Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 46
Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden als Stadt-Haupt anerkannt.
So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.
Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst die innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene der +Königin+ (+Rani Musjid+), die wahrscheinlich zur Zeit von Ahmed Schah erbaut worden ist.
Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33 Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind von durchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,[579] aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.
In der Nähe ist die Moschee von +Mohammed Chisti+ aus dem Jahre 1565, mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu finden.
Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuen +Jain-Tempel+, den, ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati Singh, nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch lebendig, lebendig ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens in der Stadt eine Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere (+Panjrapol+) erbaut haben und unterhalten, sowie ausserordentlich zahlreiche, schön geschnitzte und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf hohen Pfeilern.
Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu, auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und überaus +sauber+ gehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.
Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen (angeblich des Dharmmanatha, des 15^{ten} der 24 Thirthankara), mit Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind nicht so unduldsam, wie die Hindu.
Danach kamen die +Wasserwerke+ an die Reihe, die ebenso wenig wie der Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen ist gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von 18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa sechzehn Wasserhähnen draussen am Umfang, so dass zu den bestimmten Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch entnommen werden kann.
Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles auf das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich nach meiner Heimath. Als ich +Berlin+ nenne, fasst er meine Hand, und bittet um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung der weltberühmten Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich verspreche ihm das, aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi halten unser Wort heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ Ich war ein wenig geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und habe ihm auch, mit Hilfe unsres vortrefflichen Director +Gille+, seinen Wunsch erfüllt.
Den Schluss machte die Besichtigung des +Hospitals+, dessen Arzt ein Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche Impf-Stelle ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit Pockennarben, auch viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.
Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir, dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann, wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu bestellen.[580]
Bombay.
Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. -- 310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in Watson’s +Esplanade Hotel+, dem besten in Indien.
Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann alsdann die Besichtigung der +zweiten Hauptstadt+ von Indien beginnen.
Bombay,[581] +das Auge von Indien+, das nach Westen schaut, die Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es 820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 Europäer.
Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat 11_{,5} Kilometer Länge, 3_{,5} Breite und etwa 55 Quadratkilometer Flächeninhalt,[582] und ungefähr die Gestalt einer länglichen, unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze ist +Malabar-Hügel+, der Wohnsitz der Reichen; die längere westliche +Kolaba+, das Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back Bay).
Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, liegt die alte +Festung und der Hafen+, und westlich davon die +Esplanade+, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583] Stadt der Eingeborenen an (+Black town+) und reicht nördlich bis zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des Malabar-Hügels.
Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theil der Insel, wo allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu behandeln hat.[584]
Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.
In +geschichtlicher+ Hinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon 1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung (Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.
Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.
Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war
1716: 16000, 1815: 221000, 1834: 234000, 1864: 816000[585], 1872: 640000, 1881: 773000[586], 1891: 821000 (einschliesslich des Cantonment).
Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftel der Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier Procent.
Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).
Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen gewesen sein, nach dem +Guide of Bombay+, 1892. Aber hier zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. Nach +Hunter’s amtlichen+ Zahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent auf Calcutta. +Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.+
Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr gehen durch den Suez-Canal.
Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. 1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.
* * * * *
+Esplanade Hotel+ hat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre Schmarotzer der Reisenden.
Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.
Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr gross, noch glänzend ausgestattet war.[587]
Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588] ein Postamt, ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso wie die Pförtner und Diener.
Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.
Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589] eine Stunde mit Bekannten verplaudert.
In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu entgehen.[590]
Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591] giebt es in dieser indischen Grossstadt nicht.
Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Dieses ist gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.
Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme Morgenstunde.
Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichen +Prachtgebäude+ zu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um es kurz zu sagen, +geschmacklosere Bauten+, als die der Engländer in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.
Das +Secretariat+ der Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge und vier Stockwerken; -- für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, ausserdem aber soll es „+venetianisch+“ sein.
Die +Universitäts-Halle+ ist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott im „+französischen+“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593] benannt, der 100000 Rupien dazu beigesteuert.[594] Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch im +Innern+, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)
Die +Universitäts-Bücherei+ mit dem Glocken-Thurme, von demselben Sir Gilbert Scott in dem „+gothischen Stil des 14. Jahrhunderts+“ entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast 200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der von +Rajabi+, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude an dem Werke haben.[595] In dem Garten der Universität steht die Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir führt.
Das +Gerichtsgebäude+, in „+altenglischem+“ Stil von Gen. J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auch +drinnen+; das beste, was man dort sieht, ist die +Aussicht+.
+Postgebäude+ „im mittelalterlichen Stil“, +Telegraphenamt+ „im neuen gothischen“ und +Bau-Amt+, die hier in der Nähe und dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.
Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so stösst man zuerst auf die +Cathedrale+, die 1718 erbaut, 1833 mit einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen Rundgarten (+Elphinstone Circle+), der von hohen Geschäftshäusern umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (+Town Hall+), das mit seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 £ errichtet. Das Gebäude hat einen grossen Saal von 100 Fuss Länge und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zu +Bällen+ benutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei der +asiatischen Gesellschaft+ und hierdurch den deutschen Fachgelehrten genügend bekannt.
Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt die +Münze+, welche 300000 Rupien an +einem+ Tage zu prägen im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden.
Ob das neue Stadthaus (+Municipal Office+) am Nordende des Europäer-Viertels[596] nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, die +mohammedanische Mädchen-Schule+, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude des +Victoria-Eisenbahnhalteplatzes+,[597] das allenthalben nach vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.
Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf denjenigen, der aus Indien +kommt+ und so viel schönes gesehen.
Wie die öffentlichen Gebäude, so auch die +Bildsäulen+.
Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, steht die bronzene +Reiterstatue des Prinzen von Wales+, die Sir +Albert Sassoon+[598] zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben (1875/76) durch Herrn +Böhm+ für 12500 £ anfertigen liess und der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern steht.
An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhe +die Königin+ im Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, von +Noble+. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh gesehen.
Bombay’s Bedeutung beruht auf dem +Seehandel+.
Naturgemäss wendet man sich zum +Hafen+. Es ist nicht weit. Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an dem +Seemanns-Heim+[599] und dem +Jacht-Club+ zur Linken und einem +Erfrischungshause+ zur Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönte +Landungstreppe+ in den Hafen vor, die den für uns seltsamen Namen +Apollo Bunder+ führt.
+Bunder+ oder Bandar heisst auf hindostanisch +Uferstrasse+. Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h. +Fisch+, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.
+Apollo Bunder+ oder, wie der +amtliche+ Name jetzt lautet, +Wellington Damm+ (W. Pier) ist das wirkliche +Eingangs-Thor+ zur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der schönsten +Seelandschaften+ der Erde. Vor uns liegen in dem von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung darstellt, -- denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichen +Kastell+ sind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die Waffensammlung (+Arsenal+), -- so ist doch für die +Vertheidigung des Hafens+ einigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel (+Butcher’s Island+), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.
Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die berühmte +Elephanta+ und die Berge des Festlandes, die westlichen +Ghats+, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll ist das Bild +gegen Abend+, wenn die tiefer stehende Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten hervorruft.
Dann sammelt sich auf diesem Platz „+ganz Bombay+“ oder wenigstens eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich vorzubereiten.