Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 6
Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im Sturm der Tod.
Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, -- und war der Verstorbene mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, -- sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung ihr Leib aufgeschnitten wird, -- von jenem barbarischen Doctor, dessen Hilfe sie bei ihren +Lebzeiten+ unter keinen Umständen in Anspruch nehmen.
Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt, kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht. Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“
* * * * *
Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.
Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern bleiben.
Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten. Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie vollendet habe, vollende und vollenden werde.
Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavierspiel, Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der „Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss ausstellte.
Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug durch den Ort gesungen haben:
Jonny[74] is a Gentleman, But Willy[74] is a fool, Before he goes to Parliament, He best returns to school.
Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise unternimmt,[75] ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch später den Abzug des Bildes erhalten.
Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich erblickten wir die +bergige Küste+ der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, nach unseren Schulerinnerungen, +Nippon+, die Japaner aber Hondo nennen. Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen Form des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An den mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen. Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern. Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung, wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.
Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen ihrer Beschäftigung und ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck.
Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der +Portugiese+[76] des grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen; vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der Wettbewerb ein. Der +Japaner+ vom Clubhotel, das auch gerühmt wird, übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. Wir nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig die schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, der uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus von Yokohama landet.[77] Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen von einem muskelstarken Japaner, befördert mich zu dem am Meeresufer schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste, ununterbrochene Seereise hinter mir.
IV.
Japan.
Wer eine +derartige+ Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern +Belehrung+ heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen +vorzubereiten+,[78] damit in dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. +Manches+ meinen wir ja zu +wissen+; wir glauben z. B. das +Aussehen+ der Japaner zu +kennen+. Jeder von uns hat eine ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung würdevoll einherschreiten. Aber wie +oberflächlich+ unsere Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in +ihrem+ Lande kennen.
Die +Japaner+ selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die europäischen Forscher erklären sie für eine +mongolische+ Bevölkerung, welche aus der Tatarei über +Korea+[79] auf die Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, +vielleicht+ auch mit einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.
Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch eigne dazu erfunden.
Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); die japanische Frau entsprechend kleiner.
Sie ist in +Wirklichkeit+ schöner, als das sattsam bekannte +Ideal+ der japanischen +Maler+ mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen Rosenmündchen.
Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in +Kobe+ gekauft habe.
Ich bemerke, dass die Schönheit der +jungen Mädchen+ von den Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der Europäer muss, wie man sagt, 12 +Monate+ im Lande verweilen, bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber +hässlich+ wird +Niemand+ sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel (obi), -- alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das auf den Beschauer einen +gefälligen+ Eindruck macht, trotz der hölzernen Stöckelschuhe. (+Geta+, aus einem Brettchen mit zwei unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die europäische zu verdrängen.
Und die japanischen +Männer+ sehen in dem weiten und weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche +über+ dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als +Rein’s+ Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls die +neueste+ Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der +Provinz+ hatten die Aerzte bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, +europäische+ Kleidung angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.
Von der +Geschichte der Japaner+ weiss der gebildete Europäer gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten Geschichtsforschern, wie von +Ranke+, nicht dazu gerechnet wird. Das ist eine +Thatsache+. Die +Redensarten+, dass wir Japans Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben -- Redensarten.
Wenn das +Bestreben+ des Gebildeten dahin geht, +alles Geschehene zu begreifen+; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind wir ganz ebenso einseitig wie +Plato+ es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.
Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht noch Manches von +ihnen+ lernen, die jetzt -- unsere wissensdurstigsten Schüler darstellen.
Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie +von der Gabelentz+; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte vorher +gar keine Entwicklung+ gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.
Die +japanische Geschichte+ reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.
+Alles Frühere ist Mythe.+ Wir übergehen die japanischen Sagen von der +Weltschöpfung+ und von dem +göttlichen Zeitalter+, in dem Götter über Japan herrschten.
Der erste menschliche Kaiser (+Mikado+),[85] +Jim-mu-Tenno+, ein Abkömmling der Sonnengöttin (+Amaterasu+) soll 600 v. Chr. gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der Kaiserin Jingō erobert sein.
1. Sicher ist, dass der +Buddhismus+ um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (+Shinto+), lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.
2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. Chr. +Yoritomo+ zum Hausmeier (+Shogun+)[86] oder weltlichen Herrscher ernannt. 1274-1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.
3. 1603 kam die kraftvolle +Tokugawa+-Familie, die den Buddhismus förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren +Jeyasu+, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. +Von 1614 bis 1854 war Japan den Fremden verschlossen.+ (Nur die +Holländer+ durften in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. Es herrschte eine +Feudalverfassung+ mit Fürsten (+Daimio+)[87] und Rittern (+Samurai+)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (+heimin+) gehörten alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, +Eta+.)
4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten kam es zu einer +Revolution+, aus welcher der +Mikado+ 1868 siegreich hervorging.
Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine +Verfassung+ mit Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.
Es besteht vollkommene +Religionsfreiheit+, doch wird neuerdings Shinto wieder mehr begünstigt.
Und wie steht es mit der +Religion+? Das wird sofort so mancher +Europäer+ fragen. Aber der +gebildete Japaner+ wird lächelnd erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. -- Geh’ aufs Land. Der Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem Tode vom Buddha-Priester bestattet.“
Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.
+Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.+
In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado waltete im heiligen Hain zu +Ise+ über den Spiegel, das Schwert und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der Sonnengöttin +Amaterasu+, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.
Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen +Shin-to+. (+Shin+, Geist und +dô+, Lehre -- chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist +Kami+, daher der Name +Kami-Lehre+.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810-823 n. Chr.) die +Mischreligion Riyobu-Shinto+, d. h. beiderlei Götterlehre.
Die +Neugestaltung+, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen die „+Reinigung+“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester, so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu übergeben.
Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.
Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes (Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] +angeblich+ Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du thronest im hohen Himmelsfelde.
Der +Buddhismus+ beherrscht den Osten von Asien, wie der Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, d. i. +ein Drittel der Erdbevölkerung+.
Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn +Siddhârta+ seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen +Bo+ oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde +Buddha+ (ein Heiliger), +Çakyamuni+[91] +Gautama Buddha+. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach +Eitel+ und +Rein+): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in +Nirwana+, wo die Seele das Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“
Nach den fünf +Hauptgeboten+ darf der Buddhist nicht tödten ein lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.
+Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich zu einem groben Götzendienst entartet.+ Neben den sieben Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „+Dorfarzt+“ Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (+Kannón+) und die +Buddha’s+, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.
Hochberühmt sind die +grossen Buddha’s+ (Dai-buts) von Kamakura bei Yokohama, von Nara und Kyoto.
Der Buddhatempel in Japan (+tera+) liegt gewöhnlich in einem Hain. Verschiedene Thore (+mon+), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes +Skimmi+ (Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem europäischen nicht unähnlich.
Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In +einem+ Punkt sind Shinto- und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]
Der weise +Koshi+[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen (Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener, Mann und Frau, zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des +Koshi+ in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado +Asada Shokaku+ den folgenden Grundsatz auf: +„Koshi bildet den Charakter, Shokanron[94] erhält das Leben.“+
Ueber die +Geographie+ genügen wenige Worte[95]. Japan ist das östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen 91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)
Die Hauptinsel heisst +Hondo+, bei uns +Nippon+, die beiden südlichen Inseln +Kiushiu+ (Neunland) und +Shikoku+ (Vierland). Die nördliche Insel +Yezo+ ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.