Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 16

Chapter 163,487 wordsPublic domain

Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, -- als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatte +augenblicklich+, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.

Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. --

Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.

Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den +Tempeln+ gewidmet.

Zunächst kamen wir nach +Nishi Hon-gwan-ji+. (+West-Haupt-Gebet-Tempel+.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischen +Shin+ (Geist-) oder +Monto+ (Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.

Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe Mauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude -- vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.

Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.

Der Oberpriester, der uns geleitet, +Akamzu Rensio+, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach +Eduard von Hartmann+ gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während er +Schopenhauer+ aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durch +Chokushi Mon+, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.

„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass +Dir+ dieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe Gegenstand +unser+ Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“

Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.

Die +japanische Bildhauerei+ ist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der +japanische Phidias+, Hidari[216] Jingoro (1594-1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.

Der zweite Tempel, den die Shin oder +Hongwanji+-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst +Higashi Hon-gwan-ji+ (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner -- ein +Riesenseil aus Menschenhaar.+ 38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.

+Toji+, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem +Kobo Daishi+ übergeben, dem Gründer der buddhistischen +Shingon+[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das +Gebet+ von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mit +elektrischen Glühlampen+ beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche -- freiwillig gezeichnet werden.

Meine Freunde führten mich dann in den +Haus-Garten eines wohlhabenden Japaners+, um mir das +Fussballspiel+ zu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.

Nachmittags besuchte ich +Krankenhaus+ und +Medizinschule+. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes +geschichtliches Bilderbuch+ mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alte +Goldlackbüchse+[218] im Werthe von 1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von +Weihrauch+. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.

+Uji+ war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.

In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegt +Tofukuji+, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. +Zen+ bedeutet etwa +ernste Gedanken+. +Tofukuji+ ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. +Ahornbäume+, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „+Himmelsbrücke+“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesiges +Rollbild+ (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, +Cho Densu+, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, dem +Oberpriester+ übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]

Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.

Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt den +Himmel+ dar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.

In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche +Shinto-Tempel+ von +Inari+, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der Buddhist +Kobo Daishi+ hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, -- wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.

Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.

Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]

+Füchse+ sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.

Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen +Uji+, das rings von +Theepflanzungen+ umgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.

Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigste +Ausfuhrgegenstand+ Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]

Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster +Byōdō-in+ der buddhistischen +Tendai+ (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held +Yorisama+, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.

Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die +Phoenix+-Halle (Hōō-dō), eine der +ältesten Holzbauten+ Japan’s. Der zweistöckige Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit +Perlmutter+ eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.

In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.

Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.

Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.

Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr. +Ogata+, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen des +Nachtlagers+. Die blühende Handelsstadt +Osaka+,[223] die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein +einziges Gasthaus+, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und den schneeweissen Bettüberzug,[225] -- Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, -- sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.

Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem +Schlosse+; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko +Hideyoshi+, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.

+Will Adams+, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6-7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.

In der That war der Graben 80-120 Fuss breit und 12-24 Fuss tief. Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.

1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.

Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, und nicht so leicht.

Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 Fuss.[226]

Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu tränken.

Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche kaiserlich japanische +Waffenfabrik+. Zunächst wurden wir wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise nach +unseren+[227] Gegenden zu unternehmen.