Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 21

Chapter 213,470 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der Dampfer „+Brindisi+“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit und besuchte sogar das +Museum+ von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10-5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)

Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der +Drahtseilbahn+. Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe (Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit vom Mai bis October. Leider sind es +mehrere+, der Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. +Austin Hotel+. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben auf das gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes gestiftet.

Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische Herr angenommen, -- ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; -- und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit der Nachbarschaft weniger zufrieden.

Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul +Budler+,[269] der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.

So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind das Werk der zahlreichen chinesischen +Uebelthäter+, die von den südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.

Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier +französisch+, -- zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist +Bethanie+, eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.

Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.

Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte ich zu Fuss bergab, um die +öffentlichen Gärten+ Hongkongs, die auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.

Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.

Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen Aussichtspunkten ist +Bowen road+. Dieser Weg führt über den verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.

Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]

Natürlich, +von China wissen wir ebenso wenig+, wie von Japan, und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen. Aber das ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

„Pulver kannten die Chinesen, Konnten auch Gedrucktes lesen, Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen, Und Amerika war immer da, Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu erlernen und sicher zu behalten.

Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.

Höchst anziehend sind die +Sagen von den ältesten Kaisern+. Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück Ackerland umpflügt.

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen, Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.

Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.

In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123-246 v. Chr.) wurde das Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von der vierten Dynastie (Tsin[274] 246-206 v. Chr.) begründete Alleinherrschaft des Fürsten und Einheit des Reiches, das er vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete sich die Buddha-Lehre aus.

Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.

1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu Stifter der +Ming Dynastie+ (der XX., 1368 bis 1644). Katholische Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten +Unruhen+.

1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.

Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie +Taiping+ (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt +Nanking+.

Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October 1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen in die Flucht trieben, nach +Pecking+ vor, wo die Franzosen den Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen Vertrag mit +Preussen+, gleichzeitig für den Zollverein.

Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die +Taiping-Revolution+ 1863 durch Eroberung von Nanking +beendigt+ wurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.

England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame Rolle in Ostasien spielen.

Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur +Unterdrückung der Seeräuberei+ an den chinesischen Küsten beigetragen.

Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten 20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.

Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.

Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der +weise Khung-futse+[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit 30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister ernannte.

In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.

Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im dreissigsten.

Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen (Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, Confucius’sche Analekten.)

Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und hochverehrt.

Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu (C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).

Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist die Stellung der idealen Männer im Universum. +Die Art der Menschen ist gut von Natur+. In dem +Weisen+ erreicht die Natur ihre höchste Entwicklung.

Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.

Nächst dem Weisen kommt der +hervorragende Mann+. Er ist Fehlern unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul verdanke, ist das über die +tugendhaften Weiber+. (Englisch von Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. +Hildebrandt+ spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was +er+ dabei unter +Frauen-Tugend+ versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.