Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 44
Auf der Rückfahrt sehe ich die +Dungkuchen-Herstellung+, eine Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen „Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebraucht werden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.
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Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren der +altindischen Heilkunde+ nachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende Aufgabe.
Die Heilkunde hat in der +brahmanischen+ Zeit selbständig sich entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung vom Leben) den +Göttern+ zugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen des +Susruta+ und +Charaka+ überlieferten Schriften, gehören den +späteren+ Zeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an. +Wann+ sie in der jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.
Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt haben.
Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nur +einem+ Flügel.
Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.
Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den Grundstock für die erwähnten Schriften.
Als der heutige Hinduismus entstand (750-1000 n. Chr.), und die Kasten sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad (750-960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.
In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.
Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für diese Zahlen (+Hunter+), erwähnt nicht die weiblichen Studenten, doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht worden.
Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, die +Nasenbildung+ und der +Star-Stich+.
Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, als +gesetzliche Strafe+ in Indien vorkommt; so ist es doch noch +Sitte+ in den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildung +wird+ ausgeführt in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern der +Ziegelstreicher-Kaste+, sondern von Schülern der englischen Universitäten und Krankenhäuser.
Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.
Der +Star-Stich+[555] war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon. +Celsus+ (zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert; +Galen+ (im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich gab; +Paulus von Aegina+ (im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. Die +Araber+ des Mittelalters beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einen kleinen Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben.
Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.
Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556]
Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte, +welchem Volke+ (oder gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.
Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.
Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu Gunsten des Star-Schnitts.
Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) bei längerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist der +Star-Schnitt+ durch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.
Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557] dass die unwissenden und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen.
In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das in +seinem+ Mund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.
Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse Schwierigkeiten bereiteten.
Sie waren zwischen 50-60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. (+Wasser+ nannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vor mehreren Jahren operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.
Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.
Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated into Urdu. Agra 1884.“
In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien Geldstrafe.
Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit. +Einer+ war da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von jenem operirt, -- mit gutem Erfolge.
Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen Kranken +von ihren Ketten nicht befreit+ sind! Die Briten, die in so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vom Pfuscher gut operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.
Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge erzielen.
Das +Geheimniss+ liegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne in Indien der Alters-Star +zwanzig Jahre früher+ reift, als bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im höheren.
Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch die +Gerechtigkeit+ anzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.
Berg Abu.
Am 19. December, Abends 11 Uhr, fahre ich von Jaipur nach Abu-Road. (Ungefähr 468 Kilometer in 13½ Stunden für 21½ Rupien; Bombay, Baroda and Central India Railway.)
In dicker Kleidung schlief ich gut, ohne zu frieren. Ajmir (mit 48000 Einwohnern, Hauptstadt des gleichnamigen Gebietes von 500000 Einwohnern mitten in der Rajputana, das die Engländer in eigne Verwaltung genommen,) berührte ich um 3 Uhr Morgens.
Den Aufgang der Sonne über die Ebene beobachtete ich vom Eisenbahnwagen aus, wie schon öfters in Amerika. Ueber dem östlichen Horizont liegt ein breiter, gleichmässig purpurroth gefärbter Streifen, darüber ein gelber, der ganz allmählich verklingt, keine Spur von Wolken am Himmel; plötzlich zuckt der Strahl der Sonne hervor.
Wir sind noch in Rajputana, etwa 1000 Fuss über dem Meere, nach dem Aneroïd-Barometer. Nicht allzuweit von hier, nach Nordwesten zu, beginnt das Gebiet der indischen Wüste, zwischen dem Flüsschen Luni und dem Indus. Beiderseits von der Bahn treten +Hügel+ auf (+Arawali+ hills); das Land sieht recht dürr aus und wird hauptsächlich zur Viehzucht benutzt.
Auf dem Halteplatz +Abu Road+ lasse ich meinen Koffer zurück, sende die zwei Stücke Handgepäck hinauf nach +Abu Mountain+, das 24 Kilometer entfernt ist und etwa 3000 Fuss höher liegt.[558]
Ich selber bestieg die +Jinrikisha+, welche von sechs einander ablösenden Männern gezogen und geschoben wurde.[559]
Es war Mittags nicht nur sonnigwarm, sondern unbequem heiss (unter 25° nördlicher Breite); die Leute nicht nur sehr langsam und träge, sondern auch unbändig schwatzhaft: die ganze unendliche Unterhaltung drehte sich um kleine Münze, wie aus dem stets wiederholten „Annas und Pice“ zu entnehmen war.
Der +Berg Abu+ gehört zwar zu dem Arawali-Gebirge, ist aber durch ein fast 24 Kilometer breites Thal von der Hauptkette getrennt und erhebt sich 5000 Fuss hoch kühn aus der Ebene, wie ein Felseneiland aus dem Weltmeer. Kein Wunder, dass er seit uralter Zeit von Jaina und Hindu als Heiligthum verehrt wurde.
Der Berg liegt in dem kleinen Rajputana-Schutzstaat +Sirohi+, der unter den zwanzig, der Grösse nach, der vorletzte ist, und nur 7800 Quadratkilometer misst und 142000 Einwohner zählt.
Beim Aufstieg hat man einen hübschen Rückblick auf das von den beiden Ketten-Gebirgen eingeschlossene, grüne und fruchtbare Thal, das mit zahlreichen Palmen besetzt ist. Die Felspartien weiter oben sind recht romantisch, mit steilen Abhängen, dichtem Baumwuchs, der bis oben reicht, murmelnden Quellen, an denen, unter Palmen, wandernde Familien und Kutscher mit ihren Ochsenkarren ausruhen. Wir begegnen zahlreichen Sippen weissbärtiger Affen, die auf den Bäumen hausen, ferner dem Jäger „mit dem Pfeil und Bogen“, Post-Läufern, die an ihrem Stabe Schellen tragen, Polizisten. Vollkommene Sicherheit scheint in diesem einheimischen Staat nicht zu herrschen. Einem Fusswanderer guckt der Pistolenkolben aus der Rocktasche.
Wenige Tage vorher war nicht allzuweit von hier ein englischer Officier beim Angriff auf eine Räuberbande gefallen. Doch der Berg Abu selber ist ziemlich gut bewacht, weil oben die englische Verwaltung von ganz Rajputana ihren Sitz aufgeschlagen und ebendaselbst auch die Vakil oder Bevollmächtigten zahlreicher Schutzstaaten dauernden Wohnsitz genommen.
Die Menschen sind hier wieder ziemlich dunkel, aber wohlgebildet, nicht gross und nicht sehr kräftig. Mehrere meiner Leute zeigten gar keine Entwicklung der Arm-Musculatur. Kaum halbwegs wollten sie mir einen schlechtgesattelten Ponny aufschwatzen, aber ich folgte ihnen nicht.
Der Weg führt bei einem Dorf vorbei. An der Strasse hat ein +Fakir+[560] sein Zelt aufgeschlagen. Es ist nicht einmal ein Zelt, sondern ein auf vier Stäben ruhendes Schutzdach aus geflochtenen Blättern, etwa so, wie es unsere Steinklopfer zum Schutz gegen die Sonne gebrauchen. Der fromme Mann ist völlig nackt, mit langem, wirrem Haar, das Gesicht mit Asche beschmiert. Er hat aber eine ganz gut aussehende Frau, die das übliche Tuch trägt, und ein kleines, nacktes Büblein. Die Münze, die ich dem letzteren in die Hand lege, wird mit Dank angenommen; und bei meiner Rückkehr der Kleine mir wieder an den Weg gestellt. Angewiesen ist der Büsser keineswegs auf Almosen, da ihn die Leute aus der Nachbarschaft mit Speise versorgen.
Jenseits einer tiefen Schlucht erglänzt auf steiler Höhe ein weisser +Jain-Tempel+. Die schwarzen Felsblöcke am Wege zeigen vielfach tiefe, sogar schraubenförmige Löcher, die an +ehemalige Gletscher+ erinnern; auch oben in Abu-Mountain. Die Sonne geht hinter den Bergen unter, Palmen heben sich ab von dem Purpur des westlichen Himmels. Mit dem letzten Tages-Schimmer um 6½ Uhr Nachmittags kommen wir an im Gasthaus.
Immerhin giebt es Gegenden genug in Europa, wo man einen solchen Ausflug, ohne Schutzmassregeln zu treffen, nicht unternehmen würde.
Das Gasthaus ist klein, das Essen schlecht. Obwohl ich einen alten Bekannten vom Dampfer Brindisi antraf und ein angenehmes Plauderstündchen mit ihm verlebte, -- hier befiel mich zum ersten Male ernstlich das +Heimweh+.
Die breitesten und tiefsten Meere habe ich durchschifft, in Sonnengluth und Sturmeswuth; die höchsten Berge habe ich geschaut; ich sah die wunderbarste Ueppigkeit des Pflanzenwuchses, die seltensten Thiere, die merkwürdigsten Menschen, ihre Sitten und Kunst, die herrlichsten und grossartigsten Bauwerke auf der Oberfläche dieses Planeten: doch nun sehne ich mich nach Hause, zu den Meinen, zu meiner Thätigkeit.
* * * * *
Der Ort Abu Mountain liegt in einem reizenden Thale (von 10×3½ Kilometer) und enthält den Wohnsitz des englischen Bevollmächtigten (Residency), zahlreiche Privathäuser, einen Club, Baracken für Soldaten und eine Schule für Soldatenkinder, sowie den sogenannten Bazar, d. h. die Wohnungen der Eingeborenen. Die Erhebung beträgt 4000 Fuss über dem Meere, die Temperatur ist angenehm.
Der schwarze Fels tritt an vielen Stellen schroff zu Tage, in den Ritzen wurzeln prachtvolle Bäume und Cactus-Pflanzen.
Das Thal ist künstlich bewässert und fruchtbar. Auf den Grasflächen weiden +fette Kühe+, wie ich sie seit Nuwara Eliya auf Ceylon nicht mehr gesehen hatte. Reisfelder werden bestellt und bewässert aus Tiefbrunnen mittelst der von Ochsen getriebenen Schöpfräder, die den ägyptischen Sakije sehr ähnlich sind und hierzulande als persische Brunnen bezeichnet werden.
Pflichtschuldigst sende ich Morgens früh meine Karte zu dem Bürgermeister des Orts, dem englischen Capitän Tigh, um den Erlaubniss-Schein zum Besuch der berühmten +Jain-Tempel+ (Delwara[561]) zu erhalten, um deren willen der Ausflug nach Mount Abu unternommen wird. Inzwischen wandre ich nach dem kleinen, künstlich angelegten +Edelstein-See+ (Gem lake[562]), der einige hundert Schritt vom Gasthaus entfernt und mit Felsinselchen übersäet ist.
Hier geniesse ich ein träumerisches Ruhe-Stündchen und wandre, nachdem der Erlaubniss-Schein angekommen, um 11 Uhr nach den 3½ Kilometer entfernten Tempeln.
Von aussen sehen sie unscheinbar aus. Man sieht den ungeheuren Unterbau, die umgebende Mauer, zwei kegelförmige Dächer und einige Kuppeln, anscheinend regellos angeordnet, da sie nicht einem, sondern mehreren neben einander, aber in verschiedener Höhenlage errichteten Tempeln angehören.