Um die Erde: Eine Reisebeschreibung
Part 13
Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der +älteren chinesisch-japanischen+ und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.
Dass wir Deutsche ein vorzügliches +Seemannskrankenhaus+ in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.
Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die +vier wichtigsten+ besucht habe.
Ich reiste von Yokohama zunächst nach +Nagoya+.
Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.
In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des +Dr. Kítagawa+, der seine Studien in Berlin unter +Virchow+, +Langenbeck+, +Schröder+ gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. +Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.+
Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten +Kyoto+, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt +Osaka+. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen +Operationssaal+ waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.
Recht interessant ist das +Privatkrankenhaus+ zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.
Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach +Nagasaki+ auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. +Siebold+[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.
Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von +Müller+, +Hoffmann+, +Schultz+, +Wernich+, +Dönitz+, +Langgaard+, +Bälz+, +Scriba+ war nicht vergeblich; die Erwartungen, welche +Hoffmann+ und +Wernich+ aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der +Universitätslehrer in Deutschland+, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die +geistige Eroberung+ eines der einsichtigsten und thatkräftigsten Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie auf manche seiner Waffenthaten.
* * * * *
Die +Geschichte der japanischen Heilkunde+[190] kann zwanglos in +vier Zeitabschnitte+ eingetheilt werden:
I. Die +älteste, altjapanische+ (mythische) Zeit vom unbekannten Uranfang bis etwa 200 v. Chr.
II. Die +alte, chinesische+ Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr.
III. Die +neue+ Zeit, in welcher +europäischer+ Einfluss gegen den +chinesischen+ ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.
IV. Die +neueste, europäische+ Zeit, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage.
Die +vereinzelten europäischen Aerzte+, welche von der Mitte des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.
Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im fernen Weltmeer übermittelt haben.
Ein sehr merkwürdiger Mann war +Engelbrecht Kämpfer+, der nach seinen eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und Heilkunde unterrichtet hat.
Wenn +Marco Polo+ die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, +Mendez Pinto+ als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. +Kämpfer+ als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690-1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken +Amoenit. exot.+ und +Geschichte von Japan+ hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.
Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach +Kämpfer+ kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.
Es war Ph. F. v. +Siebold+ (1797-1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes +Nippon+, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823-1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und +Siebold+ für immer des Landes verwiesen[194].
Drei +japanische Specialitäten+ sind zu beachten: 1. +das Nadelstechen+, 2. +das Brennen+, 3. +das Kneten+.
1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 1/48 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½-¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, -- gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.
Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden +Sugiyama Waichi+.[195]
2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte +bezeichnen+ die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.
+Kämpfer+ hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.
3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!
Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der oberflächlichen Muskel.
Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und +nach+ der Entbindung, um die Brüste weich zu machen.
Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. --
Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.
+Aberglauben+ auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan wie in Deutschland.[200]
Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden +Atsumori+ besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 27jährigen Sohne; und da ich fragte, +weshalb+ sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade +diese+ Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.
Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.
In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heilgottes (+Binzuru+, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, -- +ausserhalb+ der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte). +Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut+; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.
Schon +Kämpfer+ berichtet von einem frommen oder schlauen Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ erhalten hatte.
Nach Nagoya.
Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner eignen Zuschauerbühne anzubieten.
Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. +Japan ist das sicherste Land der Erde+, sogar mit Einschluss der Schweiz und Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201] gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit begründet sein.
Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern sehr unvorsichtig sein würde.
Ich befahre also die +Tokaïdo-Eisenbahn+. Tokaïdo heisst Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado, +längs der östlichen Seeküste+[203] nach Yedo (Tokyo), der Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die +Eisenbahn+ (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.
Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten Maschine über Brücken und durch Tunnel nach +Gotembo+ (1500 Fuss hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit nach +Nagoya+, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.
Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, verschiedenartige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch das ganze Dach mit Blumen.
Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3-4 Cts. Jedenfalls ist in Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.
Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen Anbau eines japanischen Hotels.
+Der folgende Tag+ übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so doch nach der Hauptstadt zusammenzog.
Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder Unglück anrichte.
Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von dem in Tokyo.
Wir besuchen zuerst eine grosse +Porzellan-Handlung+. Es mag sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt sind, d. h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch +einiges+ Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800-1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und verkauft.
Sodann fuhren wir zu einem Künstler in +Zellenschmelz+ (Email cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf unsere Tage geübt worden sein.
Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1-2 Yen täglich! Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr warten, bis sie fertig wird.
Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser +Buddhatempel+ aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (+Higoshi Hongwanji+), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. +Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.+
Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der +Bezirksregierung+, das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.
Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der +Tempel der+ 500 +Rakan+ oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.
Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das +Schloss+ (O-shiro), 1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen und die Rammas von Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, aber doch recht gefällig. +Zwei Spitzdächer, eines+, ein +kleines, keines+, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.
Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des heiligen Ise.