Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 47
Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu unterscheiden.
Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.
Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen Richtungen.
Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt die +Werft+ (Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.
Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alte +Sassoon-Dock+ zum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art, +Prince’s Dock+, das 30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowie +Victoria Dock+, von 25 Acres = 10 Hektaren.
Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen bis zur Münze sind der See +abgewonnen+,[600] wodurch der Hafen erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche Geschäftsviertel umgewandelt wurden.
+Hundert Millionen+ Mark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.
Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. Kreuzer +Schwalbe+, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen von +einem+ Mann gedreht und gerichtet.
Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel (Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit wird die Sache sich wohl anders entwickeln.
Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer Löhnung.
Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.
Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche Postdampfer +Imperatrix+ des östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert lag.
Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.
Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein Geschenk (bakschisch) zu verlangen.
Schlechter ist es mit den +Droschken+ bestellt, wenn auch nicht ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.
Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Strecken +zu Fuss+ zurückzulegen.
Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, durch +Colaba causeway+. Hier kommt man zu dem +Baumwollen-Paradies+. Bombay ist nach New-Orleans[601] der grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602] wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.
Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und durchmustert von Kauflustigen.
Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist und die Thatkraft der Europäer hat in +einem+ Jahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.
Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch zinspflichtig bleiben.
Umfassend ist hier am +Südende+ die +Aussicht+ auf Bombay. Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.
Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, seitdem ein neuer (+Prong Light+) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.
Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breiten +Uferstrasse+, (Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.
Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt ein +Reitplatz+ von der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlich +Rotten Row+ genannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.
Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.
Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (+Gymkhana+). Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603]
Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu den +Begräbnissstätten+ -- der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen.
Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.
Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles betrachten wolle. Das verstand +er+ wieder nicht. Schliesslich aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon gesehen und ging meines Weges.
Die +einheimische Stadt+ erreicht man am besten über Hornby road, die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt; und von da weiter[604] nördlich zum +Crawfort Markt+, dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605]
Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.
Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865-1871, hat natürlich die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, verlegte.
Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.
Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch essen.
Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)
Von dem Markt ist es nicht weit zu den +Bazaren+, wo die Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die Fortsetzung von Hornby road, die +Abduraman+- (oder Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.
Einen sehr grossen Raum nimmt der +Kupferschmied-Bazar+ ein, er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen feilgehalten und verkauft.
Berühmt sind ferner die +Holzschnitzereien+ und eingelegten Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände und Flitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen Massen gebraucht.
Die +Strassen+ der Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.
Von +Tempeln+ bemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.
Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie in Calcutta.
Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden die +Fabriken+ mit ihren hohen Schornsteinen.
Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn Sassoon, die 1200 Menschen, nur +Asiaten+, beschäftigt.
Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das ist das doppelte des Rohstoff-Preises.
In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen die +Krankenhäuser der Medicin-Schule+ (Grant Medical College).
Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind Eingeborene, ebenso die Studenten.
Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel nicht erdrosselt, sondern schlachtet.
Derselbe +Jamshidji Jijibhai+ hat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne von +Fardunji Sorabji Parak+ zum Andenken an ihre Mutter begründet.
Die +Gewerbeschule+, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.
Ganz im +Norden der Stadt+, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla, liegt der +Victoria-Garten+.
Hier steht das +Albert-Museum+. Sir G. +Birdwood+ sammelte 1 lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.
Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.
Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen Europäer dort gesehen.
Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegten +Victoria-Garten+, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist der +Schlangen-Zwinger+. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen Leibes darstellt.
+Malabar-Hügel+ besuchte ich an einem Tage, den ich ganz den +Parsi+ gewidmet.
Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein Urtheil zu bilden.
Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich doch geradezu erstaunt, +den Inbegriff der Parsi-Lehre+ zu erfahren:
+Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.+ Zur Erinnerung an diese schon in ihrer Bibel, dem sogenannten +Zend-Avesta+,[607] betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare hatten +gar keine Erfolge+ bei den Parsi, wie die letzteren lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf bestätigen.
Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden schilt, werden sie sich zu trösten wissen, -- mit dem alten Propheten +Jesajas+,[608] der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebenden +Herodot+,[609] dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie namentlich +Haug+,[610] ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur den +einen+ allmächtigen Gott lehren und preisen.