Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 41

Chapter 413,525 wordsPublic domain

Die vierte Seite, nach Westen, d. h. nach der Richtung (Kibla), in welcher von Indien aus das Grab des Propheten liegt, wird von der +Moschee+ eingenommen. Dieselbe öffnet sich nach dem Hof in sieben zusammengesetzten, auf Pfeilern ruhenden Spitzbögen von grosser Schönheit, wird überdacht von einer Reihe zierlicher Kuppeln und gekrönt von drei mächtigen Domen. Fergusson erklärt, dass er kein andres Gebäude der Art von so reinem und anmuthigem Stil kennen gelernt habe.

Längs der ganzen Vorderseite über den Bögen läuft eine Inschrift aus schwarzem Marmor, der in den weissen eingelegt ist, des Inhalts, dass diese Moschee einer kostbaren Perle verglichen werden kann, da sie allein vollständig mit Marmor bekleidet ist.

Die Moschee, welche nahezu drei Mal so breit wie tief (142:56′) und durch einige Stufen gegen den Hof erhöht ist, besteht aus drei Schiffen von je sieben Abtheilungen. Die zusammengesetzten Pfeiler, mit blumigem Relief an Fuss und Knauf, sind mit einander, sowohl der Breite als auch der Tiefe nach, durch die schönen, siebenfach eingeschnittenen Spitzbögen verbunden. Wenn man von der einen der beiden äusseren Ecken hineinblickt, ist das Bild der sich verjüngenden und einander schneidenden Bögen von unbeschreiblicher Anmuth.

Der Fussboden, wie alles, mit Marmor belegt, ist gleichsam in rechteckige Gebet-Teppiche abgetheilt, deren Anzahl sechshundert beträgt. Die Perlmoschee ist von 1648 bis 1655 von Schah Jahan erbaut worden. Während des Meuterkrieges diente der heilige Ort zum Krankenhaus. Der ganze Bau ist so neu und frisch, als wäre er gestern fertig geworden.

Nicht weit (nach Süden) von der Moschee, welche ungefähr die Mitte der Veste einnimmt, befindet sich der (570×300′) grosse +Waffenplatz+ (Armoury square), wo einst die Ritter des Grossmogul im Turnier sich tummelten, jetzt unbrauchbare, aber den Einheimischen vielleicht Ehrfurcht einflössende Kanonen und Mörser in langen, nüchternen Reihen liegen;[527] und, nahe der Südwestecke, das Grabdenkmal des Herrn +Colin+, Lieutnant-General der Nordwest-Provinzen, der hier am 9. September 1857 während des Meuterkrieges verstorben ist. Leider ist das Denkmal in -- gothischem Styl!

Der Hintergrund des Platzes nach Osten, d. h. gegen die Jumna zu, wird von Schah Jahan’s +öffentlicher Audienz-Halle+ (+Diwan-i-Am+[528]) eingenommen. Das Gebäude läuft von Norden nach Süden in der Ausdehnung von 201 Fuss. Die eigentliche Halle hat eine Länge von 192 und eine Breite von 64 Fuss. Sie besteht aus drei Schiffen von je neun Abtheilungen und ist offen an drei Seiten. Das platte, mit zwei Kuppelthürmchen geschmückte Dach wird durch anmuthige Pfeiler aus rothem Sandstein getragen.

An der Hinterwand sind Gitter, aus welchen die Schönen, selber ungesehen, die Ritter in der Halle betrachten konnten, und in der Mitte ein erhöhter Sitz aus weissem Marmor mit eingelegter Arbeit. Hier war es, wo, nach älteren Reisebeschreibungen, Aurangzeb thronte und die Verwaltung der Gerechtigkeit überwachte. Hier hat der Prinz von Wales 1876 einen öffentlichen Empfang (Durbar) der eingeborenen Fürsten und Edlen abgehalten.

Durch eine schmale Thür hinter dem Alkoven gelangt man in den Rest des prächtigsten Gebäudes aus der Mogul-Zeit, in den +Palast von Schah Jahan+.

Hinter der Audienzhalle liegt +Machchi Bawan+, +der Fisch-Teich+, und nördlich davon die +Edelstein-Moschee+ (Naginah Musjid), die Privatkapelle der Damen des Hofes.

Rings um den Fisch-Teich läuft eine zweistöckige Säulenhalle; nur an der Flussseite ist sie einstöckig, aber verbreitert, und oben mit einer geräumigen Terrasse versehen, auf welcher der +schwarze Thron+ steht und die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Das ist ein Wunder von Schönheit, eine bedeckte spitzbogige Marmorhalle, 64 Fuss lang, 34 Fuss breit, 22 Fuss hoch, mit feinstem Schmuck in flachem Marmorrelief und eingelegten Steinen. In ganz Indien ist nichts Schöneres der Art zu sehen. Lord Northbroke hat auf seine Kosten ausbessern lassen, was britische Vandalen hier zerstört hatten.

In dieser Halle und auf jenem Thron sass der Kaiser Jahan und liess seinen Blick schweifen über den Fluss und die Gärten und Paläste der beiden Ufer. Von dieser Terrasse aus konnte man auch in Sicherheit auf die Kämpfe zwischen Elephant und Tiger herabblicken, die in der Tiefe am Fluss-Ufer von statten gingen, sowie auf die Wettfahrten der Ruderböte. In einem nahe gelegenen Pavillon ist Schah Jahan gestorben, sein letzter Blick noch suchte die Taj.

Von der Privat-Audienzhalle führte eine Treppe zum Wohnsitz der Kaiserin. Ein wundervoller zweistöckiger Pavillon (Saman Burj oder +Jasmin-Thurm+) mit durchbrochenem Marmorwerk in feinster Arbeit, der auf einer mächtigen Bastion unmittelbar am Fluss-Ufer ruht, ist noch erhalten; sowie ein feenhaftes +Badehaus+ (Shish Mahal = Spiegel-Palast) mit Springbrunnen und eine +offene Halle+ mit reichstem Schmuck (Khas Mahal).

Auf dem höchsten Punkt der Veste von Agra stand einst der Palast von Sher Schah oder seinem Sohne Selim. Fergusson sah noch einen Rest davon, ein bewundrungswürdiges Stück der verzierenden Kunst. Aber die gegenwärtige britische Regierung hat es fortgenommen und ein Vorrathshaus dort hingebaut, das in seiner weiss gewaschenen Hässlichkeit über die Marmorpaläste der Mogul fortblickt, -- nach +Fergusson+ ein sprechendes Beispiel, um den Geschmack der beiden Rassen zu vergleichen.

In einer Umgitterung werden einige +geschichtliche Andenken+ aufbewahrt: ein zerschlissener Sessel, auf dem irgend ein General oder Gouverneur, ich habe vergessen, welcher, zu sitzen pflegte; und die berüchtigten +Thore von Somnath+. Im Jahre 1024 n. Chr. stürmte und plünderte Mahmud Ghazni die Hindu-Stadt Somnath in Gujarat, zerstörte den heiligen Schiwa-Tempel und schleppte mit der gewaltigen Beute auch das +Sandelholz-Thor+ des Heiligthums fort.

1842, nach dem erfolglosen Krieg mit Afghanistan, liess Lord Ellenborough das Thor von Mahmud’s Grab aus Gazni prahlerisch durch Indien schleppen, als „Genugthuung für Somnath’s Plünderung.“ Aber die Hindu-Priester verweigerten die Annahme.

Das Thor ist übrigens aus +Ceder-Holz+, saracenische Arbeit, und wohl eine plumpe Fälschung, wenngleich in der kufischen Inschrift der Name Subuktugin vorkommen soll.

Am besten wäre es, dieses Siegeszeichen (?) -- zu verbrennen oder wenigstens dem Blick der urtheilsfähigen Betrachter zu entziehen.

Südlich von Schah Jahan’s Palast liegt der von +Jahangir+, unmittelbar nach Akbar’s Tode aus rothem Sandstein in reinem Hindu-Stil ohne Bogen oder Gewölbe erbaut. Von seinem Dach, dem höchsten Punkt in der Festung, hat man einen prachtvollen Ueberblick über das Ganze und kann im Geiste die Ruinen wieder aufbauen und mit der glänzenden Schaar beleben, die von europäischen Reisenden des 17. Jahrhunderts so farbenprächtig geschildert worden ist.

Gegenüber dem Delhi-Thor der Festung liegt die +Hauptmoschee+ der Stadt (Jumma Musjid), 1634 bis 1644 von Schah Jahan zu Ehren seiner Tochter Jahanara im Mogul-Stil erbaut.

Das Hauptthor wurde von den Briten zur Zeit der Meuterei niedergerissen, da es die Festung bedrohte. Jetzt ist an der Treppe ein Gewirr von Buden angesiedelt. Jede der drei Abtheilungen der Moschee öffnet sich in den Hof mit einem schönen Bogen und wird gekrönt mit einem Dom, der aus weissen und rothen Steinen in gezackten Linien erbaut ist.

Sehr bald befreundete ich mich mit dem Lehrer der +Koran-Schule+ in den offenen Seitenhallen des Hofes und mit den Schülern. Ich liess sie aus dem Koran vorlesen und übersetzen sowie abschreiben. Jede Klasse hatte ihren Prunkschüler, der voll Stolz seine Leistungen zeigte. Aber zum Schluss verlangten sie auch nach morgenländischer Sitte ein Geschenk von dem Sahib.

Es ist merkwürdig, wie wenig die Hindu, trotz ihrer Mehrzahl, gegen die Mohammedaner in Agra zur Geltung kommen.

Hindu-Tempel sieht man kaum, wohl in der Nähe der Schiffbrücke einige Treppen, die zu dem heiligen Fluss hinabführen.

Die Stadt selbst bietet wenig Sehenswürdigkeiten.

Das Haupterzeugniss des +Kunsthandwerks+ ist eingelegte Marmorarbeit. In den weissen Marmor von Jaipur werden blumenartige Verzierungen aus farbigen Steinen (Cornel, Agat, Jaspis, Chalzedon, Blutstein, Lapis Lazuli u. A.) eingelegt. Teller, Tischplatten, Gefässe, Tafel-Aufsätze und viele andere Gegenstände der Art werden so hergestellt und dem Reisenden in der Vorhalle des Gasthauses, am Eingang der Taj und in den Bazaren angeboten. Es giebt auch eine grosse Werkstätte, wo ein reiches Lager ausliegt, sowie Nachbildungen der Taj aus Alabaster in verschiedenen Grössen und Preisen (von 40 bis 200 Rupien). Aber diese verfehlen des Eindrucks, selbst die grosse, die für Chicago angefertigt worden und für die 1500 Rupien verlangt werden.

Ausser den Marmorarbeiten werden in den Bazaren noch hauptsächlich Gold- und Silberstickereien sowie Schnitzwerke aus Seifenstein dem Fremden angeboten. Das Europäer-Viertel liegt westlich von der Stadt, ist sehr weitläufig gebaut, mit schönen Gärten, und enthält die Baracken, den Gerichtshof, das Colleg, einige Kirchen, einige hübsche Landhäuser und unser Gasthaus.

Delhi.

Die Reisebücher rathen, der Zeitersparniss halber Nachts zu fahren, am folgenden Tag die nächste Stadt zu besichtigen und dann wieder Nachts weiter zu fahren. Mir schien das nicht zweckmässig zu sein. Schlafwagen giebt es nicht in Indien; auf ruhigen Schlaf und Bequemlichkeit ist also nicht mit Sicherheit zu rechnen. Nach schlafloser Nacht fehlt die Frische am Tage, um all’ die zahlreichen Sehenswürdigkeiten genau und aufmerksam zu beobachten. Dazu kommt, dass um die Mitte des December die Nächte in Nord-Indien schon recht kühl sind. (Ich mass am 15. December Vormittags 7½ Uhr +14° im Zimmer, +10° C. in der Vorhalle.)

Ich fahre also am 15. December, Vormittags 10 Uhr, von dem Halteplatz Agra-Fort mit dem Personenzug der East Indian R. über Tundla-Junction nordöstlich nach Delhi. (136 englische Meilen für 13½ Rupien, in sechs Stunden, also ungefähr 36 Kilometer in der Stunde.)

Das Land[529] sieht theilweise recht dürr aus, dann wird es wieder besser, ist aber ganz eben. Bemerkenswerth sind die mächtigen Bewässerungs-Canäle mit Schleusen und Abzweigungen. Lehmhütten mit flachem Dach, wie in Ober-Aegypten, sind die Behausungen der Bauern; doch giebt es auch bessere. Erstaunlich ist die Menge des gefiederten Volkes; grüne Papageien erscheinen in Paaren und in Schwärmen, wilde Pfauen, ernste Marabut.

Um 4 Uhr sind wir in Delhi. +Imperial Hotel+, das mir am meisten empfohlen war, hat kein ordentliches Zimmer frei; +Grand Hotel+, wo ich Unterkunft finde, ist schlecht. Der Nachmittag wird einer Fahrt durch die Bazar-Strasse (Chandni Chauk = Silber-Strasse) gewidmet.

Delhi wird als +Rom Asien’s+ bezeichnet. Seine +älteste Geschichte+ ist in tiefes Dunkel gehüllt. Aber die Trümmer, welche vom Süden der jetzigen Stadt in einer Länge von 16 Kilometer und in einer Breite von 5 bis 10 Kilometer sich erstrecken, sind die Ueberbleibsel von +sieben+ verschiedenen Städten, die zu ganz verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Die älteste war +Indraprastha+. Diese wird schon in dem altindischen Heldengedicht Mahabharata erwähnt. In den Purana, die vom 8. bis 13. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind, wird Yudishthira als erster König der Stadt genannt, dann folgen angeblich 30 Geschlechter seiner Familie; hierauf eine andere, die 500 Jahre herrschte; endlich 24 Herrscher, deren letzter von Vikramaditya 57 v. Chr. besiegt wurde. Zu dieser Zeit erscheint zuerst der Name Delhi,[530] nach dem Fürsten Dilu, der 10 Kilometer stromabwärts von der jetzigen Stadt eine Burg erbaute. 792 Jahre lag die Stadt wüst, dann wurde sie neu bevölkert. (1052 durch Anang Pal II.) Die Kämpfe der Hindu mit einander machte den Mohammedanern die Eroberung leicht. 1011 n. Chr. wurde die Stadt von Mohammed Ghazni eingenommen, 1193 von Mohammed Ghori dauernd erobert. Dank dem geschichtlichen Sinn der Mohammedaner sind wir im Stande, die Reihe von 54 Fürsten aufzuzählen, welche danach zu Delhi geherrscht haben, von 1193 bis 1803, wo die Engländer die Stadt einnahmen. Für die Baugeschichte kommen hauptsächlich in Betracht:

1) Kutbu din (1206 n. Chr.), der Erbauer des grossen Thurmes (Kutb Minar) und der grossen Moschee.

2) Feroz Tughlak (1351-1388), der Erbauer des grossen Canals, welcher, unter Schah Jahan und wiederum neuerdings durch die Engländer wieder hergestellt, als westlicher Jumna-Canal durch die heutige Stadt fliesst.

3) Sher Schah machte 1540 Indrapat zur Festung seiner neuen Stadt und erbaute einen Palast und eine Moschee.

4) 1638 begann Schah Jahan die Festung und den Palast von „Shajahanabad“, dem heutigen Delhi. Dasselbe soll zur Zeit Aurangzeb’s 2 Millionen (?) Einwohner gezählt haben.

Das schrecklichste Unglück befiel die Stadt im Jahre 1739. Am 10. März wurde die persische Besatzung, welche Nadir Schah hineingelegt hatte, vom Volke aufgerieben. Am 11. befahl der Eroberer eine allgemeine Metzelei, die von Sonnenaufgang bis Mittag dauerte und 30000 (nach Anderen gar 200000) Opfer gefordert haben soll. Nadir Schah schleppte eine unermessliche Beute fort, die auf 30 und selbst 70 Millionen £ geschätzt wird, darunter den Pfauen-Thron und Koh-i-nur. 1788 eroberten die Marathen Delhi, 1803 gewannen es die Engländer und behaupteten es bis 1857, obwohl sie dem Nachkommen des Grossmogul erlaubten, König, ja sogar Schah schahi, König der Könige, sich zu nennen.

Am. 10. Mai 1857 brach zu Meerut, dem Hauptwaffenplatz des Nordwestens, 72 Kilometer nordwestlich von Delhi, die Meuterei aus. 58 Sepoy, welche im Arrest sassen, weil sie die neuen Patronen, wegen der Verwendung von Kuh-Talg, zurückgewiesen, wurden von ihren Kameraden befreit. Die Sepoy setzten die Häuser ihrer Officiere in Brand und marschirten nach Delhi. Leider versäumte General Hewitt in Meerut, der europäische Truppen genug zur Verfügung hatte, den Aufstand durch sofortiges Eingreifen zu ersticken. In Delhi vereinigten sich die Meuterer mit den dort befindlichen einheimischen Truppen, erschossen die britischen Officiere, ermordeten die Europäer, welche sie trafen, und setzten sich in Besitz der mit starken Mauern befestigten Stadt und des darin befindlichen Forts.

Erst am 8. Juni langte Sir H. Barnard mit den vereinigten britischen Truppen an, vertrieb die Meuterer von ihren vorgeschobenen Stellungen und besetzte den Bergrücken (+Ridge+) dicht bei der Nordwest-Ecke von Delhi. Aber die Engländer waren zunächst mehr belagert, als Belagerer. Denn Delhi hatte ausser der begeisterten Bevölkerung 30000 von den Engländern selbst gedrillte Sepoy, 114 Kanonen und reichlichsten Schiessbedarf.

Am 7. August kam General +Nicholson+ mit Verstärkungen an, am 4. September die Belagerungs-Kanonen aus Ferozpur, gezogen von Elephanten, nachdem die ihnen auflauernden Meuterer auf’s Haupt geschlagen worden; am 8. September Richard +Lawrence+ mit weiteren Verstärkungen. Aber zu einer Einschliessung der Stadt von 12½ Kilometer Umfang reichten die 8000 Mann nicht aus. Der Sturm wurde beschlossen. Unter starken Verlusten wurden die schweren Geschütze aufgestellt und das Feuer eröffnet auf die Nordseite der Stadtmauer und ihre drei Bastionen. Am 13. September waren die Breschen genügend. Am 14. wurde der Sturm unternommen, Nicholson war der erste auf dem Wall und fiel an der Spitze seiner Krieger. Die Officiere, welche beauftragt waren, das in der Mitte der Nord-Mauer befindliche Kaschmir-Thor mit Pulver zu sprengen, fielen alle, bis auf einen. Aber der Sturm gelang und nach sechstägigem verzweifeltem Strassenkampf, der auch den Engländern schwere Verluste brachte, war die Stadt genommen, das Rückgrat der Meuterei gebrochen. Am 21. September nahm +Hodson+, ein Reiteroberst, den alten Mogul-König Bahadur Schah, der während der Meuterei den Namen Kaiser von Indien angenommen, in Humayun’s Grabdenkmal gefangen und am folgenden Tage dessen Söhne; und da das Volk bei Delhi die Wache um die Söhne zu bedrängen schien, so +schoss er die Prinzen mit eigener Hand nieder+. Der Alte kam vor das Kriegsgericht, wurde schuldig befunden, Aufstand und Mord begünstigt zu haben, aber nicht getödtet, sondern nach Rangoon verbannt, wo er am 7. October 1862 verstorben ist.

Das +jetzige Delhi+ liegt unter 28¼° nördlicher Breite und 252 Meter über dem Meere, an niedrigen Felshügeln auf dem rechten Ufer des Jumna, und zählte 1881 an 173000 Einwohner, darunter 95000 Hindu und 72000 Mohammedaner, die sich nicht gut mit einander vertragen, sondern gelegentlich ihre Kräfte messen. Die Zählung von 1891 ergab für Delhi und Cantonment 192579 Einwohner. Delhi ist heutzutage ein grosser +Handelsplatz+, dessen Bazar zu den belebtesten im Innern von Indien gehört, und durch Eisenbahnen einerseits mit Calcutta, andererseits mit dem Punjab und der Nordwest-Grenze des Reiches, endlich durch die Rajputana hindurch mit Bombay verbunden.

Am 16. December fahre ich wiederum zur Besichtigung, im Einspänner und mit Führer. Der letztere ist nirgends und niemals überflüssiger gewesen, als hier an diesem Vormittag. Denn in der Festung übernimmt ein britischer Soldat die Führung; in die grosse Moschee wird mein Führer, als Hindu, überhaupt nicht hineingelassen, da seit dem letzten Volksauflauf und Strassenkampf zwischen den beiden eifersüchtigen Religions-Genossenschaften, der erst vor wenigen Jahren stattgefunden, den Hindu der Eintritt in das Gotteshaus der Mohammedaner, laut Anschlag der Behörde, verboten ist. Uebrigens ist das Englisch dieser Führer ausserordentlich mangelhaft: es reicht eben hin, um den Reisenden einzufangen; ist aber ganz ungenügend, Erläuterungen des Gesehenen zu geben.

Von dem westlichen Hauptthor (Lahore Gate) der Stadt Delhi führt die Hauptstrasse (Chandni Chauk) zu einem freien Platz, jenseits dessen die +Burg des Kaiser Jahan+ an dem Ufer des Jumna liegt, ein umwalltes Rechteck von 3200 Fuss Länge von Nord nach Süd und von 1600 Fuss Breite von West nach Ost.

Die zinnenbedeckten Mauern aus rothem Sandstein sind zwar nicht so hoch (40 Fuss), die Thürme nicht so gewaltig, wie in Akbar’s Veste zu Agra; aber dafür sind die grösseren und kleineren Kuppeln und die schlanken Minarets desto gefälliger.

Das westlich gelegene Hauptthor zur Burg (Lahore Gate, jetzt Victoria G. genannt,) ist ein stattliches Gebäude von 140 Fuss Höhe, und die gewölbte Halle von 375 Fuss Länge, durch welche man eintritt, vielleicht die vornehmste Palast-Pforte auf der Erdoberfläche.

Aber wer eingetreten ist, erblickt nicht etwa den herrlichen Palast Schah Jahan’s, der von 1628 bis 1658 erbaut, noch in der Mitte unseres Jahrhunderts vorhanden war, (zwar schlecht gehalten, durch allerhand Hütten verbaut und durch neue Bauwerke verunstaltet, wie unser Prinz Waldemar 1845 gefunden, aber doch immerhin erhalten und von dem Schattenkaiser[531] -- bis 1857 -- bewohnt,) sondern zunächst nur langweilige, weiss gestrichene Baracken. Was Afghanen und Perser geschont, haben Briten zerstört, und zwar nicht zu einem höheren Zwecke, sondern einfach aus Mangel an Kunstgeschmack.

+Fergusson+ nennt es Vandalismus, aber die Vandalen haben so etwas nie gethan; und auch in der ganzen neueren Geschichte ist nichts Aehnliches vorgekommen. Die massgebenden Rücksichten auf Sicherheit und Vertheidigung kamen gar nicht in Betracht. Kein Gebäude von Schah Jahan brauchte angerührt zu werden, um Raum für die Soldaten zu beschaffen, welche die unbewaffnete Bevölkerung der Stadt Delhi zu überwachen haben; und ein auswärtiger Feind mit Kanonen, der die Stadtmauern nebst ihren Bollwerken bezwungen, könnte in wenigen Stunden die Palast-Mauern niederlegen.

Lediglich, um ohne Mühe und Kosten einen Wall rings um das Barackenlager der Soldaten zu bekommen, damit keiner ohne Urlaub durchschlüpfe, wurde der +kostbarste Palast der Erde förmlich ausgeweidet+!

Mit der grössten Rücksichtslosigkeit hat man auch +geplündert+. Ein Capitän Jones liess zwei grosse Stücke von dem eingelegten Marmorthronsitz der öffentlichen Audienzhalle abreissen, brachte sie nach England und -- verkaufte sie an die Regierung für 500 £, so dass man sie jetzt wenigstens im Indischen Museum zu London bewundern kann.

In den Tagen des Glanzes führte der Eingang in einen grossen, quadratischen Hof von 350 Fuss Seitenlänge, an dessen Ende die +Musik-Halle+ stand. Darauf folgte ein zweiter Hof mit der +öffentlichen Audienz-Halle+. Im Norden dieser Gebäude-Reihe von 1600 Fuss Länge lagen die +Gast-Räume+ mit Gärten und der +Privat-Audienzhalle+. Der ganze Süden, ein Quadrat von 1000 Fuss Länge, war von den +Wohngemächern+ und dem Harem eingenommen. Somit bedeckte der Palast die doppelte Fläche des Escurial oder irgend eines Schlosses in Europa.

Nur spärliche Reste der Pracht sind noch vorhanden:

1) Die öffentliche Audienz-Halle (+Diwan-i-Am+). Sie ist ähnlich der zu Agra, aber prächtiger; 200 Fuss lang von Nord nach Süd und 100 Fuss breit; an drei Seiten offen. Das Dach wird getragen von drei Reihen von Säulen aus rothem Sandstein, die früher mit Stuck und Vergoldung geschmückt gewesen. Die Säulencapitäle sind nach allen vier Richtungen mit einander durch neunfach getheilte Spitzbogen verbunden. An der Hinterwand steht ein 10 Fuss hoher Marmorthron, der von einem auf vier weissen, leichten Marmorsäulen ruhenden, gewölbten Baldachin überragt wird und der aus den Privatgemächern durch eine Thür zugänglich ist. Die ganze Hinterwand und der Thron-Sitz ist mit Marmor-Mosaik geschmückt. Man sieht Fruchtkörbe, Vögel, kleine Löwen. Es gilt für das Werk von +Austin de Bordeaux+ und hat mir nicht sonderlich gefallen, namentlich im Vergleich mit den prachtvoll eingelegten Blumenranken von Agra. (Uebrigens floh Austin aus Europa zum Hof des Schah, weil er daheim -- verschiedene Fürsten mit falschen Edelsteinen betrogen hatte.)

Prinz Waldemar berichtet: „Dieselben Muster, die ich in Florenz sah, fand ich +hier+ wieder; auch sind europäische Vögel, Blumen und Früchte, die man hier gar nicht kennt, dargestellt, und, was das schlagendste ist, ein +Orpheus+ mit der Cither in der Hand, von Thieren umgeben.“

Ein Theil der Platten ist fortgenommen, ein Theil der kostbaren Steine herausgebrochen und gestohlen. Jetzt ist ein eisernes Gitter nach der Halle zu angebracht. Der friedfertige, durchaus nicht beutelustige Reisende wird von hinten her durch den wachthabenden Soldaten hin- und wieder zurückgeleitet.

2) Die +Privat-Audienzhalle+ (Diwan-i-Khas). Es ist eine rechteckige Halle (90×70′), nach allen Seiten offen, nach den breiteren durch fünf gleich grosse, neunfach getheilte Spitzbogen, nach den schmaleren durch drei grosse und zwei kleinere. Die Bogen ruhen auf Pfeilern, das platte Dach ist an den vier Ecken mit säulengetragenen Kuppeln geschmückt. Der ganze Bau ist aus rein weissem Marmor und auf’s geschmackvollste und kostbarste mit eingelegten Steinen und Vergoldung geschmückt. In der Mitte der Halle sieht man die Marmor-Erhöhung, auf welcher einst der berühmte Pfauen-Thron (Takt-i-Taus) gestanden hat.[532] Die Decke war mit Silber belegt. Dies haben die Marathen 1760 mitgenommen und ausgemünzt. Ueber dem Nord- und dem Süd-Bogen der Halle steht der berühmte persische Vers:

Giebt es auf Erden ein Paradies, So ist es dies, so ist es dies.

In der That dürfte es schwer sein, in irgend einem Palast der Erde einen Bau von gleicher Formvollendung aufzufinden.

3) Ganz nahebei in der gemalten Halle (+Rung Mahal+), die jetzt von den Officieren als Speise-Raum benutzt wird, ist ein wunderbares Fenster aus durchbrochener Marmor-Arbeit und darüber, eingelegt, die +Wage der Gerechtigkeit+ (Mizan-i-Insaf). Die Blumen, welche die Wand schmücken, sind theils eingelegt, theils mit Schmelzfarben aufgelegt, theils ausgemeisselt.

4) Von den Privatgemächern kann man wegen der Zerstörung keine rechte Vorstellung mehr sich bilden; einigermassen erhalten sind die +Bäder+, drei Marmorgemächer, mit Domen gekrönt und von oben durch gefärbte Glasfenster erleuchtet.