Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 9
Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des +Gongen-Sama+ (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der +Mensch ein Dreieck+ sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich ein solches Dreieck. Das +Ueno-Museum+, ein grosses Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr gering, die Räume sind gut besucht von +Einheimischen+.[135] Die Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für +unsre+ Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, +irdene Figuren von Mann und Ross+, die (seit dem Gesetz des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, der 1614-1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und -- im Gegensatz dazu -- die +Trampelbretter+ (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen Religion, diejenigen Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser Lehre hielt, +trampeln+[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu reinigen.
Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für schweres Geld geliefert haben.
Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.
Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die +Shogun-Gräber+ (Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen hier begraben.
Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.
Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.
Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige +Verkaufs-Ausstellung+, die auch hier sich befindet, und bewundern wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.
Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell mit starkem Papier verklebt; auf +unseren+ Reisen würde derselbe beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für Buddha’s Bildsäule sind alle nach +einem+ Muster, innen vergoldet. Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten +Zwergpflanzen+[138] ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in einem tellergrossen Blumentopf. In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.
Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von +Asakusa+.
Zuerst fällt auf +Higashi Hongwanji+[140], der Haupttempel von Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!
Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende Buddhisten-Tempel +Asakusa Kwannon+. Das eigentliche Cultbild der Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.
Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.
Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu Jerusalem, als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.
Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch das zweistöckige Thor (an dem rechts +Riesen-Sandalen+ hängen, Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit einer +Gebetmühle+ sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, -- an der Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, -- wie bei uns ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]
Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, den seine Rosa weckt“; -- endlich Engel, die letzteren in den höchsten Regionen, nämlich am Dach, -- das sind die Gegenstände der wichtigeren Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.
Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier Gebete für Kranke abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von Augenleidenden herrühren.
Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von (verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch +einen+ kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen. Aber ein +annähernd gleiches+ Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. -- Ein chinesischer Priester +Fu Daishi+ im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.
Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.
Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.
Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der japanische Polichinell geprügelt.
Eigenartig ist der japanische +Geschäfts-Garten+. Die Pflanzen stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase wird das Auge geweidet.
Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und ihren Blüthenduft.
So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:
„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch. Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“
Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als bei irgend einem andern Volke.
Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2-3 Jahren, auf dem Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.
Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.
Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine kleine Silbermünze.
Ausflüge von Tokyo. -- Nikko, Miyanoshita, Kamakura.
Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von +Nikko+[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. +Meyer+ 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.
Nikko kekko, Nikko ist entzückend, -- dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.
Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, -- Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan +genügen elf+. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1-1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.
40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. +Reisfelder+ müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.
Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.
Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.
Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen Jeyasu brachte. Die +Fichten+ (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2-3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.
Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.
Im +Nikko-Hotel+, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.
Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater +Jeyasu+. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)
Auch der dritte Shogun (+Jemitsu+) hat in Nikko sein Grabdenkmal.
Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil schwieriger, ist die +Begründung+ der Gefühlsschwärmerei durch genaue +Beschreibung+.
Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist +zunächst enttäuscht+, -- namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.
Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.
Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.
Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den +Gedanken des Göttlichen im Tempelbau+ auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.
So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der +altägyptischen+ Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahllosen (allerdings +unserem+ Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das +Allerheiligste+, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.
In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht +erscheint+ nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern +ist+ thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.
Die alten +Hebräer+ waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.
Die Entwicklung[147] des +altgriechischen+ Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den +Parthenon+ auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.
Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.
Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.
So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, -- er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche +Verehrung+ hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar +vor+ dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.