Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 39

Chapter 393,506 wordsPublic domain

Von alten Zeiten her hatten die Hindu in dem +Doab+ (Zweistromland zwischen Ganges und seinem Hauptnebenfluss Jumna) sich bestrebt, den Segen dieser Ströme durch Canäle weiter zu verbreiten.

Aber erst die Engländer haben es 1848 unternommen, durch das Riesenwerk des Ganges-Canals die in dürren Zeiten an Hungersnoth[498] leidende Gegend zu bewässern. Der Canal reicht von Hardwar (30° nördlicher Breite, 78° östlicher Länge) bis Cawnpur (26½° nördlicher Breite, 80° östlicher Länge). Die Entfernung in der Luftlinie beträgt etwa 300 englische Meilen = 480 Kilometer. Von den beiden Hauptzweigen des Ganges-Canals führt der eine in die Jumna. 1878 ist noch der untere Ganges-Canal hinzugekommen und bis Allahabad, dem Zusammenfluss von Jumna und Ganges, fortgesetzt worden. Die schiffbaren Canäle haben eine Länge von 1050 Kilometer, hierzu kommen noch 5000 Kilometer Vertheilungs-Canäle. Die Anlage kostete bis 1891 Rx 7440501.[499] Der Reingewinn betrug 1890/91, nach Zahlung der Zinsen, Rx 104110 oder 1,4 Procent des Capitals.

+Diese Canäle sind das beste, was die Engländer für Indien gethan haben.+ Mit grosser Befriedigung sah ich den Canal bei Cawnpur mit Getreidebarken dicht besetzt, und die stattlichen Schleusenwerke.

Aber die Reisenden kommen nach Cawnpur nicht wegen der Lederfabriken und nicht wegen des Ganges-Canals, sondern wegen der +geschichtlichen Erinnerung+ aus der Zeit der Meuterei. Als diese begann, war in dem ausgedehnten Cantonment eine starke bürgerliche Bevölkerung, jedoch nur 60 englische Soldaten und 3000 Sepoy. General Sir Hugh Wheeler beging zwei Fehler. Erstlich betraute er Nana Dundu Panth (Nana Sahib), eines abgesetzten Marathen-Fürsten (Peschwa) Pflegesohn, der in dem Process um die Fortbezahlung des Ruhegehaltes einen grossen Theil seines Vermögens eingebüsst, mit der Bewachung des Schatzes. Zweitens befestigte er leider nicht das Magazin am Fluss, weil er fürchtete, durch Misstrauen den Aufstand der Sepoy-Wache zu beschleunigen; sondern umzog ganz +unzweckmässiger Weise in der Ebene+ den Standort von zwei Baracken mit einem 4 Fuss hohen Erdwall, forderte und erhielt einige Verstärkungen von Sir H. Lawrence aus Lucknow und nahm die Nicht-Kämpfer am 22. Mai 1857 in die Umwallung. Am 4. Juni meuterten die Sepoy, plünderten den Schatz und das Magazin, das Munition und Kanonen enthielt; am 6. Juni wurde Wheeler von dem verrätherischen Nana, der den Oberbefehl über die Meuterer übernommen hatte, gewarnt, dass der Angriff beginnen werde.

1000 Menschen waren in der schwachen Umwallung, darunter 300 englische Soldaten, und trotzten kühn dem mörderischen Feuer der 3000 gut bewaffneten Belagerer. Nahrungsmittel wurden sparsam. Der einzige Brunnen gehörte zu den am wenigsten gedeckten Plätzen. Hier starb der Wundarzt den Heldentod, da er Wasser für seine Verwundeten holte. Im Dunkel jeder Nacht wurden die Todten herausgetragen zu einem tiefen Schacht ausserhalb der Umwallung. Ueber 250 wurden so in drei Wochen begraben. Ein allgemeiner Sturm am 23. Juni wurde kräftig zurückgeschlagen. Am 26. wurde ein Waffenstillstand von Nana angeboten und von den Engländern angenommen. Sie sollten ihre Befestigung, die Kanonen und den Schatz übergeben und mit ihren Waffen und jeder Mann mit 60 Patronen frei abziehen zum Fluss, um in Böten flussabwärts nach Allahabad befördert zu werden. Am 27. früh marschirten die Ueberlebenden nach der Flusstreppe (Sati Chaura Ghat), aber sie waren noch nicht alle eingeschifft, als plötzlich ein Horn ertönte, die einheimischen Bootsleute rasch aus den Böten kletterten, und nun ein mörderisches Feuer aus Musketen und Kanonen auf die zur Schlachtbank gelieferten Opfer erfolgte. Alle wurden getödtet bis auf 125 Frauen, die zum Theil verwundet und halb ertrunken nach Cawnpur gebracht wurden. +Ein+ Boot trieb flussabwärts, aber nur +vier+ Männer, vorzügliche Schwimmer, konnten sich retten, die übrigen 80 wurden eingefangen, die Männer gleich niedergeschossen, die Frauen und Kinder zu den 125 gebracht, in ein kleines Haus, Bibi garh, wo zwischen dem 1. und 14. Juli 28 starben.

Aber schon am 7. Juli rückte General Havelock mit 1000 britischen Soldaten, 130 Sikh und 6 Kanonen von Allahabad aus, schlug den Angriff von Nana’s Heer am 12. bei Belindah, in der Nähe von Fatepur zurück und wiederum am 15. Juli. Als Nana, der schwelgerisch in einem Palast lebte, nun merkte, dass Havelock siegreich vorrücke, gab er Befehl, die Frauen und Kinder zu tödten. Seine Sepoy schossen absichtlich vorbei; eine Rotte von Schlächtern mit langen Messern musste das Werk verüben; am nächsten Morgen wurden die Leichen, die Sterbenden und einige fast unverletzte Kinder in einen tiefen Brunnen geworfen.

Darauf rückte Nana mit 5000 Mann und gewaltiger Artillerie dem General Havelock entgegen, aber die Schlacht am 16. Juli endigte mit wilder Flucht der Meuterer. Nana Sahib floh nach Nepaul und ist dort wahrscheinlich gestorben.

Bevor Havelock das Cantonment erreichte, erfuhr er die Trauerkunde der schmählichen Metzelei.

Vier Monate später war Cawnpur wiederum die Scene blutigen Kampfes. Sir Colin Campbell marschirte am 9. November von dort zum Entsatz von Lucknow und liess, zum Schutz seines Stützpunktes, 500 Briten mit 4 Kanonen zurück. Als er am 27. November nach Cawnpur zurückmarschirte mit 2000 Frauen, Kindern, Kranken und Verwundeten, die er aus Lucknow gerettet, sah er die Stadt in Flammen; die Briten waren von Tantia Topi, dem Haupt der Gwalior Meuterer, etwa 15000 Mann, besiegt worden. Aber am 6. December stürmte Sir Colin das Lager der Meuterer und trieb sie in wildeste Flucht.

* * * * *

Am nächsten Morgen, dem 12. December, um 8 Uhr, besteige ich den Einspänner,[500] um die denkwürdigen Plätze von Cawnpur zu besichtigen. Mein Führer ist +Morton+, ein ehemaliger Soldat, der zwar nicht dabei gewesen, aber doch so lebhaft erzählt, als ob er einer der vier Ueberlebenden sei und mit Campbell sowohl Lucknow entsetzt, als auch Cawnpur von den Gwalior gesäubert.

Es ist angenehm kühl. Wir fahren zuerst nach der Umwallung (Entrenchement). Von dem Wall ist nichts mehr zu sehen, aber der Umfang des Platzes ist durch eine Hecke bezeichnet, und innen auch noch die Stelle, wo die Baracken gestanden, sowie der Brunnen.

In der Nähe ist ein Gedächtnissstein für die, welche zuerst (am 27. Juni) ihren Tod fanden, und ein andrer für die 70 Soldaten und Officiere, die dem Gemetzel entronnen waren, aber von den Meuterern eingefangen und am 1. Juli ermordet worden.

Eine stattliche Doppelreihe der schönsten Baracken britischer Truppen erweckt in uns die Hoffnung, dass ein neuer Aufstand auf ernstere Hindernisse stossen würde. Die Erinnerungskirche neben dem Platz der ehemaligen Umwallung ist im romanischen Stil erbaut, für 20000 £, und 1875 eingeweiht worden. Glasmalereien in den Fenstern geben ein Dämmerlicht, die Wände sind mit Gedenktafeln geschmückt.

Der Küster, ein Unterofficier, legt dem Reisenden das Kirchenbuch vor, damit er seinen Namen einzeichne und eine Gabe zur Erhaltung der Anlagen spende. Mit meiner Wenigkeit zusammen, hatten da hinter einander, +binnen+ 24 +Stunden+, sieben von den etwa fünfzehn Globetrottern, die am 1. September 1892 von Vancouver auf der Empress of Japan abgesegelt, ihre Namen verzeichnet!

Die Mord-Treppe, 1,_{3} Kilometer nördlich von der Kirche, führt von einem zerfallenen Schiwa-Tempel, dessen Wiederherstellung von den Einheimischen nicht gewagt und von den Engländern wohl auch nicht erlaubt wird, hinab zu dem Ganges-Fluss. Kein Eingeborener ist hier zu sehen. Herr Morton sprach mit grosser Erbitterung.

Ueber dem Schreckensbrunnen, in welchen die Körper der 200 Opfer geworfen wurden, ist ein kleiner Hügel errichtet und oben innerhalb eines achteckigen gothischen Marmor-Gitters[501] der Engel der Auferstehung, eine Marmorbildsäule von Marochetti, aufgestellt.

Ein friedlicher Garten von 12 Hektaren mit lieblichen Blumenbeeten und schönen Cypressen ist um dies Denkmal angelegt und herrlich in Stand gehalten. Aber +kein Einheimischer darf bis heute diesen Garten betreten+, trotzdem auf dem grossen Darbár[502] zu Allahabad am 1. November 1858 im Namen der Königin Victoria, die damals die Regierung von Indien in ihre eigne Hand nahm, volle Verzeihung allen zugesichert worden, mit Ausnahme der überwiesenen Mörder. Die Wunde ist nicht völlig geschlossen. Noch heute ist die Zahl der britischen Kaufleute und Handwerker sehr gering in Cawnpur; die nothwendigen Läden werden von Eingeborenen gehalten. Der Uhrmacher ist ein +Deutscher+, der übrigens recht vielseitig zu sein scheint.

Agra.

Mittags, 2 Uhr 40 Minuten, verlasse ich Cawnpur und fahre auf der East Indian R. (240 englische Meilen = 384 Kilometer, für 15 Rupien,) nach Agra, wo ich Abends 10 Uhr ankomme, nachdem um 7 Uhr Abends auf dem Bahnhof zu Etawah uns 20 Minuten zum Abendessen[503] gegönnt worden.

Die Landschaft, welche wir durchfahren, der südliche Theil der Nordwestprovinzen, der an die Schutzstaaten der Rajputana angrenzt, ist ziemlich einförmig, nicht einmal so abwechselungsreich, wie manche Gegenden von Norddeutschland, die wir auf der Eisenbahn durchfliegen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man glauben in Europa zu sein, bis gelegentlich ein Kameel und sein Treiber uns an Asien erinnern. Auf den Halteplätzen allerdings belehrt uns das Menschengewühl, dass wir weit von der Heimath entfernt sind.

Da sieht man braune Kinder von drei bis fünf Jahren, die ganz nackt sind und nur einen metallenen Lendengürtel, allenfalls Arm- und Fuss-Ringe tragen, und durch die schwarzgeschminkten Augenlidränder uns sofort uralte Gebräuche des Morgenlandes vorführen. Die Nasenringe der Frauen werden immer riesiger und geschmückter, die Zahl der Armringe immer grösser. Aber man sieht auch sehr viele Frauen, die ihr Gesicht einigermassen verhüllt tragen, also zur Fahne des Propheten schwören.

+Laurie’s+ Great Northern Hotel, ungefähr 1 englische Meile von Agra-Fort-Station, ist grösser und etwas besser als das Gasthaus von Cawnpur.

Vor der Besichtigung des märchenhaften Herrschersitzes der Grossmogul scheint es zweckmässig, die +Geschichte der mohammedanischen Eroberungen+ in Indien an unserem geistigen Auge rasch vorüberziehen zu lassen.

Die weit verbreitete Schulmeinung, dass das reiche Indien den Mohammedanern als leichte Beute zufiel, entbehrt der Begründung. Im Gegentheil, der Halbmond war in seinem Siegeslauf schon durch West-Asien, Nord-Afrika, Süd-Europa bis nach Spanien vorgedrungen, ehe es ihm gelang, im Punjab festen Fuss zu fassen. Zu keiner Zeit hat der Islam über ganz Indien geherrscht; selbst während der Blüthe der Grossmogul (1560-1707) geboten Hindu-Fürsten über weite Landstrecken; allenfalls zahlten sie Tribut nach Delhi. Dann folgte die Wiederbelebung der Hindu-Macht durch die Rajput, Sikh, Marathen; und nur das Vordringen der Engländer im Beginn unseres Jahrhunderts hat verhütet, dass das Kaiserreich von Delhi in die Hände der Hindu fiel.

Der erste Zusammenstoss zwischen Hindu und Mohammedanern, an der Westgrenze des Punjab, ging von den +ersteren+ aus.

Jaipal, der Hindu-Fürst von Lahore, drang 977 n. Chr. nach Afghanistan[504] vor, um die räuberischen Bewohner zu züchtigen, wurde aber mit seinem ganzen Heere von Subuktigin, dem Fürsten zu Ghazni, abgefangen; und als er das versprochene Lösegeld von 1 Million Dirham (= 500000 Mark) gegen den Willen seiner Officiere auf Rath der Brahmanen +nicht+ zahlte, stürmte Subuktigin durch die Pässe und eroberte und besetzte Pescháwar. Sein Sohn +Mahmúd von Ghazni+(1001-1030) unternahm siebzehn Einfälle nach Indien und schleppte unermessliche Beute fort. Jaipál, zum zweiten Mal besiegt, verbrannte sich demzufolge, nach Hindu-Brauch, feierlich auf dem Scheiterhaufen. Mahmud hinterliess Punjab als West-Provinz seines Reiches. Im Jahre 1152 siegte die Dynastie von Ghor (West-Afghanistan) über diejenige von Ghazni; +Mahmud von Ghor+ begann neue Einfälle nach Indien.

Bei seinem ersten Zug auf Delhi 1191 wurde er von den tapferen Hindu gänzlich geschlagen. Aber als er 1193 mit neuen Schaaren wiederkehrte, fand er die Rajput uneinig, den König von Kanauj am Ganges im Kampf gegen den Fürsten von Delhi; so besiegte er erst Delhi, dann Ajmir, endlich Kanauj.[505]

Die braven Rajput wanderten aus nach Süden und gründeten die Kriegerstaaten, die heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.

Mohammed’s General eroberte 1199 Behar, die Gegend von Patna, und 1203 sogar Unter-Bengal bis zum Delta. Aber Indien war noch nicht völlig überwunden. Der kriegerische Stamm der Gakkar drang aus den Bergen hervor und eroberte Lahore; sie schwammen über den Indus und erstachen den schlafenden Sultan in seinem Lagerzelt, 1206.

Sein Vicekönig +Kutab-ud-din+ erklärte sich zum Selbstherrscher von Nord-Indien zu Delhi und gründete eine Dynastie, die von 1206 bis 1290 regierte und die der +Sklaven-Könige+ heisst, da Kutab ursprünglich ein türkischer Sklave gewesen.

Sein Andenken ist bis auf unsere Tage gekommen durch seine Moschee und seinen Thurm (Minár) zu Alt-Delhi.

Drei Gefahren bedrohten seine Nachfolger: Meuterei der eignen Generale, Aufstände der Hindu, neue Einfalle aus Mittel-Asien, hauptsächlich der Mongolen.

Der dritte und grösste Sultan der Dynastie, +Altamsh+, dessen Namen gleichfalls in den Bauten von Alt-Delhi, besonders in seinem Grabmal, erhalten ist, wurde vom Kalifen von Bagdad, 1229 n. Chr., feierlich anerkannt. Der vorletzte, +Balban+ (1265-1287), hatte die heftigsten Kämpfe mit aufständischen Hindu zu bestehen, in Bengal, ferner in Rajputana, wo er 100000 dem Schwerte überlieferte. Aber an seinem Hofe lebten von seiner Gnade fünfzehn einst unabhängige Fürsten, die von den Horden der Mongolen aus Central-Asien vertrieben waren.

1290 folgte die Dynastie der Kilji auf den Thron von Delhi.

+Alá-ud-din+, der zweite Herrscher (1295-1315) dieser Linie, drang sogar in den Dekkan vor, erst plündernd, dann erobernd. Nachdem er fünf Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, die Gefangenen nach Delhi gesendet, wo die Anführer von Elephanten todt getreten, die Soldaten niedergemetzelt wurden; nachdem er seine aufständischen Neffen erst hatte blenden, dann enthaupten lassen: entsandte er seinen General, den Eunuchen Matik Kafur, der bis zur Südspitze von Indien siegreich vordrang und hierselbst eine Moschee errichtete. Eine grosse mohammedanische Bevölkerung in Nord-Indien (Türken, Afghanen, Mongolen) nahm Dienst in seinen Heeren. Sein Name lebt noch heute in dem wundervollen Thor zum Hof der Moschee Kutb-ul-Islam zu Alt-Delhi.

1320 bemächtigte sich des Throns Ghiyás-ud-dín +Tughlak+, der vom türkischen Sklaven bis zum Statthalter des Punjab emporgestiegen. Sein grausamer Sohn Muhamed Tughlak (1325-1351) sendete vergeblich Heere gegen Persien und China, schleppte zwei Mal die Einwohner von Delhi 800 englische Meilen südwärts nach Deogiri, dem er den Namen Daulatabad gab, verschlechterte die Münzen und hatte von 1338-1351 unablässig mit Aufständen seiner eigenen Beamten und der Hindu-Fürsten zu kämpfen.

+Fíruz Tughlak+ (1351-1388) regierte menschlicher und lebt noch fort in dem dankbaren Gedächtniss der Nachwelt durch den Bau des alten Jumna-Canals. Aber 1398 drang Timur mit seinen Tataren-Horden durch die afghanischen Pässe, besiegte Mahmud, den letzten König der Tughlak-Dynastie, vor den Mauern von Delhi, plünderte dieses und andere Städte in der fürchterlichsten Weise und verschwand wieder durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Central-Asien.

Mahmud kehrte zurück; von 1414-1450 folgte die Dynastie der Sayyid, von 1450-1526 die afghanische der Lodi; aber diese Fürsten waren ohnmächtig.

1526 drang der Mongole Bábar[506] ein und gründete das +mongolische Kaiserreich von Delhi+, dessen letzter Vertreter -- 1862 als britischer Staatsgefangener zu Rangoon gestorben ist. Erst die Grossmogul verstanden die Gefahren zu beschwören, unter welchen die sieben vorhergehenden mohammedanischen Herrscherhäuser stets zu leiden hatten, indem sie, weniger glaubenswüthig als ihre Vorgänger, +Hindu in die Regierung des Landes aufnahmen+.

+Bábar+, Ururenkel des Tataren Timur, war erst Herrscher in Fergana am Oxus (Amu Darja), dann in Kabul; drang 1526 in Indien ein, das unter eine ganze Anzahl von mohammedanischen Königen und Hindu-Fürsten getheilt war, und besiegte Ibrahim Lodi zu +Panipat+, nördlich von Delhi. Die Mohammedaner traten auf seine Seite, die Rajput besiegte er 1527 bei Fahtepur Sikri in der Nähe von Agra. Als er 1530 starb, hinterliess er ein Reich, das vom Amu Darja in Central-Asien bis zum Ganges-Delta reichte.

Sein Sohn +Humayun+ (1530-1556) hatte Kabul und den westlichen Theil des Punjab an seinen Bruder abzutreten; so war er seines Stützpunktes beraubt und wurde 1542 von Sher Shah, dem afghanischen Statthalter von Bengalen, vertrieben. Der letztere machte sich zum Kaiser von Delhi, begründete eine weise Verwaltung, schuf z. B. die +Rupie+, wurde aber schon 1545 beim Sturm auf die Felsenfeste Kalinjar getödtet. Sein Sohn folgte ihm in der Herrschaft. Aber unter seinem Enkel trat ein Aufstand ein. Humayun kehrte zurück, sein Sohn Akbar besiegte mit General Bairam die indisch-afghanische Macht 1566 in der entscheidenden Schlacht von +Panipat+.

+Akbar der Grosse+, der wirkliche Begründer des Kaiserreiches der Grossmogul,[507] das 200 Jahre lang bestanden, regierte von 1556 bis 1605 und hatte 1594 die Eroberung von Indien bis zu dem Vindhya-Gebirge im Norden des Dekkan vollendet. Seine Herrschaft reichte bis Kabul und Kandahar; und später, nach einem erfolgreichen Heereszug in den Dekkan, bis Kandesh bei Bombay. Akbar begann die Staatskunst der +Versöhnung+. Er selber heirathete eine Rajput-Prinzessin und gab eine andere seinem Sohn Jehangir zur Frau: machte seinen Schwager, den Sohn des Jaipur Rajah, zum Verwalter des Punjab, einen andern Rajah zum Verwalter von Bengal. Sein Finanzminister war gleichfalls ein Hindu, der die erste Landvermessung in Indien durchführte. Von 415 Reitergeneralen waren 51 Hindu. Die jaziah oder Kopfsteuer der Nicht-Muselmänner wurde aufgehoben, und staatliche Gleichberechtigung aller Unterthanen festgestellt. Er achtete die Hindu-Religion, bekämpfte aber grausame Gebräuche. Die Verbrennung der Wittwen konnte er zwar nicht beseitigen; aber er verlangte, dass sie nicht erzwungen werden dürfe. Den Sitz der Regierung verlegte er nach +Agra und baute 1566 die Festung+, deren zinnengekrönte Mauern aus rothem Sandstein noch heute majestätisch emporragen, ein bleibendes Denkmal dieses wahrhaft grossen Fürsten. 1605 starb er und wurde in dem Mausoleum zu +Sikandra+ begraben, dessen aus Hindu-Umriss und arabisch-persischer Verzierung zusammengesetzter Stil die Duldsamkeit des Gründers der Grossmogul-Herrschaft bezeugt.

Freitags pflegte er Muselmänner, Brahmanen, Parsi, Juden und Christen (Jesuiten) um sich zu versammeln und ihren Erörterungen zu lauschen. Er theilte das Land in Provinzen, ordnete das Militärwesen, Gericht und Verwaltung, sowie die Steuern. Das Land wurde vermessen, die Ertragsfähigkeit ermittelt, ein Drittel des Ertrags für die Regierung bestimmt und der Geldwerth desselben festgestellt. Von seinen elf Provinzen (ausser Kabul, Kandesh und Sindh) bezog er jährlich £ 12½ Millionen, während die Engländer 1883 nahezu Rx 11¾ Millionen nahmen.[508] Akbar’s Gesammt-Einnahme wird auf jährlich £ 42 Millionen geschätzt. (Sein Urenkel Aurangzeb hatte 1695 £ 43 Millionen an Grundsteuern und £ 90 Millionen Gesammt-Einnahmen. Aus diesen Zahlen, mit denen bis dahin in Europa nichts verglichen werden konnte,[509] begreifen wir den +sprichwörtlichen Reichthum der Grossmogul+.)

Akbar’s Sohn regierte von 1605 bis 1627 unter dem Namen +Jehangir+,[510] d. h. der Eroberer der Welt. Doch gelang es ihm nicht, die Herrschaft im Dekkan weiter auszubreiten. Die Nächte soll er oft in Trunkenheit zugebracht haben; aber bei Tage suchte er weise zu regieren. Eine Kette hing aussen nieder von der Festung zu Agra und leitete hin zu goldenen Glocken in seinem Zimmer; jeder Bittsteller konnte ohne Dazwischenkunft der Höflinge unmittelbar an den Kaiser sich wenden. Europäische Abenteurer kamen an seinen Hof, er schützte ihre Kunst und Religion. Die Hauptperson in seiner Regierung war die Kaiserin +Núr Jahán+, d. h. das Licht der Welt.[511] Geboren in grosser Dürftigkeit, aber aus edler persischer Familie, gewann sie durch ihre Schönheit die Liebe des noch jungen Prinzen; aber Kaiser Akbar gab sie schleunig einem tapferen Soldaten zur Frau. Als Jehangir zum Throne gelangte, befahl er die Scheidung. Der Gatte weigerte sich und wurde getödtet, die Frau in den Palast gebracht. Hier lebte sie eine Zeit lang in strenger Wittwentrauer, aber danach tauchte sie als Kaiserin Nur-Jahan auf. Anfangs beeinflusste sie ihren Gatten zum Guten, aber später begünstigte sie zu sehr ihre eigenen Verwandten. Schliesslich veranlasste sie Aufruhr. General Mahábat Khan nahm 1626 den Kaiser und die Kaiserin gefangen; 1627 starb Jehangir in der Gefangenschaft.

Sein aufrührerischer Sohn +Schah Jahan+, der nach dem Dekkan geflohen war, bestieg 1628 den Thron; zwang die Kaiserin, der er ein reiches Jahrgeld gewährte, in’s Privatleben sich zurückzuziehen; beseitigte nach morgenländischer Art alle Thronbewerber, regierte dann aber weise und gerecht, tadellos in seinem Privatleben und so sparsam, als sein glänzender Hof, die Prachtbauten und die Heereszüge in entfernte Landschaften es zuliessen.

Afghanistan ging verloren, aber im Dekkan wurden von den fünf mohammedanischen Reichen drei (Ahmadnagar mit Ellichpur und Bidar) erobert, die beiden anderen (Bijapur und Golkonda) zum Tribut gezwungen. Die Kriege wurden meist von seinen Söhnen durchgefochten, er selbst lebte glänzend im Norden von Indien. In Agra erbaute er +Taj-Mahal+,[512] das Mausoleum für sein geliebtes Weib, die bei der achten Entbindung gestorben war, und für sich selber, -- das schönste Gebäude Asiens. Ferner die Perl-Moschee (Moti Masjid), nach Hunter’s Ansicht das lieblichste Gebet-Haus auf der Erdoberfläche. Er plante, den Sitz der Regierung nach Delhi zurückzuverlegen und erbaute dort die unvergleichliche Grosse Moschee (Jumma Masjid) und den festen Palast.

Aber 1658 wurde der unglückliche, alte Schah Jahan von seinem Sohn +Aurangzeb+[513] abgesetzt und danach sieben Jahre lang, bis zu seinem Tode, in dem Palast der Festung Agra gefangen gehalten. Unter Schah Jahan erlangte das Mogulreich seine grösste Kraft und Blüthe, während sein Sohn weitere Eroberungen machte, aber gleichzeitig den Verfall einleitete. Shah Jahan’s Grundsteuer brachte 20 Millionen £. Die Pracht seines Hofes erregte die staunende Bewunderung der Reisenden aus Europa, sein Pfauenthron wurde von dem Juwelier Tavernier auf 6½ Millionen £ bewerthet.

+Aurangzeb+ erklärte sich 1658 zum Kaiser mit dem Titel Alamgír, Eroberer des Universum, und regierte als strenggläubigster Muselmann bis 1707. Er begann damit, von seinen drei Brüdern zwei zu tödten, den dritten zu vertreiben; darauf setzte er den Krieg im Dekkan fort. Ein viertel Jahrhundert (1658-1673) fochten seine Generale vergebens; 1676 machte sich ein Maráthá-Fürst, Sivaji, in den süd-indischen Provinzen selbständig, 1680 floh des Kaisers aufrührerischer Sohn Akbar zu den Marathen. Da zog 1683 Aurangzeb persönlich nach dem Dekkan und blieb 24 +Jahre im Felde+. 1688 eroberte er Bijapur und Golkonda; doch die Marathen konnte er wohl schlagen, aber nicht unterwerfen. 1707 starb er in Ahmadnagar im Dekkan; sein Grabmal ist nicht weit von Ellora, zu +Roza+, dem Kerbela der Dekkan-Mohammedaner. Seine (in persischer Sprache geschriebenen) +Briefe an seinen Sohn+ sind noch heute ein beliebtes Erbauungsbuch in Indien. Aber die Hindu hatte er durch seinen strenggläubigen Eifer und die Kopfsteuer entfremdet.

Die nächsten sechs Kaiser waren nur +Puppen+ in der Hand der Generale. Die eigenen Beamten, die Hindu, die fremden Eindringlinge arbeiteten gemeinsam zur Zerstörung des Reiches.