Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 45
+Das Innere ist überraschend.+ Der prachtvollere der beiden Tempel ist zwischen 1197 und 1247 n. Chr. errichtet und in Beziehung auf feine Bildhauerarbeit und Schönheit der Ausführung ohne Gleichen, sogar in Indien, dem Lande der geduldigen und unermüdlichen Arbeitsverschwendung. Vierzehn Jahre hat der Bau gedauert und 18 Millionen Rupien gekostet, ausser 5600000 Rupien, die zur Erhöhung des Hügels verbraucht wurden. Das ganze ist aus weissem Marmor gebaut, der 460 Kilometer weit her und auf den hohen Berg hinauf geschleppt werden musste!
Zwei Brüder, fürstliche Kaufleute, die auch noch andere Tempel errichtet, Tejpala und Vastupala, waren die Erbauer.
Der andere, gleichfalls von einem fürstlichen Kaufmann, Vimalah Sah, um das Jahr 1032 n. Chr. ist etwas einfacher, aber immerhin so reich geschmückt, als der gute Geschmack es zulässt. Hier können wir die Grundform des Jain-Tempels kennen lernen.
In der Mitte des Tempels steht die viereckige Zelle, die nur von ihrer Vorderöffnung her erleuchtet ist, den mit gekreuzten Schenkeln in ruhiger Haltung sitzenden Heiligen (hier Parswanatha[563]) enthält und oben das Spitz-Dach[564] trägt. Von der Vorderseite der Zelle geht eine prachtvolle Säulenhalle aus, die, mit einem geschmackvollen Uebergang des Achtecks zum Kreis, von einer Kuppel gedeckt wird und in einen weiteren Säulen-Vorbau nach dem Eingang zu sich fortsetzt.
Achtundvierzig +freistehende+, herrlich geschmückte +Säulen+ setzen diesen Theil des Bauwerks zusammen. (Selbstverständlich besteht die Wölbung aus +wagerechten+ Steinen; die +strahlenförmige+ der Römer muss ja auf einem vollständigen Cylinder von Mauerwerk aufruhen, oder doch, wie bei den Byzantinern, auf gewaltigen Strebepfeilern.)
Das Ganze steht in einem rechteckigen Hof von 140 Fuss Länge und 90 Fuss Breite, der an den drei Seiten (ausser der des Eingangs) von einer bedeckten Doppelreihe etwas kleinerer Säulen umgeben ist. In diesen Säulengang münden 55 kleinere Zellen;[565] jede von diesen enthält eine Wiederholung jenes Heiligen, mit dem reichsten Bildhauerschmuck von Thieren, Pflanzen, Begebenheiten aus seinem Leben, Verzierungen. Alles, auch der Fussboden, ist aus Marmor, alles ist in der üppigsten Weise geschmückt. Menschliche Figuren, grössere und kleinere, sind in rings umlaufenden Reihen neben einander und mehrfach über einander zwischen Ranken, Pfosten und Verzierungen an jeder Säule angebracht, ferner an den Kragsteinen des Säulen-Knaufs. Auch im unteren Theile der Kuppel, über einem ringsum laufenden Fries von Elephanten-Köpfen, sind sechzehn Figuren auf Sockeln angebracht, darüber noch drei concentrische Reihen von blumigen Verzierungen. Von dem Gipfel der Kuppel hängt eine riesige Himmelsblume aus Marmor in feinster Ausführung frei herab,[566] nach Fergusson ohne Gleichen auf der ganzen Erde. Die grossen Säulen der Haupt-Halle endigen oben in Kragstein-Knaufe; auf diesen stehen noch mit anmuthigen Figuren geschmückte Zwerg-Säulen, welche auf ihrem Knauf die mächtigen queren Stein-Balken tragen. Die Mitte der letzteren wird von schön verzierten Schrägbalken gestützt, die von den unteren Capitälen ausgehen. (In dem einen Tempel sind diese Schrägbalken nur blumige Windungen, die scheinbar aus stilisirten Thierrachen hervorwachsen.)
Das +Ganze+ macht einen höchst überraschenden, geradezu wunderbaren Eindruck, obwohl manche +Einzelheiten+ uns weniger anziehen.
Der dritte und der vierte Tempel sind kleiner und einfacher, sowohl im Baustoff als auch in der Ausführung.
Ein grässlich lärmender +Gottesdienst+ mit Gong und Pauken wurde grade abgehalten. Die Priester waren dabei ganz allein. Uebrigens sind sie sehr stolz und hochmüthig; als ich eingetroffen, weigerten sie mir zunächst den Einlass, da noch nicht Mittag sei.
Sie haben schon vergessen, dass die Tempel offen und vernachlässigt waren, bis Europäer in Abu sich niederliessen und Ordnung schufen. Eine grosse Stadt war nie auf dem Berge, die in der Ebene (Chandravati) ist von den Mohammedanern in der Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört worden.
Wie eng unser Gesichtskreis, wie gering unsere Kenntnisse vom Morgenland, trat mir an diesem Platz recht deutlich in das Bewusstsein. +Wunderbare Tempel, die in Europa ihres Gleichen nicht haben,+ sind hier von einer Gemeinde errichtet, die bei uns (abgesehen von Fachgelehrten) kaum dem Namen nach gekannt ist. In keiner der von mir angeführten deutschen Reisebeschreibungen und Schilderungen von Indien werden die Delwara-Heiligthümer der Jaina besprochen.
Die Frage der +Jaina+ ist darum so schwierig, weil erstens die Hindu keine Geschichte besitzen, zweitens von den heiligen Büchern der Jaina erst wenig herausgegeben und übersetzt ist, drittens der Unterschied zwischen Jaina und Buddhisten uns wenigstens sehr geringfügig erscheint.
Wie die Buddhisten leugnen die Jaina vollständig die Göttlichkeit und Bedeutung der Veda; sie verwerfen Opfer und verlangen strengste Sittlichkeit; sie glauben, dass die Zukunft des Menschen mehr von seiner eignen Handlungsweise, als von einem göttlichen Einfluss abhänge und üben +ahimsâ+, d. h. die Achtung vor fremdem Leben, in einer gradezu erstaunlichen Vollkommenheit. Alle enthalten sich gänzlich des Fleisches; die strengsten unter ihnen trinken nur durchgeseihtes Wasser, athmen durch einen Schleier und fegen zart den Boden, ehe sie niedersitzen, um nicht unbewusst ein kleines Thierchen zu zerstören. Den Weg zur Glückseligkeit zeigt ihnen +Triratna+ (d. h. die drei Edelsteine): 1) vollkommener Glaube, 2) vollkommenes Wissen, 3) vollkommenes Leben.
Auch die Buddhisten lassen zahlreiche Buddha vor Gautama zu. Die Jaina erkennen +vierundzwanzig Jina+ an, (d. h. Siegreiche, oder +Thirthankara+, d. h. Furten-macher, Erlöser,) nämlich Weise, welche das reine Gesetz wieder hergestellt; und verehren hauptsächlich den vorletzten +Parsvanath+ und den letzten +Mahavira+, (d. h. grosser Held, magnus vir,) welcher Zeitgenosse und Lehrer von Gautama Buddha gewesen; wie dieser, ein Königssohn, mit dreissig Jahren Weib, Kind, Schloss verlassen und ein Büsserleben geführt und ihre Religion begründet haben soll.
+Jetzt+ giebt es in britisch Indien ½ Million Jaina, mehr wohl in den Schutzstaaten, da ihre Gesammtzahl in Indien auf 4 Millionen angegeben wird.
Sie bilden wohlhabende, eng zusammenhaltende Gemeinden; sind meist Grosskaufleute und Bankherren, üben grossartige Mildthätigkeit, und unterhalten auch die Siechenhäuser für Thiere, welche in manchen Städten Indiens noch aus der Zeit der Buddhisten zurückgeblieben sind. Sie theilen sich in +Yati+ oder Büsser und +Çravaka+ oder Hörer (Laien). Noch ist die Religionsgenossenschaft lebendig und baut neue, prachtvolle Tempel, wie wir sehr bald in Ahmedabad sehen werden. Aber weit grösser war ihr Einfluss in +früherer+ Zeit; nur ist es sehr schwierig, darüber etwas bestimmtes zu erfahren.
Nach der älteren Ansicht wären die Jaina Ueberbleibsel der indischen Buddhisten, welche vor Ausrottung sich retteten durch eine Verständigung mit der Hindu-Lehre und es durchsetzten, als eine besondere Kaste anerkannt zu werden; in der That nennen die Jaina sich Hindu.
Aber nach neuerer und richtiger Ansicht ist die Jain-Lehre uralt. Unser Landsmann +Jacobi+ hat neuerdings (1884) dargethan, dass Buddha- wie Jaina-Lehre aus dem Brahmanenthum sich entwickelt haben, nicht durch eine plötzliche Reformation, sondern durch religiöse Bewegungen, die lange Zeit vorbereitet gewesen. Jaina-Lehre war die ältere von beiden, wahrscheinlich von Parsvanath begründet und verbessert von Mahavira, der auch Vardhamána, der Vermehrer, genannt wird. Ihre heiligen Bücher wurden am Ende des 4. Jahrhundert v. Chr. verfasst oder gesammelt, und aufgeschrieben im 5. Jahrhundert n. Chr. Die Jaina zerfielen in die beiden Secten der +Swetambara+ oder Weissgekleideten und +Digambara+ oder Nackten (Luft-gekleideten) zwei oder drei Hundert Jahre nach dem Tode des Stifters; und diese Theilung besteht noch heutzutage, obwohl die nackten Büsser (Digambara Yati) jetzt Nacktheit nicht mehr +öffentlich+ zur Schau tragen. Der Streit zwischen den Nackten und Bekleideten wird schon in den kanonischen Büchern angedeutet: in den Edicten von Asoka (264 v. Chr.) wird die Secte der Nigantha (Nirgrantha, die jedes Band fortgeworfen), in den Kupferplatten-Inschriften von Mysore aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. aber beide Secten der Jaina erwähnt.
Der Wörterbuch-Verfasser Hesychius, im 3. Jahrhundert n. Chr., war offenbar gut berichtet, als er Γέννοι durch Γυμνοσοφισταί übersetzte.[567]
* * * * *
Gestern war der Himmel tadellos rein blau gewesen, heute zeigt er am Horizont einige wenige Wölkchen. Nachmittags fahre ich in Jinrikisha wieder bergab mit denselben Leuten, die mich tags zuvor nach oben gebracht, und die nach dem Empfang des zweiten Trinkgelds von einer Rupie in der Nähe des Bahnhofes ein Freudenfeuer anzünden, um das sie sich zum Schmause lagern.
Ahmedabad.
Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568] wo ich Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug der +Bombay, Baroda and Central India+ Eisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)
In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal wieder das +Kreuz des Südens+ zu erblicken. +Dante+, dem es wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem Anblick; +Vespucci+ sah es auf seiner dritten Reise (1501); +Corsali+ (1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.
Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem nördlichen Wendekreis.
Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.
Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.
Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.
Die Stadt +Ahmedabad+ (ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer 148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite der Stadt) nach dem +Rasthaus+, das dicht vor dem in der Mitte der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.
+Ahmedabad ist äusserst lohnend.+ Die Stadt ist die erste im Bezirk +Guzerat+ und die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.
Guzerat[569] liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar und dem daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570] Hiervon entfallen 163000 Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grösster +Baroda+ ist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.
Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.
Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Baruch (+Barotsch+) an der Mündung des Nerbudda.
Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der Brahmanen.
Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches von Delhi.[571]
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen Sohn +Ahmed Schah+ erbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem Namen benannte Stadt +Ahmedabad+, stattete sie mit breiten Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada (1459-1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von einer Partei desselben +Akbar+ herbeigerufen, drang ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machte Guzerat zu einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572]
Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.
Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark bestellte, -- sein Vorgänger für 1½ Millionen.
Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573] zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.
Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt zieht die Eisenbahn hin.
Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrer +hindu-saracenischen Baukunst+. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meisten indisch geblieben. Die Gestalt ihrer +Verzierungen+ ist gradezu unübertrefflich.
Zuerst fahren wir nach der +Hauptsehenswürdigkeit+, der +Jumma Musjid+. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichen +Hauptstrasse+ (Manik Chauk).
Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000 Quadratfuss misst.
Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte jedes der beiden Thürme[574] ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind grösser und höher, als die andern.
Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.
In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des Sultans ist oben in der Mitte.
Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. -- Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern neben ihm. -- Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“
Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren Fuss setzen.
An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der durchbrochenen Fenster.[576]
Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, sondern echt hindostanisch sein.
Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (+Minarets+) versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (+Kiblah+), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen wird. (+Mimbar+.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (+Roza+) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.
Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’s +dreifaches Thor+ (Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher Bildhauerverzierung.
Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbaute +Burg+ (+Badr+ genannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan, 1636 erbaute +Palast+, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; die +Rubin-Bastion+ (Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, in der Nordostecke der Umwallung, +Sidi Said’s Moschee+, jetzt allerdings für die örtliche +Verwaltung+ benutzt. Aber die durchbrochene +Marmorarbeit zweier Spitzbogenfenster+ lohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad.
Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.
Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal der +Rani Sipri+ liegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat 1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.
Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern aus weissem Marmor.
Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein Triumph des Bildhauers.
Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.
1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt der +Kankariya+- oder +Bergkrystall-See+, 1451 von dem Sultan +Kutbudin+ angelegt und 1872 von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in Ordnung gebracht. Sein Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und bildet ein regelmässiges Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss lang ist; sein Flächeninhalt beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. Es ist die grösste Anlage dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem Südende führt ein Damm mit Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen Insel, auf der, inmitten von Palmen und violettblühenden Bäumen mit prachtvollem Grün, eine Erholungshalle angebracht ist.
Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die Sperlinge.
Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal von +Schah Alam+, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher Berather von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die durchbrochene Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und aus Bronze an den Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder Beschreibung. Wunderbar ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die Minarets der Moschee von 90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit Rundgängen.
Zum Schluss kommt die Betrachtung der +Bazare+.
Goldschmied-[577] und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten, Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann, Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold- und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-[578] und Papier-Waaren, -- alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.