Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 33
Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen +wilder Wald-Stämme+ vorhanden sind.
In der +ältesten+ Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein +hellfarbiges+ Volk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen; +Aryer+, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, +dunkler+ und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) +Feinde+ (Dasyus) oder +Sklaven+ (Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.
Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.
Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den +Linga+, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.
Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese +Rig-Veda+ sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.
Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und Agni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.
Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (+Brahma+, +Wischnu+, +Schiwa+), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.
Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den +Veda+ (dem +Wissen+, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die +Offenbarung+ (Sruti, das aus Gottes Mund +Gehörte+); die späteren +Sutra+ (oder +Reihen+ von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen die +Ueberlieferung+ (Smriti, das Erinnerte) hinzu.
Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse der +Kshattriya+ (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage +Rájput+ = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (+Vaisya+, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. +Unter+ ihnen stand eine vierte oder +dienende+ Klasse, +Súdra+, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.
Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:
1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.
2) Darauf gründet er eine Familie.
3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.
4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.
Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.
Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.
Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur +einen+ grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die +Entwicklungslehre+, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.
Die Bráhmanen schufen die +Wissenschaft+. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde +mündlich+ überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.
Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.
Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.
Das +Gesetzbuch von Manu+, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.
Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama +Sakuntala+ (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche +Veranlassung+ für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die +Purana+ (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.
Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama +Buddha+. (622-543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung +allen+ Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.
Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.
Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.
Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch +Fremde+, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.
Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. +Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu+, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.
Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von +Afghanistan+ aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des +Grossmogul+, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die +Portugiesen+ hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die +Holländer+ im 17. Jahrhundert, die +Engländer+ und die +Franzosen+, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der +Zersplitterung des Mogul-Reiches+ (1707) +gelang es den Engländern+, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, +festen Fuss in Indien zu fassen+. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von +Mysore+ in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen +Maraten+ in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die +Sikhs+ in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (+Sepoy+) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, +Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben+.
Calcutta,
die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einem +uralten Wallfahrtsort+ zu Ehren der +Kali+, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine durchaus +neue+ Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.
Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.
Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in das +schwarze Loch+ stecken (+Black hole+;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.
Sofort segelten +Clive+ und Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von +Plassy+ (80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt. +Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.+
Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.
Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, +also dicht unter dem Wendekreis+, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2-3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird +begrenzt+ durch den +Fluss+ und die +Gürtelstrasse+ (Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.
Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist +freigelassen+. Der riesige Exercirplatz (+Maidan+, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das +Denkmal für Sir David Ochterlone+, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.
Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch der +General-Consul+ des Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.
Der Haupttheil der „+Stadt der Paläste+“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr -- +mittelmässigen+. +Der Palast des Vicekönigs+ liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.
Westlich von dem Palast liegt das +Stadthaus+ (Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügend bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von +Warren Hastings+ zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen -- Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772-1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz +gleicher Rücksichtslosigkeit+ den Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.
Das +Obergericht+ (High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die +Post+ mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (+Babu+)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)
Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels, Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.
Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (+Bow Bazar+) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)
Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die +Dhurumtolla-Strasse+, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.