Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 35

Chapter 353,470 wordsPublic domain

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. -- Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. -- Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasst die Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.

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Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die +Universität+ und dabei das +Krankenhaus der Schule für Heilkunde+ (der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. +Lungenentzündung+, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserlesene +Erkältungskrankheit+ gehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der -- +wärmeren+ Jahreszeit vor. +Lungenschwindsucht+ ist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. +Cholera+ kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene +Mayo-Krankenhaus+ für Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig, dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schon +Hippocrates+, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende Römer +Celsus+, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser +Robert Koch+ hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten +Kleinpilz+ (Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom Tausend. (In Deutschland 28.)

Darjeeling im Himalaya.

Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien (und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der nördlichen Eisenbahn von +Bengalen+.

Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.

Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz +Sara Ghat+ einigermassen zu verringern.

Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck wird uns ein Abendessen aufgetragen. +Zum ersten Mal in Indien ist es empfindlich kühl.+

Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal railway). Diese hat eine +Meter-Spurweite+.

Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.

So beginne ich meine erste +Nachtfahrt+ auf indischer Eisenbahn. Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken +bequem+ schlafen können; die beiden andern +leidlich+, auf den obern Klappbänken. Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.

Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen gehörigen Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.

Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.

Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der Staatsbahn.

Hier beginnt die private +Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn+, die eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis 1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um 1000 Fuss.

Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 englischen Meilen in acht Stunden zurück.

Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis Siliguri nur 30 Rupien kosten.)

Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.

Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen eingenommen.

Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.

Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.

Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen sich geändert. Zunächst sieht man noch viele +Bengalen+, namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Es sind +Nepauler+ mit eigner Sprache, Buddhisten. Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.

Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.

In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren +Woodland’s Hotel+ sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem herrliche Cypressen und Laubbäume.

Sehr interessant war der +Bazar+ der Eingeborenen wegen des Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.

Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um einen Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“

Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.

Der Bezirk +Darjeeling+, der zwischen die unabhängigen Staaten Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die Himalayakette fortreichenden Schutzstaat +Sikkim+ grenzt, war im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.

Die +Theepflanzungen+ wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.

Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher Colonisation.

Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es war doch noch empfindlich kalt.

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von Bengalen errichtete +Eden-Sanitarium+, eine Pflegestätte für Genesende. Dr. +Russel+, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen -- Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.

In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, -- aber nicht etwa, um ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!

Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.

Nachmittags besuchte ich das Dorf +Bhutia Busti+, das 1 englische Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, erhielten aber nichts.

Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge sind umfangreich, aber geschmackvoll.

Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus dickem Wollenzeug.

Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der +Himalayakette+ hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser erscheinen.

Es ist gewiss eine grosse Freude, die +höchsten Berge der Erde+ zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.

Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz heiteren Himmel überspannt.

Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.

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