Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 43

Chapter 433,489 wordsPublic domain

Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Schein +eigenhändig+ unterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen Freunde[547] ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen in den +Schutzstaaten+ überwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.[548] Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man die +Erlaubniss zur Besichtigung der Paläste+ nur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte, +ohne+ die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.

Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) gelegenen Gasthaus nach der Stadt.

Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie krönt, ist in Riesen-Buchstaben das Wort +Welcome+ eingelegt. Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in den vorigen Tagen gesehen.

Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von 6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten Winkeln.)

Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen, mit Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie mit weissen Zierrathen versehen liess.

Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als tüchtig gebaut.

Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.

Natürlich wurde ich zuerst in einen grossen +Laden+ geschleppt, wo die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er mit mir kein Glück.

Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem prachtvollen +Park+ ausserhalb der Mauern, der als der schönste von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.

In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule des +Lord Mayo+ errichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines Mörders sein Leben eingebüsst hat.

In dem Garten sind +Vogelhäuser+ mit Riesen-Pfauen, auch den schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mit +wilden Thieren+, namentlich mit +Tigern+.

Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er reizt den Tiger zu höchster Wuth und -- hält dann die Hand auf, um ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden, +Menschenfresser+ seien; der eine habe fünfzehn, der andere zehn, der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.

Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.

+Gefangen+ werden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und zur Schau ausgestellt.

Der Hauptschmuck des Gartens ist +Albert Hall+, ein neues Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das Innere ist ein +Kunstmuseum+; dasselbe enthält die Ergebnisse der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies die +vollständigste+. Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.

Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossen von unserem Prof. +Herter+ erblickte, offenbar als Muster, um den Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.

Es giebt auch eine wirkliche +Kunstschule+ in Jaipur, welche Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern neu beleben soll.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um die +Stadt selber+ genauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe der einander ähnlichen Häuser in der ersten +Hauptstrasse+, alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.

Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mit +Läden+, unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und -- Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.

Der +Marktplatz+ am Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.

Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten Ochsen +Grünhörner+ im wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welche das Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen suchen.

Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt mit seinen Gärten ein +Siebentel+ ihrer Flächenausdehnung.

Nahe dem Haupteingang erhebt sich der +Himmelsthurm+, der von dem Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.

Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten -- ohne Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.

Der Haupttheil des Palastes (+Chandra Mahal+) ist ein in sieben sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude aus neuerer Zeit, -- wenn man will, in indisch-italienischem Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer der Frauen enthält.

Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.

Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (+Hawal Mahal+), auch von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, -- von den Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549] aber in der That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.

Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.

Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine Staatsdruckerei.

Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.

Besser gehalten sind die +Ställe+, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und den Silber-+Prunkwagen+ des Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.

Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde von +Elephanten+, die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.

In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, der +Krokodil-Teich+.[550]

Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils verschwindet.

Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an der Beute herausholt.

Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, den +Fürsten+ zu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicher Mann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.

+Tempel+ giebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig sind diese Bauten nicht. Der berühmte +goldne+ Tempel ist ein offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.

Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten sind noch zu erwähnen die +Grabdenkmäler+ der Fürsten, ausserhalb der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sind +Leergräber+ oder Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)

Der alte +Garten+ (Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen.

Das +Hauptvergnügen+ in Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz vor +Albert Hall+, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu lauschen.

Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend entgegenzunehmen.

Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt von +einheimischen Verkäufern+. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er von der Hand in den Mund lebt.

Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen hat.

Der +Haupt-Ausflug ist nach Amber+.[551] Montag, den 19. December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.

Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallener +Wasserpalast+ des Fürsten emporragt.

Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts weniger, als angenehm.

Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige Waffe ist ein Schild.[552] In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.

Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier enthüllt sich uns ein +wunderbares Schauspiel+: oben auf dem hohen Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene Stadt +Amber+.

Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.

Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem See und dem in das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.

Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau vollendet.

Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener Kuppeln.

Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem die öffentliche +Audienz-Halle+ steht. Die Marmorsäulen, in zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung zu schützen.

Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns vor Einführung der Papiertapeten üblich war!

Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.

Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmte +Thor Jai Singh’s+ eintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durch eingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in die Alabaster-Täfelungen eingelegt.

Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.

Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert worden.

Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553] Ein Hindu-Tempel steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll; +Murray+ sagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen gestalteten Enden berühren.