Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 18

Chapter 183,386 wordsPublic domain

Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des Helden +Atsumori+; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.

Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.

Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.

Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord unseres guten Dampfers +Nürnberg+ vom norddeutschen Lloyd: Capitän Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.

Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234] Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur +kleinere+ Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama vermitteln.

Unser +Nürnberg+ hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die chinesisch-japanischen Gewässer befahren.

Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die +Inland-See+, welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste 8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der +Seemann+ hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten werden.

Der +Reisende+ ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.

Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.

Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl kleineren mit 1-3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); ihre Dichter sprechen nicht davon.

Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite Strasse von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.

Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern mächtige +Kohlenlager+; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends +Nagasaki+ an der Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.

Logbericht Kobe-Nagasaki:

1. Tag (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min. 2. „ (11. Okt. bis Mittag) 287 „ 24 „ 3. „ (11. Okt. Nachmittag) 81 „ 8 „ ------------------------------------------------------ Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.

In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute nicht mehr besuchen.

An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von Wladiwostok.

Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.[235]

Dabei hat dieser +westlichste Punkt+ des japanischen Inselreiches die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.

Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo (Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen zugewiesen.

Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt 1690-1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines Fell.“ Während die Holländer 1611-1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90-95 Procent Gewinn ausgeführt hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf 40-45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.

1888 liefen ein:

427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt, 171 japanische „ „ 183000 „ „ ;

und liefen aus:

488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt, 161 japanische „ „ 178000 „ „ .

Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die fremden Dampfer mit +Kohlen+ sich versorgen. 1888 wurde hier für 3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.

Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen schaffen; sie bekommen 10-15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche Verfahren.

Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.

Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.

Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich der aufgehenden Sonne eingezogen ist.

Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse Shinto-Tempel +O-Suwa+ ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug +Kunichi+, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt, meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.

Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen Reiches, Herr Dr. +Lenze+. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine Cajütenfenster.

Abschied von Japan.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben; Die Landschaft lieblich, voller Leben, Die Felder zierlich, die Häuser nett, Das Volk manierlich, fein, adrett; Das Leben köstlich und amüsant In diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als das +Entzücken seiner Seele+ bezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die +Schattenseiten+ zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.

Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, -- das zu entscheiden will ich Andern überlassen.

Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.

In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.

Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.

Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch +niemals+ in Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.

Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sicher +nicht+, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.

Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen; überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.

Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.

Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.

Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über die +Zukunft+. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?

Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.

V.

Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore nach Colombo.

Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in seinem Gehirn die Begriffe +Taifun+ und +Monsun+ ordentlich verpackt unterzubringen.[242]

In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und fliesst +oben+ nach den beiden Polen ab, +unten+ strömt von den Polen kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert, gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche (gewissermassen unter ihr fort) +schneller+ um die Erdachse von Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft, gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten liegt die Gegend der Windstillen.

Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April, Südwest-Monsun vom April bis September.

Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst eine Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen Südwestwind verwandelt wird.

+Tai-fun+[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis November, am häufigsten im September und +October+, vorkommen. Ihre Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW., während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten, und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.

Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich. Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.

Ich lese +Byron’s Harold+, den ich glücklicher Weise in der Bücherei des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte, wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden, der den Anfang des dritten Gesangs vom +Corsaren+ kannte, -- jene wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen, den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das +Hohelied vom Reisen+, das unser +Goethe+ gedichtet:

Doch ist es jedem eingeboren, Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, Wenn über schroffen Fichtenhöhen Der Adler ausgebreitet schwebt, Und über Flächen, über Seen, Der Kranich nach der Heimath strebt.

Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist, werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch 20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, -- wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, -- guckt mit mir nach den Sternen.

Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den +grossen Bären+, aber zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.

Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach +Hongkong+. Wir haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in vier Tagen vollendet.

Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke aus.

+Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt.+ Die Stadt liegt auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie +Neapel+. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.

Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248] die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer „Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des Hongkong-Hotel hinübergeschafft.