Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 36

Chapter 363,506 wordsPublic domain

Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler Spurweite erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter 25 Millionen, im Jahre 1891.

Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche Hindernisse dar. -- 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in 36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht fertig.

Benares.

East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.

Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern sichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)

Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. In +Clark’s Hotel+ finde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.

Die Gasthäuser im +Innern+ von Indien sind mittelmässig.[466] Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, -- fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.

Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aber +zwei+ Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.

Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden mit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch -- in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.

Es ist sehr merkwürdig, wie +seltsam+ der Ganges in die deutsche Literatur eingeführt worden ist.

„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s Und Riesenbäume blühn, Und schöne stille Menschen Vor Lotos[467]-Blumen knien.“

„Fort nach den Fluren des Ganges -- Dort liegt ein rothblühender Garten Im stillen Mondenschein, Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein.“

„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt, Der Himalaya steht im Abendscheine Und aus der Nacht der Banianenhaine Die Elephantenheerde stürzt und brüllt --“

+Wann Benares+ (Waranasi) +gegründet worden, wie die Schicksale+ der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das +ungeschichtlichste+ Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den +geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner+. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihre Stelle. +Von dieser Zeit herrschten Mohammedaner+ über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem +herrscht jetzt der Dienst des Schiwa+, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl -- nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligen +Treppen+ (+ghats+), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und fuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.

Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470] um die +Fluss-Ufer+ entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.

Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.

Die mächtigen +Treppen+ sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster Heiligkeit lodern +Scheiterhaufen+, umringt von weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des Scheiterhaufens blickt.

Der nächste Tag (8. December) war einer +planmässigen Betrachtung+ der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471] schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem +Haupthalteplatz der Boote+. Wir rudern zum äussersten Westende der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.

Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen Festtagen in Benares vereinigt sein.

Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.

47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, von +Süd+-West nach +Nord+-Ost.

Die erste ist +Ashi Ghat+, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.

Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber sich neu schafft. Das sechste ist +Shivala Ghat+, diese Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männer würdevoll, die Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu trocknen.

Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in dem +Chait Sing+, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte, behauptete +Warren Hastings+, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.

Am neunten oder +Smashan Ghat+ sieht man stets +Scheiterhaufen+; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährend +Ram+, +Ram+[473] rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)

Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis auf geringe Reste zu verbrennen.[474]

„Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,

singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:

„Wenn der Funke sprüht, Wenn die Asche glüht, Eilen wir den alten Göttern zu.“

Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.

Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.

Die elfte Treppe ist +Kedar Ghat+. Nach den heiligen Büchern der Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im Umfang, -- ein Fetisch.

Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus der Religion der Ureinwohner von Indien.

Das vierzehnte ist +Someshwar Ghat+ (von +Soma+, Mond, und +I’shwar+, Herr). Dies ist die +Poliklinik+ der Hindu, denn hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der Pocken.

Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.

Das zweiundzwanzigste ist +Munshi-Ghat+, das schönste von allen, oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.

Aber das +merkwürdigste+ von allen ist das fünfundzwanzigste, +Dasashwamedh Ghat+. Es hat seinen Namen von den zehn[475] Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser des grossen Ganges verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.

Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der Glaubenswuth: +Satí+,[476] Denksteine für lebendig mit dem todten Gatten verbrannte +Wittwen+.

In den alten +Rig-Veda+ der Arier war dieser fürchterliche Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar die +entgegengesetzte+ Bedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosse +Akbar+ (1556-1605 n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord William +Bentinck+ am 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten, +des Mordes schuldig+ erklärt werden. Seitdem hat in dem +englischen+ Gebiet die Wittwen-Verbrennung +aufgehört+. In den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.

Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen uns einen erfreulicheren Anblick, den der +Sternwarte+. Diese gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, die noch heute vorhanden sind[477] und die einige Angaben von de la Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.

Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.

Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478] Da ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen -- und noch zahlreiche ähnliche Einrichtungen.

Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der Veda werden die Planeten (+graha+, Greifer), erst sieben, dann neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.

Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai Singh.

Das dreiunddreissigste ist +Manikaranika Ghat+, nicht bloss einer der fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.