. »Nicht wahr, Emil, da geht es anders zu als hierzuland! Und was es dort für schöne Mädchen gibt!«

Emil stimmte etwas befangen zu, wurde dann gesprächig und erzählte freimütig, wie wenig groß und schön er Lächstetten im Vergleich mit Gerbersau finde. Einige von den jungen Leuten, die schon in Gerbersau gewesen waren, gaben ihm recht. Bald sprach ein jeder darauf los, rühmte ein jeder seine Stadt und Herkunft, wie es da ein anderes und flotteres Leben sei als in diesem verdammten Nest, und die paar geborenen Lächstettener, die dabei waren, gaben ihnen recht und schimpften auf die eigene Heimat. Sie alle waren voll unerlöster Kindlichkeit und zielloser Freiheitsliebe, sie rauchten ihre Zigarren und rückten an ihren hohen Stehkragen und taten so männlich und wild, als sie konnten. Emil Kolb fand sich rasch in diesen Ton, den er daheim wohl auch schon gehört und ein wenig geübt hatte, und wurde mit allen gut Freund.

Eine halbe Stunde weiter draußen, am Eingang eines prächtigen Föhrenwaldes, erwartete sie eine kleine Gesellschaft von vier halbwüchsigen Mädchen in hellen Sonntagskleidern. Es waren Töchter geringer Häuser, denen es an Beaufsichtigung fehlte und die zum Teil schon als Schulmädel mit Schülern oder Lehrbuben zärtliche Verhältnisse unterhielten. Sie wurden dem Emil Kolb als Fräulein Berta, Luise, Emma und Agnes vorgestellt. Zwei von ihnen hatten schon feste Verhältnisse und hängten sich sofort an ihre Verehrer, die beiden anderen gingen lose nebenher und gaben sich Mühe, die ganze Gesellschaft zu unterhalten. Es war nämlich nach dem Hinzutritt der Damen die frühere lärmende Gesprächigkeit der Jünglinge plötzlich erkaltet und an deren Stelle eine verlegen schweigsame Liebenswürdigkeit getreten, in deren Bann auch Franz und Emil fielen. Alle diese jungen Leute waren noch durchaus Kinder, und ihnen allen fiel es weit leichter, die Manieren von Männern nachzuahmen, als sich ihrem eigenen Alter und Wesen gemäß zu benehmen. Sie alle wären im Grunde lieber ohne Mädchen gewesen oder hätten doch mit diesen wie mit ihresgleichen geschwatzt und gescherzt, aber das schien nicht anzugehen, und da sie alle wohl wußten, daß die Mädchen ohne Erlaubnis ihrer Eltern und unter Gefahren für ihren Ruf diese Wege gingen, suchte ein jeder von diesen jungen Handelsleuten das nachzuahmen, was er sich nach Hörensagen und Lektüre unter einem feinen geselligen Wesen vorstellte. Die Mädchen waren überlegen und gaben den Ton an, der auf eine empfindsame Schwärmerei gestimmt war, und sie alle, die nach Verlust der Kindesunschuld doch der Liebe noch nicht fähig waren, bewegten sich recht ängstlich und befangen in einer phantastisch verlogenen Sphäre zierlicher Sentimentalität.

Emil genoß als Fremder besondere Aufmerksamkeit, und das Fräulein Emma verstrickte ihn bald in ein schönes Gespräch über den Reiz sommerlicher Waldausflüge, das später in eine Unterhaltung über Emils Herkunft und Lebensumstände überging und wobei Emil sich nicht übel bewährte, da er nur Fragen zu beantworten hatte. Bald wußte das Mädchen alles Wissenswerte über den jungen Mann, den sie sich zum Kavalier für diesen Tag erlesen hatte; nur war freilich des Jünglings Auskunft über sich und sein Leben mehr ein Notbehelf und poetischer Zeitvertreib als eine Mitteilung realer Dinge. Denn wenn Fräulein Emma nach dem Stande seines Vaters fragte, schien ihm das Wort Flickschuster gar zu schroff und häßlich und er umschrieb die Sache, indem er erklärte, sein Papa habe ein Schuhgeschäft. Alsbald sah des Fräuleins Phantasie ein glänzendes Schaufenster voll schwarzer und farbiger Schuhwaren, dem ein solcher Duft von Eleganz und geschmackvoller Wohlhabenheit entstieg, daß ihre weiteren Fragen immer schon einen guten Teil solchen Glanzes als vorhanden voraussetzten und den Schusterssohn unvermerkt zu immer kräftigeren Beschönigungen der Wirklichkeit nötigten. Es entstand aus Fragen und Antworten eine hübsche, angenehme Legende. Nach derselben war Emil der etwas streng gehaltene, doch geliebte Sohn nicht eben reicher, doch wohlhabender Eltern, den seine Neigung und Begabung früh von den Schulstudien zum Handel hingeführt hatte. Er erlernte als Volontär, welches Wort auf Rechnung der Emma kam, in einem mächtigen alten Handelshause die Obliegenheiten seines künftigen Berufes und war heute, durch das herrliche Wetter verlockt, herübergekommen, um seinen Schulfreund Franz zu besuchen. Was die Zukunft betraf, so konnte Emil ohne Gefahr und Gewissensbedrängnis die Farben verschwenden, und je weniger von Wirklichkeit, Gegenwart und Arbeit, je mehr von Zukunft, Genuß und Hoffnungen die Rede war, desto mehr kam er ins Feuer und desto besser gefiel er dem Fräulein Emma. Diese hatte von ihrer Abstammung nichts und von ihren übrigen Verhältnissen nur soviel erzählt, daß sie als zartfühlende Tochter einer wenig begüterten und leider auch etwas herrischen, ja groben Witwe manches zu leiden habe, das sie jedoch kraft eines tapferen Herzens ohne Murren zu ertragen wisse.

Auf den jungen Kolb machten sowohl diese moralischen Eigenschaften wie auch das Äußere des Fräuleins einen starken Eindruck. Vielleicht und vermutlich hätte er sich in irgendeine andere, sofern sie nicht gerade häßlich war, ebenso verliebt. Es war das erstemal, daß er so mit einem Mädchen ging, daß ein Mädchen solches Interesse für ihn zeigte und daß er allen Ernstes ein Gebiet betrat, für das er in der Stille sich selber noch zu jung erschien. Desto feierlicher lauschte er den Erzählungen der Emma und gab sich Mühe, keine Höflichkeit zu versäumen. Es blieb ihm nicht verborgen, daß sein Auftreten und sein Erfolg bei Emma ihm Ansehen verlieh und daß es namentlich dem Franz imponierte.

So war der erhoffte Vereinsausflug mit Fahnen, Musik und lärmender Lustbarkeit für den Gerbersauer Gast ein stilles Erlebnis und jedenfalls etwas nicht minder Schönes geworden. Es geschahen zwischen ihm und seinem schönen Fräulein keine Liebeserklärungen und keine Zärtlichkeiten, vor dem Küssen hätte es ihm auch noch gegraut, aber es entstand doch Emils erste Vertrautheit mit einem Mädchen, er war zum erstenmal verliebt und zum erstenmal Kavalier, und beides gefiel ihm nicht wenig.

Da man der Damen wegen nicht wagte, in einer Herberge einzukehren, wurden in der Nähe eines Dorfes zwei von den Jünglingen auf Proviant ausgeschickt. Sie kehrten mit Brot und Käse, Bierflaschen und Gläsern wieder, und es ergab sich ein heiteres Gelage im Grünen, wobei die Mädchen das Brotschneiden und Einschenken übernahmen und mit ihren hellen Sommerkleidern froh und festlich aussahen. Emil, der den ganzen Tag auf den Beinen und ohne Mittagbrot gewesen war, griff nun mit eifrigem Hunger zu den guten Sachen und war der fröhlichste von allen. Doch mußte er bei diesem ersten Fest seines Mannesalters die bittere Erfahrung machen, daß nicht alles Wohlschmeckende auch wohltut und daß seine Kräfte im Schlürfen männlicher Genüsse noch die eines Kindes waren. Er erlag mit Schmach dem dritten oder vierten Glase Bier und mußte den Heimweg nach Lächstetten als Nachzügler unter des Freundes Obhut in Schmerzen und Reue zurücklegen.

Wehmütig nahm er am Abend von dem Freunde Abschied und trug ihm Grüße an die Kameraden und an die lieben Fräulein auf, die er nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Großmütig hatte ihm Franz Remppis ein Billet für die Eisenbahn geschenkt, und während er im Fahren durchs Fenster die schöne sommerliche Landschaft abendlich werden und festlich verglühen sah, empfand er alle Ernüchterung der Rückkehr zu Arbeit und Entbehrung voraus und hätte nichts dagegen gehabt, wenn es angegangen wäre, diesen Tag wieder auszustreichen und zu den ungelebten zu legen.

Dennoch konnte er, ohne zu lügen, nach vier Tagen seinem Freunde schreiben:

»Lieber Freund!

In Anbetracht des verflossenen Sonntags möchte nicht unterlassen, Dir nochmals meinen Dank auszusprechen. Zu meinem lebhaften Bedauern ist mir unterwegs jenes Versehen passiert und hoffe ich sehr, es möchte Dir und den Herren und Damen den schönen Festtag nicht gestört haben. Namentlich wäre Dir äußerst verpflichtet, wenn Du die Güte haben wolltest, dem Fräulein Emma einen Gruß von mir und meine Bitte um Entschuldigung für jenes Unglück zu bestellen. Zugleich wäre ich sehr gespannt, Deine Ansicht über Fräulein Emma erfahren zu dürfen, da ich nicht verhehlen kann, daß eben diese mir völlig zugesagt und ich eventuell nicht abgeneigt wäre, bei späterem Anlaß an selbe mit ernsteren Anträgen heranzutreten. Diesbezüglich Deine strengste Diskretion erbittend und voraussetzend verbleibe mit besten Grüßen in freundschaftlicher Ergebenheit Dein Emil Kolb.«

Franz gab hierauf nie eine richtige Antwort. Er ließ wissen, daß der Gruß ausgerichtet sei und daß die Herren vom Verein sich freuen würden, Emil bald einmal wieder bei sich zu sehen. Der Sommer ging hin, und die Freunde sahen sich in Monaten nur ein einziges Mal, bei einer Zusammenkunft in dem Dorfe Walzenbach, das in der Mitte zwischen Lächstetten und Gerbersau lag und wohin Emil den Schulfreund bestellt hatte. Es kam jedoch keine richtige Wiedersehensfreude auf, denn Emil hatte keinen anderen Gedanken, als etwas über das Fräulein Emma zu erfahren, und Franz wußte seinen Fragen nach ihr immer wieder hartnäckig auszuweichen. Er hatte nämlich seit jenem Sonntage selbst seine Blicke auf diese Jungfer gerichtet und seinen Freund bei ihr auszustechen versucht. Unschönerweise hatte er damit begonnen, daß er dessen Legende zerstört und seine geringe Herkunft ohne Schonung dargetan hatte. Zum Teil wegen dieses Verrates am Freunde, noch mehr aber wegen einer sogenannten Hasenscharte, welche Franz am Munde hatte und die der Emma mißfiel, wies sie ihn sehr kühl ab, wovon Emil jedoch nichts erfuhr. Und nun saßen die alten Freunde einander unoffen und enttäuscht gegenüber und waren beim Auseinandergehen am Abend nur darin einig, daß keiner von beiden eine baldige Wiederholung dieser Zusammenkunft für notwendig hielt.

Im Geschäft der Brüder Dreiß hatte sich Emil indessen zwar nicht eben beliebt, wohl aber nützlich gemacht und soviel Vertrauen erworben, daß im Herbst, nach dem Avancement des ältesten Lehrlings und dem Eintritt eines neuen, die Prinzipale keinen Grund fanden, von einer alten Gewohnheit abzugehen, und dem Jüngling die sogenannte Portokasse übergaben. Es wurde ihm ein Stehpult angewiesen und zugleich Büchlein und Kasse übergeben, ein flaches Kästlein aus grünem Drahtgeflechte, worin oben die Bogen mit Briefmarken, unten aber das bare Geld geordnet lagen.

Der Jüngling, am Ziele langer Wünsche und Pläne angelangt, verwaltete in der ersten Zeit die paar Taler seiner Kasse mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser Quelle zu schöpfen, nahm er nun doch keinen Pfennig an sich. Diese Ehrlichkeit wurzelte nur zum Teil in der Furcht und in der klugen Voraussetzung, man werde seine Führung in dieser ersten Zeit besonders genau beobachten. Vielmehr war es ein Gefühl von Feierlichkeit und innerer Befriedigung, das ihn gut machte und vom Bösen abhielt. Emil sah sich, im Besitz eines eigenen Stehpultes im Kontor und als Verwalter baren Geldes, in die Reihe der Erwachsenen und Geachteten emporgerückt; er genoß diese Stellung mit Andacht und sah auf den soeben neu eingetretenen jüngsten Lehrling mit großem Mitleid hernieder. Diese gütige und weiche Stimmung hielt ihn gefangen. Allein wie den schwachen Burschen eine Stimmung vom Bösen abzuhalten vermochte, so genügte auch eine Stimmung, ihn an seine üblen Vorsätze zu erinnern und diese zur Ausführung zu bringen.

Es begann, wie alle Sünden junger Geschäftsleute, an einem Montage. Dieser Tag, an welchem nach kurzer Sonntagsfreiheit und mancher Lustbarkeit die Nebel des Dienstes, des Gehorchenmüssens und der Arbeit sich wieder für so lange Tage senken, ist auch für fleißige und tüchtige junge Menschen eine Prüfung, zumal wenn auch die Vorgesetzten den Sonntag der Lust geweiht und alle gute Laune einer Woche im voraus verbraucht haben.

Es war ein Montag zu Anfang des November. Die beiden älteren Lehrlinge waren tags zuvor samt dem Herrn Volontär in der Vorstellung einer durchreisenden Theatertruppe gewesen und hatten nun, durch das gemeinsame seltne Erlebnis heimlich verbunden, viel untereinander zu flüstern. Der Volontär, ein junger Lebemann aus der Hauptstadt, ahmte an seinem Stehpult Grimassen und Gebärden eines Komikers nach und weckte die Erinnerung an gestrige Genüsse jeden Augenblick von neuem. Emil, der den regnerischen Sonntag zu Hause mit Lesen und kaufmännischen Stilübungen hingebracht hatte, horchte mit Neid und Ärger hinüber. Der jüngere Chef hatte ihn am frühen Morgen schon in bitterer Montagslaune angebrummt, allein und ausgeschlossen stand er an seinem Platz, während die anderen ans Theater dachten und ihn ohne Zweifel bemitleideten.

Traurig und erbittert durchlas er einen Brief seines Prinzipals, den er abschicken sollte und aus dem er zuvor noch Stilistisches zu lernen hoffte. Es war ein Brief an einen großen Lieferanten und begann »Sehr geehrter Herr! Ihre geschätzte Faktura noch immer vergebens erwartend, bitte nun endlich, Berechnung über die am 11. Vorigen erhaltenen Waren einzusenden.« Es war nichts Neues, enttäuscht legte der Lehrling den Brief zu den anderen. In diesem Augenblick erschallte draußen auf dem Marktplatz ein fröhlich schmetternder Trompetenstoß, der sich zweimal wiederholte. Das Signal, seit einigen Tagen der ganzen Stadt vertraut, kündete den Ausrufer der Schauspielerfamilie an, der auch sogleich auf dem Platz erschien, sich auf die Vortreppe des Rathauses schwang und mit rollender Stimme verkündete: »Meine Herrschaften! Damen und Herren! Es findet heute Abend acht Uhr im Saale des Hotels zum grauen Hecht die unwiderruflich letzte Vorstellung der bekannten Truppe Elvira statt. Zur Aufführung gelangt das berühmte Stück »Der Graf von Felsheim oder Vaterfluch und Brudermord«. Zu dieser unwiderruflich allerletzten Hauptgalavorstellung wird Alt und Jung hiermit ergebenst eingeladen. Trara! Trara! Am Schlusse findet eine Verlosung wertvoller Gegenstände statt! Jeder Inhaber einer Karte zum ersten und zweiten Rang erhält vollständig gratis ein Los. Trara! Trara! Letztes Auftreten der berühmten Truppe! Letztes Auftreten auf Wunsch zahlreicher Kunstfreunde! Heute Abend halb acht Uhr Kassenöffnung!«

Dieser Lockruf mitten in der Trübe des nüchternen Montagmorgens traf den einsamen Lehrling ins Herz. Die Gebärden und Gesichter des Volontärs, das Tuscheln der Kollegen, bunte, wirre Vorstellungen von unerhörtem Glanz und Genuß flossen zu dem glühenden Verlangen zusammen, endlich auch einmal dies alles zu sehen und zu genießen, und das Verlangen ward alsbald zum Vorsatz, denn die Mittel waren ja in seiner Hand.

An diesem Tage schrieb Emil Kolb zum erstenmal falsche Zahlen in sein kleines sauberes Kassabüchlein und nahm einige Nickelstücke von dem ihm Anvertrauten weg. Aber obwohl dies schlimmer war als vor Monaten jener Diebstahl einer Briefmarke, blieb doch diesmal sein Herz ruhig. Er hatte sich seit langem an den Gedanken dieser Tat gewöhnt, er fürchtete keine Entdeckung, ja er fühlte einen leisen Triumph, als er sich abends vom Prinzipal verabschiedete. Da ging er nun hinweg, das Geld des Mannes in seiner Tasche, und er würde es noch oft so machen, und der dumme Kerl würde nichts merken.

Das Theater machte ihn sehr glücklich. In großen Städten, hatte er sagen hören, gab es noch weit größere und glänzendere Theater, und da gab es Leute, die jeden lieben Abend hineingingen, immer auf die besten Plätze. So wollte er es auch einmal haben. War ihm auch der Sinn des Theaterspielens dunkel, so amüsierten ihn doch die farbigen Figuren und Bilder der Bühne, außerdem war es nobel und gab Ansehen, wenn einer so im Parkett sitzen und sich von den Lustigmachern für sein Geld was vorspielen lassen konnte.