Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 50
An dem Nordende des Hügels liegen die +Jaina+-Tempel. Der eine, +Indra Subha+, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende Schrein vor der Höhle, nach +Fergusson+ aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora.
Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635] der gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.
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+Brief aus Roza bei Ellora.+ Donnerstag, den 29. December 1892. -- Diesen Brief schreibe ich im +Grabe+. Es ist aber natürlich nicht mein eigenes, sondern das -- eines +längstverstorbenen+ Mohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.
Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.
Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung gebracht, schlief ich ganz gut.
Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden liess.
Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu wechseln.[636] Da unser Hartgeld auf die Neige ging, kamen wir in seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. -- -- -- --
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Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten Ort +Ellora+ sehen wir einen +Hindu-Tempelbezirk+, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.
Nachmittags erlebten wir einen +Radreifenbruch+. Wir liehen uns in einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, so gut es ging, an der Achse.
Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden von +Europa+ vorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als ich ihnen 16 gab.
Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 Stunden, keine sonderliche Leistung.)
In +Bombay+ machte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord der Imperatrix und winkte von dort mein +Lebewohl+ dem märchenhaft schönen Lande Indien zu.
VIII.
Heimfahrt.
Sonntag, den 1. Januar 1893, früh um 8 Uhr, fuhren wir ab. Unser gutes Schiff wird mittelst mächtiger Taue gedreht und geschickt durch die enge Oeffnung des viereckigen Beckens, welches Prince’s Dock heisst, herausgeleitet, nach den Anordnungen des Hafenmeisters, der auf der nördlichen der beiden schmalen Landzungen seinen Standort genommen. Sowie wir in den Hafen angelangt sind, giebt die Maschine vollen Dampf; wir fahren südlich um Colaba Point herum, vor uns das ganze, farbenprächtige Hafenbild, und dann westwärts durch das persisch-arabische Meer, auf +Aden+ zu.
+Log-Bericht+.
Bombay-Aden = 1664 Seemeilen.
Ab von Bombay 1. Januar 1893, 8 Uhr 30 Minuten, Vormittags. (18° 49′ nördliche Breite, 72° 46′ östliche Länge.)
I) 1. Januar, Mittags, 18° 48′ nördl. Br., | 72° 16′ östl. Lg. 40 S.-M.|Summe II) 2. „ „ 17° 52′ „ „ | 67° „ „ 300 „ | 340. III) 3. „ „ 16° 41′ „ „ | 61° 58′ „ „ 301 „ | 641. IV) 4. „ „ 15° 30′ „ „ | 56° 46′ „ „ 312 „ | 953. V) 5. „ „ 14° 10′ „ „ | 51° 5′ „ „ 336 „ |1289. VI) 6. „ „ 12° 47′ „ „ | 45° 35′ „ „ 336 „ |1625.
Ankunft in Aden am 6. Januar, 3 Uhr Nachmittags. Abfahrt von Aden am 7. Januar, 1 Uhr Morgens.
Aden-Suez 1310 Seemeilen.
VII) 7. Jan., Mittags, 13° 20′ nördl. Br., | 43° 4′ östl. Lg., 139 S.-M.|Summe VIII) 8. „ „ 17° 52′ „ „ | 40° 2′ „ „ 327 „ | 466. IX) 9. „ „ 22° 13′ „ „ | 37° 32′ „ „ 296 „ | 762. X) 10. „ „ 26° 32′ „ „ | 34° 46′ „ „ 300 „ |1062. XI) 11. Januar, Vormittags 8 Uhr, Ankunft in Suez. Suez-Portsaid 160 Kilometer. 11. „ Vorm. 10½ Uhr Abfahrt durch den Kanal. XII) 12. „ „ 8 „ Ankunft in Portsaid.
Ab Portsaid, den 12. Januar, 0 Uhr 40 Minuten. (31° 47′ nördlicher Breite, 32° 20′ östlicher Länge.)
Portsaid-Brindisi 930 Seemeilen.
XIII) 13. Januar, Mittags, 33° 41′ nördl. Br., | 27° 36′ östl. Lg., 280 S.M.|Summe XIV) 14. „ „ 35° 42′ „ „ | 23° 5′ „ „ 250 „ | 530. XV) 15. „ „ 39° 12′ „ „ | 19° 26′ „ „ 285 „ | 815.
Ankunft in Brindisi 8½ Uhr Nachmittags. Abfahrt von Brindisi 9½ Uhr Nachmittags.
Brindisi-Trieste 372 Seemeilen.
XVI) 16. Januar, Mittags, 43° 3′ nördl. Br., 15° 52′ östl. Lg., 109 M. XVII) 17. „ Morgens, Trieste.
Unser gutes Schiff +Imperatrix+ vom östreichischen Lloyd hat 4914 Tonnen, 4500 Pferdekräfte, 400 Fuss Länge, 45 Fuss Breite. Die Höhe des Oberdecks über dem Wasserspiegel misst 23 bis 25 Fuss. Der Kohlenverbrauch beträgt täglich 70 Tonnen. Das Schiff macht 13 Knoten, die Schraubenwelle 52 bis 54 Umdrehungen in der Minute. Capitän +Egger+ ist ein biederer Steiermärker, der Doctor ein Wiener, die anderen Officiere sprechen zwar lieber italienisch, aber doch auch deutsch. Zum ersten Male wieder seit Kobe -- Hongkong ist auf dem Schiffe meine Muttersprache vorherrschend.
Unter den Cajütreisenden ist ein deutscher Commerzienrath, der die Einfuhr deutscher Metallwaaren nach Indien auf Grund seiner Erfahrungen recht günstig beurtheilt, Herr Tellery aus Delhi, mit seinem Geschäftsführer, die gut deutsch sprechen, zwei Basler Missionäre mit ihren Frauen und Kindern, die aus Südindien zurückkehren; ferner Capitän Bowers, der Hochtibet durchwandert hat, ein Engländer, ein Parsi-Kaufmann, Frau T., die nur englisch verstehen.
Im Zwischendeck sind hauptsächlich mohammedanische Kaufleute aus Indien, welche von Aegypten nach Mekka pilgern und die Reise auch zu Handelsgeschäften benutzen wollen; ein türkischer Officier mit Frau und Töchterchen, welches rothgefärbtes Haar, schwarzgefärbte Lidränder und scheues Wesen zeigt, Hindu-Diener, Parsi-Schiffsbeamte, Juden aus Portsaid.
Wir fahren WSW durch das tief dunkelblaue Meer.
Es ist angenehm warm. Am 2. Januar, Morgens 8 Uhr, ist in der Cajüte +26½° C.; auf dem Verdeck 24½° C., Mittags 25° C. Die Furcht vor dem +raschen Temperaturwechsel der Heimfahrt+ ist unbegründet, wie meine früheren Reisen (von Aegypten, vom Peloponnes nach Berlin ohne Unterbrechung) mir genügend gezeigt haben. Jetzt fahre ich von Bombay nach Trieste ohne Unterbrechung in siebzehn Tagen und messe Morgens 7 Uhr (bis 8 Uhr) die folgenden Temperaturen:
2. Januar +24½° C. 3. „ +25½° C. 4. „ +24° C. 5. „ +25° C. 6. „ +25° C. 7. „ +25° C. 8. „ +26½° C. 9. „ +23° C. (Nachmittags 19½° C.) 10. „ kühler. (Nordwind).[637] 11. „ +15½° C. 12. „ +12½° C. (4½ Uhr 20° C.) 13. „ +18° C. (Mittags 19° C.) 14. „ +13° C. 15. „ +10½° C. (Mittags 10° C.) 16. „ +10° C. 17. „ -2° C, im Steuerhäuschen.
Wie man sieht, vollzog sich der Temperaturabfall in acht Tagen; auf dem Lande in Triest war es, durch die Bora, bitterkalt.
Erlebnisse während der Fahrt nach Aden sind nicht zu melden; am 4. Januar erblickten wir ein arabisches Schiff (Dhau), am 6. Januar einen englischen Truppenbeförderungs-Dampfer (Troop-Ship).
Am 6. Januar, Nachmittags 3 Uhr, werfen wir in dem herrlichen Hafen von +Aden+ Anker, ¼ Stunde entfernt von der Landungsbrücke bei Steamer-Point. „Ein verdammtes, trübseliges Felsennest“, sagte Capitän Bowers; aber er stieg doch flugs in das von mir eiligst gemiethete Boot, das uns an’s Land schaffte, und in den dort ohne Zeitverlust gemietheten Einspänner, der uns im Trabe zu den Sehenswürdigkeiten Aden’s brachte.
Am südlichen oder glücklichen Arabien (Yemen), im Meerbusen von Aden, welcher zwischen Arabien und der zum Cap Guardafui vorspringenden Somali-Küste eindringt, 170 Kilometer östlich von Bab-el-Mandeb, unter 12° 44′ nördlicher Breite, 45° östlicher Länge, liegt, die nur 20 Quadratkilometer messende, nahezu dreieckige Insel +Aden+, die allerdings an ihrer Nordostecke durch eine 2 Kilometer breite, sandige und niedrige (in der Mitte verschanzte) Landzunge mit dem Festland zusammenhängt, also eher den Namen einer Halbinsel verdient.
Gegenüber der Nordwestecke springt eine kurze Halbinsel (Little Aden) vom Festlande vor. Zwischen Klein- und Gross-Aden liegt der Aussen-Hafen; nördlich davon, zwischen dem Festlande und den beiden Halbinseln, der Haupt- oder Innen-Hafen (Bander Tuwai), 5½ Kilometer weit, der beste in ganz Arabien, ja fast in ganz Asien bis Hongkong und Nagasaki.
Obwohl +Aden+ einen vollständig nackten, braunen, zerklüfteten Vulcan-Felsen aus Lava, Tuff, Bimsstein, ohne Grün und ohne Nass darstellt;[638] so hat der +herrliche Hafen+ und die +vortreffliche Lage+, die zum Verkehr zwischen Arabien, Afrika und Indien gradezu einladet, schon seit uralter Zeit hier eine reiche und blühende Handelsstadt in’s Leben gerufen, die trotz der öden Natur von den Einwohnern als +Paradies+ (Eden) bezeichnet, schon von dem Propheten +Ezechiel+[639] gepriesen, im Periplus als Arabia Eudaimon[640] beschrieben, von den Griechen und Römern als Adana, Athana, Arabia Felix gekannt war.
Natürlich lockte der Reichthum Eroberer an. Aus den Händen der Araber gelangte die Stadt in die der Abessynier, der Perser, der Aegypter, der Türken. Die Bedeutung des Handelsplatzes blieb noch durch das ganze Mittelalter erhalten, bis zur Entdeckung des Seewegs nach Ostindien. 1551 wurde die Stadt Aden den Portugiesen übergeben, bald aber von den Türken erobert, 1630 von diesen wieder aufgegeben, so dass sie wieder in die Hände der Araber-Häuptlinge gelangte, 1725 in die der Lahej, die heute noch auf dem benachbarten Festland mächtig sind. 1838 versuchten die Engländer Aden von den Arabern zu kaufen; und, da diese in den Verkauf nicht willigen wollten, so nahmen sie es mit Gewalt und beschönigten den Raub mit dem Vorwand, es sei ein hier gescheitertes Schiff geplündert worden.[641] Zur Behauptung des Platzes waren nur unbedeutende Kämpfe nöthig; 1872 wurde Little Aden und 1883 der Landstreifen nördlich vom Hafen, auf dem Festland, zur Abrundung des Besitzes hinzu gekauft.
Aber die +Engländer+ haben mit ihrem unleugbarem +Geschick+ aus dem Felsennest etwas +ordentliches+ gemacht.
Als sie Aden einnahmen, zählte der uralte Welthafen nur 6000[642] verarmte Bewohner in zerfallenen Hütten, jetzt sind es 41000. Zwei Völkerstämme kommen hauptsächlich in Betracht: +Araber+ und +Somali+,[643] während reine +Neger+ nur sparsamer vertreten sind. Die Araber sind gedrungen und kräftig, hellbraun, mit langem, schwarzem Haar. Die Somali, Mischlinge von Arabern und Galla-Negern, übrigens auch Mohammedaner, sind lang, dünn, schwarz, mit gelocktem Haar, das sie gern gelbroth färben. Die Somali sind die Bootsleute und Kutscher, die Araber erheben sich bis zum Kaufmannstand, doch machen ihnen Parsi und Hindu den Gewinn streitig.
Die Besatzung besteht aus +Hindu+ (Sepoy). Dazu kommen 200 +Juden+, die an der Stirnlocke kenntlich sind, und etwa ebenso viele +Europäer+, -- Officiere, Baumeister und Ingenieure, Hafenbeamte, Kaufleute.
Den von Natur schon fast uneinnehmbaren Felsen haben die Engländer durch Bauten noch stärker befestigt und so ein +Gibraltar des Ostens+ geschaffen.[644] Die Stadt Aden haben sie neu gebaut und bei +Steamer Point+ an der Nordwestecke der Insel tüchtige Anlagen für den Schiffsverkehr hergestellt und einen +Freihafen+ geschaffen. Besonders hat Aden’s Bedeutung seit der Eröffnung des Suez-Canals sich gehoben, da es der wichtige und unentbehrliche +Halteplatz+ aller Dampfer zwischen Suez und Ostindien geworden.
Riesige Lager von +Steinkohlen+ sind hier eingerichtet, um die Dampfer zu versorgen. 1890 betrug die Einfuhr von Steinkohlen 165000 Tonnen; der +Gesammthandel+ (Aus- und Einfuhr) 5 Millionen £.[645]; Tonnengehalt der Schiffe über 4 Millionen. Ausgeführt wird Kaffe (aus Südarabien), Gummi, Häute und Felle, Tabak, Federn, Muscheln, Gewürze; eingeführt werden Getreide und Mehl, Baumwollenwaaren, Stückgüter, Petroleum, Tabak. Der örtliche Handel mit Arabien, Aegypten, Zanzibar ist nicht unbeträchtlich. Ackerbau giebt es natürlich nicht auf diesem nackten Felsen, und der Gewerbefleiss erzeugt allein -- +Trinkwasser+, Eis, Kochsalz. Letzteres wird an der seichten Nordküste des Hafens durch Verdampfen von Meerwasser hergestellt; man sieht die schneeweissen Haufen auf dem Sande liegen. Regen ist nicht viel zu befürchten; der Regenfall misst jährlich nur zwei Zoll! Die Sonnengluth ist ausreichend; beträgt ja die mittlere Temperatur + 29½° C. im Schatten, das ganze Jahr hindurch.
Trotz dieser Gluthhitze ist Aden nicht ungesund, auch nicht für den Europäer. Die Infectionskrankheiten fehlen. Allerdings die Augen der Eingeborenen fand ich hier, mittwegs zwischen Aegypten und Bombay, schon merklich schlechter, als in Ostindien.
Der Reisende, welcher in Steamer Point landet, sieht vor sich eine schmale Hafenstadt mit Quai und Uferstrasse, mit langen, ein- bis zweistöckigen, weiss getünchten Häusern, die zwar einfach, aber durch vorgebaute Schattenhallen gefällig erscheinen. Hier liegen, überragt von einer kleinen Batterie mit Signal-Stange, das Post- und Telegraphen-Amt, ein Hotel mit Gast- und Kaffe-Wirthschaft für den Reisenden, der meist nur einige Stunden auf der Felseninsel zubringt, ein Lager von Lichtbildern, wo Jeder einkauft, und natürlich der unvermeidliche „Curio-Laden“ eines Parsi-Kaufmanns. Die gut gehaltene Fahrstrasse führt an riesigen Kohlen-Lagern und Schuppen, vereinzelten Hütten, einer Polizei-Wache vorbei längs der ganzen Nordküste der Insel; und fängt erst an zu steigen da, wo die Landenge sich ansetzt. Vor uns liegt ein schmaler Eingang[646] zwischen zwei nackten bräunlichen Lava-Felskegeln, durch Kunst zu einem starken Thor vervollständigt und von einer kleinen Sepoy-Truppe besetzt, die natürlich sofort das Gewehr präsentiren, als wir durchfahren. Dieses Mal hatten sie Recht, mein Begleiter war ja ein britischer Officier, wenngleich in bürgerlicher Kleidung.
Jenseits des Thores senkt sich wieder die Fahrstrasse. Vor uns erscheint ein fesselndes Bild. Inmitten einer langgedehnten Thalschlucht von mässiger Breite, links (westlich) von niedrigeren, rechts (östlich) von höheren Lava-Felsen überragt, liegt die regelmässig gebaute, aus kleinen weiss getünchten Steinhäusern mit platten Dächern bestehende Stadt Aden bis hin zum Ostufer, wo die Meeres-Küste sichtbar wird. Die Thalschlucht stellt eben den Krater des Vulcan dar, dessen Rand an der Ostküste der Insel schon in grauer Vorzeit abgebrochen ist.
Baracken für die Sepoy sind am Anfang und am Ende der Stadt errichtet. Ganz hübsch und wohnlich sehen die Häuser der Officiere aus. Die letzteren fahren, da der Dienst im Frieden sie nicht sehr beschwert, im Einspänner mit ihren Frauen spazieren.
Riesige Kupfer-Kessel, die im Freien aufgestellt sind, dienen zur Bereitung von Trink- aus Meer-Wasser. Das Trinkwasser wird an die Bewohner verkauft, 100 Gallonen gelten 14 Annas.[647]
So wird das +Getränk+ künstlich hergestellt; die +Nahrung+ aber eingeführt, und zwar Mehl aus Indien und Europa, Schafe von der Somaliküste, Ochsen und Futter aus Arabien.
Das einzige hervorragende Gebäude der Stadt Aden ist eine weiss getünchte Moschee mit Kuppel und einem Minaret, wie man sie in jedem Dorfe bei Scutari findet.
Vor dem Kaffehause der Stadt ist ein grosses Gewühl, wie in Sicilien und Tunis. Die müssigen Somali-Jünglinge mit ihren Keulen-Stöcken starren den Fremden an, aber ohne ihn zu belästigen. Ueberhaupt möchte ich bemerken, dass ich weder mit den Bootsleuten noch mit dem Kutscher noch mit irgend einem Einheimischen von Aden die geringste Unannehmlichkeit hatte, während die früheren Reisebücher voll davon sind.
Bisher hatte ich noch keinen Baum oder Grashalm auf der ganzen Insel Aden erblickt. Aber bei dem westlichen Ende der Hauptquerstrasse, welche die Stadt Aden in zwei Theile zerschneidet, am Eingang zu den berühmten +Wasserbehältern+, ist eine schüchterne Pflanzung von Laubbäumen gelungen und wird durch sorgfältige Bewässerung aus Tiefbrunnen unterhalten.
Ebenso sind im Innern der terrassenförmigen Schlucht, die man jetzt betritt, noch kleine Sträucher und Bäume hier und da angepflanzt. Die Leute, welche die menschen- und bildungs-freundliche Arbeit des Wasser-Pumpens verrichten, sind aber auch fest überzeugt, dass der Reisende ihnen ein Trinkgeld schuldet.
Der Weg ist ziemlich bequem und zeigt bald rechts, bald links grosse, in dem Felsen ausgehöhlte, geglättete und mit Stuck ausgekleidete, oben mit Mauer und eiserner Brustwehr umgebene Wasserbehälter, die zwar prahlerische, englische Inschriften ihres grossartigen, in die Hunderttausende und Millionen von Gallonen gehenden Fassungsvermögens zeigen, aber von dem köstlichen Nass nur hier und da eine niedrige Lache enthalten.
Trotzdem sind es recht merkwürdige Bauten. In Arabien wurden derartige Wasserbehälter schon 1700 v. Chr. hergestellt. Die zu Aden sollen 600 n. Chr. angelegt oder vielmehr ausgebaut sein; im Jahre 1330 hat Ibn Batuta sie gesehen, 1538 ein Venetianer sie beschrieben. Alle Schluchten der Ostseite des Djebel Schamschan kommen in dies eine Thal zusammen, das noch dazu durch eine Mauer gesperrt wurde; so muss der ganze Regenfall hier in diese mit Mauern, Teichen, Canälen versehenen Wasserbehälter zusammenfliessen.
Wie alles, war auch diese Anlage zerfallen, als die Engländer Besitz von Aden ergriffen. Sie haben dann von 1856 bis 1874 die Becken wiederhergestellt oder doch von den 50 mit einem Gehalt von 30 Millionen Gallonen wenigstens 13 mit einem Gehalt von 7 Millionen. Doch haben sich die Behälter (Tanks) wegen der Unsicherheit und Spärlichkeit des Regenfalls nicht sonderlich bewährt, zumal für die so vergrösserte Bevölkerung; die Abdampf-Einrichtungen (Condensors) leisten das gewünschte.
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Am 7. December um 1 Uhr früh fahren wir ab von Aden und sind Vormittag in der „+Thränen-Strasse+“ (Bab-el-Mandeb), die allerdings diesen Namen von den über Windstille in dem Gluthofen des rothen Meeres verzweifelten +Segelschiffern+ erhalten hat und heutzutage, in der Zeit des Dampfes, einen neuen und besseren bekommen könnte. In der Mitte der Strasse erblicken wir die vulcanische Felseninsel +Perim+. Dieselbe ist halbkreisförmig, nach Süden offen, mit einem guten Hafen, fast 12 Quadratkilometer gross, mit 150 Mann Besatzung für den Signallicht-Dienst und die Zwecke der Vertheidigung; ihre höchste Erhebung steigt 65 Meter über den Meeresspiegel empor. 1857 haben die Engländer diese Insel in Besitz genommen und als Schlüssel zum rothen Meer befestigt, 1861 auch mit einem Leuchtthurm versehen. Ob sie wirklich das rothe Meer zu sperren vermag, könnte man doch bezweifeln. Denn das Fahrwasser ist westlich zwischen der Insel und Afrika 12 Seemeilen breit; östlich allerdings, zwischen der Insel und Arabien, nur ¾ Seemeilen.
Ueberhaupt ist wohl das System +Aden+ -- +Perim+ für den Kriegsfall nicht so gewaltig, wie nützlich für die Engländer in friedlichen Zeitläuften. Die Besatzungen sind eben zu schwach; sie genügen nur, die einheimischen Horden in Zaum zu erhalten.
Ueber die Besetzung von Perim wird auf dem Schiff eine lustige Geschichte erzählt, deren Wahrheit ich allerdings nicht verbürgen kann.
Der Befehlshaber von Aden empfing den Besuch eines französischen Kriegsschiffs, bewirthete die Officiere des letzteren auf das zuvorkommendste, trank mit ihnen ungeheure Mengen von Schaumwein, bis er ihre Zungen gelöst und erfahren, dass sie den Befehl hätten, Perim zu besetzen. Sofort bestellte er bei Tisch auf einer mit Bleistift geschriebenen Karte fröhlich eine neue Sendung von Weinflaschen; in Wirklichkeit enthielt die Karte den Befehl an seinen ersten Officier, augenblicklich nach Perim zu dampfen und daselbst die englische Flagge zu hissen. Als am andern Tage die Franzosen nach Perim fuhren, fanden sie -- den Tisch besetzt.
Wir sind also in dem +rothen Meer+, dessen erstickende Gluthhitze in den verschiedenen Reiseberichten eingehend und kläglich geschildert wird. Seine Länge ist recht bedeutend, 2140 Kilometer von Perim bis Suez, d. i. ein Drittel des Weges von Bremerhafen nach New-York; seine grösste Breite misst 350 Kilometer. Es hat weder Flüsse noch ordentliche Häfen und bildet eine tiefe, trogartige Einsenkung zwischen Afrika und Arabien. Die mittlere Tiefe beträgt 460 Meter; die grösste, welche bisher gemessen wurde, 2271 Meter. Aber das Fahrwasser für grosse Dampfer ist schmal, da beide Seiten bis zu bedeutender Entfernung von Ufer mit Korallen verbaut sind. Ob von diesen oder den rothen Felsen bei Suez oder von +Edom+, der umwohnenden Völkerschaft, der uralte Namen herrührt, ist immer noch zweifelhaft.
Mir zeigte sich das rothe Meer von seiner besten Seite; ich hatte die gute Jahreszeit gewählt und getroffen. Die Temperatur war Morgens auf Deck 25° C. ganz erträglich. (Nachts in der Cajüte natürlich mehr. Ich hatte deshalb mein Fenster aufgeschraubt. Aber die Strafe folgte auf dem Fusse, -- eine anständige Sturzwelle, welche durch die Oeffnung eindrang und mich augenblicklich gegen die Cajütenthüre hinschwemmte.)