Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 22
Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.
Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung des Herrn Collegen Gerlach, +Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten+ von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.
1) Das +Regierungs-Krankenhaus+ ist europäisch eingerichtet und von englischen Aerzten geleitet. Das +Alice-Krankenhaus+ (Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. +Jordan+, Augenarzt, und Dr. +Thompson+, Chirurg und Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.
2) +Asile de St. Enfance+ liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!
3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte +das Berliner Findling-Haus+. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier in Ostasien eine von +Berlinern+ gegründete und verwaltete Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue Freunde und -- Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine „Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit gebe.
Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe der chinesischen Classiker. Gegen das 20^{te} Jahr werden sie an chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl +ihrer+ Kinder betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von 3-5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung folgt.
Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine +„Landpartie+ nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.
Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, +war+ die +Fröhlichkeit+ der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der Berichte.[280]
In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht aufziehen will oder +kann+, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, -- was in +Europa und Amerika+ geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich +in der Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende+. Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 in London.
Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der Kindesmorde.
Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind +bringt+, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, -- weil es zu häufig die eigne Mutter war; durch dieses persönliche +Deplacement+[281] wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.
4) Die +Basler Mission+ hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. +Reusch+ begrüsste.
Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem +deutschen Club+[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.
Am Nachmittag besuchten wir auch die +Chinesenstadt+. In der mit der Uferstrasse gleichlaufenden +Queensroad+ befinden sich neben Banken und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.
Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt nach dem Begehren.
Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt werden.
Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.
Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels (d. h. 50×37,_{783} Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch darüber cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.
Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.
Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.
Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.
Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen Inschriften von unten bis oben bedeckt.
Die +gewöhnlichen chinesischen Aerzte+ sind schäbige Gesellen; man soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen vergleichen. Während es +früher Kaiserliche Schulen+ der Heilkunde in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland (Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere Diener sind mit dem Raspeln von Wurzeln und dergleichen beschäftigt. Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, dass er „niemals schneidet.“
Natürlich giebt es auch +feinere Aerzte+ in China. In neuester Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.
Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.
Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen -- Freunde jede Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und Todesfälle sind thatsächlich selten.
Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.
Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich beträchtlich. +Cho-Chiu-Kei+, der chinesische Hippocrates, welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch einen +Giftstoff+, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift ausgetrieben werden. -- Noch vor einem Menschenalter hielten die europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz ähnlichen Anschauungen gelangt.
Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die +Tempel+. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.
Natürlich giebt es hier auch +Opium-Kneipen+. Aber die Ansicht, welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.
Chinesische +Spielhäuser+, wie ich sie in Portland und S. Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind +spielwüthig+ und fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.
Die +Strassenscenen+ sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht und hört man +Fruchtverkäufer+. Die Hauptsorten sind +Litchi+ (von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; +Pumelo+, eine Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen und Mandarinen; ferner die +Canton-Stachelbeere+ (Averrhoa carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.
Dort hat ein wandernder +Barbier+ seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der +Geschichtenerzähler+ bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. +Hochzeits-+ und +Begräbnisszüge+ werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.
Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, und für die Hügel der Palankin.
Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht 38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross, nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.
Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.
Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem Schlafe.
Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.
Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes überwunden werden kann.
Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg dieses Versuchs scheint mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.
Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem Reisetagebuch schrieb.
Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat oder gelebt haben soll.[286]