Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 24
Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden waren, haben +Emerson Tennent+ zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch +Ferguson+ dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die Vettern +Sarrasin+ in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der +Völkerverschiebung+, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf +weite Strecken+ ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilometer zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.
Ceylon ist ein +natürliches Treibhaus+, warm und feucht, mit einem ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den +üppigsten Pflanzenwuchs+ hervorzurufen.
Für den mitteleuropäischen +Menschen+ ist das Klima +weniger+ behaglich. Aber zwei angenehme +Erfrischungen+ helfen ihm, die Hitze zu ertragen.
Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden Abend ein tüchtiger +Regen+, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).
Sodann besitzt Ceylon eine +Gebirgsgegend+ (hill country), welche ⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.
+Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon.+ Wie in den Gefilden der Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.
Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee -- das sind die +Reichthümer+ der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.
Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, 5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war 1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos 100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und -- Kaffee 600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.
Ausgeführt wird auch +Eben-+ und +Teak-Holz+. Aber +Nährgetreide (Reis) muss eingeführt[297] werden+.
(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)
Die früher so berühmten +Edelsteinlager+ Ceylons (Rubinen, Saphire, Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch mehr sind es die +Perlenfischereien+ im Golf von Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.
Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur +eine Gesteinsart+ ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der +Graphit+, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln und zu +Anstrichfarben+, zum Ueberzug bei der Galvanoplastik.[299] 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7 Millionen.
Ganz anders war der +Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit+. +Edrisi+, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.
Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind +Singhalesen+, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind ein +Mischvolk+ aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her eingewanderten +arischen Hindu+ und den schon lange vorher auf der Insel ansässigen Ureinwohnern.
Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die +Tamilen+, dunkelbraune +Dravida+, die aus Südindien, besonders von der Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).
Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger Bildungsstufe verblieben sind, den +Wedda+, ist noch ein geringer Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern +Sarrasin+ stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung dar.
Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000 +Europäer+ und angeblich 20 000 +Eur-asier+, d. h. Mischlinge von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]
Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken durch ihre Missions-Gesellschaften, -- bischöfliche, presbyterianische, wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.
Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess +Maha-wanso+, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische +Chronik+, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen -- +Elu+ genannt -- ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).
170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.
Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt, wurden sie 1632-1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs der ganzen Südwestküste.
1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten und 1815 zu einer +Kron-Colonie+ gemacht, nachdem das Königreich Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden, endgiltig besiegt worden war.
Ein +Gouverneur+ herrscht über die Insel, selbstherrlich und uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das aber ziemlich fern weilt, -- in Downingstreet zu London. Sechs Jahre pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit von jährlich 80000 Rupien bezieht.
(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste Kron-Colonie Englands darstellt.
The best and brightest gem In Britain’s orient diadem.
1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu zahlen. Die Schuld der Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht worden.
Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den Weltmarkt zu erobern.
Colombo,
die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. (Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen Geographen als +Calambu+, die grösste und schönste Stadt von Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: 1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser und 120000 Einwohner.
* * * * *
Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa 40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner Morgen-Cigarre.
Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.
Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, nämlich mir einen +Ueberblick über die Stadt Colombo+ zu verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.
Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „+Po+“, d. h. Pack’ dich -- zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als auch in der der Tamilen.
Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf denselben, liegt unser riesiges, weisses +Oriental-Hotel+[306] mit 125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich herumtreiben.
Ueber einen freien Platz, vorbei an einem +Kiosk+, wo die Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten +Landungsplatz+,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, welche die Fahrpreise regelt.
Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den Ecken.
Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende, welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist die +Rupie+; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.
Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, ist der Werth des Silbers von 1874-1892 stetig gesunken, so dass die Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 +Cents+, die Viertel-Rupie 25 Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler würdevoll zurück.
Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die Mehrzahl der +Boote+ im Wasser daneben.
Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der +Auslegerkahn+[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15-20 Fuss Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.
Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum Fischen am Strande. +Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.+
Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat vielleicht mit Veranlassung zu der +Sage vom Magnetberg+ gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.
Das +Katamaran+, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. Der Name bedeutet +Holz-Gebinde+[315]; das Fahrzeug ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der Regierung geleistet!
So leer die Rhede von Point de Galle, +so voll ist der Hafen+ von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. -- Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.
Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges Völkchen vergröberter Yankees.
Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in einen der +sichersten und bequemsten Häfen+ des Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der +Wellenbrecher+ (Breakwater).
Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16-32 Tonnen Gewicht, die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.
500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 1/10 der Kosten des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen werden.
Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende Sonne entzückend. Ich war aber +ganz allein+, wie schon öfters auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, -- nur zahlreiche eilfertige +Krabben+ kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.
Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.