Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 19

Chapter 193,397 wordsPublic domain

Der Quai und Landungsplatz waren +weiss von Menschengewimmel+; denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die allgemeine Frage. Das Postschiff +Bokhara+, von Shangai nach Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Allerdings besteht +diese Gefahr+ auf den ostindischen Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen +chinesischen Fischer+ auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, -- es waren dies die beiden einzigen Schiffe, die unmittelbar vor uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der +Ostküste+ der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.

Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen +Kabel+. Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das Scheitern der Bokhara bekannt.

Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die +Punka+ genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende „Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und merkte, dass +Hongkong weit heisser+ ist, als ich es mir vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.

Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.

Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und misst 83 qkm.[251] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten +Ladrones+.

Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (+Victoria+), welche an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem +Pik+) verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der Pforte von Südchina.

Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253] darunter waren nur 8000 Europäer.

Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral (Commodore), ein General.

Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der Handel ist bedeutend, da Victoria einen +Freihafen+ besitzt, jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels liegt in den Händen der +Deutschen+, die in bester Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der +schönsten Gebäude+ in Ostasien.

Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit Amerika und Australien in reger Verbindung.

1884 liefen ein;

26763 Schiffe mit 5000000 Tonnen, darunter 2976 Dampfer „ 3259000 „ , 314 Segler „ 290000 „ , 23473 Dschunken „ 1687000 „ .

2397 Schiffe waren britisch, 474 +deutsch+. 1890 verkehrten im Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.

Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der Engländer in der Colonisation.

Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre 1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet war. Während 1860-1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die Gasbeleuchtung, 1866 die Münze eingerichtet,) so folgte darnach eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.

1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen feuersicher anzulegen.

Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des Gouverneurs.

Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.

Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und holte Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach dem +glückseligen Thal+ (Happy valley) am Ostende der Stadt.

Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich sammeln.

Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. +Schild+, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr. +Pauluhn+, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „+Iltis+“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.

Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der „Nürnberg“ zusammen mit Capitän +Schmölder+ vom „Neckar“, und betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der nach der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre wünschenswerth.

Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die +später+ reichlich +Früchte+ tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in Asien sich umgesehen.

Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. +Gerlach+, einen ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.

Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden wären.

Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach +Canton+, der drei Tage in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer +Hankow+, der in Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht

Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf dem Oberdeck gelegenen, geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.

Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.

Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6-8 Cajütreisenden, deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen, kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also macht das Schiff fast 14 Knoten.

Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also Tiger-Rachen, genannt wird.

Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.

Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die +Heckradschiffe+, deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10-20 Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit 20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur 20-36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher erster Classe.

Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder vertreiben soll.

Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in +Wampoa+, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel +Schamin+. An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer tüchtigen +Chinesin+, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie besitzt keine andere Heimstätte.[257]

Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre Hilfe brauchen werden.

Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter des deutschen Reiches, Herrn +Lange+, als auch von dem des norddeutschen Lloyd, Herrn +Melchers+, auf das liebenswürdigste angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn das +Schamin-Hotel+ genügt mässigen Ansprüchen.

Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn +Melchers+ und statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.

Canton, chinesisch +Kwang-chow-foo+ (Kwangtschou), liegt an dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7-13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.

Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder -- Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.

Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su) und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, -- denn das Gebäude der Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.

Die Stadt hat den +ältesten+ Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt vermittelt und trägt dem +neuesten+ Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die +Portugiesen+, wurden aber wieder vertrieben.