Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 27

Chapter 273,355 wordsPublic domain

Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für uns ist ein +Erfrischungswagen+ eingeschoben, in dem ein vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.

Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald (Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.

Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im Felsengebirge von Canada geniesst.

Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten schweift, ohne einen Halt zu entdecken. +Sensationrock+ heisst diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.

Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach +Queen’s Hotel+, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.

+Kandy+, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu Peradenia.

* * * * *

Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.

1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der +Gallas+-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man +höre+, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit man +sähe+, wie die Krokodile sie verschlingen.

Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in ihre Gewalt zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, -- schon 1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.

Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.

Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.

Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber der englische Gouverneur, Herr F. +North+, Earl of Guilford, nahm thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer sowie den Schatten-König ermorden.

Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb aufgeschoben.

Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.

In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt und -- ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem herrscht Frieden im Lande.

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Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.

----+-----------+-----------+----------+-------+--------------- Jahr|Bevölkerung| Einkommen | Bebautes | Handel| Tonnengehalt | |der Colonie| Land | |der Schifffahrt | | £ | Acres | £ | ====+===========+===========+==========+=======+=============== 1815| 750000 | 226000 | 400000 | 546000| 75000 1888| 2800000 | 1540000 | -- |9800000| 4500000 1893| 3000000 | 1300000 |4850000[345]|9200000| 5000000 | | (Ausgabe | | | | | desgl.) | | |

----+-------------+--------------+------------- Jahr|Reg.-Ausgabe | Reg.-Ausgabe | Armen- |für Erziehung|für Gesundheit|unterstützung | £ | £ | £ ====+=============+==============+============= 1815| 3000 | 1000 | 3000[346] 1888| 46000 | 60000 | -- 1893| 50000 | 50000 | 8000

Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.

Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder Buddha-Tempel seine Schule.

Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)

Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien geliefert werden.

Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, schliessen jeden Einheimischen aus ihren +Clubs+ aus. Und dabei spotten sie über +Kasten-Vorurtheile+, die übrigens im buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war im +Polizeigericht+ zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser Flüstersprache, -- wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ -- „Kann sie nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. -- „Oh nein, dann müsste sie 50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf nicht.“

Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht auf kostenlose Vertheidigung erzählte.

Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein bürgerliches in Bearbeitung.

Ein +Armen-Gesetz+ giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines neunjährigen Aufenthaltes.

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Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.

Als +Buddha+ bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt haben. Ihre Vorschriften sind +bana+, das Wort; ihre Lehre +dharma+, die +Wahrheit+. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in das +Nirwana+, einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.

24 Buddha waren +vor Gautama+, welcher der vierte in der jetzigen +Kalpa+ oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis ein neuer Buddha erscheinen wird.

Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als +drei Mal die Insel Ceylon besucht+ haben. Der heilige Fussabdruck auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.

Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an seinem Todestage, 543 v. Chr., +Wijayo+, der Sohn eines Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der Singhalesen (Mahawanso) als +Yakkho+ oder Dämonen und als +Naga+ oder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.

Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen verehrt wird.

Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis auf unsre Tage gekommen sind:

1) +Dagoba+ oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.

2) +Wihara+ oder Klöster für die Priester.

3) +Chaitya+ oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder er liegt in seliger Nirwana.

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Aber ich eile zu der Geschichte des +heiligen Zahnes+. (Dhata datu zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga, gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem Reisebericht des Chinesen +Fa-Hian+, der kurze Zeit darauf nach Ceylon gepilgert.

Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den heiligsten der buddhistischen Welt.

Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger der Portugiesen, als bald danach (1566) +zwei+ heilige Zähne an Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566 angefertigt, ein Stück vergilbten Elfenbeins von 2 Zoll Länge und fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.

In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.

1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, 1818-1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der englischen Regierung den Priestern überliefert.

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Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das Gasthaus von dem +Tempel des heiligen Zahnes+. Die Gebäude von Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen Portugiesen hatte erbauen lassen.

Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ ganz ungehört verschallen.[351]

In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher die grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.

Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.

Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche diesem Zwecke dienen.

Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.

In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch gelegene Priesterwohnungen.

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+Kandy hat eine reizende Lage+ an dem Ufer eines stattlichen See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer niedrigen, zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten gut bewachsene Hügel, von 500-600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit einem Park von Rosenbäumen.