Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 7
Als +Marco Polo+ den staunenden Europäern von der goldreichen Insel +Zipangu+ im fernen Osten erzählte -- die zu erreichen, zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, -- hat er die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. Die +Japaner+ nannten ihr Land zuerst +Yamato+, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. +Nihon+ oder +Nippon+, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch +früher+, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, +Dai-Nippon+, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.
So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche „den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] -- aber ich fand Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land und Leuten auf das freudigste überrascht.
Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in Japan.
Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.
Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach der Hauptstadt Tokyo streben.
+Yokohama+ („Querstrand“) war ein unbedeutendes +Fischerdorf+, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach +Yokohama+: 1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die Quellwasserleitung eröffnet.
Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier +Vertragshäfen+[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881-1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die +Deutschen mit 15 Procent+ betheiligt waren. Die japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im britischen Ostindien.
In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach Vancouver und nach Frisco.
Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und Wagenziehern.
Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des +norddeutschen+ Lloyd, das Consulat des +deutschen+ Reiches, den +deutschen+ Club. In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem englischen Führer (Bradshaw) die +ärgerliche+ Bestätigung: „There are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die Hälfte des Handels in deutschen Händen. +Deutschland ist eine Macht in Ostasien+. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.
Im deutschen +Club+ gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine Probe +ostasiatischer Sitten+. Ich erhielt bei Tisch einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club eingeführt werden könne.
Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging zu meinen östlichen Freunden.
Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst +bebte die Erde+,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.
Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ +Er+ hatte +mich+ wohl nicht verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.
Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird von Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt -- sogar unter Anwendung des schmerzstillenden Cocaïns!
Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der Eisenbahn von Yokohama +nach Tokyo+ (18 englische Meilen = 32,4 km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die +älteste Eisenbahn+ in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.
Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen erster Classe; aber das angebotene +Trinkgeld+ weist er kurz und würdig zurück.
Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden Halteplatz.
+Eilzüge giebt es nicht.+ Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.
Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten +Kanagawa+, in dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) Feuer-Berg +Fuji+, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.
Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des +Tokaïdo+, mit ihrer doppelten Pinienreihe.
Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch die nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die +Hauptstadt+ erreicht, der Zug rollt in den grossen +Shimbashi-Bahnhof+, der nahe der Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.
Hier harrte meiner die angenehmste +Ueberraschung+. Der ganze Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit zwei Mann hinter einander bespannt war. Das +Imperial-Hotel+ ist schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das +beste+, welches ich wenigstens in +Asien+ gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.
Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner frisch gebackenen Weisheit, die „+Odawara-Sitzung+“[108] beendete und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.
Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch hatten sie mir einen +Führer+ gemiethet, was in den Reisebüchern dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig scheint, da man auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht zu erlernen vermag.
Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, pockennarbiger Herr, der das +Gymnasium+ durchgemacht hat, mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 +Yen+ Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.
Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das -- +englische+ Reisebuch in der Hand halten, +deutsch+ denken, +französisch+ fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der +Gutartigkeit+ des Volkes und der +mustergiltigen Polizei+.[110]
Allerdings einen +Pass+ muss der Reisende haben, sowie er die sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Gesandtschaft seines Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.
Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist -- etwa wie mancher türkische Zaptieh -- nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten Vertragshafen befördert.
Unser Landsmann Dr. +Scriba+, Professor der Chirurgie an der Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. „Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja mit dem Mikado,“ erwiederte jener. -- „Das nützt mir nichts,“ sagte unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.
Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung +japanisches Geld+. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet worden, der +Silber-Yen+, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.
Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift und „+one Yen+“ in lateinischen Buchstaben.
Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die +Kupfermünzen+[114] kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten +alten+ Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. +Papiergeld+ kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem +Dondorf+’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder übervortheilt wird.
Hat man Pass und Geld, so braucht man +Verkehrsmittel+. Diese sind leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die +Jin-riki-sha+, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind dies ganz leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen mit den Händen ergreift und munter forttrabt.
Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine +Leistung+ ist +staunenswerth+; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.
Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte Naturwahrheit wiedergeben könnte.
Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7-15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1-1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen +Gullivan’s+ auf dem Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der Männer zu schonen; aber ihr Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]
Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten besten Wagenmann zu fahren; -- in manchen Gegenden von Italien und Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches Verhältniss herausgebildet. Allerdings, +englisch+ können diese Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder Dolmetscher.
Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.
Die Stadt +Yedo+ ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet +Wasser-Thor+. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo durch +Jeyasu+ zur militärischen +Hauptstadt+ von Japan umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten +Festungsgräben+, ein Theil der riesigen +Umfassungsmauern+ und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.
Burg (+Shiro+) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten +Palast des Mikado+[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.
Den Umkreis der Burg (+Sotoshiro+) bildet die Handels- und Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der Vororte) 1300000 Einwohner.
Die +Geschichte Tokyo’s+ zeigt uns eine Kette von +Feuersbrünsten+[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300 Yen) oder 1:60. Man +sagte+ mir, dass ein Haus nur 5-7 Jahre stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten Brand-Statistik.