Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 23

Chapter 233,543 wordsPublic domain

Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen Linien dringend empfehlen, auch ein solches +Taschenbuch+[287] herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu 300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.

Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 Tonnen im Mittel.

Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ Unterstützung.

In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter P. & O. zurück, in der +Ertragsfähigkeit+.

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Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:

Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen. Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen. Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen. Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen. Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O. Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore. Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen. Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang. Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen. Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen. Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen. Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen. Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen. Abends, 8. November, an Colombo.

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Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über Indien.

Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke („gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.

+Singapore+ an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der englischen Colonie +Strait-Settlements+, welche die Insel Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise nördlich von Java[288], nach +Ratzel’s+ Worten „an eine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (+Djohor+) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,_{2} Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone abgetreten.

Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen und werden hier Klings genannt. -- Unter den (1900) Europäern sind viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier einen Consul.

Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26-27° C. im Schatten, innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind und häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 Uhr Abends unter.

Singapore ist seit der Gründung (1819) +Freihafen+, der Handel der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling (Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.

Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem +botanischen Garten+, der mein Staunen und Entzücken erregte.

Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, an allen deutschen Universitäten, wobei +Berlin+ sowohl durch Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste Vollendung.

Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.

Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen mit durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, Casuaren.

Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.

Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.

Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen -- alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte (allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser besprengen.

Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber -- nur für kurze Zeit; sofort schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.

Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden Trichter zu erreichen.

Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.

Am 5. November fand ich Nachmittags 4^h +28° C., um 5½^h +27¾°. Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7^h +27° C., um 9^h +28°, um 1^h +29°, um 4½^h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November Morgens 7½^h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. +Also von Sonnen-Aufgang bis Untergang+ 26 bis 29° C.

In +Oberägypten+ hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch +30°, und Abends um 9^h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan (dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3^h aufstand, um das Kreuz des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5^h wurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.

Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.

Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von +Georgetown+, an der Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.

Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter aus England gekommen, zu begrüssen und zu -- heirathen. Den Versuch, mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.

Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.

„Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig’ auf in der alten Pracht.“

Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah -- meine Rückkehr.

Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten Wasser emporschnellen.

Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir den Anblick einer vollständigen +Mondfinsterniss+. Am nächsten Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem berühmten +Atschin+. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie nur -- wirklich wollten.

Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei „bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35 Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.

Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist +Ceylon+, der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von +Point de Galle+: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine Flaggenstange, keine Schiffe!

Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem Nachtheil.

Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von +Colombo+ Anker. Die meisten Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl -- mein ganzes Gepäck -- in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.

Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen +Oriental-Hotel+, wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner Moskito (oder +eine+, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das verrätherische Summen; denkt, es wird nicht gleich so schlimm werden, bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf, macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum -- offenen Fenster hinaus zu werfen.

VI.

Ceylon.

Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen Reisebeschreibungen unserer +Landsleute+ (+Schmarda+ 1854, +Hildebrandt+ 1862, Dr. H. +Meyer+ 1882, Graf +Lanckorónski+ 1889, Dr. Eugen +Böninger+ 1890); ferner aus Professor +Häckel’s+ indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen +Ransonnet-Villez+ (Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten geworden ist.

Jedoch die eigentliche +Quelle+ unserer Kenntniss von dieser merkwürdigen Insel ist das zweibändige +klassische+ Werk: +Ceylon+, by Sir James +Emerson Tennent+ (5. Auflage, London 1860, Longman, Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.

Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben über den +gegenwärtigen+ Zustand, ist sehr nützlich +Ceylon+ in 1893, by +John Ferguson+ (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von +Tennent+, für welches Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.

Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das originale +Prachtwerk+: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von Dr. Paul +Sarasin+ und Dr. Fritz +Sarasin+, III. Band. Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs umschritten.

Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. +Skeen+, C, 1892) ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.

Einen +Führer nach Kandy und Nuwara Eliya+ schrieb S. M. +Burrows+, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: +The burried cities of Ceylon+. (Colombo und London, Trübner 1881).

Der „+Murray+“ für Indien und +Caine+’s Picturesque India (London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.

Die alte +Geschichte+ von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk unseres Prof. +Lassen+ (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische +Sonderschriften+ über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.

Hauptquellen für die +Alterthümer+ sind das letztgenannte Werk, und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. +Fergusson+’s +Indian and Eastern Architecture+ (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der neuesten Ausgrabungen, +John Ferguson+’s +Ceylon in 1893+.

Schon über die +Namen+ der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie +Lassen+ und +Bournouf+, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie +Lanka+ (d. i. glückliche Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder +Sinhala+, d. i. +Loewen-Sitz+, bei den makedonischen Griechen +Taprobane+ (Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen +Palai-Simundu+ (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine Nacht“, Selendib oder +Serendib+ d. i. Sinhala oder Silan-dwipa = Silan-+Insel+. Aus Silan haben dann die Portugiesen +Zeilan+, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.

Das +glänzende+ Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den +Perlohrring+ am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das +Land der Edelsteine+, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die Mohammedaner das +Nach-Paradies+ von Adam und Eva. So zeugen auch die +dichterischen+ Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.

Wenn +Sancho Pansa+, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich +diese+ Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die +Palme+. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie +besitzt+ die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der neugeprägten Silbermünzen.

Ceylon ist übrigens eine ganz +stattliche+ Insel. Wir täuschen uns leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben haben.

Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen 5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so gross wie die Insel Sicilien.

Die +Bevölkerungszahl+ ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken von Ostindien.