Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 31

Chapter 313,427 wordsPublic domain

Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man +gerade hier+ recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.

Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.

Uebrigens war der Ort +nie vollständig verlassen und vergessen+. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.

Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.

+Was ist nun zu sehen in Anuradhapura?+ Zunächst die +Dagoba+ oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.

Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.

Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10-20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den +Pyramiden+ von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.

Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.

Den merkwürdigsten Anblick gewährt die +Jayta-wanarama-Dagoba+, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein +bewaldeter Berg+, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.

Die +grösste Dagoba+ (+Abhayagiri+ = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.

Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.

Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, +Ruan-welle+, d. h. Goldstaub, unter +Dutugaimunu+, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.

Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.

Hier findet man auch überlebensgrosse +Bildsäulen+. Zunächst die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, -- höchstens mit denen aus der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch nicht ganz überwunden hatte.

Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; es sind die +Dwarpals+ oder Thürhüter, mit der siebenköpfigen Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen +(Mond-) Steine+ vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.

Am Eingang zu einem +Felsentempel+ (Isurumuniya, ausserhalb des Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, -- wenn es dem Gott nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.

Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die +heiligste+ aller Dagoba, die +Thuparama+, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.

+Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien+, das auf unsre Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache Hülle von Stuck.

Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.

Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr davon zu sehen.

Dagegen steht noch die +Lankaramaya Dagoba+ (von 32 Fuss Höhe), die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen +Buddha-Putten am Capitäl+.

Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten +Paläste+. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. +Bell+, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.

Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.

Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von +Klöstern+.

Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in +Birma+,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).

Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.

Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.

Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen +Predigthallen+ darstellen.

Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.

Die +dritte Sehenswürdigkeit+ von Anuradhapura sind die +Wasserbauten+. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.

Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit +aufgemauertem+ Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst beim Volk und beim Führer der +See der Riesen+.[418] Er wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.

Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so grosse Seen geschaffen.

König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, die verfallen waren, wieder erneuert.

Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.

So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.

Aber die +allergrösste Merkwürdigkeit+ von Anuradhapura, wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der +heilige Feigenbaum+. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.

Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste geschichtliche Baum der Welt.

Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459-478 n. Chr.) schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer (Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.

In der Nähe sind Priester-Wohnungen.

Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.

Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine +mehrtausendjährige+ Geschichte besitzt.

Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.

Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.

* * * * *

Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die +Felsentempel bei Dambulla+ nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der +Leuchtkäfer+, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]

Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.

Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.

Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.

Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes +Lebewohl+, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.

VII.

Ostindien.