Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 42
5) Dicht dabei ist die kleine +Perl-Moschee+ aus weissem und grauem Marmor; sie hat drei Bögen und drei Dome und ist innen ganz mit flacherhabener Arbeit geschmückt. Sie wurde 1635 von Aurangzeb erbaut und kostete 160000 Rupien.
Man könnte sich wundern, in dem grossen Palast nur eine so kleine Moschee zu finden. Aber ganz in der Nähe des südlichen Palastthores liegt die +Jumma Musjid+, die als Hof-Kirche benutzt wurde.
Das ist das bedeutendste Bauwerk in der Stadt Delhi ausserhalb der Veste, eine der grössten und schönsten Moscheen auf der ganzen Erde. 5000 Arbeiter waren sechs Jahre lang daran thätig; die arabische Inschrift nennt als Jahr der Vollendung dasjenige, in welchem Schah Jahan -- von seinem Sohn Aurangzeb abgesetzt worden. (1658, nach unserer Zeitrechnung.)
Auf einem mächtigen +Unterbau+ erhebt sich die offene, mit 15 Fuss langen Architraven aus Sandstein gedeckte, zinnengekrönte Säulenhalle, welche an jeder der vier Ecken mit einem Thürmchen geschmückt ist und den Hof von drei Seiten umgiebt, während die vierte Seite von der Moschee selber eingenommen wird. In der Mitte jeder der drei Seiten der Halle führt eine stattliche, unten 150 Fuss lange +Freitreppe+ von 36 Stufen empor zu einem +Thorgebäude+. Das hauptsächlichste, östliche, der Moschee gegenüber, hat das Aussehen eines dreistöckigen Gebäudes durch die drei Reihen von Spitzbogenfenstern und in der Mitte ein gewaltiges bis oben reichendes Spitzbogen-Thor, darüber eine Gallerie mit fünfzehn kleinen Marmor-Domen und sechs Thürmchen. Die Thür im Hintergrund des Bogens ist massiv und mit dicken Arabesken belegt.
Der +Hof+, welchen wir nun betreten, ist mit Granit- und Marmorplatten schön gepflastert, und quadratisch mit einer Seitenlänge von 325 Fuss. In der Mitte liegt das übliche Marmor-Becken für die Abwaschungen.
Die +Moschee+ selber ist 200 Fuss lang und 120 Fuss tief. Sie öffnet sich nach dem Hof mit zwei Mal fünf kleineren und einem grösseren mittleren Spitzbogen, ist zierlich aus rothem Sandstein und weissem Marmor erbaut, an der Vorderseite mit Zinnen gekrönt, oben von drei Marmordomen überragt, an den beiden Ecken mit dreistöckigen, 130 Fuss hohen Minarets geschmückt, deren Besteigung eine lohnende Aussicht auf die Stadt gewährt. Im Innern sind Fussboden, Decke und Wände vollständig mit Marmor bekleidet.
Der Fussboden der Moschee ist mit weissen, schwarzgesäumten Marmorplatten von 3 Fuss Länge und 1½ Fuss Breite gepflastert; jede stellt einen Gebet-Teppich dar, deren Zahl nach der Rechnung[533] über 5000 beträgt. Aber am Freitag Nachmittag drängen sich hier 10000 Gläubige zusammen.
In der Nordost-Ecke der Säulenhalle ist ein Pavillon mit alten Handschriften des Koran, einer kufischen aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., und mit Reliquien Mohammed’s, z. B. einem +Haar aus dem Bart des Propheten+. Der fromme Mann, welcher diese heiligen Dinge dem Ungläubigen zeigt, ist unzufrieden, wenn letzterer ihm nicht eine Rupie spendet.
Die +Hauptstrasse+ von Delhi ist +Chandni Chauk+, die Silberstrasse. Sie führt von dem westlichen Hauptthor des Palastes zu dem der Stadt (Lahore Gate), ist 1½ Kilometer lang, 74 Fuss breit. Durch den grösseren Theil ihrer Ausdehnung zieht in der Mitte ein von doppelter Baumreihe eingefasster, erhöhter Fussweg, der die erwähnte, den Palast versorgende Wasserleitung bedeckt.
In diese Strasse ist das Gewühl der Käufer und Verkäufer zusammengedrängt. Laden reiht sich an Laden. Durch Zuruf, Gebärden, Geschäftskarten wird der Reisende, mag er zu Fuss gehen oder im Wagen fahren, zum Eintreten aufgefordert. Da sind Gold- und Silberwaaren, allerdings für meinem Geschmack viel zu plump. Vergeblich suchte ich nach einem Halsband für meine Frau. Der Verkäufer langte sein Prachtstück hervor, 2500 Rupien war der Preis. Lächelnd erwiederte ich, dass ich mir so viel Geld nicht eingesteckt. Die Händler in Kaschmir-Tüchern nehmen den Fremden aus dem Laden in das Hauptlager, das eine Treppe hoch nach dem Hof gelegen ist, und breiten unermüdlich ihre Schätze aus. Gold- und Silber-Stickereien gehören zu den einheimischen Erzeugnissen. Herr Tellery, ein Ungar, der ursprünglich vor vielen Jahren als Maschinenbaumeister nach Indien gekommen, erst Sammler von Erzeugnissen der einheimischen Kunsthandwerke, dann Händler und Hersteller, hat seine Hauptwerkstätten in Delhi.
Um Handel und Wandel zu unterstützen, hat die Stadtverwaltung in der Nähe der Hauptstrasse neuerdings ein grossartiges Gasthaus für Einheimische (Mor-Serai) erbaut, das in seinem hübschen morgenländischen Stil die Bauten der Engländer in Indien beschämt.
In der Mitte der Hauptstrasse ist ein misslungener Brunnen (Northfolk fountain), dicht dabei eine kleine Moschee aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer drei vergoldeten Dome den Namen der +goldnen+ empfangen. Von hier hat Nadir Schah die Ermordung der unglücklichen Einwohner von Delhi betrachtet.
Von der Hauptstrasse gelangt man auch in die Königlichen Gärten (+Queen’s Gardens+), die etwas verwahrlost erscheinen. Am Eingang steht ein grosser Elephant aus Stein, der 1645 von Gwalior hierher gebracht worden. In dem Garten steht ein Glockenthurm von 128 Fuss Höhe, und daneben das +Museum+. Dasselbe enthält eine Sammlung von Erzeugnissen der Kunstindustrie; zunächst aus +Delhi+ eingelegte Metallwaaren, Stickereien, Schnitzereien; sodann aus den andern Hauptorten Indiens, aber auch chinesische Elfenbeinschnitzereien (Riesenschachspiel) und Lampen.
Sehr lehrreich sind verkleinerte Darstellungen der Handwerke und des Ackerbau’s (z. B. der Bewässerung), wie sie hier zu Lande betrieben werden.
Im Nordwesten der Stadt, auf dem Bergrücken, steht ein gothischer Thurm zum Andenken an den Meuter-Kampf (+Mutiny Memorial+). Nördlich davon in der Ebene liegt der Platz, wo am 1. Januar 1877 die Königin von England als +Kaiserin von Indien+ verkündigt wurde. Lord Lytton hatte alle Fürsten von Indien, die hauptsächlichsten europäischen Beamten und 50000 Soldaten, britische wie einheimische, versammelt und den grössten Prunk entfaltet.
Wer Delhi besitzt, beherrscht Indien, nach der Meinung der Einheimischen. Als die Engländer im Anfang des Jahrhunderts Delhi erobert hatten, begaben sich mehrere Kleinstaaten freiwillig unter ihren Schutz. Als der Meuterkrieg aufloderte, versuchten die Sepoy, den Schattenkönig von Delhi zum Kaiser von Indien zu erheben. Nur in Delhi konnte Königin Victoria als Kaisar-i-Hind ausgerufen werden.
Wenn Delhi, wegen seiner +Ruinen+, das Rom Asiens genannt wird, so verdient der Weg südwärts nach Kutb Minar als seine appische Strasse bezeichnet zu werden.
Von der Südwestecke der jetzigen Stadt (Ajmir Gate) fährt man südwärts auf gut geebneter Strasse und erblickt zu beiden Seiten zwischen dem ostwärts gelegenen Fluss (Jumna) und dem westwärts gelegenen Höhenzug unzählige Grabmäler; hier und da, dichter aneinander gedrängt, die Ruinen der auf den Gefilden von Alt-Delhi nach einander errichteten sieben Städte, von denen jede folgende die Ueberreste ihrer +Vorgängerin+ Jahrhunderte lang als +Steinbruch+ ausgebeutet hat.
Das erste Gebäude von Bedeutung ist +Jai Sing’s Sternwarte+, ähnlich der zu Benares, nur mehr zerstört. Der „Fürst der Sonnen-Uhren“ (Samrat Yantra) ist ein Gemäuer von der Form eines rechtwinkligen Dreiecks, dessen Höhe 56, dessen Grundlinie 104 Fuss misst. Demnächst folgt das Grabmal des +Safdar Jang+, Abu ’l Mansur Khan, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Vezir des Kaisers Ahmed Schah gewesen und, 1749/50 von den afghanischen Rohilla besiegt, so thöricht war, die Marathen um Hilfe zu bitten. Das Grabdenkmal, welches 3 lakh Rupien gekostet, steht auf einer gemauerten Erhöhung, ist ein Quadrat von 100 Fuss Seitenlänge mit 4 Eckthürmen und einem Dom aus rothem Sandstein und -- Stuck. Von Weitem sieht es mächtig aus, aber bei näherer Betrachtung schwindet die Bewunderung. Safdar Jang ist der Gründer der Herrscherfamilie von Oudh, deren Stärke im Stuck liegt.
Unterwegs traf ich eine stattliche Abtheilung berittener +britischer Artillerie+, welche ein Feldlager aufschlug. Pferde und Bespannung schienen mir in vorzüglicher Ordnung, auch die Mannschaften nicht gar so jung wie die meisten britischen Fusssoldaten, die man in Indien antrifft. Aber der Train ist durchaus morgenländisch. Kameele tragen die Zelte, einheimische Diener schlagen dieselben auf, kochen ab für die Herren Soldaten, so dass auf jeden Kämpfer vielleicht zwei Diener kommen. In Friedenszeiten mag das sehr behaglich sein. Für den Ernstfall birgt es grosse Gefahren.
Das Endziel der Ausfahrt, +Kutb Minar+, liegt 19 Kilometer südlich vom Ajmir-Thor, auf der Stelle, wo die ursprüngliche Hindu-Stadt Dilli einst gestanden. Das mächtige Bauwerk zeigt beim ersten Blick, was es ist und sein soll, ein +Denkmal des Sieges+ der Mohammedaner über die Hindu. Zum Gebet konnte der Mueddin höchstens vom unteren Söller aus die Gläubigen rufen. Wenn Kutab-ud-din[534] (1206 bis 1210) das Werk begonnen, so scheint nach der Buchstabenform der Inschriften doch Altamsh (1211 bis 1236) das Wesentliche desselben vollendet zu haben. Der Führer allerdings erzählt uns ein +Volksmärchen+, dass der Hindu-König Raj Pithora (1180 n. Chr.) den Thurm gebaut, um von der Spitze aus seine geliebte Tochter zu sehen, wenn sie mit ihrem Gefolge zum Bad im Jumna-Fluss auszog.
Der Thurm ist 240 Fuss hoch. In fünf Stockwerken, die durch vier Söller abgetheilt sind, (in der Höhe von 97, 148, 188, 215 Fuss über dem Boden) verjüngt er sich, von 47 Fuss Durchmesser an der Grundfläche bis auf 9 Fuss an der Spitze,[535] deren Kuppel allerdings abgefallen ist. In Folge der starken Verjüngung erscheint dem nahe stehenden Betrachter die Höhe noch weit bedeutender, als sie wirklich ist. Die drei unteren Stockwerke bestehen aus rothem Sandstein und zeigen an der Oberfläche schön geschmückte Halb-Säulen und Pfeiler; im ersten Stockwerk beide abwechselnd, im zweiten nur Säulen, im dritten nur Pfeiler. Höchst gefällig ist die Abnahme der Höhe und der Dicke der höheren Stockwerke.
Das unterste Stockwerk hat drei, die beiden folgenden je zwei Bänder kufischer Inschriften mit Koran-Versen. Der Honigwabenschmuck unter dem ersten Söller soll von dem der Alhambra nicht merklich verschieden sein. Die beiden obersten Stockwerke sind glatt und mit Marmor belegt.
Kutb Minar gilt für das vollkommenste Bauwerk seiner Art auf der Erdoberfläche. (Der von Giotto erbaute Glockenthurm zu Florenz, der allerdings 30 Fuss höher ist, wird gewissermassen erdrückt von den Massen der benachbarten Kathedrale.)
390 Stufen führen im Innern auf die von einem Geländer umgebene Fläche der Spitze. Gewissenhaft stieg ich empor und fand den engen Raum dicht gedrängt von Einheimischen, die mir höflich, Platz machten. Der Ausblick ist ungemein lohnend; man sieht den Jumna und die heutige Stadt Delhi sowie die zahllosen Ruinen, endlich das zur Zeit recht trockne Land. Ist doch die indische Wüste nicht allzu fern! Der Gegensatz zwischen der dürren Ebene und dem grünen Streifen am Fluss erinnert an die Aussicht von der grossen Pyramide zu Gizeh.
In der Nähe erblickt man die Reste der mächtigen Mauern der Hindu-Festung Lalkot, weiter nach Osten die gewaltigen Ruinen der im Anfang des 14. Jahrhunderts erbauten mohammedanischen Festung Tughlakabad.
Kutb Minar steht neben der +Moschee+, die Kutab-ud-din unmittelbar nach der Eroberung von Delhi (1191 n. Chr.) begonnen und die Ibn Batuta, der mohammedanische Reisende, 150 Jahre später mit den Worten gepriesen, dass sie weder an Grösse noch an Schönheit ihres Gleichen habe. Ein wunderbarer Spitzbogen des Eingangs steht noch, 53 Fuss hoch, 22 Fuss breit, umrahmt von schöner Inschrift, die ganze Fläche mit blumiger Zierrath bedeckt. Der Hof ist umgeben von ganz und gar geschmückten Säulen, die nach den Inschriften aus 27 heidnischen Tempeln entnommen wurden; es dürften 1200 gewesen sein; die bilderzerstörenden Mohammedaner haben die Figuren an den Säulen zerstört, nur in einzelnen Ecken sieht man noch Jain-Heilige mit gekreuzten Schenkeln. Altamsh (1210-1236) und Alaud-din (1300) haben neue Höfe an und um die früheren gelegt, ähnlich, wie wir das aus altägyptischen Tempeln kennen, und so Kutb Minar mit eingeschlossen.
In dem ursprünglichen Hof steht der +Eisenpfeiler+, 23 Fuss 8 Zoll hoch, 16 Zoll dick, 6 Tonnen schwer, aus solidem Schmiedeeisen, mit einer Sanskrit-Inschrift aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., welche einen Sieg des Rajah Dhava über das Volk der Vahlikas am Indus feiert. Es ist merkwürdig, dass die Hindu schon damals einen so mächtigen Pfeiler aus Eisen schmieden konnten, wie er selbst heutzutage in Europa nicht häufig hergestellt wird. (Nach Professor Reuleaux’s Untersuchung ist der Pfeiler aus kleinen Eisenstückchen zusammengeschweisst.)
In den äussersten Hof führt +Alaud-din’s Thor+, ein viereckiges Gebäude aus rothem Sandstein mit Spitzbogen, der von arabischer Inschrift umgeben wird, mit durchbrochener Marmor-Arbeit in den Fenstern und gekrönt von einer flachen Kuppel: wohl das schönste Beispiel des früheren mohammedanischen oder +Pathan-Stiles+ in Indien.
Ausserhalb des Hofes, an seiner Nordwestecke, liegt das +Grabmal von Altamsh+, das älteste in Indien.
Auf der Rückfahrt von Kutub Minar sah ich, östlich von Safdar Jang’s Denkmal noch die vom Führer so genannte +Halle der+ 64 Säulen, das Grab von Akbar’s Milchbruder. In der Nähe liegt das Grabmal des Dichters +Amir Khusran+, der 1315 zu Delhi gestorben ist, aber in seinen Liedern noch heute fortlebt; ferner das prachtvolle Marmorgrab des heiligen +Nizam-u-din+ (1652), noch heute von den Nachkommen seiner Schwester gepflegt; und endlich das der +Jahanara+, der frommen und gehorsamen Tochter des Schah Jahan. Treu pflegte sie ihren Vater in seiner siebenjährigen Gefangenschaft. (1658-1665) und ist 1681 verstorben. Das Grab ist unbedeckt. Die persische Inschrift des Leichensteins enthält die schönen Verse:
Deckt grünen Rasen auf mein Grab, nichts andres mir behagt. Dies sei das einz’ge Leichentuch der demuthsvollen Magd.
Das Menschengeschlecht ist nur von einer einzigen Art; die indische Prinzessin aus türkischem Stamm hat vor 200 Jahren Worte gewählt, wie sie der romantischen Schule Deutschlands im Anfang unseres Jahrhunderts geläufig waren.
In der Nähe ist ein von dem erwähnten Heiligen geweihter, 40 Fuss tiefer +Teich+, in dem der Sage nach Niemand ertrinken kann. Nackte Knaben stehen auf dem 40 Fuss hohen Dach des angrenzenden Gebäudes, bereit zum Sprung in das Wasser, wenn man ihnen ein Geschenk zusichert. Doch mochte ich den Heiligen nicht versuchen.
Oestlich und in geringer Entfernung von diesen Stätten liegt das Grabdenkmal von +Humayun+, der 1556 n. Chr. gestorben ist. Der Bau hat 16 Jahre gedauert und 15 lakh[536] gekostet und ist das älteste Vorbild für die Taj. Auf einer gemauerten Erhebung steht der von einer Marmorkuppel gekrönte, achteckige Mittelbau mit vier achteckigen Thürmen an den Ecken und vier 40 Fuss hohen, spitzbogigen Eingängen, alles aus rothem Sandstein, mit eingelegten Streifen von weissem Marmor geschmückt: im Gebiet der Grossmogul ein Werk zweiten Ranges, an jeder andern Stelle der Erdoberfläche ein Wunderbau. Hier war es, wo nach der Wiedereroberung Delhi’s am 12. September 1857 Hodson den Mogul-König +Bahadur+ Schah gefangen nahm und am nächsten Tage dessen Söhne mit eigener Hand niederschoss.
1,8 Kilometer nördlich von Humayun’s Grab (etwa 3,5 Kilometer südlich von dem Südostthor, Delhi Gate, der heutigen Stadt) liegt +Indrapat+, eine Veste mit hohen und dicken Mauern, die allerdings von Humayun 1533 ausgebessert sind, aber immerhin an verschiedenen Stellen den Eindruck hohen Alters machen. Eine steile Zufahrt bringt uns an das Südwestthor. Innerhalb der Mauern hat eine ärmliche Hindu-Bevölkerung ihre Hütten aufgeschlagen. Bettelnde Kinder und Frauen umringen nach Zigeuner-Art den Fremdling. +Sher Schah+’s Moschee vom Jahre 1541 ist eine einfache Halle aus rothem Sandstein, mit Marmor und Schiefer eingelegt, mit hohen Bögen und einem Dom: ein durchaus ebenmässiges Gebäude. In der Nähe steht ein achteckiges Gebäude, +die Bücherei von Humayun+, der hier, als er den Aufgang des Abendsterns beobachten wollte, die Treppen herabfiel und an den Folgen der Verletzung gestorben ist.
Südlich von den Südmauern der jetzigen Stadt sind die ganz zerfallenen Ruinen von +Ferozabad+, der Festung, die Feroz Schah Tughlak 1354 erbaut hatte. Auf einem dreistöckigen Gebäude steht der Steinpfeiler (+lat+) des Königs +Asoka+ (257 v. Chr.), von den Siwalik-Hügeln, wo der Jumna in die Ebene tritt, hierher gebracht: die Inschrift, in Pali, verbietet „zu tödten.“ Zur Zeit von Ferok Schah konnte Niemand dieselbe entziffern.
Jaipur.[537]
+Die indische Heilkunde+.
Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi nach +Jaipur+, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)
Ich komme also in die +Rajputana+, jenes grosse Gebiet im nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedenen einheimischen Fürsten regiert wird.[538] Unter den letzteren sind nur zwei Mohammedaner.
Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 an 10 Millionen Einwohner,[539] von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.
Von der ursprünglichen Kriegerkaste der +Rajput+ (im Sanskrit Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll in ihrem Auftreten.
Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.
Abends spät gelange ich in das +Gasthaus zur Kaiserin von Indien+ (Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, wollten sie +von aussen+ ein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, seinen Platz eingenommen.
Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die Heldenlieder[540] seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese nächtlichen Lieder aufhörten.
* * * * *
Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.
Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.
Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen Meuter-Aufstands.
Der wichtigste dieser Schutzstaaten ist +Jaipur+ mit 37000 Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als 2315000 Hindu sind.[541] Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542] ist der 35^{te}; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, den Helden der Volksdichtung, zurückzuführen. +Jai Singh+,[543] der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr. +Hans Meyer+ dürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)
Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen von jährlich 10 Millionen Mark,[544] wovon er allerdings auch die Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.
Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545] (Mittelschule) mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546] Die Zahl der Einwohner betrug 1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den einheimischen Staaten Indiens.
Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.