Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 26
Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick in +Gordon’s Garten+ zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot der +singhalesische Don Juan+, das lange rabenschwarze Haar zierlich gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, wie bei uns im Herzen von Europa.
Das +Mittagessen+ im +Oriental-Hotel+ (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.
Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine Cigarre dazu, -- in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), -- als ob es keine Frauen in der Welt gäbe.
In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.
Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.
Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22° C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.
Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen des +Höllenlärms+ auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der friedlichen Vorstadt.
Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und verscheucht die Nachtschwärmer.
* * * * *
Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, Banya in der nördlichen Vorstadt +Kotahena+, in der südlichen Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe, Rheinland.
Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach des darauf erbauten +Wasserbehälters+ erklimmt. Hier, in einer Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen +Palmenwald+, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie vergraben.
Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt, welcher 8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.
Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines Einspruchs.
In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem italienischen Dorfe stehen.
Einer der schönsten +Ausflüge+ von Colombo geht nach dem +Buddhistentempel von Kelani+. Durch Pettah und die nördliche Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen stehen.
Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.
„In dieser Armuth, welche Fülle!“
Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz (curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird allenthalben feilgeboten.
Wir erreichen den besuchten +Grandpass-Markt+ mit echt asiatischem Dorfleben und die Schiffsbrücke über den +Kelani Ganga+.[329]
Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne Gürtelbrücke errichtet werden.
Der +Kelani+- (oder Kalany) +Fluss+ hat eine Länge von 157 km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen +Tempel+. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches Werk.
Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.
Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.
Nunmehr bekam ich auch +Buddha+ zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, Shiva und Ganesa.[330]
In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.
Einen zweiten Ausflug, nach +Mount Lavinia+, machten wir mit dem Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere, kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem Dämon (Yakha) geweiht ist, -- oder auch dem Buddha oder dem Vishnu oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und aufrecht erhalten.
Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir eine +Kokosnuss+ herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit in Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem Europäer vorkommt,[332] -- Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der Mittagsgluth wieder zu Hause.
So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.
Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer Betrachtung, die Menschen, -- Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu entziehen vermag.
Der +Singhalese+ ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die eigenthümliche weibische Haartracht der Singhalesen ist schon vor mehr als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten besonders angemerkt worden.[333]
Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.
Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.
Bei den +Tamilfrauen+ ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.
Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig herabhängt.
Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die +Chetties+ mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und Baumwolle und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum heutigen Tage auf Palmblätter.
Die mohammedanischen Indo-Araber oder +Mohren+, in Colombo ein Fünftel der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder Pantoffel.
+Juden+ sollen in Ceylon fehlen.
Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier Christen, vier Muselmännern, vier Juden.
Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das +Abkömmlinge der alten+ sind, oder +neue Ankömmlinge aus Bagdad+, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.
Kandy.
Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach +Kandy+.
Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie.
Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und weiter bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, 128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy bis Matale, 22 engl. Meilen.
Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]
(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna vorbereitet.)
Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.
Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.
Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den bevorzugten, ja unvergesslichen.
Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam ausgeglichen, als wenn auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.
Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. (Fort-Station.)
Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.
Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da 112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter Classe.[339]
Wir fahren um den See herum nach dem +Haupt-Halteplatz+ von Colombo und von da über +Maradana-Anschluss+,[340] wo reichlich Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, nordöstlich zur +Eisenbahnbrücke+ über den Kelani-Fluss.
Der erste Theil der Fahrt geht durch +ebene Gegend+, hauptsächlich +Reisfelder+, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu suchen.
Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, 1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.
Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reisfelder. Auf niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit offen gegen eine Palmenpflanzung.
+Reisbau+ ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür von 1867-1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342] oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich zugenommen.
+John Ferguson+, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der +Reisbau-Steuer+ (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.
Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen +Gartenbau+ in Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.
Sehr zahlreich sind die +Halteplätze+, über ein Dutzend. Der Zug braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.
Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.