Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 20
+Macao+ (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische gerichtet, Macao[259] zu räumen!
Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die +Holländer+. Deren Erbschaft haben die +Engländer+ angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer Bauart:
1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen und 1147 Segler „ „ „ „ .
+Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle+, nach der englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und ein hervorragender Markt für den +inländischen+ Handel.
Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.
Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für die letztere, aus dem einfachen Grunde, weil sie für jeden Schaden aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.
Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom Anfang des Jahrhunderts kennen.
Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.
Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den „rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: „Belly[260] young, no education.“
Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit ihrem Gruss: „+Tchin, tchin+“ den Fremden empfangen.
Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese mit Käppchen, Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles langsam und behaglich betrachten.
Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das besser, wir würden das Alles sehr gut in +einem+ Tage sehen. Er hatte Recht.
Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie eine Rundfahrt in einem Caroussel.
Erstaunlich ist die +Menschenanhäufung+ in den engen, kaum drei Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger Volks-Auflauf.
Was wir besuchen, sind I) +Läden+. Zuvörderst (1) einen, wo die bekannten +Reispapier+[261]-+Malereien+ feil geboten werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser Meister +Hildebrandt+ hat sehr abfällig geurtheilt über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine Photographien kaufte.)
Sodann (2) kommt die +Klein-Mosaik-Arbeit+. Auf Spangen und andere Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem Schmuck Gefallen finden.
Hierauf folgt (3 u. 4) +Seiden-Weberei+ und +Seiden-Stickerei+. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an Licht fehlt.
Beim +Schwertfeger+ (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.
Der +Elfenbeinschnitzer+ (6) endlich suchte riesengrosse Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.
Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von +Sehenswürdigkeiten+, den +Tempeln+ (II.), deren 800 in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.
7) +Der Tempel der+ 500 +Genien+ oder Buddha-Schüler enthält, wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als +Marco Polo+ vorgestellt.
In der Nähe dieses Tempels ist der +Edelstein-Markt+. Die Chinesen schätzen den +Nierenstein+ (Nephrit, englisch Jade), der aus dem Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.
8) Der +Tempel des Schreckens+ zeigt eine gute Sammlung von Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. --
In einem Tempelthurm ist eine alte +Wasseruhr+. Vier Kupferbecken sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.
Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung eines besseren Namens als +Vermischtes+ bezeichnen.
Natürlich wurden wir nach einem +Gefängniss+ (10) geschleppt. Wer eine solche Besserungs-Anstalt im +wirklichen+ Europa unsrer Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.
Die +Hinrichtungsstätte+ (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er hatte mich vollständig beruhigt.
+Squeezi Pidgin+ oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber mit vollem Recht auch die +chinesische Staatsprüfung+ genannt werden. Da sind in der +Prüfungshalle+ (12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.
Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten +Wall+ (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene +Frühstück+ (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein einschloss.
Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.
Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der +fünfstöckige Thurm+ (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die Uebung einer Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!
Der Rückweg brachte uns zunächst an einen +Begräbnissplatz+ (16) reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.
Hierauf gelangen wir in die +Tatarenstadt+ (17), die eine besondere Umwallung besitzt.
Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.
Den Schluss der Besichtigungen macht ein +chinesischer Club+ (18) der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.
Das +Volksgewühl+ war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.
Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden sind.
Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da er seine +Aufgabe gelöst+. Ich glaube seiner Führung und der Stadt Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten mit +fortlaufenden Nummern+ bezeichnet habe.
Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach den +Blumenbooten+ fahren. Das gilt für eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren „Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.
Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem +Missions-Krankenhaus+. Unterwegs hatten wir Gelegenheit die +schwimmende Vorstadt+ von Canton kennen zu lernen.
+Jedes Boot ist Heimstätte+ einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.
Es giebt auch +Flussbettler+, die nie an’s Land kommen, namentlich Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei und erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]
Das +Missions-Krankenhaus+ ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.
Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn ein gut geschulter +deutscher+ Wundarzt in Canton ein +rein ärztliches+ Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für +unser Vaterland+ zu stärken. Auch Herr Generalconsul +Budler+, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.
Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in dem gedruckten Bericht.[265]
Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im Krankenhaus feilgehalten.
In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die +verkrüppelten Füsse+ einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.
Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten eingebogen, -- wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, -- und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.
Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.
Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.
Vom Krankenhaus fuhren wir nach den +Blumen-Gärten+ in der westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon gebildet und eingesetzt.
Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht in den prachtvoll erleuchteten +Hafen von Hongkong+ zurück.