Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 48

Chapter 483,441 wordsPublic domain

Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion ist +Zoroaster+ (Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) gelebt hat. Die Quelle ist das Buch +Zend-Avesta+, d. h. Erklärung vom Gesetz.[611]

In der +altiranischen+ Sprache, die in Europa missbräuchlich Zend genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien die herrschende gewesen.

Nachdem +Alexander der Grosse+ Persien erobert, in seiner Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der turanischen +Parther+ aus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter den +Sassaniden+ des mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur noch +geringe Ueberreste+ der alten Bücher sich vorfanden, die in die +damals übliche Schriftart+[612] umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden. +Der Name Zend-Avesta kam erst damals auf+; unter der +Erläuterung+ wurden die Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.

In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings umgeben von den schiitischen Mohammedanern des +neupersischen+ Reiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.

Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das heilige Feuer[613] mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nach +Bombay+. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihre +heiligen Schriften+ haben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus Persien ergänzt.

So gelang es dem französischen Gelehrten +Anquetil Desperons+, der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung herausgab. Die +Zweifel der Engländer+ über das Alter der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen Sprachforscher +Rask+ beseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem Sanskrit erkannte, und von +Eugen Bournouf+, der ihre Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829-1843). Seitdem hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der deutschen Uebersetzung von +Spiegel+ (Leipzig, 1852-1863), weit besser aber in der von +Haug+ (Leipzig, 1858-1860) und in dessen umfassendem Werk,[614] sowie in den von +Max Müller+ herausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge (+Gâthâs+[615]) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.

Der leitende Gedanke von +Spitama Zarathushtra+ war in der +Glaubenslehre+ die +Einheit+ Gottes, in der +Weisheitslehre+ die +Zwiefältigkeit+ der Dinge, der guten und der bösen, in der +Sittenlehre+ die +Dreifältigkeit+ (Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist als solcher auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des Zarathushtra +Ahurô mazdâo+,[616] lebendiger Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nur +ein+ Gott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.

Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des Ahuramazda (+Ormazd+) aufgefasst und Angro mainyush (+Ahriman+) als sein Widersacher.

So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617] und Hölle; die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.

Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung: +Indien den Indern+. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.

Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch sitzen dürfen. Daran kehrte +ich+ mich allerdings nicht und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, -- unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.

Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübsche und hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark monatlich an Europäer vermiethet werden.

Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er aber nicht.

Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (+Dhakma+, +Thurm des Schweigens+), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.

Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, vermag ich nicht zu sagen.

Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Bombay.

Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.

Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.

Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrer Städte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche Darstellung.

Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von 40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossen +Geier+, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach gebaut und weiss getüncht.

Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, nach dem Wort des +Zerduscht+,[618] Reich und Arm sich begegnen. Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen die Würmer in längerer Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden wir gerechter sein gegen Andersdenkende. +Sir Lyon Playfair+[619] sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten angesehen werden.“[620]

Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter südwärts fährt, sieht östlich die schönen +Gartenanlagen+, die am Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichen +Bungalow+, die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch -- leer stehen, wegen der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, erfordert.

Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene heilige Dorf der Hindu, +Walkeschwar+, d. h. des Sandes Herr. +Rama+, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien der +heilige Teich+ (Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus dem +Sand+ des Bodens.

Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählte ich sechs, die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines Auges zu beklagen hatten.

Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.

Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und wohlthätigen Hindu errichtet.

An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche Meile von dem Fort) befindet sich der +Palast des Statthalters+. (Gouvernements house at Malabar Point.)

Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo er seinen Namen in das Buch einträgt.

Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.

Nach dem Abendessen fuhren wir zum +Parsi-Theater+. Das ist ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.

Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.

Das Stück, welches gegeben wurde, war -- +Molière’s Geizhals+, aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, Kneifer tragenden[621] Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York gesehen.

Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.

Zu den +Ausflügen+, die ich von Bombay gemacht, gehört der nach +Mahim+ an der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat.

Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von dem +Palmenhain+ des Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht finden, weil er -- nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war nichts Neues für mich.

So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling betrachteten.

Der lohnendste Ausflug ist der nach der Insel +Elephanta+. Ich will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinem +ersten+ Nachmittag in Bombay unternommen.

Die Gasthausverwaltung[622] veranstaltet diese Fahrten, mehrmals wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die Person.

Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der 1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombay gebracht wurde und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel Gharapur, d. h. Grottenstadt.

Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.

+Wann+ diese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht seit der Zeit, wo unser Landsmann Karsten +Niebuhr+ (1774-1778) die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.

Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga) +Tempels+ ist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen Pfeilern,[623] die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (+Trimurti+); das mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht reden.

Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.

Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.

In andern Gemächern erscheint +Schiwa+, wie er auf seinem Berge Kailas thront, und +Ravana+, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie er von +Daksha+, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette von Schädeln.

Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige Wirkung ausübt, die +wir+ allerdings lieber mit andern Mitteln hervorbringen möchten.

Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren Altmeister +Goethe+ zu den folgenden Versen veranlassten:

Und so will ich, ein für allemal, Keine Bestien in dem Göttersaal! Die leidigen Elephantenrüssel, Das umgeschlungene Schlangengenüssel, Tief Urschildkröte im Weltensumpf, Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf, Die müssen uns zur Verzweiflung bringen, Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.

* * * * *

Der Ost hat sie schon längst verschlungen: Kalidas und andre sind durchgedrungen; Sie haben mit Dichterzierlichkeit Von Pfaffen und Fratzen uns befreit. In Indien möchte ich selber leben, Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben. Was will man denn vergnüglicher wissen, Sakontola, Nala, die muss man küssen; Und Megha-Duta, den Wolkengesandten, Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.