Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 37

Chapter 373,454 wordsPublic domain

Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit schlimmer gewesen sein.

Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel von +Tarkeshwara+,[480] dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen von Wischnu.

Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.

Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481] sieht man die Moschee, welche der Kaiser +Aurangzeb+ (1658 bis 1707), ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482] ja kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.

Die letzte Treppe ist +Raj Ghat+ an der Eisenbahnbrücke.

So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.

Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin, welche unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde auslegen.

Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt schliesslich in +einem+ (Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht vollendet hat.

Das Allerheiligste in Benares ist +der goldene Tempel+, dem +Schiwa+ geweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder Bisheshwar.[483]

In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebene +Brunnen der Weisheit+ (Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. Seine +Unannehmlichkeit+ ist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, -- trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.

Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, etwas zu naschen.

Der Tempel der +Durga+, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich der +Affen-Tempel+, weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige Kupferstücke Früchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.

Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484] wo die +Bettler+ das Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.

Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten die +Bazare+. Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmten +Metallarbeiten+ von Benares verfertigt und feilgehalten werden.

Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die geometrischen Verzierungen in dem +Messingteller+ ausgräbt. Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.

Benares ist auch die eigentliche +Götterfabrik+ für die Hindu. Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.

Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sind +Gewebe+, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waare für den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.

Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines Abenteuer. Mein +Reisebuch+ (Murray’s Handbook to India) in dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagens +verschwunden+: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf der +Polizei+ an.

Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.

Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über die +einheimischen Sprachen+ Indiens zu sagen. Um den Beginn unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelte +Schrift-Sprache+, das +Sanskrit+, und redeten damit verwandte, aber einfachere Mundarten, +Prakrit+. Sie bezeichneten die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche Literatur geschaffen.

Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. 2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und selber merkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oder +Urdu+ (wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. -- Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.

In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst die +Münze+, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das gelbe Gartenhaus (+yellow bungalow+), wo Warren Hastings lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (+Queens college+), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er hatte Recht.

Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht erfahren.

+Zwei Ausflüge+ kann man von Benares machen. Erstlich nach +Sarnath+ oder +Alt-Benares+. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddha vor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.

Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei. +Hiouen Tsang+ (629-645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v. Chr.) errichtete.

Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement erbaut waren, so konnten sie nach der +Entheiligung+ den Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.

Der Thurm zu Sarnath (+Dhamek Stupa+), den der Reisende heutzutage noch sieht, ist 1835-1836 vom General +Cunningham+ genau durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.

Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.

Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und Delhi angebracht haben.

Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter stand und dem seine Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu fordern.

In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein von einer Mauer umgebener +Jain-Tempel+, der durch gute Erhaltung und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. s. w.)

Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nach +Ramnagar+, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.

Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nach +Lucknow+.

Lucknow.

Die Oudh and Rohilkand R. bringt mich in sieben Stunden zehn Minuten nach Lucknow. (200 engl. Meilen = 320 Kilometer, für 12 Rupien 7 Annas, in der ersten Classe; Geschwindigkeit dieses Postzugs etwa 46 Kilometer in der Stunde.)

Oudh, auch Audh geschrieben und so gesprochen, zwischen Nepal und dem oberen Ganges, ungefähr in derselben Breite wie Mittelägypten, war eine der ältesten Siedlungen der vom Indus in das Gangesthal vordringenden Arier. 86 englische Meilen westlich von Lucknow (auf der Bahnlinie), dicht neben Fyzabad, das bis 1775 Hauptstadt von Oudh gewesen, hegt +Ajodhya+, noch heute mit einem Pracht-Tempel des Ram geschmückt, einst die gewaltige Hauptstadt von Koshala, „dem Glanz-Reich“, und Herrschersitz der Sonnen-Rasse von Königen, deren erster Manu gewesen sein soll. Es ist unbekannt, weshalb die Sonnenkinder ihren Stammsitz verliessen; aber jedenfalls wanderten sie fort und blieben in Rajputana. In Ajodhya war später die Wiege der Buddha- und der Jain-Lehre. Hiouen-Tsang fand daselbst (629 bis 645 n. Chr.) zwanzig Buddhisten-Klöster. Dann folgten Hindu-Fürsten; eine in Kupfer gegrabene Urkunde des letzten (Jai Chand) aus dem Jahre 1187 n. Chr. ist in der Nahe von Fyzabad gefunden worden. Im Jahre 1193 n. Chr. erhielt das Land mohammedanische Fürsten und blieb ein Theil des Kaiserreiches von Delhi. Nach dem Zerfall des letzteren schwang sich der Statthalter (Nawab, Wesir) 1760 zum selbständigen Herrscher auf und vererbte die Würde auf seine Nachkommen. Aber schon zwei Jahrzehnte später wurden Truppen der ostindischen Gesellschaft in Oudh aufgestellt, von dem Herrscher unerhört hohe Abgaben erpresst und diese 1801 auf jährlich 1350000 £ gesteigert. Die Könige von Oudh suchten an Pracht die Glanzzeit der Grossmogul zu übertreffen, sie erschienen auf goldnem Thron, von scharlachgekleideten Dienern getragen, oder im Staatswagen, der von acht schwarzen Rossen gezogen wurde. Kämpfe von Elephanten unter einander oder mit Nashornthieren und von Büffeln mit Tigern waren an der Tagesordnung. Europäer, welche in den Glanztagen dort gewesen, sprechen von Palästen und Gärten aus den Märchen von „Tausend und eine Nacht.“ Mit feinem Spott behandelt Prinz Waldemar (1845), gegenüber der einfachen Würde verschiedener Hindu-Rajah, den barbarischen Prunk des Hofes von Oudh. Die letzten Fürsten lebten in Schwelgerei und sogen angeblich das Land aus. Unter diesem Vorwand wurde am 7. Februar 1856 die Absetzung des Fürsten und die Einverleibung des fruchtbaren Landes in die britische Herrschaft verkündigt. Die Bevölkerung nahm diesen Eingriff in die Rechte ihres Herrschers mit Gleichgiltigkeit auf; aber die Willkür, mit der die englischen Beamten den Grundbesitzern die Hälfte ihrer Einkünfte entzogen, hat wesentlich mit zu der Heftigkeit des Militäraufstandes von 1857 beigetragen. Nach Wiederherstellung der Ruhe wurde denn auch den Grossgrundbesitzern ihr Besitz, d. h. die Hälfte der ganzen von den Landbauern zu entrichtenden Grundsteuer, wieder zurückerstattet. Ob die Bauern sich heute besser stehen als früher, ist fraglich. Oudh hat 62000 Quadratkilometer und nach der Zählung von 1881 über 11000000 Einwohner,[485] wovon sieben Zehntel Hindu; und bildet jetzt einen Theil der britischen Nordwestprovinzen von Indien.

Das Land ist zum Theil schon abgeerntet und dürr, aber meist schön grün und durchweg gut bepflanzt. 55 Procent des Landes von Oudh sind bebaut mit Reis, Weizen und anderem Getreide, mit Gemüse, Oelpflanzen, Zucker, Baumwolle, Opium, Indigo. Epheuähnliches Grün schmückt die Dächer der jammervollen Hütten, die aber vielfach von prächtigen Laubbäumen, besonders von breiten, tiefästigen Tamarinden, beschattet werden. Künstliche Bewässerung ist allenthalben sichtbar. Aus tiefen Cisternen wird ein grosser Leder-Sack voll Wasser (1 bis 2 Centner schwer) geschöpft mit Hilfe von Stricken, die von Ochsen gezogen werden; der Sack entleert auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel seinen Inhalt in kleine Gräben, die das kostbare Nass über die Felder vertheilen. Kinder arbeiten auch mit zwei Körben, die über einander in Stricken aufgehängt sind, und schwingen das Wasser aus dem Graben auf die Felder.

Bald erscheint die erste Pracht-Moschee, die ich auf dem platten Lande in Indien gesehen; diese Gegend ist eben viele Jahrhunderte lang von Mohammedanern beherrscht worden.

Im Eisenbahn-Wagen machte ich die Bekanntschaft eines englischen Capitäns, der einheimische Soldaten angeworben; wir werden bald so befreundet, dass wir auf das Wohl der beiden Heere trinken, die zusammen bei Waterloo gefochten haben. Wie viele englische Officiere, ist auch dieser der festen Ueberzeugung, dass, wenn Frankreich und Russland Deutschland angreifen sollten, England aus Gründen der Selbsterhaltung auf unsere Seite treten müsse. Auf einem Halteplatz kommen in unseren Wagen zwei Waidmänner, der Befehlshaber der Besatzung von Lucknow und sein Sohn, in +Pelzjacken+ gekleidet. In Nordindien ist es Nachts im Winter schon ziemlich kühl.

+Hill’s+ Grand Imperial Hotel, in dem ich Abends spät eintreffe, ist natürlich nicht gut, denn ein gutes Gasthaus giebt es nicht im Innern von Indien, aber doch leidlich.

+Lucknow+ (auch Lakhnau, oder Lacknó geschrieben), soll zwar schon in dem alten Heldengesang der Ramayana gefeiert sein, als Lakschmanawati, die der segenspendenden Lakschmi, der Gattin Wischnu’s, geweihte; hat aber erst seit dem Ende des vorigen Jahrhundert zu der jetzigen Grösse und Pracht sich emporgeschwungen, da der König von Oudh 1775 seinen Herrschersitz von Fyzabad hierher verlegte; jetzt ist es die +Hauptstadt+ von Oudh, zweite Residenz des Generalgouverneurs der Nordwestprovinzen und der Einwohnerzahl nach die fünfte Stadt in ganz Indien.[486] Im Jahre 1881 betrug die Zahl der Einwohner 261303, 1891 aber 273028, einschliesslich der Besatzung (Cantonment); drei Fünftel sind Hindu, die andern hauptsächlich Mohammedaner.

Obwohl die Stadt, welche in einer Länge von 8 Kilometer an dem +Gumti+, einem nördlichen Nebenfluss des Ganges, sich hinzieht, von weitem ganz stattlich aussieht; so findet der aufmerksame Reisende doch bei näherer Betrachtung sehr leicht, dass fast alle Bauwerke mittelmässige Stümpereien sind, die hauptsächlich durch Stuck, Flitterwerk und Tünche wirken sollen.

Wenn +Heber+, 1823 bis 1826 Bischof zu Calcutta, die älteren Gebäude der Stadt für die schönsten in ganz Indien erklärt hat, so beweist dies, dass er von der Baukunst gar nichts verstand und keinen Geschmack besass; und dass man gut thut, auch seinen andern Aussprüchen über Baukunst zu misstrauen.

+Fergusson+, der mehr davon versteht, erklärt, dass das beste Gebäude der Dynastie von Lucknow, das Grabmal ihres Gründers Saftar Jung bei Delhi aus dem Jahre 1756, nur aus der Ferne mächtig erscheint; wenn Verzierungen Baukunst darstellten, wäre Lucknow gross: aber die Unzahl von gewaltigen Gebäuden, mit denen die Herrscherfamilie in dem +einen+ Jahrhundert ihres Bestehens die Hauptstadt geschmückt, seien durchgängig von schlechtem Geschmack.

Am nächsten Morgen fuhr ich im Wagen mit Führer zur Besichtigung der Stadt, natürlich zuerst zu den denkwürdigen Ruinen der +Residenz+.