Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 8
Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.
Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.
1650-1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. 1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 Telephon eingeführt.
Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche Wasserläufe durchziehen die Stadt.
Die +Strassen+ der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.
Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der fremden Gesandten befinden sich in +einem+ Stadttheil, und zum Theil hinter Mauern und Gärten.
Das +japanische Haus+[124] ist von überraschender Einfachheit und Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, ohne Fundament.
Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so dass eine umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2-3 Fuss über den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, Sofa’s gleichzeitig vertreten.
Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von 2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) ausgefüllt.
Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem +Papier+[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, mit Ausblick auf den winzigen Garten, -- wie in Pompeji. Hier ist an der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.
Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter in einer Lade, dem „Brettsack.“
Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) +entbehrt der Dauerhaftigkeit+, da es nur aus Holz und Papier besteht, und der +Behaglichkeit+, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner +Morse+, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129] veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130] vergeblich dagegen an.
+Zwei Vortheile+ hat das japanische Haus, es ist sehr billig und widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus +Rein’s+ Angabe, dass der Herstellungswerth 150-1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu nicht vorhanden ist.
Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die der Einwohner angegeben.
In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten Japan’s) schmale +feuerfeste+ Gebäude (Kura), worin Nachts und bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.
Das +Volksleben+ ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm noch Gedränge.
Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und der Käufer sie davon trägt.
Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.
Zu den +Hauptsehenswürdigkeiten+ von Tokyo gehört der Park von Shiba und der von Ueno.
+Shiba+, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von +Jeyasu+ dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der Tokugawa-Familie aufzunehmen.
Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).
Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.
Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, schön geschnitztes +Holzthor+, das der beiden Dewa-Könige oder Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen Hof, der in einer +ganz eigenthümlichen+, echt japanischen Weise geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den Ehrengaben der Daimio. Jede +Laterne+ besteht aus vier Theilen, nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.
Ein +zweites Thor+, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel genannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem +zweiten Hof+, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen +Bronze-Laternen+ geziert ist.
Das +dritte Thor+ finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen +Todten-Tempel+, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.
Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, die Samurai in der Vorhalle, -- ganz ähnlich wie in den Tempeln der alten Aegypter.
Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich -- denn die Thüren werden nie geöffnet! -- das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz (Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das buddhistische Sinnbild der Reinheit.
Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „+Symphonie von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit+“ darstellt, fragt kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder -- der Verfasser des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern für den +japanischen+ Geschmack errichtet ist; und ferner den Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wiederholten Besuchen, zu der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische Kunstschöpfung +über+ die europäische zu erheben.
Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von +Nikko+ Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.
Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die +tiefe Einsamkeit+, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die +sterblichen Reste+ der verehrten Shogune ruhen, -- geschützt gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.
Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des Irdischen.
Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des jetzigen Mikado.
Von hier führt der Weg zu dem +Kloster+ von Zojoji und zu dem neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass er in Ostasien weilt.
Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen +Gokoku-den+, welches in einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.
Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, -- ein „nasser Heiliger“ (nure botoke), -- vom Jahre 1761.
Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem Löwen, dem Könige der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz ähnlich, wie in den +Turbe’s+ der Sultane zu Stambul.
In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo +Jeyasu+ auch als +Shintogottheit+ verehrt wird, und ferner +Kōyō-kwan+, das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen sollte.
Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; -- denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch +Mitford’s tales of old Japan+ in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht kennen und -- im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in Kürze anschliessen.
+Ronin+ heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch heute gefeiert.
Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine Dienstmannen, jetzt Ronin, zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die 46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre gesetzt, niedergehauen, -- aber dieser selber nicht zu finden, bis er endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.
Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende Weihrauchkerzen.
Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder deines Herren.“[133]
Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark gelegenen +Bazar+ (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse japanischer Kunstfertigkeit. +Alles+ ist hier zu haben, was der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes handzüglich vorwies.
Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel +Atago-yama+. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.
Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke der Stadt belegenen +Ueno+-Park, der +Nachmittags+ sich besser darstellt. +Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.+ Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun +Jemitsu+ übernommen; er wollte hier eine Reihe von +Buddha-Tempeln+ gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.
Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner Stelle steht jetzt das +Museum+. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.
Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber -- nicht belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch von den andern rasch besänftigt.
Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes +Denkmal+ ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado gefallenen Soldaten gewidmet.
Der berühmte +Kirschbaumweg+, im Frühling zur Zeit der Blüthe das Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. Chr., ist unschön.