Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 40

Chapter 403,483 wordsPublic domain

Der Nizam-ul-Mulk, d. h. Statthalter des Dekkan machte sich selbständig (1720-1748), ebenso der von Oudh (1732 bis 1743).

Die aufständischen Sikh im Punjab wurden zwar mitleidlos zertreten (1710-1716), aber die Rajput erlangten 1715 Selbständigkeit und die Marathen aus Süd-Indien gewannen sogar die Provinzen Malwa (1743) und Orissa (1751).

1739 plünderte +Nadir Schah+ aus Persien Delhi und nahm eine Beute von 32 Millionen £ mit. Sechs Mal brachen die Afghanen ein (1747-1761) und brachten unsägliches Elend über das Land; 1761 schlugen sie auf dem blutgedüngten Felde von +Panipat+ die Marathen. Inzwischen bauten die Engländer langsam ihre Herrschaft auf; 1788 nahmen sie Delhi ein und liessen dem Schattenkaisern Serail, Hofehren und einen Jahresgehalt (von 150000 £), während sie die entscheidenden Kämpfe mit den Marathen und Sikh durchfochten. Der letzte Kaiser tauchte 1857 für einen Augenblick im Meuterkriege auf und starb als Staatsgefangener zu Rangoon im Jahre 1862.

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+Agra+,[514] die schönste Stadt Nord-Indiens, liegt am rechten Ufer des Jumna, des Hauptnebenflusses vom Ganges, und ist durch eine schöne Eisenbahnbrücke von sechzehn Bögen zu je 142 Fuss sowie durch eine plumpe Schiffsbrücke mit dem linken Ufer verbunden; bei 27° nördlicher Breite und 204 Meter Erhebung über den Meeresspiegel hat es eine mittlere Temperatur von 25,5° C. Die Einwohnerzahl betrug 1881 über 160000, davon waren 109000 Hindu, 45000 Mohammedaner, 4000 Christen. Im Jahre 1891 betrug die Einwohnerzahl von Agra nebst Cantonment 168000. Die alten Wälle der Stadt umschliessen ein Gebiet von 27½ Quadratkilometer, das jetzt etwa zur Hälfte mit Häusern bebaut ist.

In geschichtlicher Hinsicht ist nichts über Agra bekannt vor der Zeit der Mohammedaner. Sikander Lodi (1488-1517) machte es zu seinem Herrschersitz, doch lag seine Stadt am linken Ufer des Jumna. Die Glanzzeit der Stadt fällt zusammen mit der der Grossmogul. Akbar baute die Festung 1566 und herrschte zu Agra von 1568 bis zu seinem Tode 1605. Jehangir baute seinen Palast in der Festung (J. Mahal) und das Grabmal seines Schwiegervaters (des Itimadu daulah); aber 1618 verliess er Agra und kehrte nie wieder zurück. Schah Jahan residirte zu Agra und baute die Perl- und die grosse Moschee sowie die Taj und die Kas Mahal. Aurangzeb aber verlegte den Herrschersitz dauernd nach Delhi.

1764 wurde Agra von den Jats,[515] 1770 und 1774 von den Marathen erobert, am 17. October 1803 von den Engländern eingenommen, welche dabei 164 Geschütze und einen Schatz von ¼ Million £ erbeuteten. 1835 wurde der Sitz der Regierung der Nordwestprovinzen hierher verlegt.

Während des Meuterkrieges zog sich die Regierung am 3. Juli 1857 in die Festung zurück. Zwei Tage später wurde eine britische Abtheilung (bei Sucheta in der Nähe von Agra) von den Meuterern zum Rückzuge genöthigt; und, ehe sie noch den Schutz der Festung erreichte, begann der Pöbel zu plündern, zu brennen, Christen zu ermorden. Aber die feindliche Macht zog nach Delhi ab. Die Festung gewährte sichere Zuflucht für 4500 Europäer; unter diesen waren, ausser Soldaten, sowohl Nonnen von der Loire und Garonne wie Priester aus Rom und Sicilien, Missionäre vom Ohio und aus Basel, aber auch Gaukler aus Paris und Hausirer aus den Vereinigten Staaten. Nach der Wiedereroberung von Delhi zogen die flüchtigen Meuterer von dort zusammen mit denen von Central-Indien gegen Agra, wurden aber von der Abtheilung des Obersten +Greathed+ aus Delhi, der +vor+ ihnen und unbemerkt die Stadt Agra besetzt hatte, am 6. October 1857 geschlagen und gänzlich zerstreut.

1858 ward der Regierungssitz nach Allahabad zurück verlegt, aber Agra wurde durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes der Handelsmittelpunkt des Nord-Westens.

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Am 13. December fuhr ich in der üblichen Weise, im Einspänner mit Führer, zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Agra; am folgenden Tage besuchte ich dieselben Orte noch einmal +ohne+ Führer, was ja natürlich viel behaglicher ist.

Selbstverständlich begann ich des Morgens früh mit der +Taj+.[516] Denn nach allem, was ich über diese gelesen und hört, war meine Neugier auf das höchste gespannt.

+Taj+ (persisch) heisst Krone; +Taj Mahal+ Kron-Palast; +Taj bibi ke Roza+, (wie der eigentliche Name lautet,) der Kron-Dame Grabdenkmal.

Im Jahre 1630 begann Shah Jahan den Wunderbau als Grabdenkmal für seine Lieblingsgattin +Arjmand Banu+, mit dem Beinamen +Mumtaz Mahal+, d. h. die Erwählte des Palastes. Sie war die Tochter von Asaf Khan, Enkelin des Persers Mirzha Ghiyas, der von Teheran nach Indien gewandert, um sein Glück zu machen, und wirklich, nachdem seine Tochter Nur Jahan zur Gattin des Kaisers Jehangir erhoben worden, bis zum hohen Bange des Schatzmeisters (+Itimadu’ d-daulah+[517]) emporstieg.

Mumtaz Mahal wurde 1615 Gattin des Kaisers Shah Jahan, gebar ihm sieben Kinder und starb bei der Geburt des achten 1629 zu Burhanpur im Dekkan. Ihr Körper wurde nach Agra gebracht und zunächst in dem Garten beigesetzt, wo jetzt die Taj steht. Siebzehn Jahre dauerte der Bau, der 20000 Bauhandwerker beschäftigte und 18, nach andern 31 Millionen Rupien gekostet, obwohl ein grosser Theil des Materials und der Arbeit unbezahlt blieb. Denn nach Schah Jahan’s eignen Aufzeichnungen erhielten die Maurer nur 30 Lakh.[518] Ganze Kameel-Ladungen werthvoller Steine wurden für die eingelegte Arbeit herbeigeschleppt. Die kostbaren Steine für die Blumenranken wurden vielfach als Tribut von verschiedenen Rajah und Nabob „freiwillig und auf andere Art“ bezogen. Zwei Silber-Thüren schmückten den Eingang des Gebäudes, sind aber später von den Marathen fortgenommen und eingeschmolzen worden.

Der eigentliche Baumeister der Taj ist unbekannt. Nach einer Sage soll Kaiser Jahan selbst den Plan entworfen, Austin von Bordeaux, der damals in seinen Diensten stand, die Ausschmückung geleitet haben. Aber eine persische Handschrift, welche als Quelle über die Baugeschichte dient, nennt +Isa Muhammed+ als Obermeister mit einem Monatsgehalt von 1000 Rupien, einen Farbenkünstler Amarnund Khan aus Schiras, einen Meister der Maurer Mohammed Hanif aus Bagdad, mit demselben Gehalt, Werkleute von Delhi, Pundjab, Persien, der Türkei, keinen Europäer.

Die Taj steht hart am rechten Ufer des Jumna-Flusses, 2 Kilometer östlich vom Fort. Ein guter Weg, der während der Hungersnoth von 1838 angelegt worden, führt dorthin; der Wagen hält vor dem +grossen Thor+ des Gartens. Dasselbe ist 110 Fuss breit, 140 Fuss hoch, aus rothem Sandstein erbaut und für sich schon ein bedeutendes Kunstwerk. Ein mächtiger, 80 Fuss hoher Spitzbogen, in das grosse Rechteck der Vorderfläche eingeschnitten; darüber blumige Verzierungen, in weissen Marmor eingelegt; an den beiden seitlichen und der oberen Kante der Vorderfläche breite, eingelegte Marmorstreifen mit den prachtvollen arabischen Buchstaben, welche dem Gläubigen die Lehren des Koran predigen; eine Krönung von zwölf kleinen Kuppeln aus blendend weissem Marmor, die auf Säulchen ruhen; zu jeder Seite schlanke Thürmchen mit bunt abwechselnden geometrischen Verzierungen: das ist der Zugang zu dem grossen, durchaus regelmässig und gefällig gebauten, viereckigen Thorgebäude, das im Innern zweistöckig gestaltet und mit drei Spitzbogen-Durchgängen versehen ist. Langsam tritt der Besucher hindurch in den +Garten+. Drinnen aber macht er Halt und setzt sich auf eine der Bänke, welche zu ruhiger Betrachtung einladen.

Vor sich sieht er, inmitten eines prachtvollen Frucht- und Blumengartens (mit Palmen, Banyan, Schlinggewächsen, Bambus), einen langen Gang von Cypressen zu beiden Seiten eines schmalen, wohl 1000 Fuss langen, mit Marmor-Grund und -Fassung sowie mit zahlreichen Springbrunnen geschmückten Teiches, der die ganze Umgebung, Garten und Gebäude, getreulich wiederspiegelt; und am Ende desselben, auf mässiger Erhöhung, den weissen Marmorbau, so zart und frisch, als ob jetzt eben Schah Jahan herbeikäme, eine Rose[519] auf das Grab seines geliebten Weibes niederzulegen.

Das achteckige, blendend weisse Marmorgebäude mit der grossen Kuppel und zwei kleineren, die vier schlanken Minarets an den Ecken der Erhöhung, die ganze wunderbare Umrisslinie, alles tritt klar hervor, nur von den Seiten ein wenig durch das gesättigte Grün der Bäume verdeckt, während aus dem tieferen Dickicht rechts wie links die vorgeschobene Moschee aus rothem Sandstein ihre drei Kuppeln erhebt. Es ist das edelste und wirksamste Grabdenkmal, das je geschaffen worden. Und dies war beabsichtigt. Schah Jahan wollte ausdrücklich mit diesem Bauwerke alle anderen auf der Erde soweit übertreffen, wie seine Mumtaz alle Töchter der Erde übertroffen habe.

Kein Mensch stört mein Schauen. Die wenigen Eingeborenen, welche zur Pflege des Gartens oder auch zur andachtsvollen Betrachtung kommen, gehen mit asiatischer Geräuschlosigkeit vorüber. Langsam nähere ich mich dem Gebäude. In der Mitte des Gartens ist um den Teich eine viereckige Erhöhung aus Marmor erbaut und gleichfalls mit Bänken besetzt; hier macht der Beschauer wiederum Halt. Jetzt steht der ganze Wunderbau vor seinem Auge. Nicht bloss die Griechen verstanden zu bauen! Dazu kommt, dass bei der Betrachtung des Parthenon[520] durch die Trauer über das zerstörte die Bewunderung des gebliebenen getrübt wird; hier aber ist Alles frisch und neu,[521] der Marmor so blendend weiss in dem strahlenden Morgenlicht, als wären die Arbeiter gestern erst fortgegangen. Eine quadratische +Erhebung+ von 18 Fuss Höhe und 313 Fuss Seitenlänge steht vor uns, die weissen Marmorflächen mit fensterähnlichen, spitzbogigen Vertiefungen geschmückt, von denen die meisten blind, drei mittlere mit Marmorgitterwerk ausgefüllt sind und zwei (je eine zur Seite der letztgenannten) die Aufgangsthüren darstellen. An jeder der vier Ecken der grossen Fläche erhebt sich in drei Stockwerken ein schlanker +Marmor-Minaret+. Er wirkt nur durch seine gefälligen Abmessungen, den regelmässig abwechselnden Fugenschnitt, seine drei Brüstungen und die durchbrochene Kuppel, die ihn krönt; sonst entbehrt er aller Verzierungen.[522]

Diese sind für das +Hauptgebäude+ aufgespart. Das letztere steht in der Mitte jener Erhebung, bildet ein Quadrat von 186 Fuss Seitenlänge, dessen vier Ecken (in der Ausdehnung von 33 Fuss) abgeschnitten sind, so dass die vier ganz gleichen Hauptflächen von je 120 Fuss durch schmalere Eckflächen von 66 Fuss in einander übergehen. Die sehr gefällige Hauptkuppel stellt +zwei Drittel+ einer Kugelfläche dar, misst 58 Fuss im Durchmesser und 80 Fuss in der Höhe und geht durch eine zierlich gerippte, unten gezähnte Spitze in einen metallenen +Aufsatz+ über, der (244 Fuss über dem Boden) den +Halbmond+ trägt. Die Höhe des Gebäudes bis zum Scheitel des Domes misst 220 Fuss, die der Thürme 134 Fuss.

Jede der vier Hauptflächen besteht aus einem mittleren und zwei seitlichen Abschnitten. Der erstere ist höher, rechteckig, von zwei ganz schlanken, durch fünf Knoten gegliederten, mit Wellenstreifen geschmückten Minarets eingesäumt, und umrahmt den hohen Spitzbogen, über dem der Rest der Fläche bis zur rechteckigen Pfoste mit eingelegtem, blumigem Schmuck von höchst anmuthigen Farben und Verhältnissen geziert ist. Jaspis, Korallen, Agat, Blutstein, Lapis Lazuli, Onyx, Türkis (und sogar edle Steine) sind zu dieser eingelegten Arbeit verwendet, welche Ranken, Sträusse, Gewinde von Blumen darstellt. Obwohl diese Kunstform aus Italien durch Europäer nach Indien eingeführt sein soll,[523] so beweisen doch diese Verzierungen an der Taj einen hohen Grad von Geschmack und Kunst bei den indischen Baumeistern dieser Zeit; und, wenn sie auch mit den Metopen und Friesen der griechischen Tempel nicht verglichen werden können, so nehmen sie in der rein verzierenden Baukunst mit die erste Stelle ein.

Um die dreiseitige Pfoste ist noch ein breiter Streif von weissem Marmor mit eingelegten schwarzen, äusserst zierlichen, arabischen Buchstaben (Koran-Sprüchen) herum gelegt. Die beiden seitlichen Abschnitte der Hauptfläche enthalten, zweistöckig über einander, zwei kleinere offene Spitzbogen, über jedem ein Feld mit eingelegter Blumenverzierung.

Die Schrägflächen sind wie die seitlichen gestaltet und von kleineren Schlankthürmen eingefasst. Ueber jeder der vier abgeschrägten Ecken steht ein kleiner Dom. Die Grössenverhältnisse der einzelnen Glieder und die Vertheilung des Schmuckes machen einen äusserst gefälligen Eindruck.

Wenn man in einen der vier Haupteingänge eintritt, so wird das Auge gefesselt durch höchst geschmackvolle Blumen (Tulpen, Lilien, Oleander), die in erhabener Arbeit an dem unteren Theile der marmornen Seitenwände des Spitzbogens angebracht sind, wie auch im Innern. Aber wunderbar ist die grosse achteckige +Kuppel-Halle+, 70 Fuss weit, 120 Fuss hoch. Das Licht wird lediglich durch doppelte Gitter von durchbrochener Marmorarbeit, eines an der Aussen-, eines an der Innenfläche der Mauern, hineingelassen: bei uns würde dies, sagt +Fergusson+, vollständige Dunkelheit bedingen; aber in Indien und in diesem weissen Marmortempel war es das richtige Mittel, um den blendenden Glanz des Himmelslichtes so weit zu dämpfen, dass man die Wunderwerke drinnen bequem betrachten kann. Die Wände der Halle sind wieder mit den zartesten Blumenranken eingelegt, um gewissermassen die blumigen +Lauben des Koran-Paradieses+ darzustellen. Ein achteckiger +Schrein+ aus durchbrochener Marmorarbeit, die Pfosten mit eingelegtem Blumenschmuck, umgiebt die beiden +Leersärge+ aus Marmor. Nach dem Willen des kaiserlichen Erbauers steht in der Mitte der Grabstein der so tief betrauerten Gattin, seitlich daneben der des Kaisers selber, um einige Zoll höher als der erste, damit neben der romantischen Liebe, die, wie man sieht, an keine Zeit und keinen Ort gebunden ist, auch die Weltanschauung des Mohammedaners ihren gesetzmässigen Ausdruck finde.

Genau unter den Grabsteinen der Halle liegen in einem Gewölbe die einfacheren Steine, unter denen die Leichen ruhen, noch heute bewacht von Priestern beim Lampenschimmer und verehrt von den Einheimischen, seien es Mohammedaner, Hindu oder Parsi. In ganzen Zügen kommen sie, zum Theil aus entfernten Gegenden, und sind in ihrer feierlichen Andacht weit würdevoller, als eine plauderhafte, englische Gesellschaft, deren Damen schliesslich, um das vom Reisebuch gerühmte Echo zu erproben, in der Halle ihren nicht begehrten Gesang erschallen lassen.

Ueber dem Bogen des Eingangs steht der Vers des Koran: „Die da reinen Herzens sind, werden eintreten in den Garten Gottes.“ Die zierlichen arabischen Buchstaben auf dem Grabstein der Kaiserin besagen: „Hier liegt Mumtaz-i-Mahal. Gott allein ist mächtig.“

Die Inschrift, welche die Wände der Halle schmückt, zählt erst alle Titel des Kaisers auf und bringt dann einen Vers aus den „+Ueberlieferungen+“: „Es sagt Jesus,[524] Friede sei mit ihm: Diese Welt ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue nicht darauf. Diese Welt ist eine Stunde. Verwende ihre Minuten zu deinen Gebeten. Was kommt, kannst du nicht schauen.“

Man muss rings um das Gebäude herumwandern, von der Südfläche, die auf den Garten schaut, nach der Nordfläche, die über dem Fluss emporsteigt und den mächtigen Unterbau des Ganzen zeigt, zu den beiden seitlichen abgetrennten Flügelgebäuden in rothem Sandstein, von denen das eine eine wirkliche Moschee ist, das andere die Form einer solchen zeigt; erst zum Kuppeldach, dann auf einen der vier Minarets emporklimmen, um von oben eine Uebersicht zu gewinnen. Wenn man dann nach stundenlangem Verweilen endlich sich losreisst, ist der letzte Gedanken: „Auf baldiges Wiedersehen am morgigen Tage.“

Die Taj erfreut uns durch die Vollendung sowohl ihrer ebenmässigen Gliederung als auch ihrer kleinsten Theile. „Der Entwurf ist von einem Titanen, die Ausführung von einem Goldschmied.“ Leider stammt dieser Spruch von demselben Bischof Heber, dessen Ansichten über die Bauwerke von Lucknow wir nicht beizupflichten vermochten. Die Wirkung, welche die Taj auf den Beschauer hervorbringt, ist sehr verschieden nach der Besonderheit des letzteren. Gefühlsschwärmer werden zu Thränen gerührt, -- oder, wie Sir Edwin Arnolds, zu wässrigen Gedichten. Vernünftige, urtheilsfähige Männer, die schon viel Schönes gesehen, wie z. B. Prinz Waldemar, Meister Hildebrandt, Prof. Reuleaux, sind entzückt und gehoben. Aber der Vollständigkeit halber will ich doch erwähnen, dass auch andere Urtheile gefällt worden sind. Graf Lanckoroński, ein Künstler, findet, dass die Taj anmuthig und regelmässig sei, jedoch wegen ihrer äusserlichen Vollkommenheit unser Innerstes nicht aufrege. -- Drei Dinge sind öfters an der Taj getadelt worden: die Härte der Umrisslinien, der Mangel an Schatten und der farbige Schmuck.

Auf dem Gebiete der Baukunst sind die +Tataren+ ausgezeichnet durch ihre grosse Neigung zu +Grabes-Bauten+; hierdurch unterscheiden sie sich von Ariern und Semiten, mit denen sie die Herrschaft eines grossen Abschnitts der Erde theilen.

Die tatarischen Fürsten bauten selber ihr eigenes Grabmal bei Lebzeiten; aber nicht, wie einst die alten Aegypter, dunkle Kammern oder massige Pyramiden! Nein, inmitten eines lieblichen, draussen vor der Stadt belegenen Gartens, den sie mit hohen Zinnenmauern umgaben und mit prachtvollen Thorgebäuden schmückten, errichteten sie auf einer Erhöhung ein vier- oder achteckiges kuppelgekröntes Gebäude, das der Stifter bei Lebzeiten als Bara-duri, d. h. zwölfthorige +Festhalle+, mit seinen Freunden zur Erholung und zu frohen Festen benutzte. Nach seinem Tode aber wurde sein Leib unter dem Dom begraben, zuweilen auch der seiner Lieblingsgattin und anderer Verwandten. Die Sorge für das Gebäude wird nunmehr den Priestern übertragen, welche vom Verkauf der Früchte des Gartens und von milden Gaben leben. Taj Mahal ist von all’ den zahlreichen Grabstätten die einzige, wo Garten und Gebäude in der ursprünglichen Schönheit erhalten sind. Es giebt wenige Stellen der Erde, nach Fergusson keine zweite, wo Natur und Kunst so erfolgreich zusammenwirken.

Das Grabmal des +Itima du daulah+ (am linken Ufer des Jumna, wohin man von der Stadt aus über die belebte Schiffbrücke gelangt,) erläutert das eben Gesagte noch deutlicher; denn dieses ist in der That nur ein +heiteres Gartenhaus+.

Es ist ein einstöckiges, viereckiges Gebäude mit einem achteckigen, kuppelgekrönten Thurm in jeder Ecke und einem Pavillon auf dem platten, konsolengeschmückten Dach. Die Aussenfläche ist ganz mit Marmor belegt und dieser bis in die Leibungen der Spitzbogen hinein mit den schönsten und mannigfaltigsten geometrischen Mustern und heitersten Farben eingelegt, alle Fenster mit dem zierlichsten, durchbrochenen Gitterwerk ausgefüllt. Am ganzen Bauwerk ist nirgends eine ungeschmückte Fläche zu sehen. Im Innern wie in den Nischen der Bögen sind noch gemalte Blumen, Cypressen und langhalsige Vasen. Im Jahre 1628 liess der Schatzmeister und Schwiegervater von Jehangir den Bau errichten, oder seine Tochter, die Kaiserin. In dem Hauptgemach liegen die Grabsteine des Erbauers und seiner Gattin; in dem Marmor-Pavillon, der gerade darüber steht, sind noch einmal die Leer-Gräber angebracht.

Das dritte Grabdenkmal von Bedeutung ist das des grossen +Akbar+ im Dorf Sikandarah,[525] 9 Kilometer nordwestlich vom Cantonment.

Das mächtige Thorgebäude ist aus rothem Sandstein, eingelegt mit weissem Marmor und grossblumigen Verzierungen, gekrönt von vier zweistöckigen Marmorthürmen, deren Kuppeln die Jat bei der Plünderung von Agra (1764) muthwillig mit Kanonenkugeln abgeschossen haben. Innen führt ein breiter, gepflasterter Weg zu dem Mausoleum.

Dasselbe ist ein fünfstöckiges, sich verjüngendes Gebäude aus rothem Sandstein. Das untere, massive Stockwerk (ohne die Eckthürme) von 320 Fuss Seitenlänge und 30 Fuss Höhe, ist an jeder der beiden Hauptflächen von zehn grossen Spitzbogen-Eingängen durchbrochen und einem grösseren in der Mitte, der von Marmor-Mosaik und zwei schlanken Thürmchen eingefasst ist. Dann folgen drei Stockwerke mit offenen Hallen und Kuppeln; der oberste Stock von 115 Fuss, d. h. etwa der halben Seitenlänge des untersten, ist ganz aus weissem, durchbrochenem Marmor der schönsten Muster gebildet.

Hier oben steht Akbar’s Leer-Sarg von Marmor mit den herrlichsten Arabesken und dem Wahlspruch seines eigenen Glaubensbekenntnisses: „Alla hu akbar, Gott ist gross.“ Ein vier Fuss hoher Marmorpfeiler steht neben dem Sarg in dem Gemach; derselbe war einst mit Gold bedeckt und enthielt den Koh-i-nur; von hier hat ihn Nadir Schah fortgenommen. Eine prachtvolle Aussicht auf Jumna, Fort, Taj, Stadt, lohnt die Besteigung.

Genau unter dem Leergrab, in einem dunklen, mit Lampen spärlich erhellten Keller-Gewölbe, ruhen unter einem ganz einfachen Stein die sterblichen Reste des grossen Fürsten, der zur Zeit, als Europa von Religionskriegen zerfleischt ward, ein Muster von Duldung und Weisheit gewesen. Dicht bei Sikandra liegt das Grabmal seiner Frau Begam Marjam, der christlichen Portugiesin Maria. Sein eignes Grabdenkmal, das Akbar selber gebaut, ist nach Fergusson durchaus das Abbild eines Buddhisten-Klosters (Vihara) und sollte ursprünglich wohl noch einen Dom von 40 Fuss Höhe erhalten, so dass die Gesammthöhe von 140 Fuss in schönem Einklang stand mit den Längenabmessungen. 3000 Werkleute haben 20 Jahre lang an dem Bau gearbeitet.

Die Fahrstrasse nach Sikandra zeigt noch manche Sehenswürdigkeiten: erstlich die Meilensteine (Kos minar) auf Jehangir’s kaiserlichem Wege von Agra nach Lahore; sodann zahlreiche Gräber, eines mit einer Halle von 64 Pfeilern zum Andenken an einen General Akbar’s; ferner ein Kühl-Haus (baoli), das aus einer Reihe von Zimmern rings um einen tiefen Brunnen besteht und als Sommerwohnung während der heissen Jahreszeit von den Reicheren benutzt wurde; endlich ein plumpes Stein-Ross, angeblich von Sikander Lodi aufgestellt.

Das +Fort Akbar’s+,[526] zu seiner Zeit unüberwindlich, steht noch heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, unversehrt in seiner kräftigen Schönheit da. 70 Fuss hoch ragen die zinnengekrönten, von (30 Fuss) tiefem und breitem Graben umgebenen Mauern aus rothem Sandstein. Der Umfang beträgt fast 3 Kilometer. Der Grundriss ist ungefähr ein Halbkreis, die krumme Linie mit ihren Bastionen nach der Landseite, der grade Durchmesser nach dem Fluss zu gewendet. Besonders schön ist der Anblick von der andern Seite des Flusses.

Durch das von mächtigen Thürmen und Bastionen beschützte westliche oder +Delhi-Thor+ fährt der Reisende hinein und gelangt durch das innere oder Elephanten-Thor, woselbst ehemals zwei Stein-Elephanten mit den berühmten Rajput-Helden Patta und Jaimall gestanden haben, zu der Wache.

Die Sepoy grüssen nach Krieger-Art den Europäer, auch wenn der letztere ganz friedlich aussieht. Eingeborene aber dürfen die Festung überhaupt nicht ohne ganz besondere Erlaubniss betreten.

+Deshalb+ ist auch die +Perlmoschee+ (Moti Musjid), das nächste Prachtgebäude im Innern der Festung, ganz +leer+ von Gläubigen.

Würdevoll steht der vereinsamte Priester auf der Platform der hohen, vorspringenden Doppel-Treppe und streckt dem Ungläubigen seine Rechte entgegen, um das Geschenk zu empfangen, von dem er mit seiner Familie leben muss. Als ich aber am nächsten Tage wiederkehrte, nickte er mir freundlich zu, wie einem alten Bekannten, ohne eine Gabe zu heischen.

Durch das bedeutende Thorgebäude aus rothem Sandstein tritt man in den (154×158′) grossen Hof, der eine mächtige Wirkung auf den Beschauer ausübt. Alles, was wir sehen, ist +Marmor+. In der Mitte liegt der Brunnen zu den Abwaschungen. An drei Seiten (Osten, Süden, Norden) ist die mit zierlichen Zinnen gekrönte Umfassungsmauer umgeben von einer Säulenhalle aus 58 schlanken, 12flächigen Pfeilern auf würfligen Füssen. Jede der drei Seiten hat ein Thorgebäude, aber nur das östliche ist offen.