Part 12
Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen anderen Verkündern in anderen Tönungen zu hören bekam, und er hätte ein Riese sein müssen, wenn nicht allmählich jedes dieser Bekenntnisse ihm, der außerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrücke gemacht und sein eigenes Denken gefärbt hätte. Die Welt, wie er sie jetzt sah und nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreise primitiver Tätigkeiten, denen er oblag, darüber hinaus war nichts vorhanden als auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm verlassene Kultur, auf der anderen eine über die Welt verteilte kleine Gemeinde von Zukünftigen, welcher er sich zurechnen mußte, und zu der auch alle die Gäste zählten, deren manche tagelang bei ihm blieben und gegen deren drollige Außenseite er bald abgestumpft war, während ihr Glauben und Hoffen, ihr Aberglaube und Fanatismus die Luft war, in der sein Geist atmete.
Nun begriff er auch wohl den sonderbar religiös-schwärmerischen Anhauch, den alle diese seine Gäste und Brüder hatten. Askese und Mönchtum, Sektenwesen und Ekstase waren nicht Erscheinungen gewisser Zeiten und Religionen, sondern immer und überall in tausend Formen unter den Menschen vorhanden gewesen und heute noch da, und alle diese Wanderer, Prediger, Asketen und Phantasten gehörten in diesen Kreis. Sie waren das Salz der Erde, die Umschaffenden und Zukunftbringenden, geheime geistige Kräfte hatten sich mit ihnen verbündet, von den Fasten und Mysterien der Ägypter und Inder bis zu den Phantasien der langhaarigen Obstesser und den Heilungswundern der Magnetiseure oder Gesundbeter.
Daß aus diesen Erlebnissen und Beobachtungen alsbald wieder eine systematische Theorie oder Weltanschauung werde, dafür sorgte nicht nur des Doktors eigenes Geistesbedürfnis, sondern auch eine ganze Literatur von Schriften, die ihm von diesen Gästen teils mitgebracht, teils zugesandt, teils als notwendig empfohlen wurden. Eine seltsame Bibliothek entstand in dem kleinen Häuschen, beginnend mit vegetarischen Kochbüchern und endend mit den tollsten mystischen Systemen, über Christentum, Platonismus, Gnostizismus, Spiritismus und Theosophie hinweg alle Gebiete geistigen Lebens in einer allen diesen Autoren gemeinsamen Neigung zu okkultistischer Wichtigtuerei umfassend. Der eine Autor wußte die Identität der pythagoreischen Lehre mit dem Spiritismus darzutun, der andere Jesus als Verkündiger des Vegetarismus zu deuten, der dritte das lästige Liebesbedürfnis als eine Übergangsstufe der Natur zu erweisen, welche sich der Fortpflanzung nur vorläufig bediene, in ihren Endabsichten aber die wandellose leibliche Unsterblichkeit der Individuen anstrebe.
Mit den vielen Bekanntschaften dieses Sommers und Herbstes und mit dieser Büchersammlung fand sich Berthold schließlich bei rasch abnehmenden Tagen seinem zweiten tiroler Winter gegenübergestellt. Mit dem Eintritt der kühlen Zeit und der Herbständerung der Fahrpläne hörte nämlich der Gästeverkehr, an den er sich gewöhnt hatte, urplötzlich auf wie mit der Schere abgeschnitten. Die Apostel und Brüder saßen jetzt entweder still im eigenen Winternest oder hielten sich, soweit sie heimatlos von Wanderung und Bettel lebten, an andere Gegenden und an die Adressen städtischer Gesinnungsgenossen.
Um diese Zeit las Reichardt in der einzigen Zeitung, die er bezog, die Nachricht von dem Tode des Eduard van Vlissen. Der hatte in einem Dorf an der russischen Grenze, wo er der Cholera wegen in Quarantäne gehalten, aber kaum bewacht wurde, in der Bauernschenke gegen den Schnaps gepredigt und war im ausbrechenden Tumult erschlagen worden.
6
Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit einem Jahre hatte er sein Stücklein Boden nimmer verlassen und sich zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rücken zu kehren. Die Genügsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in seinem Herzen, er trieb sich viel auf mühsamen Spaziergängen im Schnee herum, denn der Winter war viel härter als der vorjährige, und überließ die häusliche Handarbeit immer häufiger dem Xaver, der sich längst in dem kleinen Haushalt unentbehrlich wußte und das Gehorchen so ziemlich verlernt hatte.
Mochte sich aber Reichardt noch so viel draußen herumtreiben, so mußte er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in der Hütte sitzen, und ihm gegenüber mit furchtbaren großen Augen saß die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wußte als durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn doch von hinten überfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit saß nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermüdung den Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Träume. Und wenn am Abend der Knecht das Haus verließ und mit wohligen Schritten pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Für unbefestigte Menschen ist nichts gefährlicher und seelenmordender als die beständige Beschäftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben, der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwäche. Die ganze Krankheit dieses Zustandes mußte nun der gute Eremit an sich erleben, und durch die Lektüre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von den Nöten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wüste Thebais waren. Von den Entrückungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt.
So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der Wurzel der Seele krank. Er sah übel aus, und seine früheren Freunde hätten ihn nicht mehr erkannt; denn über dem wetterfarbenen, aber eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden die Augen, als hätten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig an der Buntheit der Welt gefreut.
Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen Stunde unerträglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebürstet und gekämmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte sich an einen Tisch und ließ sich Wein bringen, von dem er nur wenige Tropfen in ein Glas Wasser goß; und die Stille bei seinem Eintritt, das einsilbige Grüßen und nachherige Wegrücken der Tischnachbarn, das verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und ließen ihn bereuen, daß er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine Überlegenheit bewahrt hatte! Bedrückt und beinahe weinend vor Enttäuschung und Schwächegefühl ging er bald wieder davon.
Es blies schon der erste Föhnwind, da brachte eines Tages der Knecht mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mühten. Die Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar in München abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein.
Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewiß, ob ihm diese Einladung eine Erlösung oder Versuchung bedeute, dann aber faßte er seinen Entschluß und meldete sich in München an. Und nun dachte er drei Wochen lang an nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach sie war, machte ihm, der länger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust hatte, Gedanken und Sorgen; er ließ sich ein Kursbuch kommen und las nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er von mancher sorglosen Reise der früheren Zeiten her kannte. Gern hätte er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen, doch scheute er davor zurück, da es ihm als eine feige Konzession an die Weltsitten erschien, und da er wußte, daß manche der ihm befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf die religiös eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafür ließ er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt wie sein van Vlissensches Büßerkleid, aber von gutem Tuche, und einen langen, landesüblichen Lodenkragen als Mantel.
Am vorbestimmten Tage verließ er früh am kalten Morgen sein Häuschen, dessen Schlüssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der Dämmerung das stille Tal hinab bis zum nächsten Bahnhof. Da saß er nun im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet, und aß sein mitgebrachtes Frühstück. Gar gerne wäre er in der zweiten oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die Schändlichkeit eines solchen Rückfalles in Luxus und Weltrücksicht war einleuchtend, und er ließ davon ab. Mit Hilfe zweier schöner Äpfel, die von seinem Imbiß übrig waren, machte er sich die Kinder einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches Gespräch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen und nahm beim Anschluß an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied. Nun saß er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen Reiseunruhe im Münchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schöne Land, unendlich froh, dem unerträglichen heimischen Zustand für ungewisse Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war das wunderlich, daß Kufstein und Rosenheim und München und die ganze alte Welt noch unverändert und gleichmütig dastand, und daß alles das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in höheren Erkenntnissen ertränkt hatte, doch eben noch da war und lebte!
Es war der Tag vor dem Beginn der Versammlung, und es begrüßten den Ankommenden gleich am Bahnhof die ersten Zeichen derselben. Aus einem Zug, der mit dem seinen zugleich ankam, stieg eine ganze Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostümen und auf Sandalen, mit Christusköpfen und Apostelköpfen, und mehrere Entgegenkömmlinge gleicher Art aus der Stadt begrüßten die Brüder, bis alle sich in einer ansehnlichen Prozession in Bewegung setzten. Reichardt, den ein ebenfalls heute zugereister Buddhist, einer seiner Sommerbesuche, erkannt hatte, mußte sich anschließen, und so hielt er seinen Wiedereinzug in München in einem Aufzug von Erscheinungen, deren Absonderlichkeit ihm hier im Straßenbilde augenblicklich peinlich störend auffiel. Unter dem lauten Vergnügen einer nachfolgenden Knabenhorde und den belustigten Blicken aller Vorübergehenden wallte die seltsame Schar stadteinwärts zur Begrüßung im Empfangssaale.
Reichardt erfragte so bald als möglich die ihm zugewiesene Wohnung und bekam einen Zettel mit der Adresse in die Hand gedrückt. Er verabschiedete sich, nahm an der nächsten Straßenecke einen Wagen und fuhr, ermüdet und verwirrt, nach der ihm unbekannten Straße. Da rauschte um ihn her das Leben der wohlbekannten Stadt, die ihn nichts mehr angehen sollte, da standen die Ausstellungsgebäude, in denen er einst mit dem Maler Konegen Kunstkritik getrieben hatte, dort lag seine ehemalige Wohnung, mit erleuchteten Fenstern, da drüben hatte früher der Justizrat Weinland gewohnt. Er aber war vereinsamt und beziehungslos geworden und hatte nichts mehr mit alledem zu tun, und doch bereitete jede von den wieder erweckten Erinnerungen ihm einen leisen süßen Schmerz. Und in den Straßen lief und fuhr das Volk wie ehemals und immer, als sei nichts Arges dabei und sei keine Sorge noch Gefahr in der Welt, elegante Wagen fuhren auf lautlosen Rädern zu den Theatern, und Soldaten hatten ihre Mädel am Arm.
Das alles erregte den Einsamen, das wogende rötliche Licht, das im feuchten Pflaster sich mit froher Eitelkeit abspiegelte, und das Gesumme der Wagen und Schritte, das ganze wie selbstverständlich spielende Getriebe. Da war Laster und Not, Luxus und Selbstsucht, aber da war auch Freude und Glanz, Geselligkeit und Liebe, und vor allem war da die naive Rechenschaftslosigkeit und gleichmütige Lebenslust einer Welt, deren mahnendes Gewissen er hatte sein wollen, und die ihn einfach beiseite getan hatte, ohne einen Verlust zu fühlen, während sein bißchen Glück darüber in Scherben gegangen war. Und dies alles sprach zu ihm, zog mit ungelösten Fäden an seinen Gefühlen und machte ihn traurig.
Sein Wagen hielt vor einem großen Mietshause, seinem Zettel folgend stieg er zwei Treppen hinan und wurde von einer kleinen roten Frau, die ihn fast mißtrauisch musterte, in ein überaus kahles Zimmerchen geführt, das ihn kalt und ungastlich empfing.
»Für wieviel Tage ist es?« fragte die Vermieterin kühl und bedeutete ihm ohne Zartheit, daß das Mietgeld im Voraus zu erlegen sei.
Unwillig zog er die Geldtasche und fragte, während sie auf die Zahlung lauerte, nach einem besseren Zimmer.
»Für anderthalb Mark im Tag gibt es keine besseren Zimmer, in ganz München nicht,« sagte die Frau kurz und sachlich. Nun mußte er lächeln.
»Es scheint hier ein Mißverständnis zu walten,« sagte er rasch. »Ich suche ein schönes, großes, bequemes Zimmer, nicht eine Schlafstelle. Die Herren, die hier für mich bestellt haben, waren so freundlich, meine Börse möglichst schonen zu wollen. Mir liegt aber nichts am Preise, wenn Sie ein schöneres Zimmer haben.«
Die Vermieterin ging wortlos durch den Korridor voran, öffnete ein anderes Zimmer, drehte das elektrische Licht an und sagte: »Das hier wäre noch frei, das kostet aber dreieinhalb.«
Zufrieden sah der Gast sich in dem weit größeren und wohnlich, fast behaglich eingerichteten Zimmer um, legte den Mantel ab, gab der Frau ihr Geld für einige Tage voraus und sah erst nachträglich, als er in dem fremden Raume umherging und sich auszukleiden begann, daß er allerdings als ein Fremder in höchst uneleganter Kleidung ohne anderes Gepäck als den Rucksack kaum Ansprüche auf einen besseren Empfang machen durfte.
7
Erst am Morgen, da er in dem ungewohnt weichen fremden Bett erwachte und sich auf den vorigen Abend besann, ward ihm bewußt, daß seine Unzufriedenheit mit der einfachen Schlafstelle und sein herrenmäßiges Verlangen nach größerer Bequemlichkeit eigentlich wider sein Gewissen sei. Allein er nahm es sich nicht zu Herzen, stieg vielmehr munter aus dem Bette und sah dem Tag mit Spannung entgegen. Früh ging er aus, und beim nüchternen Gehen durch die noch ruhigen Straßen erkannte er auf Schritt und Tritt bekannte Bilder wieder, mit einer gewissen frohen Dankbarkeit, die ihn selbst überraschte. Es war herrlich, hier umherzugehen und als kleiner Mitbewohner dem großen Mechanismus einer schönen Stadt anzugehören, statt im verzauberten Ring der Einsamkeit zu lechzen und immer nur vom eigenen Gehirn zu zehren. Sogar die weither ertönenden Morgenpfeifen der Fabriken klangen ihm nicht häßlich und erinnerten ihn nicht an Not und Industriesünden, sondern erzählten nur, daß jetzt überall Menschen an ihre Arbeit gingen.
Die großen Kaffeehäuser und Läden waren noch geschlossen, er suchte daher eine volkstümliche Frühstückshalle, um eine Schale Milch zu genießen.
»Kaffee gefällig?« fragte der Kellner und begann schon einzugießen. Lächelnd ließ Reichardt ihn gewähren und roch mit heimlichem Vergnügen den Duft des Trankes, den er ein Jahr lang entbehrt hatte. Doch ließ er es bei diesem kleinen Genusse bewenden, aß nur ein Stück Brot dazu und nahm eine Zeitung zur Hand.
Da fand er bald einen kurzen Artikel, in dem die heutige Versammlung angekündigt und begrüßt wurde. Man sei gespannt, hieß es, auf diesen Kongreß von Menschen, die ein redliches Bemühen um wichtige Lebensfragen vereine, und man hoffe, es werde aus dem Vielerlei widerstreitender Bekenntnisse sich ein brauchbarer Niederschlag gemeinsamer Grundgedanken ergeben. Mit leisem Spott wurde einiger Extravaganzen und Drolligkeiten gedacht und mit Aufrichtigkeit bedauert, daß die Mehrzahl dieser Weltverbesserer allzufern vom Tagesleben sich in Spekulationen verliere, statt tätig da und dort mitzuwirken und sich an praktischen Bewegungen und Unternehmungen der Zeit zu beteiligen.
Das alles war freundlich und hübsch gesagt, und es fiel dem stillen Leser auf, wie sehr diese Urbanität sich von der gehässigen Unzulänglichkeit unterscheide, mit welcher die meisten Schriften der neuen Propheten die Welt beurteilten. Nachdenklich ging er weg und suchte den Versammlungssaal auf, den er mit Palmen und Lorbeer geschmückt und schon von vielen Gästen belebt fand. Die Naturburschen waren sehr in der Minderzahl, und die alttestamentlichen oder tropischen Kostüme fielen auch hier als Seltsamkeiten auf, dafür sah man manchen feinen Gelehrtenkopf und viel Künstlerjugend. Die gestrige Gruppe von langhaarigen Barfüßern stand fremd als wunderliche Insel im Gewoge.
Ein eleganter Wiener trat als erster Redner auf und sprach den Wunsch aus, die Angehörigen der vielen Einzelgruppen möchten sich hier nicht noch weiter auseinanderreden, sondern das Gemeinsame suchen und Freunde werden. Dann sprach er parteilos über die religiösen Neubildungen der Zeit und ihr Verhältnis zur Frage des Weltfriedens. Ihm folgte ein greiser Theosoph aus England, der seinen Glauben als universale Vereinigung der einzelnen Lichtpunkte aller Weltreligionen empfahl. Ihn löste ein Rassentheoretiker ab, der mit scharfer Höflichkeit für die Belehrung dankte, jedoch den Gedanken einer internationalen Weltreligion als eine gefährliche Utopie brandmarkte, da jede Nation oder doch jede Rasse das Bedürfnis und Recht auf einen eigenen, nach seiner Sonderart geformten und gefärbten Glauben habe.
Während dieser Rede wurde eine neben Reichardt sitzende Frau unwohl, und er begleitete sie hilfreich durch den Saal bis zum nächsten Ausgang. Um nicht weiter zu stören, blieb er alsdann hier stehen und suchte den Faden des Vortrages wieder zu erhaschen, während sein Blick über die benachbarten Stuhlreihen wanderte.
Da sah er gar nicht weit entfernt in aufmerksamer Haltung eine schöne Frauenfigur sitzen, die seinen Blick gefangen hielt, und während sein Herz unruhig wurde und jeder Gedanke an die Worte des Redners ihn jäh verließ, erkannte er Agnes Weinland. Heftig zitternd lehnte er sich an den Türbalken und hatte keine andere Empfindung als die eines Verirrten, dem in Qual und Verzweiflung unerwartet über fremde Höhen hinweg die Türme der Heimat winken. Denn kaum hatte er die freie, stolze Haltung ihres Kopfes erkannt und von hinten den verlorenen Umriß ihrer Wange erfühlt, so sank ihm Religion und Rasse, Menschenmenge und Ort wie Nebel dahin, und er wußte nichts auf der Welt als sich und sie, und wußte, der Schritt zu ihr und der Blick ihrer braunen Augen und der Kuß ihres Mundes sei das Einzige, was seinem Leben fehle und ohne welches keine Weisheit und kein Trost ihm helfen könne. Und dies alles schien ihm möglich und in Treue aufbewahrt; denn er meinte mit liebender Ahnung zu fühlen, daß sie, die sonst für dergleichen Dinge wenig Teilnahme hatte, nur seinetwegen oder doch im Gedanken an ihn diese Versammlung aufgesucht habe.
Als der Redner zu Ende war, meldeten sich viele zur Erwiderung, und es machte sich bereits die erste Woge der Rechthaberei und Unduldsamkeit bemerklich, welche fast allen diesen ehrlichen Köpfen die Weite, Freiheit und Liebe nahm, und woran auch dieser ganze Kongreß, statt der Welterlösung zu dienen, kläglich scheitern sollte.
Berthold Reichardt jedoch hatte für diese Vorboten naher Stürme kein Ohr. Er starrte auf die Gestalt seiner Geliebten, als sei sein ganzes Wesen sich bewußt, daß es einzig von ihr gerettet und zu Leben und Glück zurückgeleitet werden könne. Mit dem Schluß jener Rede erhob sich das Fräulein, schritt schlank und geschmeidig dem Ausgang zu und zeigte ein ernstkühles Gesicht, in welchem sichtlich ein Widerwille gegen diese ganzen Verhandlungen unterdrückt wurde. Sie ging ganz nahe an Berthold vorbei, ohne ihn doch zu beachten, und er konnte deutlich sehen, wie ihr beherrschtes kühles Gesicht noch immer in frischer Farbe blühte, doch um einen feinen lieben Schatten älter und stiller geworden war. Zugleich bemerkte er mit wunderlich frohem Stolz, wie die Vorüberschreitende überall von bewundernden und achtungsvollen Blicken begleitet wurde.
Sie trat ins Freie und ging die Straße hinab, wie sonst in tadelloser Kleidung und mit ihrem sportmäßigen, kräftig gleichmäßigen Schritt, nicht eben fröhlich, aber aufrecht und elastisch wie in einem guten Lebensglauben. Ohne Eile ging sie dahin, von Straße zu Straße, nur vor einem prächtig prangenden Blumenladen eine Weile sich vergnügend, ohne zu ahnen, daß ihr Berthold immerzu folgte und in ihrer Nähe war. Und er blieb hinter ihr bis zur Ecke der fernen Vorstadtstraße, wo er sie im Tor ihrer alten Wohnung verschwinden sah.
Dann kehrte er um, und im langsamen Gehen blickte er an sich nieder. Er war froh, daß sie ihn nicht gesehen hatte, und die ganze ungepflegte Dürftigkeit seiner Erscheinung, die ihn schon seit gestern bedrückt hatte, schien ihm jetzt unerträglich. Sein erster Gang war zu einem Barbier, der ihm das Haar scheren und den Bart abnehmen mußte, und als er in den Spiegel sah und dann wieder auf die Gasse trat und die duftige Frische der rasierten Wangen im leisen Winde spürte, fiel alle Befangenheit und einsiedlerische Scheu vollends ganz von ihm ab. Eilig fuhr er nach einem großen Kleidergeschäft, kaufte einen modischen Anzug und ließ ihn so sorgfältig wie möglich seiner Figur anpassen, kaufte nebenan weiße Wäsche, Halsbinde, Hut und amerikanische Stiefel, sah sein Geld zu Ende gehen und fuhr zur Bank um neues, fügte dem Anzug einen Mantel und den Stiefeln Gummischuhe hinzu und fand am Abend, als er in angenehmer Ermüdung heimkehrte, alles schon in Schachteln und Paketen daliegen und auf ihn warten.
Nun konnte er nicht widerstehen, sofort eine Probe zu machen, und zog sich alsbald vom Kopfe zu Füßen mit den neuen Sachen an, lächelte sich etwas verlegen im Spiegel zu und konnte sich nicht erinnern, je in seinem Leben eine so knabenhafte Freude über neue Kleider gehabt zu haben. Daneben hing, unsorglich über seinen Stuhl geworfen, sein asketisches Lodenzeug grau und entbehrlich geworden wie die brüchige Puppenhülle eines jungen Schmetterlings.
Während er so vor dem Spiegel stand, unschlüssig, ob er noch einmal ausgehen sollte, wurde an seine Tür geklopft, und er hatte kaum Antwort gegeben, so trat geräuschvoll ein stattlicher Mann herein, in welchem er sofort den Herrn Salomon Adolfus Wolff erkannte, jenen reisenden Wundertäter, der ihn vor Monaten in der tiroler Einsiedelei besucht hatte.
Wolff begrüßte den »Freund« mit heftigem Händeschütteln und nahm mit Verwunderung dessen frische Eleganz wahr. Er selbst trug den braunen Hut und alten Gehrock von damals, jedoch diesmal auch eine schwarze Weste dazu und neue hellgraue Beinkleider, die jedoch für längere Beine als die seinen gearbeitet schienen, da sie oberhalb der Stiefel eine harmonikaähnliche Anordnung von kleinen widerwilligen Querfalten aufwiesen. Er beglückwünschte den Doktor zu seinem guten Aussehen und hatte nichts dagegen, als dieser ihn zum Abendessen einlud.