Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 25

Chapter 253,407 wordsPublic domain

Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild des +europäischen Stadttheiles von Colombo+ sehr gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)

Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard (+Yorkstreet+) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün. Der stattliche +Tulpenbaum+ (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen Schatten.

Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. & O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.

Von dem Landungsplatz nach Osten zieht +Churchstreet+, an deren Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (+Gordon’s+ G.) und der +Wohnsitz des Gouverneurs+ (Queen’s house). Vor diesem steht die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard +Barnes+. Das Kunstwerk ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren 1820-1822 und 1824-1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch +Anlegung von Strassen+. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.

Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen; und biege nach rechts in die +Princess-Street+ ein, wo in riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.

Es zieht mich zur +Post+, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)

In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren schliessen. Aber der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. (Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.

Ich gehe noch weiter südlich nach +Chatam-Street+, die mit Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der +Glockenthurm+, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des Herrn +Freudenberg+, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.

Danach tritt die +tropische Mittagshitze+ in ihre Rechte. Ich verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten in der Veranda.

Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und +Schlangenzauberer+[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres (Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der alte +Schlangendienst+ der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb eingeschlossen und in den Fluss geworfen.

Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist +das Wachsen des Mangobaumes+, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.

Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.

Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und grauem Vollbart; es ist +Arabi Pascha+ aus Aegypten, den die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und zum Ersatz erhalten haben.

Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen Einspänner, natürlich mit einem +Pferde+; 2 Rupien beträgt der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die +Ochsendroschken+[320] der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder nicht, zunächst nach den +Zimmtgärten+ (Cinamom gardens).

Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (+Pettah+, d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.

Dann kommt der +Trödelmarkt+, der eigentliche Anfang von Pettah, mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt.

Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn zu schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein +Hindu-Tempel+,[321] ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein vereinzeltes Andenken an die +holländische+ Zeit, ein alter Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) Wolvendal-Kirche der Reformirten.

Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach +Lake+ oder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt +nördlich+ von Colombo in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die +Sklaven Insel+ (Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von Colombo, die Vorstadt +Kollupitya+, von den Engländern kürzer Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von den +Zimmt-Gärten+ eingenommen wird.

Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem Namen verbunden und gar die alte +Fabel+[322] geglaubt hat, dass die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.

Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum Verkauf an.

+Zimmt+, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird es erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.

Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen +Zimmt-Insel+ veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss Ceylon’s vor +Ibn Batuta+, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.

Die +Holländer+ machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.

Unter der +englischen+ Herrschaft erhielt zuerst die ostindische Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis ½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323] ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen bearbeitet.

Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von 1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15-20 englische Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.

Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von 30 Pfund fest verpackt.

Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische +Zimmtöl+. Dasselbe wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die +Zimmtblüthen+ kommen hauptsächlich aus China.

Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die +Ackerbauschule+, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H. +Meyer+ darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“

Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu verbreiten.

Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige +Victoria-Park+, in dessen Bereich das +Museum+ liegt. Dieses habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.

Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. +Gregory+, der von 1872-1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ gekostet.

Der Inhalt der +Sammlungen+ ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster Gegenstand die +singhalesischen Alterthümer+ zu erwähnen: die berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann, meinem Studiengenossen Dr. +Goldschmidt+ verdanken, der als Professor zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten +Masken der Teufel-Tänzer+, welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.

Ferner sind vorhanden +Natur- und Kunsterzeugnisse+ der Insel. Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine +ethnographische+ Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.

Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die Buddha-Lehre noch lebendig ist.

Die +naturwissenschaftliche+ Abtheilung mit ihren Säugethieren, Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene Eisenbahnschienen verwundern.

Die +Rückfahrt+ nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, über +Southern drive+, eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir Henry +Ward+ diesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.

Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch den kleinen Stadttheil +Galle-Face+ mit seinen prachtvollen Palmen zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft des Abendessens die unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den +Häckel+ vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.