Umwege: Erzählungen

Part 10

Chapter 103,637 wordsPublic domain

Es übten übrigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit. Während sie nämlich über Hodler wie über Botticelli zu reden und alle Forderungen der höchsten Kunst genau zu formulieren wußten, galt ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen Gegenständen und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber wie das Können des größten Malers klein wurde und elend dahinschmolz, wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen über ihn maß, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschäftigkeiten ins Gewaltige, wenn man sie darüber sprechen hörte. Der eine hatte eine ganz hübsche Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wußte nachzuweisen, daß diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das Gepräge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja des Weltgefüges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stück graues Papier, das zu Büchereinbänden dienen sollte, mit einigen regellos verteilten gelblichen Flecken und konnte darüber ebenfalls eine Stunde lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas Kosmisches zeige und ein Gefühl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu wecken vermöge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas melancholisch Schweres, aber doch dämonisch Kräftiges habe.

Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Künstler mochte es auch ernstlich darauf anlegen, mangelnden natürlichen Geschmack durch solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber in seiner langsamen Gründlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Müßiggängerkunst eines intellektualistischen Beschäftigtseins, das der Todfeind jeder wertvollen Arbeit ist.

2

Über diesem Umgange und Treiben aber konnte er, als ein ziemlich gut erzogener Mensch, doch auf die Dauer nicht alle gesellschaftlichen Verpflichtungen vergessen, und so erinnerte er sich vor allem eines Hauses, in dem er einst als Student verkehrt hatte, da der Hausherr vor Zeiten mit Bertholds Vater in näheren Beziehungen gestanden war. Es war dies ein Herr Justizrat Weinland, der ehemals Diplomat gewesen, dann zur Rechtswissenschaft zurückgekehrt war und als leidenschaftlicher Freund der Kunst und der Geselligkeit ein belebtes und glänzendes Haus geführt hatte. Dort wollte nun Reichardt, nachdem er schon gegen einen Monat in der Stadt wohnte, einen Besuch machen und sprach in sorgfältiger Toilette in dem Hause vor, dessen erste Etage der Rat einst bewohnt hatte. Da fand er zu seinem Erstaunen einen fremden Namen auf dem Türschilde stehen, und als er einen zufällig heraustretenden Diener nach der jetzigen Wohnung des Justizrats fragte, erfuhr er diese und zugleich die Nachricht, der Herr Rat selbst sei vor mehr als Jahresfrist gestorben.

Die Wohnung der Witwe, die Berthold sich aufgeschrieben hatte, lag weit draußen in einer unbekannten stillen Straße am Rande der Stadt, und ehe er dorthin ging, suchte er durch Kaffeehausbekannte, deren er einige noch von der Studentenzeit her vorgefunden hatte, über Schicksal und jetzigen Zustand des Hauses Weinland Bericht zu erhalten. Das hielt nicht schwer, da der verstorbene Rat ein weithin gekannter Mann gewesen war, und so erfuhr Berthold eine ganze Geschichte: Weinland hatte allezeit weit über seine Verhältnisse gelebt und war so tief in Schulden, ja in zweifelhafte und mißliche Finanzgeschäfte hineingeraten, daß niemand seinen plötzlichen Tod für einen natürlichen hatte halten mögen. Jedenfalls hatte sofort nach diesem unerklärten Todesfall die Familie alle Habe verkaufen müssen und sei, obwohl noch in der Stadt wohnhaft, so gut wie vergessen und verschollen, da die angesehenen Freunde sich alle mißtrauisch zurückgezogen hätten und die ganz verarmte Frau nicht in der Lage sei, ein Haus zu machen. Schade sei es dabei am meisten um die Tochter, der jedermann ein besseres Schicksal gegönnt hätte.

Der junge Mann, von solchen Nachrichten überrascht und mitleidig ergriffen, wunderte sich doch über das Dasein dieser Tochter, welche je gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, und es geschah zum Teil aus Neugierde auf das Mädchen, als er nach einigen Tagen beschloß, die Weinlands zu besuchen. Er nahm einen Mietwagen und fuhr hinaus, durch eine unvornehme Vorstadt bis an die Grenze des freien Feldes, das zum Teil durch einen Exerzierplatz eingenommen wurde, wo im nassen Herbstwetter einige kleine Truppen sich unfroh bewegten. Der Wagen hielt vor einem einzeln stehenden mehrstöckigen Miethause, das trotz seiner Neuheit in Fluren und Treppen schon den trüben Duft der Ärmlichkeit angenommen hatte.

Etwas verlegen trat er in die kleine Wohnung im zweiten Stockwerk, dessen Türe ihm eine Küchenmagd, offenbar erstaunt über den eleganten Besuch, geöffnet hatte. Sogleich erkannte er in der einfachen Stube mit neuen billigen Möbeln die Frau Rätin, deren strenge magere Gestalt und ruhig würdiges Gesicht ihm beinahe unverändert und nur um einen Schatten reservierter und kühler geworden schien. Neben ihr aber tauchte die Tochter auf, und nun wußte er genau, daß er diese noch nie gesehen habe, denn sonst hätte er sie gewiß nicht so ganz vergessen können. Sie hatte die Figur der Mutter, ohne ihr im Gesicht ähnlich zu sein, und sah mit dem gesunden Gesicht, in der strammen, elastischen Haltung und einfachen, doch tadellosen Toilette wie eine junge Offiziersfrau oder Sportsdame aus. Dies war der erste Eindruck, und schon der war angenehm genug. Bei längerem Betrachten ergab sich dann, daß in dem frischen, herben Gesicht ruhige dunkelbraune Augen ihre Stätte hatten, und in diesen ruhigen Augen sowohl, wie in manchen weichen Bewegungen der strengen und beherrschten Gestalt schien erst der wahre Charakter des schönen Mädchens zu wohnen, den das übrige Äußere härter und kälter vermuten ließ, als er war.

Reichardt blieb eine halbe Stunde bei den Frauen. Das Fräulein Agnes war, wie er nun erfuhr, während der Zeit seines früheren Verkehrs in ihrem Vaterhause im Auslande gewesen, und er meinte sich nun zu erinnern, daß damals zuweilen von ihr die Rede gewesen sei. Doch vermieden sie es alle, näher an die Vergangenheit zu rühren, und so kam es von selbst, daß vor allem des Besuchers Person und Leben besprochen wurde. Beide Frauen zeigten sich ein wenig verwundert, ihn so zuwartend und unschlüssig an den Toren des Lebens stehen zu sehen, und Agnes meinte geradezu, wenn er einiges Talent zum Baumeister in sich fühle, so sei das ein so herrlicher Beruf, daß sie sein Zaudern nicht begreife. Beim Abschied fragte er, ob sein gelegentliches Wiederkommen die Damen in ihrer stillen Zurückgezogenheit nicht stören würde, und erhielt die Erlaubnis, nach Belieben sich wieder einzufinden.

Von den veränderten Umständen der Familie, von ihrer Vereinsamung und Verarmung hatte zwar die Lage und Bescheidenheit ihrer Wohnung Kunde gegeben, die Frauen selbst aber hatten dessen nicht nur mit keinem Worte gedacht, sondern auch in ihrem ganzen Wesen und Benehmen kein Wissen von Armut oder Bedrücktheit gezeigt, vielmehr den Ton innegehalten, der in ihrer früheren weitläuftigen Lebensführung ihnen geläufig und selbstverständlich gewesen war. Erst als Reichardt sich, die Damen im Zimmer zurücklassend, auf dem engen finstern Flur allein fand und tappend nach dem Türgriff suchen mußte, kam ihm die Lage dieser Frauen wieder in den Sinn. Er nahm eine ihm noch kaum bewußte Teilnahme und Bewunderung für die schöne, tapfere Tochter mit sich in die abendliche Stadt hinein und fühlte sich bis zur Nacht und zum Augenblick des Einschlafens von einer wohlig reizenden Atmosphäre umgeben, wie vom tiefen, warmen Braun ihrer Blicke.

Dieser sanfte Reiz spornte den Doktor auch zu neuen Arbeitsgedanken und Lebensplänen an. Wenige Tage nach seinem Besuche bei den Frauen Weinland hatte er ein langes, ernstes Gespräch mit dem Maler Konegen, das zwar zu keinem Ziel führte, ihm aber den von ihm noch unerkannten Vorteil einer Abkühlung dieser Freundschaft brachte. Hans Konegen hatte auf Reichardts Klagen hin sofort einen breiten, genial konstruierten Arbeitsplan entworfen, er war in dem großen Atelier heftig hin und wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervösen Händen gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein flimmerndes Gehäuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmärchen glich, unter welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestund als dem rasenden Kreisschwung seines Degens.

Er rechtfertigte zuerst die Existenz seines Freundes Reichardt, indem er den Wert und die Bedeutung solcher Intelligenzen ausführte, die als kritische und heimlich mitschöpferische Berater der Kunst helfen und dienen könnten. Ja, es sei das Wesen der Kunst so kompliziert und unseren materiellen Zeitbestrebungen so fremd geworden, daß ein richtiges verstehendes Verhältnis zur wahren Kunst vielleicht überhaupt nur noch den Künstlern selber und etwa noch solchen emsigen und klugen Kunstgelehrten, wie Reichardt, möglich sei. Um so mehr nun sei es also dessen Pflicht, seine Kräfte der Kunst dienstbar zu machen und als unbeirrbarer Kämpfer für das einzutreten, was er als den Sinn und das Ideal der modernen Kunst erkannt habe. Er möge daher trachten, an einer angesehenen Kunstzeitschrift oder noch besser an einer Tageszeitung kritischer Mitarbeiter zu werden und zu Einfluß zu kommen. Dann würde er, Hans Konegen, ihm durch eine Gesamtausstellung seiner Schöpfungen Gelegenheit geben, einer guten Sache zu dienen und der Welt etwas Neues zu zeigen.

Als Berthold ein wenig mißmutig den Freund daran erinnerte, wie verächtlich sich dieser noch kürzlich über alle Zeitungen und Zeitschriften und über das Amt des Kritikers im allgemeinen geäußert habe, bekannte sich der Maler sogleich freudig zu jener Äußerung, die er zu jeder Stunde zu wiederholen und zu beweisen bereit sei, nahm sie dann aber sofort zur Folie für seine heutigen Absichten und legte dar, wie eben bei dem traurig tiefen Stande der Kritik ein wahrhaft edler und freier Geist auf diesem Gebiete zum Reformator werden könne, zum Lessing unserer Zeit. Übrigens stehe, so lenkte er nach einem freundlichen Seitenpfade ein, dem Kunstschriftsteller auch noch ein anderer und schönerer Weg offen, nämlich der des Buches. Er selbst habe schon manchmal daran gedacht, die Herausgabe einer Monographie über ihn, Hans Konegen, zu veranlassen; nun sei in Reichardt endlich der rechte Mann für die nicht leichte Aufgabe gefunden. Berthold solle den Text schreiben, die Illustration des Buches übernehme er selbst, werde auch Handdrucke seiner drei Holzschnitte in Japanabzügen beiheften und schon dadurch jeden echten und reichen Kunstfreund zum Erwerb des Buches geradezu nötigen.

Reichardt hörte die wortreichen Vorschläge mit einer zunehmenden Verstimmung an. Heute, da er das Übel seiner berufslosen Entbehrlichkeit besonders stark empfand und für einen guten Rat oder auch schon für ein wenig Trost empfänglich und dankbar gewesen wäre, tat es ihm weh zu sehen, wie der Maler in diesem Zustande nichts anderes fand als eine Verlockung, ihn seinem persönlichen Ruhm oder Vorteil dienstbar zu machen.

Aber als er ermüdet und betrübt ihm ins Wort fiel und diese Pläne kurz von der Hand wies, war Hans Konegen keineswegs geschlagen.

»Gut, gut,« sagte er wohlwollend, »ich verstehe Sie vollkommen und muß Ihnen eigentlich recht geben. Die Kritik und die verfluchte Federfuchserei überhaupt ist ja im Grunde eine entbehrliche und lächerliche Sache. Sie wollen Werte schaffen helfen, nicht wahr? Tun Sie das! Sie haben Kenntnisse und Geschmack, Sie haben mich und einige Freunde und dadurch eine direkte Verbindung mit dem schaffenden Geist der Zeit. Gründen Sie also ein schönes Unternehmen, mit dem Sie einen unmittelbaren Einfluß auf das Kunstleben ausüben können! Gründen Sie zum Beispiel einen Kunstverlag, eine Stelle für Herstellung und Vertrieb wertvoller Graphik, ich stelle dazu das Verlagsrecht meiner Holzschnitte und zahlreicher Entwürfe zur Verfügung, ich richte Ihre Druckerei und Ihr Privatbureau ein, die Möbel etwa in Ahornholz mit Messingbeschlägen. Oder noch besser, hören Sie! Beginnen wir eine kleine Werkstätte für vornehmes Kunstgewerbe! Nehmen Sie mich als Berater oder Direktor, für gute Hilfskräfte werde ich sorgen, ein Freund von mir modelliert zum Beispiel prachtvoll und versteht sich auch auf Bronzeguß.«

Und so ging es weiter, munter Plan auf Plan, bis Reichardt beinahe wieder lachen konnte. Überall sollte er der Unternehmer sein, das Geld aufbringen und riskieren, Konegen aber war der Direktor, der Beirat, der technische Leiter, kurz die Seele von allem. Zum ersten Male erkannte Berthold deutlich, wie eng und selbstsüchtig alle Kunstgedanken und Zukunftsideale des Malergenies nur um dessen eigene Person und Eitelkeit oder Gewinnsucht kreisten, und er sah nachträglich mit Unbehagen, wie wenig schön die Rolle war, die er in der Vorstellung und den Absichten dieser Leute gespielt hatte.

Doch überschätzte er sie immer noch, indem er nun darauf dachte, sich still von diesem Umgang zurückzuziehen, unter möglichster Delikatesse und Schonung. Denn kaum hatte Herr Konegen nach mehrmals wiederholten Beredungsversuchen eingesehen, daß Reichardt wirklich nicht gesonnen war, diese Unternehmergelüste zu befriedigen, so fiel die ganze Bekanntschaft dahin, als wäre sie nie gewesen. Der Doktor hatte diesen Leuten ihre paar Holzschnitte und Töpfchen längst abgekauft, einigen auch kleine Geldbeträge geliehen; wenn er nun seiner Wege gehen wollte, hielt niemand ihn zurück. Reichardt, mit den Sitten der Boheme noch wenig vertraut, sah sich mit unbehaglichem Erstaunen von seinen Künstlerfreunden vergessen und kaum mehr gegrüßt, während er sich noch damit quälte, eine ebensolche Entfremdung langsam und vorsichtig einzuleiten. Ein junger Zeichner schickte ihm noch den Entwurf zu einem Exlibris zu, das Herr Reichardt einmal mündlich bei ihm bestellt habe. Er kaufte das kleine Blättchen an, obwohl er sich des Auftrages nicht erinnerte, und legte es in dieselbe Mappe, welche auch Konegens Holzschnitte barg.

3

Zuweilen sprach Doktor Reichardt in dem öden Vorstadthause bei der Frau Rat Weinland vor, wo es ihm jedesmal merkwürdig wohl wurde. Der vornehme Ton dort bildete einen angenehmen erzieherischen Gegensatz zu den Reden und Sitten des Zigeunertums, in welchen der junge Mann sich bewegte, ohne sie freilich selbst je ganz anzunehmen, und immer ernsthafter beschäftigte ihn die Tochter, die ihn zweimal allein empfing, und deren strenge Anmut ihn jedesmal entzückte und verwirrte. Denn er fand es unmöglich, mit ihr jemals über Gefühle zu reden oder doch die ihren kennen zu lernen, da sie bei all ihrer damenhaften Schönheit die Verständigkeit selbst zu sein schien. Und zwar besaß sie jene praktische, auf das Notwendige und Nächste gerichtete Klugheit, welche das nur spielerische Sichabgeben mit geistigen Dingen nicht kennt und welche, wie er sich gestand, von den Bohemiens gewiß als philiströs verlacht worden wäre, während sie ihm doch jedesmal Eindruck machte.

Agnes zeigte eine freundliche, sachliche Teilnahme für den Zustand, in dem sie ihn befangen sah, und wurde nicht müde, ihn auszufragen und ihm zuzureden, ja sie machte gar kein Hehl daraus, daß sie es eines Mannes unwürdig finde, sich seinen Beruf so im Weiten zu suchen wie man Abenteuer suche, statt mit Bescheidenheit und festem Willen an einem bestimmten Punkte zu beginnen. Von den Weisheiten des Malers Konegen hielt sie ebenso wenig wie von dessen Holzschnitten, die ihr Reichardt mitgebracht hatte.

»Das sind Spielereien,« sagte sie bestimmt, »und ich hoffe, Ihr Freund treibe dergleichen nur in Mußestunden. Es sind, so viel ich davon verstehe, Nachahmungen japanischer Arbeiten, die vielleicht den Wert von Stilübungen haben können. Mein Gott, was sind denn das für Männer, die in den besten Jugendjahren sich daran verlieren, ein Grün und ein Grau gegeneinander abzustimmen! Jede Frau von einigem Geschmack leistet ja mehr, wenn sie sich ihre Kleiderstoffe aussucht!«

Die wehrhafte Gestalt bot selber in ihrem sehr einfachen, doch sorgfältig und bewußt zusammengestellten Kostüm das Beispiel einer solchen Frau. Recht als wolle es ihn mit der Nase darauf stoßen, hatte sein Glück ihm diese prächtige Figur in seinen Weg gestellt, daß er sich an sie halte und von ihr zum Rechten geleitet werde. Aber der Mensch ist zu nichts schwerer zu bringen als zu seinem Glück, wenn er einmal verrannt und in Abwege und Spekulationen geraten ist.

Nämlich Berthold hatte, nachdem die Sache mit dem Maler Konegen abgetan war, sich im Labyrinthe seiner Unsicherheit ungesäumt einen neuen stattlichen Gang erwählt, der überallhin führen konnte, und den er jetzt mit dem Eifer verfolgte, dessen gute Grübler seiner Art leider meist nur für Undinge fähig sind.

Bei einem öffentlichen Vortrag über das Thema »Kunst und Leben, oder neue Wege zu einer künstlerischen Kultur« hatte er etwas erfahren, das er umso bereitwilliger aufnahm, als es seiner augenblicklichen enttäuschten Gedankenlage entsprach, nämlich daß es nottue, aus allen ästhetischen und intellektualistischen Interessantheiten herauszukommen. Fort mit der formalistischen und negativen Kritik unserer Kultur, fort mit dem kraftlosen Geistreichtun auf Kosten heiliger Güter und Angelegenheiten unserer Zeit! Dies war der Ruf, dem er wie ein Erlöster folgte. Er folgte ihm in einer Art von Bekehrung sofort und unbedingt, einerlei wohin er führe.

Und er führte auf eine Straße, deren Pflaster für Bertholds Steckenpferde wie geschaffen war, nämlich zu einer neuen Ethik. War nicht ringsum alles faul und verdorben, wohin der Blick auch fallen mochte? Unsere Häuser, Möbel und Kleider geschmacklos, auf Schein berechnet und unecht, unsere Geselligkeit hohl und eitel, unsere Wissenschaft verknöchert, unser Adel vertrottelt und unser Bürgertum verfettet? Beruhte nicht unsere Industrie auf einem Raubsystem, und war es nicht eben deshalb, daß sie das häßliche Widerspiel ihres wahren Ideals darstellte? Warf sie etwa, wie sie könnte und sollte, Schönheit und Heiterkeit in die Massen, erleichterte sie das Leben, förderte sie Freude und Edelmut? Nein, ach nein. Überall saß einer und wollte Geld verdienen, von der Politik bis zur bildenden Kunst war jede geistige Tätigkeit von Anfang an ein Kompromiß mit der Unkultur.

Der gelehrige Gelehrte sah sich plötzlich von Falschheit und Schwindel umgeben, er sah die Städte vom Kohlenrauch beschmutzt und vom Geldhunger korrumpiert, das Land entvölkert, das Bauerntum aussterbend; jede echte und heilige Lebensregung an der Wurzel bedroht. Dinge, die er noch vor Tagen mit Gleichmut, ja mit Vergnügen betrachtet hatte, enthüllten ihm nun ihre innere Fäulnis. Berthold fühlte sich für dies alles mit verantwortlich und zur Mitarbeit an der neuen Ethik und Kultur verpflichtet.

Als er dem Fräulein Weinland zum erstenmal davon berichtete, wurde sie aufrichtig betrübt. Sie hatte Berthold gerne und traute es sich zu, ihm zu einem tüchtigen und schönen Leben zu verhelfen, und nun sah sie ihn, der sie doch sichtlich liebte, blind in diese Lehren und Umtriebe stürzen, für die er nicht der Mann war, und bei denen er nur zu verlieren hatte. Sie sagte ihm ihre Meinung recht deutlich und meinte, jeder der auch nur eine Stiefelsohle mache oder einen Knopf annähe, sei der Menschheit und der Kultur gewiß nützlicher und lieber als alle Propheten. Es gebe in jedem kleinen Menschenleben Anlaß genug, edel zu sein und Mut zu zeigen, und nur wenige seien dazu berufen, das Bestehende anzugreifen und Lehrer der Menschheit zu werden.

Er antwortete dagegen mit Feuer, eben diese Gesinnung, die sie äußere, sei die übliche weltkluge Lauheit, mit welcher es zu halten sein Gewissen ihm verbiete. Es war der erste kleine Streit, den die beiden hatten, und Agnes sah mit Betrübnis, wie der liebe Mensch immer weiter von seinem eigenen Leben und Glück abgedrängt und in endlose Wasserwüsten der Theorie und Einbildungen verschlagen wurde. Schon war er im Begriffe, blind und stolz an der hübschen Glücksinsel vorüber zu segeln, wo sie auf ihn wartete.

Die Sache wurde um so übler, als Reichardt jetzt in den Einfluß eines wirklichen Propheten geriet, den er in einem ethischen Verein kennen gelernt hatte. Dieser Mann, welcher Eduard van Vlissen hieß, war erst Theologe, dann Künstler gewesen und hatte überall, wohin er kam, rasch eine große Macht in den Kreisen der Suchenden und Verirrten gewonnen, welche ihm auch zukam, da er nicht nur unerbittlich im Erkennen und Verurteilen sozialer Übelstände, sondern persönlich auch zu jeder Stunde bereit war, für seine Gedanken einzustehen und sich ihnen zu opfern. Als katholischer Theologe hatte er eine Schrift über den heiligen Franz von Assisi veröffentlicht, worin er den Untergang seiner Ideen aus seinem Kompromiß mit dem Papsttum erklärt und den Gegensatz von heiliger Intuition und echter Sittlichkeit gegen Dogma und Kirchenmacht auf das Schroffste ausgemalt hatte. Von der Kanzel deshalb vertrieben, nahm er seinen Austritt aus der Kirche und tauchte bald darauf in belgischen Kunstausstellungen als Urheber seltsamer mystischer Gemälde auf, die viel von sich reden machten. Seit Jahren aber lebte er nun auf Reisen, ohne Erwerb und ohne festen Wohnort, ganz dem Drange seiner Mission hingegeben. Er gab einem Armen achtlos sein letztes kleines Geldstück, um dann selbst zu betteln. In den Häusern der Reichsten verkehrte er unbefangen und freimütig, stets in dasselbe anständige, doch überaus einfache Lodenkleid gehüllt, das er auch auf seinen Fußwanderungen und Reisen trug. Seine Lehre war ohne feste Dogmen, er liebte und empfahl vor allem Bedürfnislosigkeit und Wahrhaftigkeit, so daß er auch die kleinste Höflichkeitslüge verabscheute. Wenn er daher zu jemand, den er kennen lernte, sagte »Es freut mich,« so galt das für eine Auszeichnung, und eben das hatte er zu Reichardt gesagt.

Seit dieser den merkwürdigen und bedeutenden Mann gesehen hatte und seinen Umgang genoß, wurde sein Verhältnis zu Agnes Weinland immer lockerer und unsicherer. Der Prophet, von dem man sagte, er habe nie in seinem Leben mit Frauen zu tun gehabt, war allerdings in Liebessachen kein Kenner. Während jeder kluge Arzt oder Beichtvater einen jungen Menschen, der mit sich unzufrieden ist, vor allem nach einer etwaigen Liebe oder Brautschaft befragen würde, dachte van Vlissen daran nicht. Er sah in Reichardt einen sympathischen und begabten jungen Mann, der im Getriebe der Welt keinen rechten Platz finden konnte, und den er keineswegs zu beruhigen und zu versöhnen dachte, denn er liebte und brauchte solche Unzufriedene, deren Not er teilte und aus deren Bedürfnis und Auflehnung er die Entstehung der besseren Zeiten erwartete. Während dilettantische Weltverbesserer stets an ihren eigenen Unzulänglichkeiten leiden, die sie der Weltordnung zuschreiben, und über die sie niemals hinauskommen, war dieser holländische Prophet gegen sein eigenes Wohl oder Wehe nahezu völlig unempfindlich und richtete alle Kraft seiner Wünsche und seines Kopfes auf jene Übel, die er als prinzipielle Feinde und Zerstörer menschlichen Friedens ansah. Er haßte den Krieg und die Machtpolitik, er haßte das Geld und den Luxus, und er sah seine Mission darin, seinen Haß auszubreiten und aus dem Funken zur großen Flamme zu machen, damit sie einst das Übel vernichte. In der Tat kannte er Hunderte und Tausende von notleidenden und suchenden Seelen in der Welt, und seine Verbindungen mit solchen reichten vom russischen Gutshofe des Grafen Tolstoi bis in die Friedens- und Vegetarierkolonien an der südfranzösischen Küste und auf Madeira.