Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 32
Der Dampfer +Shannon+ ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen +missbräuchlich+ die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.
Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in +Madras+ gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den +Hugli-Fluss+, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.
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Log-Bericht.
Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.
Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.
Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.
Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.
Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.
Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.
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Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.
Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.
Ich lese +Thackeray’s+ Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.
Nachmittag um 5 Uhr sind wir in +Madras+. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.
Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat +keinen Hafen+. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.
Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.
Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.
Sehr bald beginnt ein unerhörtes +Gewühl+ am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine +Gaukler-Familie+ erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der +Spiritisten+, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; -- und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.
Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir +vor Anker+ liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (+Saugar Island+) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.
Der Hugli ist höchst +gefährlich+, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur +mit+ der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.
Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der +Anglia+, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor +Diamant-Harbour+ wieder Anker und verbleiben so über Nacht.
Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.
Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in +Calcutta+, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.
Schon vorher waren die +Zollbeamten+ an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die +Niemand+ in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die +Jeder+ mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.
Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.
Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, -- aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.
Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den +Nachweis+ der Droschke -- deren Hunderte dastehen, -- und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.
Das +Great Eastern Hotel+, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des +Postschiffes+ von London nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in +diesem+ Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (+Bellevue+ der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.
So bin ich also in Indien, dem +Märchenland+ für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die +Literatur+ über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.
Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von +Murray+. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist +The Indian Empire+ by Sir William Wilson +Hunter+, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des +Statistical Survey+ erst die 14 Bände des +Imperial Gazetteer of India+ und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von +Werner+, Jena 1884.) Ausserdem hat +Hunter+ noch zwei Werke verfasst: +A brief history of the Indian people+ und +Englands Work in India+. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von +Mount Stuart Elphinstone+, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian +Mutiny+ by Col. S. B. Malleson.
Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. +Lefmann+ in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881-1885).
Für die indische Kunst kommt in Betracht +Industrial arts of India by Sir G. Birdwood+. +J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture+ scheint das einzige Werk über +indische Baukunst+ zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert +Grünwald’s+ buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.
Ueber +Alterthümer+ erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur +Jas. Prinsep’s+ Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. +Lassen+ in Bonn (1844-1861 und 1867-1874, vier Bände).
Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unserem +Max Müller+ in Oxford: +Indien+ in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzen +Rigveda+ herausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Die +indische Literaturgeschichte+ verdanken wir unserem Berliner Professor +Albrecht Weber+ (II. Auflage, Berlin 1876).
Ueber die +Religionen+ in Indien belehrt uns ein Werk von A. +Barth+ in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.
Die Zahl der +englischen Reisebeschreibungen+ über Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter +Sir E. Arnolds+, und Picturesque India by W. S. +Caine+ (London 1891).
Von +deutschen Reisewerken+ kommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher von +Hildebrandt+, H. +Meyer+, +Lanckorónski+. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen +Waldemar von Preussen+ (1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor +Reuleaux+ „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von +Schlagintweit+ (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider die eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.
Die +allgemeine Länderkunde+ unseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen Band +Asien+ eine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E. +Reclus+’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene +Erdkunde+ unseres +Ritter+, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.
Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.
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Unser Name +Indien+ stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.
Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber als +Ostindien+ zu bezeichnen.
Das Riesendreieck von +Ostindien+ ruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.
Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]
Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britische +Vicekönig+ (oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.
Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.
Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)
Die Volkszählung von 1891 ergab:
1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,
2) 66908147 „ „ „ Schutzstaaten,
3) 561384 „ „ „ portugiesischen Ansiedlungen (Goa u. s. w.),
4) 282923 „ „ „ französischen (Pondichery u. s. w.).
Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. +Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.+
Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]
In England leben 53,_{22} Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,_{84} Procent in 225 Städten dieser Grösse. +Indien ist ein Acker-Land.+ In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere +Vertheilung+ des Volkes.
In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich +vier Stämme+:
1) +Ureinwohner+ (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).
2) Verhältnissmässig reine +Arier+ (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.
3) Die +gemischte+ Bevölkerung der +Hindu+, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.
4) +Mohammedaner+ 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])