Um die Erde: Eine Reisebeschreibung

Part 15

Chapter 153,349 wordsPublic domain

Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stellt +Mandara+ dar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (+Nehanzō+). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.

Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des Gründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.

Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten +Kirchhof+ gelangen wir zu dem grossen Tempel +Shinnyo-do+.

Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen +Kobo Daishi+ (774-834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.

+Ginkakuji+, das +silberne Gartenhaus+, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.

Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmten +Thee-Ceremonien+ erfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.

Nachdem wir noch das +Nanzenji-Kloster+ besucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück, +der Canal+ des +Biwa-See+.

+Biwa+ heisst Guitarre. Der +Biwa-See+, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln. +Seine acht Schönheiten+ werden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.

Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst. Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885-1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.

Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.

Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.

Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischen +Jodo-Secte+, +Chion-in+, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.

Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrten +Honen Shonin+, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu dem +reinen Land+. (Japan. Jodo, im Sanscrit +Sukhavâti+, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).

Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche Aussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene +grosse Glocke+ (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.

In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.

Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem +Ausflug+ gewidmet und zwar nach den +Wasserfällen des Katsura-gawa+.

Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.

Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.

Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden und wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen +Stromschnellen+, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, -- gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zu +Arashiyama+ ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.

Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.

Wir besuchten zunächst +Kitano Tenjin+. Dieser Tempel ist dem +Tenjin Sama+ geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.

Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.

Weit vornehmer ist +Kinkakuji+, ein Kloster der +buddhistischen+ Zen-Secte. +Kinkaku+ heisst +goldenes Gartenhaus+. Das war das Vorbild für das silberne (+Ginkaku+), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich +Yoshimitsu+ hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556-1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.

Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und Amida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wie +Murillo+ -- in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.

Die Fahrt über den +Biwa See+ (am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nach +Otsu+, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!

Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, den +Rein+ rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.

Wir fahren fort, -- erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter der +alten Brücke von Seta+, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am +Nakasendo+, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.

Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.

Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten Kloster +Ishiyama-dera+. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springt +ein+ Stab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“

Ein Punkt, welcher auf japanisch als +Baum der Vollmondbetrachtung+ bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.

Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach +Karasaki+[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan +berühmte Fichte+ steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.

Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes verwendet.

Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.

Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von +Karasaki+ und den noch heiligeren +Bo-Baum+ zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.

Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte Tempel von +Mi-i-dera+, im Norden der Stadt, besucht. Der Name bedeutet +Drei-Quellen-Tempel+. Das Heiligthum ist der Göttin der Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.

In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre +Kunstschätze+ aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem -- +Hausarzt+ des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich +hängende Bilder+ (Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden Kindern. Sodann +Rollbilder+ (Makimono) von bedeutender Länge, 10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem (natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine +zusammengehörige Reihe+, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.

Ein Bild stellt die +sieben Nöthe+ dar. Zuerst kommt das Erdbeben, dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen Künstler +Okyo+ vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die +sieben Freuden+ und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den +Räubern+ und +Mördern+, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes +allegorisches Weltbild+, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (+San-Koku+, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.

Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein heiliges hielt, -- aber nach drei Tagen +hatte+ ich mein Abbild.

Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht ein wunderliches Denkmal, -- ein +Obelisk+ aus Granit, zum Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.

Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte +Sammelbüchse+, welche in englischer Sprache +Beiträge+ zur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.

Hier war es auch, wo +der Angriff auf den russischen Thronfolger+ am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.

Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.

Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und -- getödtet werden müsse.